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Test - Expelled – An Overboard Game : Test: Mord im Mädchen-Internat

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Ob in meinem Test zu Heaven’s Vault, Steve Jackson’s Sorcery oder Overboard – nie wurde ich müde zu betonen, dass ich die britischen Entwickler von Inkle zu den talentiertesten Geschichtenerzählern der Videospiel-Industrie rechne. Dennoch war ihnen der große Durchbruch bislang nicht vergönnt, weswegen ihr Name wahrscheinlich den wenigsten von euch etwas sagen dürfte. Ihr neues Spiel Expelled trägt den Untertitel „An Overboard Game“, setzt also die Tradition des im Jahr 2021 erschienen Quasi-Vorgängers fort, erzählt aber eine völlig neue Geschichte.

Overboard bezeichneten wir seinerzeit in unserem Test als das „erste Roguelike-Adventure“. Denn wie in dem ansonsten eher actionorientierten Genre (Hades, The Binding of Isaac) spielt ihr immer wieder neue Durchgänge, um anderen Handlungssträngen zu folgen, gewonnene Informationen in zukünftigen „Runs“ zu nutzen und eure Vorgehensweise zusehends zu optimieren, um schlussendlich das Happy-End zu erreichen.

In Overboard schlüpftet ihr seinerzeit in die Rolle der mondänen Veronica Villensey, die ihren Ehemann auf einer Kreuzfahrt ermordete und nun ihre Spuren verwischen, Zeugen zum Schweigen bringen und den Verdacht von sich ablenken muss, um am Ende im Gerichtsprozess das „How to get away with Murder“-Spielchen zu gewinnen.

Overboard und jetzt eben der Quasi-Nachfolger Expelled spielen sich wie die Abenteuer-Spielbücher, wie sie vor allem in den 80er Jahren populär waren: Ihr lenkt die Geschichte mit euren Entscheidungen ständig in unterschiedliche Richtungen. Weil dabei immer andere Szenen ablaufen, je nachdem zu welcher Uhrzeit ihr an welchem Ort seid und dort andere Personen trefft, läuft jeder Durchgang anders ab, fördert neue Informationen zutage und lässt diese in folgenden Anläufen gewinnbringend einsetzen.

Wer Overboard nicht kennt, der denkt jetzt womöglich an ähnliche, mitunter deutlich bekanntere Spiele mit vergleichbarem Spielprinzip: vor allem wahrscheinlich das kleine Indie-Meisterwerk Slay the Princess, in dem ihr ebenfalls nach Art eines Choose-Your-Own-Adventure-Buches in kurzen, meist lediglich zehn Minuten dauernden Anläufen versucht, eine Prinzessin aus ihrem Kerker zu befreien oder sie zu töten, was die Geschichte jedes Mal völlig unterschiedlichen Verläufen zuführt. Auch die Zeitschleifen-Parabel Outer Wilds ließe sich entfernt als Referenz heranziehen, weil auch dort jeder „Run“ neue Informationen lieferte, die dann im nächsten Versuch zu neuen Erlebnissen führten.

Miss Mulligatawney’s School for Promising Girls

Bei seiner Ankündigung trug Expelled noch den Titel „Miss Mulligatawney’s School for Promising Girls“. Doch versicherten die Entwickler schon damals, ihn bis zum Release noch durch einen Namen auszutauschen, der leichter über die Lippen geht. Eigentlich schade, handelt es sich zwar zweifellos um einen reichlich sperrigen Titel, aber eben auch einen, der den kauzigen britischen Charme des Spiels passend widerspiegelt. „Expelled“ ist schlicht der englische Ausdruck dafür, von der Schule verwiesen zu werden – denn genau das gilt es im Spiel zu verhindern.

Expelled spielt in einem Mädcheninternat des 19. Jahrhunderts. Eine Mitschülerin hat sich aus dem Fenster in den Tod gestürzt, und ihr, in der Rolle der jungen Verity Amersham, werdet ihres Mordes beschuldigt. Einen Tag habt ihr nun Zeit, eure Unschuld zu beweisen, den wahren Täter zu überführen und die Hintergründe aufzudecken, um von der herrischen Rektorin Miss Mulligatawney nicht von der Schule geschmissen zu werden.

Hierfür sucht ihr die verschiedenen Örtlichkeiten der Klosterschule auf: das Klassenzimmer, den Schulhof, die Kapelle, eure Stube oder die Bücherei. Je nach Uhrzeit spielen sich dort unterschiedliche Szenen ab und halten sich andere Personen an den Schauplätzen auf: nach der Mathestunde bietet sich im Klassenzimmer die Gelegenheit für einen Plausch mit der Lehrerin, in der großen Pause trefft ihr eure Mitschülerinnen im Pausenhof und während sich das Kollegium zur Andacht in der Kapelle einfindet, habt ihr die Gelegenheit, das leere Lehrerzimmer zu durchschnüffeln.

Nach und nach kommt ihr so den Geheimnissen und Intrigen auf die Schliche, die sich hier tummeln: Als hübsche Kapitänin des Hockey-Teams hatte das Opfer zahlreiche Neider – Motiv genug für einen Mord? Oder ist an den Gerüchten über ihre Affäre mit dem Gärtnerjungen etwas dran? War es womöglich doch Selbstmord? Aber wer schürt einen derartigen Hass auf Verity, dass ihr jemand die Schuld in die Schuhe schieben will?

Das sind nur einige der Fragen, die es zu klären gilt, während ihr euch immer tiefer in einen Sumpf aus Lügen und Ränken begebt, aus dem es womöglich nur ein Entkommen gibt, wenn ihr selber bereit seid, die Regeln zu beugen. Denn Verity hat für die Tatzeit kein Alibi. Aber vielleicht kann sie sich eines beschaffen, wenn sie eine Mitschülerin überredet, besticht oder gar erpresst. Doch zu welchem Preis?

Only Murders in the Building

Expelled entwickelt sich derartig zusehends zu einem kleinen Miststück von einem Spiel, das eure Moral zusehends auf die Probe stellt. Denn schon bald müsst ihr feststellen, dass hier nichts so ist, wie es scheint. Jede Person in der Klosterschule trägt ihr eigenes schmutziges Geheimnis mit sich herum, das regelmäßig ein völlig neuartiges Licht auf die Vorgänge wirft: Eure russische Freundin ist nicht die, die sie vorgibt zu sein, eine der Lehrerinnen führt ein mysteriöses Doppelleben, die eingebildete Kranke bastelt heimlich Voodoo-Puppen, das naive Nesthäkchen glaubt an Vampire im Dachgebälk und selbst die gestrenge Miss Mulligatawney hat womöglich nicht nur sprichwörtlich eine Leiche im Keller.

Leider kann ich aus Spoilergründen nicht näher darauf eingehen, doch schlägt die Geschichte immer dann einen unerwarteten Haken, wenn ihr gerade denkt verstanden zu haben, was vor sich geht.

Denn auch Verity selbst erweist sich zusehends nicht als das Unschuldslamm, dass man anfangs noch ganz selbstverständlich in ihr sehen mag. Das zeigt sich bereits in einer (anfangs bewusst irritierend unverständlichen) Spielmechanik, die euch „Erfahrungspunkte“ bringt, wenn ihr freche Antworten gebt, euren Mitschülerinnen Streiche spielt oder dem Lehrkörper auf der Nase rumtanzt. Ähnlich wie im deutschen Adventure-Klassiker Harveys Neue Augen von Daedalic, das bezeichnenderweise ebenfalls an einer Klosterschule spielt, entwirft Expelled zusehends eine hintersinnige und mitunter bitterböse Parabel darauf, Regeln zu brechen und den inneren Punk in sich zu entdecken, um zu einem selbstbestimmten Willen zu finden – oder zum garstigen Miststück zu werden.

Dafür muss man sich natürlich mit dem Grafikstil arrangieren, der zweifellos charmant, aber eben nach Art einer Visual Novel auch reichlich schlicht ausfällt, und vor allem gewillt sein, viele und leider nur auf Englisch verfügbare Sprechblasen-Texte zu lesen. Manch einer könnte während der etwa 10 Stunden Spielzeit die Lust daran verlieren, zumal das Spiel immer mal wieder frustrierende Längen aufweist, wenn man gerade nicht so recht weiß, in welchem der zahlreichen Handlungsfäden sich die entscheidende Information verbirgt, die einem gerade fehlt. Aber im Gegensatz zu mir während der Testphase dürfte euch schon bald Hilfe in Form von Guides im Internet zur Verfügung stehen, wenn es anfängt zu nerven.

Geradezu brillant fällt hingegen die Musikauswahl aus, die einen wilden Ritt durch unterschiedlichste Vintage-Genres galoppiert: von Evergreens der klassischen Musik wie George Gershwins Rhapsodie in Blue über wehklagende Gospel-Chöre und verspieltem Jazz bis zu erbaulichen Kirchenchorälen und vor allem verrauschten Swing-Schlagern vom Grammophon der 20er Jahre trifft Expelled stets den passenden Ton. Eine (englische) Vertonung erklingt überdies nur in wenigen Zwischensequenzen.

Greift zu, wenn...

… ihr raffinierte Erzählexperimente wie Slay the Princess und Overboard mochtet.

Spart es euch, wenn...

… ihr Choose-Your-Own-Adventure-Geschichten und schlichten Grafikstilen nichts abgewinnen könnt.

Fazit

Matthias Grimm - Portraitvon Matthias Grimm
Ein hintersinniges, bitterböses Story-Roguelike, für das man aber auch eine Begeisterung für interaktive Erzählexperimente mitbringen muss

Mit Heaven’s Vault und Sorcery schufen die britischen Entwickler von Inkle zwei einzigartige Meisterwerke interaktiver Geschichten, und auch mit dem Choose-Your-Own-Adventure-Roguelike Overboard lieferten sie ein verschmitztes Erzählexperiment, das aber auf dem hohen Niveau des Studios zu seinen schwächeren Spielen zählt. Dass sie mit Expelled nun einen Nachfolger im Geiste vorlegen, ist daher durchaus mit Freude zu registrieren, aber eben auch nicht als ihr nächster großer Wurf zu werten. Zumal mit dem Indie-Hit Slay the Princess unlängst ein ähnlich geartetes Konkurrenzspiel erschien, das dasselbe Spielprinzip in vielerlei Hinsicht mitreißender umsetzte.

Umgekehrt könnte man es aber auch so formulieren: Wenn du Slay the Princess mochtest, dann solltest du auch auf Expelled einen Blick werfen. Denn die Geschichte vom Mord in der Klosterschule erzählt nur auf den ersten Blick die x-te Variation der fälschlich Verdächtigten, die ihre Unschuld beweisen muss. Mit zunehmender Spieldauer erweist sich Expelled als subversives Miststück von einem Spiel, in dem jede Person ihr eigenes schmutziges Geheimnis mit sich herumträgt und das immer dann überraschende Haken schlägt, wenn man gerade meint, alles durchschaut zu haben.

>> Expelled und 12 weitere Indie-Geheimtipps, die du 2025 nicht verpassen darfst <<

Wie in einem Roguelike spielt ihr dafür die nur etwa 30-minütige Geschichte immer und immer wieder, wählt aber jedes Mal völlig unterschiedliche Pfade hindurch, um neue Informationen zu gewinnen und mit diesen im nächsten Durchlauf neue Handlungsoptionen freizuschalten. Ähnlich wie in den ansonsten eher actionorientierten Roguelikes entwickelt das schon bald eine suchtgefährdende Sogwirkung, weil jeder Run neue Erkenntnisse zutage fördert, die im nächsten wiederum neue Möglichkeiten eröffnen. Andererseits schleicht sich so aber auch manche Länge in den Spielablauf, wenn man gerade nicht weiß, in welchem Handlungsfaden sich gerade die entscheidende Information versteckt, die man gerade braucht. Aber im Gegensatz zu mir während der Testphase werdet ihr euch dafür vermutlich schon bald Rat bei einem Guide im Internet holen können, sobald der Frust die Oberhand zu gewinnen droht.

Überblick

Pro

  • Choose-Your-Own-Adventure-Roguelike: immer neue Geschichten pro Durchlauf
  • charmante Krimi-Handlung über den Mord an einer Klosterschule
  • überraschende Wendungen, wenn man sie am wenigsten erwartet
  • lässiger Retro-Soundtrack

Contra

  • manche Länge, wenn man nicht weiter weiß
  • charmanter, aber auch schlichter Grafikstil
  • Texte nur auf Englisch

Awards

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