Test - Call of Cthulhu : Schaurig schöner Horror nach H. P. Lovecraft

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Mit Call of Cthulhu lässt Cyanide Studios die Welten des H. P. Lovecraft als Videospiel auferstehen. In einer verdrehten Detektivgeschichte kommt ihr dem Mythos so nah wie selten zuvor und taucht in eine schreckliche Welt ein, die mit jedem Geheimnis, das ihr ihr entlockt, am Verstand eurer Hauptfigur knabbert. Dem Entwicklerstudio von Spielen wie Styx ist es gelungen, eine spannende Geschichte mit packender Atmosphäre zu verbinden.

Edward Pierce ist seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr derselbe. Er greift regelmäßig zur Flasche, um die schrecklichen Ereignisse dieser Zeit zu vergessen, und wird nebenbei von scheußlichen Albträumen gequält. Die Arbeit lässt er schleifen und zu Beginn der Geschichte darf man annehmen, dass sich der Privatdetektiv so ziemlich am Tiefpunkt seines Lebens befindet. Dies ändert sich, als er endlich wieder ein Ziel vor Augen hat.

Ein neuer Klient möchte, dass Pierce auf die kleine Insel Blackwater reist und dort den mysteriösen Tod seiner Tochter Sarah Hawkins untersucht. Sarah war mit einem einflussreichen Mann verheiratet, hatte einen Sohn und war als Malerin zu großer Bekanntheit gelangt. All dies endete, als ein Feuer im Anwesen der Hawkins’ ausbrach und scheinbar alle Familienmitglieder tötete. Zurück blieben unheimliche Gemälde der Künstlerin, das Gerücht, sie habe den Verstand verloren, und jede Menge Fragen.

Doch Blackwater ist kein Ort, an dem die Einheimischen gerne mit Außenstehenden Gespräche führen. Es wimmelt vor Geheimnissen und schrecklichen Wahrheiten, die sich hinter einem Schleier aus Lügen verbergen. Als Edward Pierce ist es in Call of Cthulhu eure Aufgabe herauszufinden, was in der schrecklichen Nacht des Feuers geschehen ist und was die Bewohner der Insel vor euch zu verbergen versuchen. Die Antworten auf diese Fragen könnten euch jedoch in den Wahnsinn treiben ...

Die Geschichte: tolle Atmosphäre

Dieser Vertreter des Cthulhu-Mythos lebt von seiner dichten Atmosphäre und der Fähigkeit des Produktionsteams, die Essenz von H. P. Lovecrafts Büchern einzufangen und in spielbarer Form wiederzugeben. In Call of Cthulhu geht es um eine erstklassig erzählte Geschichte, deren Geheimnis stets nur in kleinen Portionen preisgegeben wird. Sie bietet spannend geschriebene Figuren, die über mehr Tiefe verfügen, als man auf den ersten Blick ahnt, und beklemmende Kulissen, die den Weg in den Wahnsinn bereiten.

Dabei ist es dem Team von Cyanide Studios gelungen, die Welt und die Ereignisse, die in ihr stattfinden, düster sowie beklemmend zu präsentieren. Der Aufbau dieses Videospiels ist langsam, liegt damit jedoch genau richtig. Die visuell präsentierten Bausteine, wenn auch nicht immer schön anzusehen, harmonieren mit der musikalischen Untermalung. Zusammen mit der verwobenen und in sich schlüssigen Hintergrundgeschichte entstand so ein zu jeder Zeit fesselndes Spiel.

In seinen besten Momenten schafft es Call of Cthulhu, den Spieler förmlich zu packen und in seine Welt zu ziehen. Zwar steht die nicht ganz zeitgemäße Grafik dem Eintauchen in diesen Kosmos etwas im Weg und sorgt gelegentlich dafür, dass man unliebsam aus der Mär in die Realität zurückgeholt wird, doch ist dies ein Umstand, über den wir während des zweimaligen Durchspielens irgendwann hinwegzusehen lernten. In erster Linie fühlt sich das Spiel „richtig“ an.

Besonders betonen wollen wir zudem die Liebe zum Detail sowie die formidable Leistung in Sachen Beleuchtung. Außerdem wurden die verschiedenen Schauplätze des Horrorspiels stark unterschiedlich gestaltet, was sich positiv auf die Lust zum Erforschen und Entdecken auswirkt. Wären die Animationen der Figuren nicht so hölzern, gäbe es in Sachen Atmosphäre kaum etwas zu meckern.

Gerade weil weitgehend auf allzu viel Trara, Action und visuellen Bombast verzichtet wird, schafft es der Titel, Spannung aufzubauen, die sich über einen längeren Zeitraum hält und dann in packenden Sequenzen und erzählerisch elegant aufgelösten Wendungen entlädt. Dieser Aufbau hält bis kurz vor dem Ende an, wird dann aber leider durch ein erzwungenes vorschnelles Finale leicht getrübt.

Bis dieser Moment jedoch erreicht ist, dürft ihr euch über große spielerische Vielfalt freuen. Nicht alle Aspekte sind durchweg gelungen, jedoch sorgt die Abwechslung dafür, dass sich das Spiel niemals eintönig oder in eine gewisse Richtung festgefahren anfühlt. So dürft ihr nicht nur klassische Detektivarbeit leisten, sondern müsst auch schon mal Verstecken mit einem Monster spielen, in dunklen Höhlensystemen umherschleichen und später sogar zur Schusswaffe greifen.

Der Spielumfang: eure Möglichkeiten

Call of Cthulhu ist in Sachen Umfang und Möglichkeiten eines dieser Spiele, die stark anfangen, dann aber nachlassen. Zu Beginn stehen euch für viele Rätsel mehrere Lösungswege zur Verfügung, die von euren verteilten Talentpunkten abhängen und dem Pfad zwischen geistiger Gesundheit und Wahnsinn, den ihr eingeschlagen habt. Doch mit zunehmender Spielzeit rückt der Titel davon ab und verfällt in eine reine Quest zum Sammeln von Hinweisen, die allein eure Gesprächsoptionen beeinflussen und erweitern.

Über diesen Umstand hinaus könnt ihr jedoch stetig weniger Einfluss auf den Fortlauf der Geschichte nehmen. Wo es zu Beginn noch möglich war, drei optionale Wege einzuschlagen, alleine um in ein Lagerhaus zu gelangen (und euch auf dem Weg dorthin ebenfalls verschiedene Ansätze zur Verfügung standen), geht es später nur noch darum, in jede Ecke geschaut, jedes Buch gelesen und jedes Foto betrachtet zu haben. Folgenschwere Entscheidungen trefft ihr nur noch selten.

Maßgeblich für den Umfang und die spielerischen Möglichkeiten sind daher die Gesprächsoptionen, die von zwei Aspekten abhängig sind: zum einen davon, wie viele Informationen ihr gefunden habt und verwerten konntet, und zum anderen von euren verteilten Talentpunkten. Fähigkeiten im Bereich der Psychologie und der Ermittlung und das Talent zum Überreden von Personen bieten die Option, neue Fakten zu erfahren, den Bewohnern von Blackwater Geheimnisse zu entlocken und übersehene Hinweise durch Hörensagen zu ersetzen.

Die Grafik: kein Augenschmaus

In visueller Hinsicht ist Call of Cthulhu offenkundig nicht das, was man als AAA-Titel bezeichnen würde. Zwar ist das Geschehen aus einer gewissen Distanz durchaus schön anzusehen und die Darstellung wirkt in sich stimmig, nichtsdestotrotz hält kein Gebäude, keine Figur und kein Objekt einem längeren Blick stand, ohne eine gewisse Hässlichkeit zu offenbaren.

Verwaschene Texturen und NPCs, die den Wesen aus parallelen Dimensionen in Sachen Unansehnlichkeit ebenbürtig erscheinen, sind leider an der Tagesordnung. Wer nicht einen gewissen Abstand zu so ziemlich allem hält, was in der Welt von Call of Cthulhu steht und läuft, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, sich auf das Spiel und seine Atmosphäre einzulassen.

Die geringe Anzahl unterschiedlicher Charaktere, mit denen Blackwater bevölkert ist, erweckt gar mitunter den Eindruck, als würde hier noch ein weiteres unergründliches Geheimnis auf seine Auflösung warten.

Inventar für Leseratten

Nicht nur die eigentliche Geschichte von Call of Cthulhu ist äußerst packend, sondern auch die kleinen Details darum herum. In zahlreichen Büchern, Abschriften und Notizen gibt es so manches Geheimnis zu entdecken und alle davon fügen sich stimmig in die Welt ein. Zwar halten sich die sammelbaren Schriften zahlenmäßig in Grenzen, doch sind sie spannend geschrieben und verraten interessante Details, die das Erlebnis stimmig abrunden.

Call of Cthulhu - Launch Trailer
Kurz vor dem Release des Horror-Adventures Call of Cthulhu am 30.10.2018 gibt es hier den Launch-Trailer für euch.

Das Inventar hingegen lässt leider an Übersichtlichkeit zu wünschen übrig. Das ewige Scrollen, um neue Einträge aufzurufen, kann bereits nach wenigen aufgesammelten Büchern an den Nerven zehren. Dies stellt glücklicherweise kein großes Problem dar, kann aber bei denjenigen, die gerne jeden Fitzel Informationen aufnehmen wollen, dazu führen, dass sich gelegentlich Frust anstaut.

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