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Special - Palworld : Warum der Hype um Palworld das Beste ist, was Pokémon-Fans passieren konnte

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Seit wenigen Tagen regiert ein halbfertiges Early-Access-Spiel eines nahezu unbekannten japanischen Entwicklers die gesamte Welt der Gaming-News und die Verkaufscharts auf Steam. Praktisch über Nacht wurde Palworld zu einem der erfolgreichsten Titel der Plattform und konnte zeitweise über 2 Millionen Spieler gleichzeitig auf die Server locken. Doch schwer wiegt das Haupt, das die Krone trägt, und so sieht sich Entwickler PocketPair nicht nur großem Lob, sondern auch heftigen Plagiatsvorwürfen gegenüber. Aber hat sich Palworld den Platz auf dem Treppchen wirklich verdient oder handelt es sich dabei tatsächlich nur um ein “Pokémon mit Waffen” und gestohlenen Monster-Designs?

Der Ausdruck “Pokémon mit Waffen” stammt von den äußerst martialisch wirkenden Screenshots und Werbevideos, in denen zum Beispiel dutzende Pals (so heißen die Monster in Palworld) an Fließbändern stehen und in der Hitze eines nahen Lavesees im Akkord Maschinengewehre zusammenbauen. Alternativ gibt es auch Bilder mit süßen Schäfchen an MG-Stellungen oder Elektro-Bären mit Minigun. Aber ist das wirklich repräsentativ für das Spiel? Eindeutig “Jein”!

Im Kern ist Palworld erstmal ein ganz klassisches Survival-Game. Ihr startet praktisch nackt, sammelt Stöcke und Steine und bastelt daraus euren ersten Knüppel, um euch gegen die Tierwelt zu verteidigen, und warme Kleidung, um nachts nicht zu erfrieren. Leckere rote Beeren sorgen für einen vollen Magen und habt ihr genügend Holz gesammelt, könnt ihr euch einen Unterschlupf und später ein ganzes Lager bauen.

Bis hierher unterscheidet sich Palworld in keinem Aspekt von Genre-Kollegen wie Ark oder Rust. Nur im Gegensatz zu den eben genannten wollen euch bei Palworld eben keine Dinosaurier oder fiese Mutanten ans Leder, sondern die Pals, tierähnliche Monster, die immer eine Affinität zu bestimmten Elementen haben. Foxparks ist zum Beispiel ein Fuchs mit brennender Schwanzspitze und Flammen an den Pfoten, gehört also dem Element Feuer an und kann somit auch Feuer spucken. Pengulett ist einem Pinguin nachempfunden, der mit Wasser und Eis in Verbindung steht, und der kleine Gras-Affe mit Sturmgewehr heißt Tanzee.

“Einzigartiges” Gameplay

Bonkt ihr mit eurem Knüppel lang genug eines der Monster, kippt dieses um und hinterlässt Ressourcen, die ihr wieder fürs Crafting benutzen könnt. Seid ihr aber gerade ohnehin noch satt und warm eingekuschelt, könnt ihr alternativ auch eine Pal-Sphäre auf geschwächte Pals werfen und habt dann eine Chance, sie in euer Team aufzunehmen.

Spätestens jetzt sollte klar sein, worauf ich eigentlich hinaus will. Natürlich kennt man diese Mechanik so oder so ähnlich bereits aus einem anderen riesigen Videospiel-Franchise: Dragon Quest Monsters. Oder Monster Hunter Stories. Oder Digimon. Oder TemTem. Oder Ni No Kuni 2. Und ja, natürlich auch aus Pokémon!

Eines der gefangenen Pals läuft von da an immer mit euch herum und unterstützt euch im Kampf gegen andere Gegner. Allerdings sind eure neuen Freunde noch zu wesentlich mehr fähig, als nur Backenfutter zu verteilen. Je nach Art machen sich die kleinen Tierchen nämlich auch in eurem Lager nützlich. Pflanzen-Pals säen zum Beispiel Felder automatisch neu an, Pals mit dem Element Wasser gießen und andere Monster ernten die fertigen Früchte dann ab und packen sie in Kisten zur Weiterverwendung. Feuer-Pals verhütten Metall oder bieten Feuer für Kochstellen. Einen großen Teil eures Lagerlebens könnt ihr damit automatisieren, während ihr euch auf weitere Erkundungstouren macht oder neue Pals sucht.

Aber ich hatte euch ja eigentlich Waffen versprochen. Jede Art der über 100 verschiedenen Pals besitzt eine sogenannte Partnerfähigkeit, von denen manche sofort verfügbar sind, andere jedoch erst durch bestimmte gecraftete Items freigeschaltet werden müssen. Auf einem Melpaca (praktisch ein Alpaka in Rosa) könnt ihr erst reiten, wenn ihr einen Sattel dafür gebaut habt, aber Cattiva (praktisch eine Katze in Rosa) hilft euch direkt ab dem Fang beim Tragen von Gegenständen. Und bei einer kleinen Handvoll Monster sind die Partnerfähigkeiten eben Schusswaffen.

Unser kleiner, grüner Affenfreund Tanzee bekommt zum Beispiel eine AK-47 in die Hand gedrückt und Elektro-Bär Grizzbolt seine Minigun. Viel häufiger werden die Pals selber zu Waffen, indem ihr unter Strom stehende Igel-Pals auf Gegner werft oder Foxparks unter den Arm nehmt und als Flammenwerfer benutzt. In allen anderen Fällen müsst ihr (genau wie in Ark) selber zum Schießeisen greifen, um euch die Monsterbrut vom Hals zu halten.

Nur Vorbild oder doch dreist geklaut?

Während in Pokémon aber noch nie jemand verhungert oder erfroren ist, kein Pikachu jemals eine Desert Eagle in der Hand hatte, selbst ein Bisasam sich zu fein dafür ist, mal einen Blick auf meine Geranien zu werfen, und es den ganzen Monster-Kram sowieso schon in zig anderen Spielen gibt, wie kann man Palworld dann Vorwürfe wegen Nachahmerei machen?

Wirft man einen genauen Blick auf das Design der Pals, dann lassen sich die Ähnlichkeiten zu bestimmten Pokémon leider nicht wegdiskutieren. Auf X (hieß früher mal Twitter) haben Nutzer mittlerweile Dutzende Beispiele für dreist kopiertes Aussehen gefunden.

Teilweise könnte man vielleicht noch das ein oder andere Auge zudrücken, denn am Ende des Tages ist “Frau mit Blumenkleid und Blüte auf dem Kopf” nicht unbedingt die Speerspitze der Kreativität, in anderen Fällen hingegen sind die “Zufälle” nicht wegzudiskutieren.

Das kugelrunde Kuschelschaf Lamball ist mit zusammengekniffenen Augen praktisch nicht vom Schaf-Pokémon Wolly zu unterscheiden und Pflanzen-Pal Verdash wirkt wie ein Liberlo, die letzte Entwicklung von Schild- und Schwert-Starter Hopplo, nur in Grün. Besonders dreist sieht die Sache allerdings bei Direhowl aus. Findige Spieler haben das Modell des Wolf-Pals mit dem von Wolwerock (Tagform) übereinandergelegt und eine Menge merkwürdiger Überschneidungen gefunden. Spätestens jetzt nehmen die Zufälle wohl doch ein wenig Überhand.

Ob sich die Künstler, die die Pals entworfen haben, nur ein bisschen zu sehr vom großen Vorbild haben inspirieren lassen oder ob doch eine KI zum Zug gekommen ist und die Taschenmonster einfach nur neu zusammengestückelt hat, lässt sich schwer sagen. Nintendo hat mittlerweile angekündigt, die Vorwürfe gegen Palworld untersuchen zu wollen. Erste Mods, die die Pals kurzerhand direkt mit entsprechenden Pokémon austauschen, wurden von Nintendo allerdings sofort verboten.

PocketPair does what Nintendon’t!

Warum aber verkauft sich Palworld trotzdem wie geschnitten Brot, obwohl es fast alle Mechaniken einfach von anderen Genre-Vertretern übernommen hat, die Pals bedenklich ähnlich zu Pokémon sind und das Spiel in der betagten Unreal Engine 4 nicht mal besonders gut aussieht?

Mal abgesehen davon, dass die brutale Werbung für das Spiel teilweise leicht überzogen und ein gefundenes Fressen für Presse und Influencer ist, trumpft Palworld dennoch mit seinem martialischen Ansatz und dem (vielleicht auch ungewollten) schwarzen Humor auf. Wo bei Pokémon noch das “Wir sind alle Freunde und kämpfen gemeinsam!”-Motto gilt, wird bei Palworld schnell klar, dass die Dinge hier ein bisschen anders laufen.

Von Anfang an sind die Pals eher Nutztiere, die in ihrer Welt auch ausgebeutet und gewildert werden. Der Handel mit den Tierchen ist sogar eigentlich verboten, wir können jedoch trotzdem unsere gesammelten Pals verkaufen oder neue erwerben. In der offenen Welt trefft ihr zudem immer wieder auf Wilderer oder militante Umweltschützer, die euch beide eure kleinen Freunde (oder Sklaven) wegnehmen wollen. Habt ihr die Bank dann irgendwann voll oder euch plagt doch noch der kleine Hunger, dann greift ihr kurzum zum Schlachtermesser und zerlegt eure ehemaligen Gefährten fachgerecht in ihre Einzelteile, um an Fleisch oder Leder zu kommen.

In den Pokémon-Spielen sind Wilderei und Ausbeutung der Taschenmonster zwar immer wieder Thema, unsere Protagonisten sind aber am Ende immer die strahlenden Helden, die mit ihren Monster-Kumpels den Tag retten. Mein persönliches Highlight ist der Pal-Entsafter, mit dem ihr überzählige Pals ganz offiziell zerhäckselt und ihre Artgenossen mit den Überresten füttert, die dafür dann wesentlich stärker werden. Einen Enton-Smoothie wird man bei Pokémon demnächst eher nicht zu Gesicht bekommen. Palworld verzichtet also auch abseits der Schusswaffen auf den Nintendo-typischen Zuckerguss.

Der wahrscheinlich größte Grund für den Erfolg von Palworld liegt aber wohl bei der Konkurrenz selbst. Seit Langem fordern Pokémon-Fans einen Ausbruch aus dem immer gleichen Gameplay, das eigentlich nur alle paar Jahre mal für eine neue Edition in eine schickere Grafik gehüllt wird.

Vor allem die Open World ist ein großes Thema für Serien-Veteranen. Nach den ersten zaghaften Gehversuchen mit der Naturzone in Schwert und Schild machten Karmesin und Purpur ja einen weiteren Schritt hin zur offenen Spielwelt, allerdings ist diese immer noch recht leer und bietet nur leidlich spannende Entdeckungen. Hat man die Gebiete einmal für die Story durchlaufen, gibt es eigentlich keinen Grund, noch einmal an bereits besuchte Orte zurückzukehren, wenn man nicht gerade noch seine Sammlung vervollständigen will. Und selbst dann fliegt man nur kurz zum nächstgelegenen Pokécenter, schließt seine Lücke im Pokédex und verschwindet wieder. Kein Vergleich mit anderen Open-World-Spielen wie Breath of the Wild oder Elden Ring.

Palworld ist definitiv kein hübsches Spiel, voller Bugs und lange noch nicht fertig, aber leider schneidet Pokémon da nicht viel besser ab. Einbrüche der Framerate, plötzlich aufploppende Personen und Pokémon, matschige Texturen und unschön aneinander geklebte Gebiete beweisen, dass Technik allein nicht unbedingt Teil des Erfolgs ist. Palworld befindet sich derzeit zumindest noch im Early Access, kostet nur ca. ein Drittel eines aktuellen Pokémon-Titels und lässt sich sogar auf Xbox und PC (im Game Pass sogar kostenlos) spielen.

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Als Fan der Pokémon-Reihe freue ich mich bei all den Problemen und Kontroversen dennoch über den großen Erfolg von Palworld. Im Moment hab ich einfach Spaß beim Sammeln und Ausbeuten der kleinen Pals und der Erkundung einer mir vollkommen unbekannten und ungewohnten Spielwelt, und vielleicht ist genau dieser Hype der Tritt in den Allerwertesten, den Nintendo brauchte, um endlich über den eigenen Schatten zu springen und der Open World im nächsten Pokémon-Spiel mehr Tiefe zu verleihen. Muss ja nicht gleich der Enton-Smoothie oder das Arbeitslager sein, aber vielleicht könnten die Taschenmonster wenigstens nach dem Picknick den Tisch selber abräumen oder sich ein Bisasam mal meine Geranien anschauen. Wäre ja zumindest ein Anfang ...

Palworld - Early Access Launch Trailer

Das als "Pokémon mit Waffen" beschriebene Palworld ist im Early Access gestartet und sorgt direkt für Furore.

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