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Test - Avowed : Test: Überaus schmackhafter RPG-Eintopf

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Mann, was für ein Monat. Kaum hat man sich durch gut hundert Stunden Kingdom Come: Deliverance II gekämpft, wartet mit Avowed schon der nächste RPG-Brocken. Und der ist so ganz anders als das Mittelalter-Rollenspiel von Warhorse und weckt eher Erinnerungen an frühere BioWare- und Bethesda-Titel, zumal viele altbewährte Elemente reccycelt werden. Dank Spielwelt und Story ist Avowed aber eigenständig genug, um nicht als oldschooliger Skyrim-oder-wasauchimmer-Klon in der Versenkung zu verschwinden.

Avowed schickt euch zurück in die Spielwelt Eora, die der eine oder andere bereits aus Pillars of Eternity kennt. Gut übrigens, wer schon Pillars of Eternity hinter sich hat, was den Einstieg durch das grundlegende Verständnis der Spielwelt um einiges erleichtert und die ersten Stunden etwas weniger zäh macht, denn Avowed braucht ein wenig, bis es anfängt zu köcheln. 

Ihr schlüpft in die Rolle eines so genannten Gottähnlichen, der als Abgesandter des aedyrischen Kaisers in ein Gebiet namens Land der Lebenden reist. Dieses wird von einer inneren Fäule, der Traumgeißel, heimgesucht. Diese Seuche befällt sowohl Flora und Fauna als auch die Bewohner der Region, die mit der Zeit immer wahnsinniger und kränker werden. Gemeinsam mit den Bewohnern der Region, die zu allem Überfluss auch noch ihre eigenen Konflikte und Machtkämpfe austragen, gilt es, den Ursprung der Traumgeißel zu finden und zu beseitigen.

Das bringt einige Probleme mit sich, denn zum einen sind Gottähnliche nicht überall gern gesehen, zumal sie auch optisch als solche zu erkennen sind, was die Zusammenarbeit erschwert. Zum anderen spürt ihr ab dem Moment, in dem ihr das Land der Lebenden betretet, eine innere Stimme, die euch zu manipulieren versucht. Mit der Zeit findet ihr jedoch Verbündete und könnt euch den Gefahren der Spielwelt stellen.

Am Anfang des Spiels steht erwartungsgemäß die relativ umfangreiche Charaktererstellung per Editor. Dabei spielen nicht nur körperliche Merkmale eine Rolle, sondern auch optische Aspekte, allen voran die seltsamen, pflanzenartigen Auswüchse eines Gottähnlichen. Außerdem könnt ihr euch als Kämpfer, Waldläufer oder Zauberer versuchen, wobei die Fertigkeitsbäume der Klassen klassenübergreifend genutzt werden können. Zudem gibt es eine Handvoll Attribute, die ihr entsprechend anpassen könnt.

Die Story eures Gottähnlichen braucht ein wenig, um in Fahrt zu kommen, und die erste der insgesamt fünf großen, halboffenen Zonen zieht sich trotz interessanter Schauplätze ein wenig in die Länge. In den ersten Dialogen wird noch viel erklärt, um ein gewisses Gefühl für die Spielwelt zu bekommen, und ihr verbringt zunächst nicht wenig Zeit mit Erkunden, Quests annehmen und ins Spiel finden. Spätestens ab dem zweiten Gebiet nimmt das Spiel jedoch Fahrt auf und die Story schafft es durch viele Entscheidungen, interessante Charaktere und offene Fragen bis zum Ende zu fesseln. Insgesamt sollte man etwa 40 bis 50 Stunden Spielzeit einplanen, wenn man einigermaßen alles erleben möchte.

Etwas schade ist, dass ihr nach dem Abspann keine offenen Nebenaufgaben nachholen könnt. Immerhin werdet ihr vor dem Betreten des letzten Gebietes entsprechend gewarnt und könnt etwaige Reste vorher erledigen. Nebenaufgaben gibt es übrigens reichlich, von Quests über Schatzsuchen bis hin zum Aufspüren von Totems, die euch zusätzliche Boni für euren Charakter bringen.

Die fünf Bereiche sind halboffen gestaltet, teils mit linearen Abschnitten mit Abzweigungen, teils fast frei begehbar zur freien Erkundung. Vergleichbar mit der Gestaltung der Spielwelten von Dragon Age. Optisch machen die Gebiete einiges her, vor allem das dritte Gebiet mit seinen bizarren Felsen, der Wüste und den blutroten Flüssen ist ein echter Hingucker.

Auf eurer Reise trefft ihr auf verschiedene, gut ausgearbeitete Charaktere, von denen euch vier als Begleiter zur Seite stehen. Jeweils zwei könnt ihr mit auf eure Tour nehmen, die anderen warten brav in eurem Lager auf eure Interaktion. A propos Lager: dort parkt ihre eure Begleiter, interagiert mit ihnen, kocht Tränke und Nahrungsmittel, wertet eure Ausrüstung auf, verändert das Aussehen der Begleiter und bunkert etwaige Vorräte. Also quasi wie aus Baldur’s Gate III hinreichend bekannt.

Eure Beziehungen könnt ihr in ausführlichen Dialogen pflegen, echte Romanzen gibt es allerdings nicht. Die Charaktere verfügen über rudimentäre Skilltrees sowie Spezialrollen, wie zum Beispiel der robuste Kai als tankiger Nahkämpfer oder Giatta als fähige Heilerin. So ist es kein Problem, euer Kampftrio nach euren eigenen Fähigkeiten zusammenzustellen.

Ihr könnt euren Charakter natürlich auch weiterentwickeln. Es gibt drei Fertigkeitsbäume der Klassen, die ihr über die Fertigkeitspunkte und Stufenaufstiege nutzen könnt. Wenn euch euer Magier zu zerbrechlich ist, könnt ihr einfach die verbesserte Gesundheit aus dem Kämpfer-Skilltree freischalten. Und dann gibt's noch die besonders mächtigen Fähigkeiten der Gottähnlichen, die nach und nach freigeschaltet werden. Das passiert im Laufe der Story und durch das Finden bestimmter "Erinnerungen".

Das Skillsystem ist eigentlich nicht allzu komplex und nicht alle Perks erscheinen sinnvoll. Aber es reicht, um funktionierende Builds zu basteln, auch in Zusammenhang mit der Ausrüstung. Es gibt verschiedene Waffengattungen, inklusive Schusswaffen wie Pistole und Arkebuse (Greedfall lässt grüßen), Schilde, verschiedene Quasi-Granaten, Rüstungen, Handschuhe, Stiefel und Schmuck.

Bedauerlicherweise setzt Avowed nicht auf ein "echtes" Lootsystem, auch wenn ihr tonnenweise Waffen und Ausrüstungsteile aufsammeln könnt. Stattdessen gibt es ein Upgrade-System, das aber nur für Waffen und Rüstungen gilt. Ihr könnt also unbrauchbaren Kram zerlegen und Ressourcen sammeln, um euren Kram aufzuwerten. Das erinnert ein wenig an das Upgrade-System von Dragon Age: The Veilguard. Nach und nach findet ihr zwar bessere Gegenstände, aber die Methodik ist im Grunde immer die gleiche.

Avowed verzichtet (mehr oder minder) auf ein klassisches Levelsystem und auch die Gegner skalieren nicht mit. Um die Upgrades kommt ihr aber auf lange Sicht nicht herum, denn die Stufe eurer Ausrüstung (von I bis V mit jeweils drei Ausbaustufen) bestimmt, welchen Gegnern ihr gewachsen seid. Mit Ausrüstung in Stufe II kommt ihr gut gegen Gegner in Stufe II durch, III ist machbar mit etwas Anstrengung, IV dann eher chancenlos. Immerhin, kommt ihr mal gar nicht weiter, ist das für euch ein deutliches Signal, die Spielwelt nach Ressourcen und zahlreichen, teils versteckten Lootkisten zu durchforsten und euren Krempel aufzuwerten. Sehr klassisch, aber auch sehr befriedigend, wenn ihr zu einst zu starken Gegnern zurückkehrt, um sie zünftig zu vermöbeln.

Das Kampfsystem bietet wenig Frische. Im Grunde ist es ein typisches Actionsystem, bei dem ihr erfreulicherweise zwischen First- und Third-Person-Ansicht umschalten könnt,.. Leichte und schwere Schläge, Blocken, Ausweichen und dabei auf eure Ausdauer achten. Mehr ist es im Grunde nicht. Per Hotkeys könnt ihr Tränke einwerfen oder zusätzliche Skills abfeuern. Oder aber ihr ruft euer Radialmenü auf, mit dem ihr das Spiel im Kampf pausiert. Das gibt euch die Möglichkeit, weitere Skills zu nutzen, aber auch eure Begleiter zumindest rudimentär zu kommandieren. Wer Dragon Age: The Veilguard gespielt hat, weiß im Grunde genau, wie das System funktioniert.

Wirklich taktisch werden die durchaus anspruchsvollen Kämpfe dadurch aber nicht. Ooriginell sind der Einsatz von Schusswaffen wie Pistole oder Arkebuse sowie die eher pflanzlichen Granaten mit den Elementen Gift, Blitz, Feuer oder Eis. Diese werden gelegentlich auch in kleinen Rätseln eingesetzt, um z.B. Schalter zu aktivieren, Hindernisse in Brand zu setzen oder Plattformen im Wasser zu erzeugen, um mit dem Parcours-System unerreichbare Ebenen zu erreichen. Das Klettern und Springen nebst Rutschen geht übrigens erfreulich gut von der Hand und bringt etwas Dynamik in Erkundung und Kampf, zumal es zwar nicht so exzessiv wie beispielsweise in Assassin’s Creed eingesetzt wird, aber einen auch nicht zu sehr durch vorgegebene Positionen einengt.

Etwas schade ist, dass die Vielfalt der Gegner mit der Zeit zu wünschen übrig lässt. Zwar sind ein paar dicke Brocken wie Oger oder riesige Insekten und Pflanzenwesen dabei, aber nach etwa der Hälfte des Spiels hat man so ziemlich alle gängigen Gegnertypen mindestens einmal gesehen. Auch das Verhalten der Gegner gehört nicht gerade zum Abwechslungsreichsten, was das Genre zu bieten hat. Kämpfe gegen bestimmte Bossgegner oder mehrere Gegner können aber durchaus herausfordernd sein. Dank der verschiedenen Schwierigkeitsgrade sollten aber alle Spielertypen auf ihre Kosten kommen.

Abseits des Kampfgeschehens ist man ausgiebig mit Dialogen mit den zahlreichen NPCs beschäftigt, wobei es immer wieder Entscheidungsmöglichkeiten gibt und man durchaus auch mal bösartig werden kann. Die flauschige Freundlichkeit eines Veilguard ist hier nur eine Option, zumal es auch reichlich Grautöne und moralische Aspekte gibt. Hin und wieder werden auch eure Charakterwerte für die Dialogoptionen herangezogen. Schade: Die Inszenierung der Dialoge ist eher pragmatisch, auch bei der Charakterdarstellung ist noch Luft nach oben. Besser als bei Starfield, aber nicht viel.

Apropos Darstellung: Avowed ist durchaus sehenswert in Szene gesetzt, wobei vor allem das fantasievolle und teilweise sehr farbenfrohe Art Design überzeugt. Noch beeindruckender ist aber die hervorragende Optimierung des Spiels. Wir haben Avowed auf zwei verschiedenen Rechnern getestet und hatten keinerlei Probleme. Die Frameraten waren jederzeit stabil, selbst bei maximalen Details und ohne FSR oder DLSS (obwohl beides vorhanden ist). Wir hatten überhaupt keine Abstürze und auch die Anzahl der Bugs war minimal. Schwerwiegende Fehler traten nicht auf, abgesehen von einer fehlenden NPC-Markierung in einer Nebenquest. Chapeau!

Ebenfalls schön: Alle Charaktere sind vertont und auch der Soundtrack kann sich hören lassen. Weniger schön: Avowed bietet nur englische Sprachausgabe. Wer der Sprache nicht mächtig ist, muss sich mit deutschen Untertiteln begnügen. Diese sind aber zumindest durchgehend sauber übersetzt.

Greift zu, wenn...

… ihr Lust auf ein grundsolides, fantasievolles Action-Rollenspiel mit interessanter Story, originellem Art Design und knackigem Kampfsystem habt.

Spart es euch, wenn...

… ihr Wert auf detaillierte Skill- und Lootsysteme legt, Avowed ist da etwas einfacher gestrickt.

Fazit

Andreas Philipp - Portraitvon Andreas Philipp
Spannender RPG-Eintopf mit bewährten und schmackhaften Zutaten, aber ohne echte Frische

Trotz starker Titel wie Fallout: New Vegas, KoToR 2 oder Outer Worlds hat es Obsidian nie wirklich in die Champions League der Rollenspiel-Entwickler geschafft, und das wird sich trotz aller Qualitäten wohl auch mit Avowed nicht ändern. Der Unterhaltungswert ist fraglos hoch, zumal die verwendeten Spielelemente und Mechaniken bis auf das etwas langweilige Upgrade-System für Waffen und Rüstungen absolut reibungslos funktionieren. Zudem ist das Spiel nahezu perfekt gepolished. In den ca. 40-50 Stunden Spielzeit auf zwei verschiedenen PCs hatten wir weder technische Stolpersteine noch Abstürze oder nennenswerte Bugs, was man dem Studio hoch anrechnen muss. Auch Pacing und Balancing sind durchweg auf hohem Niveau.

Story, Spielwelt und Grafik wissen durch und durch zu gefallen, zumal oft genug der für Obsidian typische Humor durchschimmert. Ein Plus ist, wenn man sich bereits in Pillars of Eternity auskennt, denn manches wirkt in den ersten Spielstunden etwas abstrakt. Spätestens ab dem zweiten Kapitel bekommt der Spieler das Gefühl, dass seine Entscheidungen etwas bedeuten. Und auch die Begleiter wachsen einem durch viel Interaktion, wenn auch ohne Romantik, mit der Zeit ans Herz.

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Die Spielstunden vergehen dank der flüssigen Action und der guten Bewegung fast wie im Flug, allerdings vermisst man spielerisch zuweilen etwas den frischen Wind. Fast alle Spielelemente hat man irgendwo schon einmal gesehen, auch wenn sie durch die Bank kompetent integriert wurden. Das Kampfsystem mit Begleitern, Pausen und Befehlen kennt man ebenso wie die Levelstruktur oder die Seitenwege mit verstecktem Loot. Das Skillsystem ist vergleichsweise oberflächlich und auf einige Elemente wie Konsequenzen für Diebstahl oder eine größere Gegnervielfalt hat Obsidian ganz verzichtet.

Alles in allem hat Obsidian aber aus altbekannten Zutaten einen sehr schmackhaften, leicht verdaulichen RPG-Eintopf gezaubert, lecker gewürzt mit einer guten Story und fantasievollem Art Design, zudem deutlich weniger „plüschig“ als zuletzt Dragon Age: The Veilguard. Sehr kompetent und unterhaltsam, aber für die ganz große Haute Cuisine reicht es erneut nicht ganz, dazu fehlt es etwas an Frische und Würze. Definitv aber ein Spiel, dass ihr nicht links liegen lassen solltet, denn dann entgeht euch ein rundes und gelungenes Abenteuer.

Überblick

Pro

  • sehr gute technische Optimierung, zumindest auf dem PC
  • erfreulich wenige Bugs
  • hübsch gestaltete Umgebungen
  • ansprechendes Art Design
  • Erkundung wird belohnt
  • gelungene Story
  • knackiges Kampfsystem
  • keine skalierenden Gegner
  • First- und Third-Person-Perspektive

Contra

  • keine deutsche Vertonung, nur Untertitel
  • Ausrüstungssystem etwas dünn
  • Kenntnisse des Pillars-Universums von Vorteil
  • innovative Ideen sind eher Mangelware
  • Charakterdarstellung in Dialogen eher durchwachsen und statisch

Awards

  • Games Tipp
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