Länderauswahl:
Du wurdest von unserer Mobile-Seite hierher weitergeleitet.

Preview - Chernobylite 2: Exclusion Zone : Gespielt: Das kann großartig werden. Oder furchtbar schiefgehen

  • PC
  • PS5
  • XSX
Von  |  | Kommentieren

Als Chernobylite vor vier Jahren erschien, hielten es viele lediglich für einen S.T.A.L.K.E.R.-Abklatsch. Dabei hatte der Titel mit dem Open-World-Klassiker nicht viel mehr als den Schauplatz gemein: die verstrahlte Zone um den havarierten Atomreaktor von Tschernobyl. Ansonsten gestaltete das Spiel seine angenehm kompakten 15 Stunden Spieldauer um dezente Survival-Spielmechaniken, eine düstere Mindfuck-Story und eine spielmechanische Mischung aus Shooter und Stealth. Chernobylite 2 ist anders. Sehr anders.

Chernobylite 2 ist erstmal nur: wow! Zeichnete sich der Vorgänger, wie eben beschrieben, gerade durch seinen kompakten, bescheideneren Ansatz aus, gestaltet sich der erste Eindruck des Nachfolgers geradezu: Meine Fresse, ist das fett! So viel größer, so viel umfangreicher, so viel ausgefeilter – seid ihre irre, liebe Entwickler?! Wie wollt ihr dieses Spiel, das Größendimensionen von Stalker 2 oder Assassin’s Creed einnimmt und auf Kickstarter gerade mal 150.000 Euro eingebracht hat, jemals mit eurem kleinen Team und überschaubarem Budget fertigstellen?

Doch die voll spielbare Early-Access-Version, die mir nun vorlag, macht tatsächlich einen ordentlichen Eindruck und scheint für einen solch frühen Build des Spiels auf einem guten Weg zu sein.

Vier Spiele in einem?

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist Chernobylite 2 nun ein richtiges Open-World-Spiel – und damit nun womöglich doch der Stalker-Klon, den viele schon beim ersten Teil witterten. Aber vielleicht in besser als das Original. Die Spielwelt ist gigantisch groß, doch nicht nur das.

Euer Charakter wird wie in einem vollwertigen Rollenspiel durch zig Werte definiert, die eure Spielweise beeinflussen und neue Fähigkeiten im Skilltree freischalten. Ein Blick auf das komplexe Charakterblatt wirkt im ersten Moment eher wie aus einem RPG-Epos nach Art von Baldur’s Gate 3 als aus einem Shooter-Actiongame.

Doch es geht noch weiter mit dem Wahnsinn. Ihr könnt zu Beginn des Spiels aus drei Klassen wählen, die sich so unterschiedlich spielen, dass sich gar das ganze Spiel plötzlich nach einem ganz anderen Genre anfühlt: Der Fernkämpfer ist der typische Shooter-Charakter. Der Wissenschaftler verschießt im Kampf schicke Zaubersprüche, windet sich aber aus Konflikten lieber durch die Wahl intelligenter Dialogoptionen per Skill-Check raus. Beim Nahkämpfer gar wechselt das Spiel in die Third-Person-Ansicht und spielt sich plötzlich wie ein Derivat von Dark Souls – mitsamt Ausweichmanövern und dem Warten auf günstige Angriffsfenster.

Reise durchs Multiversum

Doch fangen wir von vorne an. Chernobylite 2 beginnt im Kiew des Jahres 2024. Ein Blick aus dem Hochhausfenster auf die beeindruckende Kulisse der Stadt macht jedoch sofort klar: Hier stimmt was nicht. Die Gebäude funkeln in futuristischem Stahl, vom Krieg gegen Russland ist in den Fernsehnachrichten keine Rede. Wir befinden uns offenbar in einer Paralleldimension, in der die mysteriösen Chernobylit-Kristalle aus dem Vorgänger zu technologischem Fortschritt geführt haben, von dem wir in unserer Realität nur träumen können.

Chernobylit gewährt fast unbegrenzte Energie und treibt technische Geräte an, die uns wie Magie vorkommen. Ebenfalls befähigt es zum Reisen zwischen den Dimensionen. Wir selber gehören einem Konzern an, der auf diese Weise zwischen den Realitäten reist, um dortige Chernobylit-Vorkommen zu sammeln und so den Wohlstand der eigenen Welt zu mehren, indem man ihn von fremden Welten stiehlt.

Mithilfe unseres Dimensionen-Raumschiffes, das ein bisschen so aussieht wie das von E.T., reisen wir von Welt zu Welt, die, ähnlich wie in Everything Everywhere All At Once, alle ein bisschen so aussehen wie die unsere, sich aber in mal mehr, mal weniger kleinen und großen Nuancen unterscheiden. Bis es zu einem Unglück kommt und wir auf einer davon abstürzen. Und nun als einziger Überlebender Jahrhunderte später erwachen …

Wow, was für ein Einstieg. Chernobylite 2 beginnt fesselnd, voller erstaunlicher Mindfuck-Erfahrungen und packend inszeniert. Und dann steht ihr plötzlich da in dieser gigantischen Welt, mutterseelenallein, ohne Aussicht, jemals wieder nach Hause zu kommen und wisst nur: Ab jetzt erwartet euch für viele, viele Stunden all das Zeug, was Videospiele aus solchen Open-World-Szenarien eben so machen.

Mutanten-Zombies wollen euch ans Leder, Crafting-Ressourcen verheißen verbesserte Ausrüstung, und in einer Höhle erwartet uns bereits der erste NPC, der uns mit einem Auftrag in die Spielwelt entlässt, um verstrahlte Wälder, Gebäuderuinen und Bunker zu erkunden. Der Bosskampf auf dem Schrottplatz davor fällt zwar noch reichlich holprig aus, wie so manches noch, aber das ist in solcherlei Early-Access-Versionen erwartbar.

Großartig oder größenwahnsinnig?

Belassen wir’s erstmal dabei. Im Großen und Ganzen wisst ihr nun, was euch in Chernobylite 2 erwartet, und den Rest könnt ihr euch selber ausmalen. Bis ein finales Urteil möglich ist, wird noch einige Zeit im Early Access ins Land ziehen.

Die Vision der Entwickler jedenfalls für ihr Spiel ist groß, vermutlich aber auch leicht größenwahnsinnig. Sorgen mache ich mir, dass sie sich mit einem derartigen Vorhaben völlig übernommen haben könnten. Eine riesige Spielwelt mit Leben zu füllen, daran hat sich schon so mancher AAA-Publisher verhoben. Ein Kampfsystem mit Ego- und Third-Person-Perspektive gleichzeitig feinzuschleifen – ein reiner Balancing-Albtraum. Dazu noch komplexe Rollenspiel- und Survival-Spielsysteme – wenn das mal alles gut geht. Warten wir’s ab und hoffen das Beste.

Fazit

Matthias Grimm - Portraitvon Matthias Grimm
Chernobylite 2 ist unfassbar ambitioniert – hoffentlich nicht überambitioniert

Stellte der Vorgänger in seiner eigenwilligen Mischung aus Stealth-Action und Survival-Elementen noch eine angenehm bescheidene Alternative zu den Open-World-Kolossen à la S.T.A.L.K.E.R. dar, wollen es die Entwickler mit Teil 2 offenbar jetzt so richtig wissen.

Eine riesige offene Spielwelt, ein komplexes Rollenspiel-Charaktersystem, eine faszinierende Mindfuck-Story zwischen den Multiversen und sogar drei stark unterschiedliche Kampfsysteme, in denen das Spiel gar die Perspektive von First- zu Third-Person wechselt und sich entsprechend mal nach Shooter, mal nach Souls-like anfühlt.

>> Zu viel Zeit? 10 Singplayer-Spiele mit riesiger Spieldauer <<

Chernobylite 2 wirkt so ambitioniert wie drei Spiele auf einmal – und daher hoffentlich nicht überambitioniert. An einer lebendig wirkenden Spielwelt haben sich schließlich schon Entwickler übernommen, die über deutlich mehr Budget verfügten als das verhältnismäßig kleine polnische Studio The Farm 51. Die 150.000 Euro, die sie auf Kickstarter einsammelten, werden für diese stramme Vision jedenfalls beileibe nicht reichen. Komplexe RPG-Mechanismen, Survival-Aspekte und dann noch drei komplett unterschiedliche Klassen - Chernobylite 2 klingt wie der wahrgewordene Balancing- und Feintuning-Albtraum einer jeden Qualitätssicherungs-Abteilung.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich die Entwickler für ihren Mut nur bewundern (und ein wenig bemitleiden). Wie allenfalls Baldur’s Gate 3 scheint man bewusst auf Nice-to-have-Listen verzichtet zu haben – und stattdessen fest entschlossen, alles ins Spiel bringen zu wollen, was als Idee in den Köpfen herumspukt. Sowas kann ganz furchtbar schiefgehen. Oder ganz großartig werden.

Könnte dichinteressieren

Kommentarezum Artikel

Chernobylite 2: Exclusion Zone
Gamesplanet.comChernobylite 2: Exclusion Zone35,09€ (-10%)PC / Steam KeyJetzt kaufen