Test - Keep Driving : Test: Ein virtueller Roadtrip der Extraklasse!
- PC
In regelmäßigen Abständen präsentiert Steam im Steam Next Fest hunderte Demos von kommenden Titeln. Ein Spiel in der Masse ist mir im vergangenen Jahr jedoch besonders aufgefallen und hat als Demo bereits einige Stunden kostbare Freizeit verschlungen. Vor wenigen Tagen ist Keep Driving nun offiziell erschienen. Also nichts wie rein ins (virtuelle) Auto, das Radio voll aufgedreht und ab in Richtung Sonnenuntergang!
In Keep Driving begebt ihr euch Anfang der 2000er auf einen virtuellen Roadtrip durch ein fiktives Land, das geografisch an Nordamerika erinnert. Dabei ist die Landkarte übersät mit diversen Städten, interessanten Orten und Raststätten, die in einem komplexen Netz aus Landstraßen, Bundesstraßen und Autobahnen miteinander verbunden sind (Falls jemand noch nicht wusste, wie eine Landkarte aussieht). Euer Ziel ist es, eure Ressourcen clever zu nutzen, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Keep Driving ist nämlich ein knallhartes Management-RPG.
Zum einen braucht ihr natürlich Sprit, um weiterfahren zu können. Außerdem müsst ihr aber auch den Zustand eures Gefährts im Auge behalten und aufpassen, dass ihr vor Müdigkeit nicht am Steuer einschlaft. Und zu guter Letzt muss die Reisekasse regelmäßig aufgebessert werden, um sich Benzin, Reparaturen und die Unmengen an Kaffee überhaupt leisten zu können.
Seid ihr auf der Straße unterwegs, verbraucht ihr Treibstoff, den ihr bei den (stellenweise spärlich gesäten) Tankstellen wieder auffüllen könnt. Das kostet wiederum Geld. An Kohle kommt ihr, indem ihr das Jobbüro besucht, das sich in einigen Städten befindet. Arbeit benötigt allerdings Energie und macht euch müde (auch im Spiel). Dem könnt ihr entweder entgegenwirken, indem ihr literweise Kaffee in euch reinkippt oder einfach ein paar Stündchen pennt.
Übernachtet ihr jedoch im Auto oder schlagt ein Zelt am Straßenrand auf, schnarcht ihr anscheinend so hart, dass euer fahrbarer Untersatz dabei Schaden nimmt. Für die Reparaturen müsst ihr wieder Geld ausgeben und so weiter und so fort. Klingt bis hierher ein bisschen nach Oregon Trail (für alle Gaming-Rentner da draußen), in Keep Driving steckt allerdings noch wesentlich mehr.
On the Road again
Optisch besticht Keep Driving mit seinem wunderschönen und überraschend detaillierten Pixel-Look. Zwar dürft ihr euch am Anfang für eines von zwei Charaktermodellen entscheiden, Auswirkung auf das Spiel hat das allerdings nicht. Zum einen sind sich “Body A” und “Body B” ohnehin sehr ähnlich, wenn es um Frisur oder Kleidung geht (einer hat ein wenig femininer wirkende Gesichtszüge), zum anderen verlasst ihr euer Auto ohnehin nicht. Selbst in Städten folgt ihr dem “American Way” und bleibt für jede popelige Strecke einfach in der Karre sitzen.
Überhaupt gibt es eigentlich nur zwei Wege, sich durch die Welt zu bewegen. In Städten und anderen Orten steuert ihr selbst euer Fahrzeug in Seitenansicht vor und zurück. Kommt ihr an einem Geschäft oder einer anderen Örtlichkeit vorbei, öffnet ihr mit einem Klick das Kauf-Menü und das war es. Seid ihr auf offener Straße unterwegs, habt ihr sogar noch weniger Kontrolle über das Fahrzeug, aber dafür gibt es genug anderes zu tun.
Denn während sich euer Gefährt automatisch von links nach rechts bewegt (bzw. sich der Hintergrund von rechts nach links an ihm vorbeischiebt), stoßt ihr immer wieder auf zufällige Hindernisse. Die reichen von “Stau” über “Vögel auf der Straße” bis hin zum geplatzten Reifen. Aber egal, was genau der Auslöser dafür ist, es beginnt immer das gleiche Minispiel.
In einer Linie nebeneinander werden euch mehrere farbige Symbole angezeigt, die mit Energie, Reparaturbedürftigkeit, Benzin oder Geld korrelieren. Hierbei kommt der RPG-Teil ins Spiel. Euer Fahrer hat nämlich gleich mehrere Skill-Trees, in denen ihr verschiedene Fähigkeiten freischalten könnt, die diese Symbole entfernen. Hinzu kommen noch diverse Gegenstände im Handschuhfach, die ebenfalls hilfreich sind.
Eine Flasche Schmieröl entfernt zum Beispiel gleich zwei Reparatur-Symbole, aber nur wenn diese direkt nebeneinander liegen. Beim Klebeband wiederum muss zwischen den beiden Reparatur-Symbolen ein weiteres Symbol stehen, das aber vom Klebeband nicht betroffen ist. Jede Runde dürft ihr nur ein Item oder einen Skill verwenden. Symbole, die dann noch übrig sind, können euch “angreifen” und damit eurem Fahrzeug schaden, den Benzintank leeren, Energie verbrauchen oder Geld kosten. Dieses Gepuzzel kann schonmal kritisch ausgehen, denn eure Skills und Gegenstände haben nur eine begrenzte Anzahl an Nutzung, die ihr entweder durch Schlaf (Skills) oder Neukauf (Gegenstände) wieder aufladen müsst.
Das wiederholt sich so lange, bis ihr alle Gefahren beseitigt habt oder eine eurer Ressourcen aufgebraucht wurde und ihr eure Reise wieder von vorne anfangen müsst. Habt ihr eine Handvoll an Begegnungen hinter euch gebracht, erreicht ihr die nächste Stadt und könnt nur hoffen, dass es dort eine Tankstelle oder Werkstatt gibt, die euch wieder zusammenflickt und mit Treibstoff versorgt. Und nicht vergessen, neues Klebeband, Schmieröl, Kaugummis oder Müsliriegel kaufen, um euer Handschuhfach wieder aufzufüllen!
Per Anhalter durch die Waschstraße
So ein Roadtrip muss aber ja auch ein Ziel haben und davon gibt es bei Keep Driving gleich mehrere. Ihr startet jeden Durchlauf ganz im Nordwesten mit immer der gleichen Quest. Innerhalb von 30 Tagen sollt ihr zu einem Musik-Festival kommen, das am anderen Ende des Landes stattfindet. Zwischendurch braucht ihr aber noch ein Ticket, wofür es noch das Geld zu besorgen gilt. Haltet ihr allerdings am Wegesrand die Augen offen, stolpert ihr eventuell auch über Ereignisse, die euch ein anderes Ziel offenbaren.
So schnappt ihr zum Beispiel Gerüchte über ein Autorennen auf, an dem ihr teilnehmen könntet. Sagt euch das mehr zu als das olle Festival, dann folgt ihr einfach diesem Pfad. Insgesamt warten so neun verschiedene Enden auf euch, die teilweise auch verdammt schwer zu erreichen und oftmals zeitkritisch sind. Verbratet ihr zu viel Zeit mit Schlafen oder Arbeiten, ist das Rennen halt irgendwann vorbei und auf der aktuellen Reise nicht mehr machbar.
Aber was einen guten Roadtrip von einer schlichten Reise unterscheidet, sind ja eigentlich die Geschichten, die man unterwegs erlebt. Und dafür sorgen bei Keep Driving die Anhalter, die regelmäßig von euch mitgenommen werden wollen. Die Auswahl reicht hier vom entflohenen Sträfling über den Punker mit Hund bis hin zur Braut, die sich nicht traute. Lasst ihr den Anhalter einsteigen, braucht der einen Sitz im Auto, den ihr dann nicht mehr zur Lagerung von Items nutzen könnt. Falls ihr schonmal bei jemandem ins Auto eingestiegen seid und erstmal Pfandflaschen, leere Gummibärchen-Tüten, Dreckwäsche oder Kaffeebecher zur Seite räumen musstet, kennt ihr das Prinzip ja.
Es kann sich aber durchaus lohnen, Platz zu machen. Denn jeder Anhalter bringt seine eigenen Fähigkeiten mit, die ihr während der Begegnungen dann nutzen könnt. Das erweitert nicht nur eure Optionen, sondern nimmt auch etwas Druck raus, weil euch dann weniger schnell die Aufladungen der Skills ausgehen. Die Anhalter leveln sogar mit, wenn ihr sie lange genug herumkutschiert, und bekommen neue aktive und passive Fähigkeiten. Allerdings bringen die meisten Mitreisenden auch negative Effekte mit sich. Der Punker braucht zum Beispiel zwei Sitze: einen für sich und einen für seinen Hund. Der Mechaniker raucht eure Kippen weg, die ihr eigentlich für die Begegnungen braucht. Es gilt also immer abzuwägen, ob sich die Gutherzigkeit wirklich lohnt.
Eigentlich hatte ich aber ja Abenteuer mit den Anhaltern versprochen. Neben Skills und eigener Persönlichkeit hat jeder seine eigene kleine Geschichte. Meistens beginnt die damit, dass man sie irgendwo hinfahren soll. Unterwegs fangen die Leute aber auch gerne mal an zu quatschen. So erfahrt ihr mehr über ihren (mehrheitlich tragischen) Hintergrund und vielleicht ändern sich ihre Wünsche mit der Zeit dann auch.
In meinem absoluten Lieblingsdurchlauf traf ich kurz nach dem Losfahren am Straßenrand auf ein kleines, weinendes Mädchen. Die wollte eigentlich ihren Papa besuchen, aber ist irgendwie in der falschen Stadt gelandet. Sie hat dann das einzig Richtige in der Situation gemacht und ist zu einem Fremden (also zu mir) ins Auto gestiegen, damit er sie nach Hause fährt. (Bitte nicht nachmachen!)
Unterwegs musste die Kleine dann alle paar Meter pinkeln. Also hab ich (bzw. mein Auto automatisch) angehalten und es startete eine kurze Begegnung mit nur einem einzigen Energie-Symbol. Die war zwar schnell erledigt, aber beim vierten Halt innerhalb einer Strecke wurde es dann doch langsam nervig. Und natürlich waren auch die nächsten beiden Städte nicht die, in denen ihr Papa wohnte.
Wie die Geschichte um das Mädchen ausgeht, will ich an der Stelle gar nicht spoilern. Aber erst tat sie mir leid, dann hab ich geflucht und sie gehasst, und zum Schluss war ich fast derjenige, der geheult hat. Und all diese Erlebnisse hatten überhaupt nichts mit meinem Ziel zu tun. Manchmal ist eben tatsächlich der Weg das Ziel.
Der Sound der Straße
Wenn man mal genauer über das Autofahren nachdenkt, dann ist das eigentlich ganz schön langweilig. Vor allem bei längeren Strecken sitzt man nur stundenlang herum und starrt auf den Asphalt vor sich. Dieses Prinzip greift auch bei Keep Driving. Zwischen den einzelnen Begegnungen nimmt sich das Spiel durchaus auch mal Zeit, in der einfach nichts passiert. Da das Auto dann ja auch von alleine fährt, bleibt einem selbst also nichts übrig, als “aus dem Fenster” (bzw. auf den Bildschirm) zu starren und sich über die schöne Pixel-Landschaft zu freuen. Das könnte auf Dauer ermüdend sein, aber tatsächlich sind das mit die besten Momente im Spiel.
Denn die beiden schwedischen Jungs, die für die Entwicklung von Keep Driving verantwortlich zeichnen, haben einfach mal richtig geile Musik ins Spiel gepackt. Der komplette Soundtrack besteht aus Songs von regionalen, schwedischen Indie-Rock-Bands und scheppert ordentlich! Die energiegeladene Indie-Mucke bietet den perfekten Hintergrund für die lange Reise.
Euer Auto verfügt sogar über einen CD-Wechsler. Ja, richtig gelesen! CD-Wechsler! Für Mitglieder der Gen Z kurz erklärt: Da konnte man früher mehrere CDs einlegen und die dann automatisch während der Fahrt wechseln lassen, sollte eine mal zu Ende sein oder man Bock auf andere Musik haben. Das war schon außerordentlicher Luxus und passt ausgesprochen gut zum ganzen 2000er-Flair.
Neue Musik bzw. CDs erhaltet ihr entweder als Questbelohnungen von Anhaltern oder kauft sie euch, sollte ein Laden zufälligerweise mal eine im Angebot haben. Es ist mehrmals vorgekommen, dass ich hundemüde mit einem fast schrottreifen Auto und dem letzten Schluck Benzin in eine Stadt gekommen bin und das Erste, wofür ich Geld ausgegeben habe, war die CD im Schaufenster. Manchmal muss man einfach Prioritäten setzen!
Greift zu, wenn...... ihr entspannt ein paar Stündchen bei geiler Musik wegzocken wollt.
Spart es euch, wenn...... ihr Herausforderung oder Action sucht.




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