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Test - Lost Records: Bloom & Rage : Test: Nein, das ist nicht Life is Strange 3. Aber was dann?

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Nachdem sich der französische Entwickler Don’t Nod vor einiger Zeit als Publisher unabhängig gemacht hat, stellt er mit Lost Records nun sein eigenes Universum nach Art seines Erfolgstitels Life is Strange vor. Denn die Markenrechte an der Reihe liegen bei Square Enix, wo man bereits für die jüngsten Teile Life is Strange: Double Exposure (Test) und True Colors (Test) nicht mehr Don’t Nod selbst, sondern das Studio Deck Nine beauftragte.

Lost Records: Bloom & Rage könnte aber auch Life is Strange 3 heißen, versammelt es doch all die Markenzeichen, die dem Original zum Erfolg reichten: ein gefühlvolles Coming-of-Age-Drama, übernatürliche Vorkommnisse, authentische Charaktere mit ganz menschlichen Problemen und ein Soundtrack aus verträumten Alternative-Popsongs. Die erste Episode „Bloom“ ist soeben erschienen. Die zweite und letzte Hälfte des Spiels mit dem Namen „Rage“ erscheint am 15. April.

In Swanns Welt

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Teenagerin Swann. Schüchtern und leicht pummelig entspricht sie dem Klischee einer typischen Außenseiterin, hadert mit ihrem Körper und ihrem Selbstwertgefühl und wird von den vermeintlich coolen Jungs und Mädels dafür gemobbt.

Das ändert sich, als sie drei Leidensgenossinnen kennenlernt, die sich genau wie sie nicht so recht in die gängigen Muster von Schönheitsidealen und gesellschaftlichen Normen zu fügen scheinen: die forsche Autumn, das unangepasste Punk-Girl Nora (gewissermaßen die neue „Chloe“) und die introvertierte Kat, die innerlich daran zerbricht, stets im Schatten ihrer attraktiven und beliebten, aber eben auch ziemlich unausstehlichen großen Schwester zu stehen.

Aus der zufälligen Begegnung dieser vier entsteht eine Freundschaft, die einen ganzen Sommer prägen und ihr Leben für immer verändern wird. Denn erstmals in ihrem Leben erfahren die Außenseiterinnen gegenseitige Wertschätzung und die Erkenntnis, dass es wider Erwarten in dieser Welt doch Menschen wie sie selbst gibt, mit denselben Sorgen und Problemen und dem Gefühl, nicht so richtig hinein zu passen in eine Gesellschaft, die den Wert einer Person an Oberflächlichkeiten bemisst.

Zum ersten Mal in ihrem Leben erfährt Swann, was es bedeutet, Freunde zu haben, sich verstanden und gemocht zu fühlen, nachmittags gemeinsam in der Garage abzuhängen und seine Gefühle mit anderen zu teilen. Dort gründen sie auch eine Punk-Band, Bloom & Rage, in deren Melodien und Texten sie ihren Schmerz und ihre Wut auf den Rest der Welt formulieren. Swann selbst darf als filmbegeisterter Nerd mit ihrer Videokamera, hinter der sie sich sonst vor allem nur vor der Realität versteckt, das Musikvideo zu ihrem ersten Song produzieren.

Beim Dreh im Wald stoßen sie auf eine verlassene Hütte, die zunächst wie ein unheimliches Hexenhaus erscheint, der Mädchen-Bande dann aber zum geheimen Rückzugsort ihrer verschworenen Gemeinschaft wird. Hier verbringen sie den Rest des Sommers, mit Baden im nahen See, Abenden am Lagerfeuer und rituellen Schwüren auf ihre Freundschaft, die nichts weniger als eine fürs ganze Leben zu sein verspricht.

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast

Doch daraus wird nichts. Lost Records: Bloom & Rage erzählt seine Geschichte auf zwei Handlungsebenen im ständigen Wechsel: Die eine spielt in jenem schicksalhaften Sommer des Jahres 1995, die andere in der Gegenwart. Hier treffen sich die einstigen besten Freundinnen nach vielen Jahren ohne Kontakt erstmals wieder. Denn anscheinend ist am Ende dieses Sommers irgendetwas Schreckliches geschehen, das unter allen Umständen geheim bleiben sollte und ihre Freundschaft abrupt beendete. Und sie dieser Tage in Form eines mysteriösen Pakets plötzlich wieder einholt …

In gewisser Weise ähnelt Lost Records darin auffallend Stephen Kings Es, in dem ebenfalls eine Gruppe ehemaliger bester Freunde viele Jahre später mit einem verdrängten traumatischen Kindheitserlebnis konfrontiert wird - aber ohne Horror-Clown natürlich. Vielmehr wendet Don’t Nod diese Erzählstruktur für ein nostalgisches Erinnern an die romantisch verklärte Jugend auf, die sich nur im Rückblick als die schönste Zeit im Leben darstellt, tatsächlich aber von tief wurzelnden Problemen und Ängsten geprägt war, die einem als Erwachsener nicht mehr gewahr sind, weil man sie genau an jener Schwelle zum Ernst des Lebens für gewöhnlich überwindet.

Unter diesem Gesichtspunkt ähnelt Lost Records eher Filmen wie Stand by me oder der Serie Stranger Things, vor allem auch wegen seiner vollen Breitseite 90er-Jahre-Nostalgie. Als jemand, der ebenfalls in den 90ern groß geworden und damit ungefähr im selben Alter wie die Protagonistinnen ist, waren die ersten Minuten mit Lost Records für mich ein einziger Nostalgie-Orgasmus: ein überwältigender Flashback in die Zeit von grieseligen VHS-Videos, Skateboards und Kassettenrekordern, Grunge-Musik und Tamagotchis. Wer von euch erinnert sich auch noch an die kurzzeitig mal allgegenwärtigen 3D-Bücher, aus deren bunten Mustern sich schielend ein plastisches Bild perlt? Oder diese klebrigen Gummi-Patschhände?

Lost Records ist eine berauschende Zeitreise in eine Welt, die einem aus heutiger Sicht geradezu magisch vorkommt: Als man die Nachmittage noch nicht zwischen Social Media und YouTube verbrachte, sondern sich beim gemeinsamen Spaziergang im Wald wie Robin Hood mit seiner Bande wähnte, und als man sich noch nicht dutzendfach am Tag auf Selfies verewigte, sondern sich wie ein Filmstar fühlte, als man sich zum ersten mal selbst in einem Fernseher sah, weil es auf einmal dieses technologische Wunderwerk namens Videokamera gab.

Lost Records: Bloom & Rage richtet sich dadurch an Spieler, die sich genau wie ich den Erinnerungen an jene Zeiten genüsslich hingeben, und sicherlich auch an eine Zielgruppe, die sich mit den Protagonistinnen voll und ganz identifizieren kann, vor allem junge Frauen und Mädchen also, aber auch generell Nerds und introvertierte Persönlichkeiten, die selbst Ausgrenzungen, womöglich Mobbing, erfahren haben und mit dem Gefühl aufwuchsen, nicht so recht in eine Welt zu passen, in der Andersartigkeit als Makel betrachtet wird.

In gewissem Sinne fängt Lost Records damit die Essenz der Generation X und ihr damaliges  Lebensgefühl ein, ist gewissermaßen das spielgewordene Pendant zum Film Reality Bites, in dem eine Clique junger Menschen an der Schwelle zum Erwachsensein feststellt, dass ihre Träume nicht in einer Welt erfüllt werden können, die noch von den Idealen der Elterngeneration bestimmt wird. Etwas, das sie im Übrigen mit der heutigen Gen Z eint, nur dass sie jetzt selbst diese Elterngeneration darstellt, aber das nur am Rande.

Wie wahrhaftig es die Entwickler von Don’t Nod mit ihrem Anliegen meinen, zeigt sich vor allem auch in vermeintlichen Nebensächlichkeiten wie der Tatsache, dass hier endlich mal Teenager ohne glatte Haut und Sex-Appeal gezeigt werden, stattdessen mit Speckröllchen, Schlabberklamotten, die vermeintliche körperliche Unzulänglichkeiten verbergen sollen, und knallrot entzündeten Pickeln auf der Wange, sowie den verzweifelten Bemühungen, diese mit unbeholfen aufgetragener Schminke zu kaschieren. Fast schon beschämend wiegt die Frage, warum es das noch nie zuvor in Videospielen zu sehen gab.

Nichts Halbes und nichts Ganzes

Abgesehen von dieser doch recht spitzen Zielgruppe weiß ich jedoch ehrlich gesagt nicht, an welche Klientel sich Lost Records eigentlich genau wendet. Oder gar, welche Geschichte mir Don’t Nod darin überhaupt erzählen will. Denn wem das Geschilderte bis dato reichlich ereignisarm vorkam und wer sich fragt, wo sich darin denn nun das Dramatische oder gar Übersinnliche verbirgt, das die Life-is-Strange-Spiele stets kennzeichnete, dem sei verraten: bis jetzt eigentlich nirgendwo.

In den sechs Stunden seiner ersten Hälfte passiert in Lost Records herzlich wenig, im Grunde fast gar nichts. Nun bin ich im Grunde ein großer Freund von Geschichten, die sich Zeit nehmen für ihre Figuren und deren Gefühlswelten, authentische Erlebnisse über die aufgebauschte Mär von der Weltrettung stellen, von echten Menschen erzählen statt von unermüdlichen Helden. Aber wem das nicht genügt, der wird Lost Records schlicht als banal, belanglos und langweilig empfinden. Fans von Life is Strange, die sich von Don’t Nod eine Rückkehr zum Geiste des ersten Teils erhoffen, finden bislang jedenfalls nichts Halbes und nichts Ganzes vor, und das im Wortsinne.

Denn es kann sein, dass sich das mit der kommenden zweiten Episode noch ändert. Bislang wirkt Episode 1: Bloom wie ein ausgiebiger Prolog zu dramatischen Entwicklungen, die ganz behutsam angestoßen werden, um dann womöglich umso unnachgiebiger ins Rollen zu geraten. Selbst das übersinnliche Element der Handlung, eine Art magischer Wunschbrunnen, der seine Wünsche wie im Märchen ins schreckliche Gegenteil verkehren könnte, sobald sie in Erfüllung gehen, wird bis jetzt allenfalls angedeutet. Worauf die Geschichte letztlich zusteuert, bleibt nach wie vor völlig im Unklaren. Zumal abgesehen davon sechs Stunden Prolog und damit die Hälfte der Gesamterzählung schlicht unnatürlich lange im Verhältnis sind.

Auch spielerisch scheint Lost Records: Bloom & Rage nur die Mindestanforderungen ans Genre der interaktiven Geschichten erfüllen zu wollen. Die Entscheidungen, die bislang zu treffen waren, wirken sich so gut wie nie auf die dramatischen Entwicklungen aus, sondern allenfalls auf kosmetische Aspekte: welches Plektron die Gitarristin für ihren Auftritt verwendet, wie eure Katze heißt oder welche der drei Freundinnen euch für den großen Auftritt eurer Punkband schminken darf.

Für die meisten Spieler vermutlich irrelevant, aber symptomatisch fürs Gesamterlebnis gibt Lost Records ein Musterbeispiel dafür ab, wie Sammelobjekte die Spielerfahrung zerstören können, sofern man daran interessiert ist, sich diesen zu widmen. Denn statt sich in die Arme der gefühlvollen Geschichte fallen zu lassen, seid ihr an jedem Schauplatz ewig lang damit beschäftigt, diesen durch den Sucher von Swanns Videokamera abzusuchen und jeden noch so unbedeutenden Gegenstand zu filmen. Das verhindert nicht nur die emotionale Bindung zum Geschehen, sondern führt auch dazu, dass man durch die verpixelte Kameralinse von der an und für sich hübschen Grafik in Unreal Engine nur wenig mitbekommt.

Letztlich kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur raten, mit dem Kauf bis zum Erscheinen der zweiten Episode Rage zu warten, die am 15. April erscheint. Erst dann wird sich zeigen, ob sich die sorgsam aufgebaute Gefühlswelt des Coming-of-Age-Melodrams auch in spannenden Entwicklungen entlädt. Oder was für eine Art von Geschichte Lost Records überhaupt erzählen will. Noch bin ich diesbezüglich ebenso ratlos wie ihr.

Greift zu, wenn...

… ihr absolut alles von Don’t Nod sofort spielen müsst. Ansonsten wartet besser auf die zweite Episode.

Spart es euch, wenn...

… ihr euch bis April gedulden könnt, wenn die zweite Episode hoffentlich zeigt, worum es überhaupt geht.

Fazit

Matthias Grimm - Portraitvon Matthias Grimm
Ich weiß noch immer nicht einmal, welche Art von Geschichte mir die Life-is-Strange-Macher eigentlich erzählen wollen

Nach sechs Stunden und immerhin der Hälfte der Spieldauer (die zweite und letzte Episode des Spiels erscheint am 15. April) bin ich noch immer ratlos, wie ich Lost Records auch nur in irgendeiner Art und Weise einzuordnen habe. Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, welche Art von Geschichte mir Entwickler Don’t Nod überhaupt erzählen will. Bislang wirkt alles wie ein überlanger Prolog, in dem sorgfältig Gefühlswelten aufgebaut und dramatische Entwicklungen vorbereitet werden, deren Richtung aber noch vollkommen im Unklaren bleiben. Selbst das übernatürliche Handlungselement, das in den Life-is-Strange-Spielen stets als fabulöser Auslöser für die emotionalen Verwicklungen wirkte, deutet sich bislang lediglich unscharf an. Bis jetzt passiert reichlich wenig, und es ist nicht abzusehen, ob das so bleibt oder nicht, ob das so soll oder nur die Ruhe vor dem Sturm bedeutet.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich daher eigentlich nur dazu raten, mit dem Kauf bis zum Erscheinen der zweiten Episode zu warten, wenn sich dann zeigt, worum es sich bei Lost Records genau handelt: der erwartete Life-is-Strange-Nachfolger im Geiste zwischen Gefühls-Achterbahn und Mystery-Thriller? Reiner Nostalgie-Porn à la Stranger Things? Ein angenehm unspektakuläres Coming-of-Age-Drama nach Art von Stand by me? Oder nur ein Haufen sentimentaler Langeweile?

Episode 1 ist bislang eine Mischung aus den beiden Letzteren: das gefühlvolle Porträt einer Gruppe von jugendlichen Außenseiterinnen, die in ihrer Freundschaft erstmals im Leben die Erfahrung machen, nicht allein mit ihren Sorgen und Ängsten zu sein, im Zusammenhalt die Stärke gewinnen, gegen die vermeintlich coolen Mitschüler und Mitschülerinnen aufzubegehren, von denen sie gemobbt werden aufgrund ihres Äußeren, ihrer Unsicherheit und Andersartigkeit. Lost Records erzählt dies in Form eines Nostalgie-Trips in die 90er, der geradezu berauschend wirkt auf Spieler meiner Generation, die in dieser Zeit groß geworden sind und von Lost Records im Minutentakt mit wehmütigen Erinnerungen beseelt werden.

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Lost Records stellt sich daher vor allem als einzigartige Videospiel-Erfahrung dar für all jene, die sich mit den Protagonistinnen und ihren Problemen identifizieren, womöglich selbst eine Form der Ausgrenzung oder gar Mobbing erfahren haben: junge Frauen, die damit hadern, gängigen Schönheitsidealen nicht zu entsprechen, introvertierte Nerds, die sehnsüchtig auch einfach mal „dazu gehören“ wollen, im Grunde alle Kinder der Gen X, deren Zukunft und Träume einst daran zu scheitern drohten, dass sie in einer Welt aufwachsen müssen, in der die Elterngeneration noch die Regeln bestimmt.

All jenen möchte Lost Records aus der Seele sprechen und eine Stimme geben. Und das ist für ein Videospiel schonmal höchst bemerkenswert. Allen anderen dürfte es aber vermutlich einfach nur furchtbar langweilig vorkommen. Ob das so bleibt, kann erst die zweite Episode zeigen.

Überblick

Pro

  • gefühlvolles Coming-of-Age-Drama über vier Außenseiterinnen
  • volle Breitseite 90er-Jahre-Nostalgie
  • gelungene Grafik in Unreal Engine
  • verträumter Alternative-Pop-Soundtrack

Contra

  • sechs Stunden Spielzeit, in denen fast nichts passiert
  • bis jetzt nichtmal absehbar, welche Geschichte hier erzählt werden soll
  • Entscheidungen wirken sich allenfalls kosmetisch aus
  • nervige Sammelobjekte

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