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Test - Opus: Prism Peak : Test: Ein Story-Spiel, das mich wahrscheinlich nie wieder loslässt

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Opus: Prism Peak beginnt im Test als einfacher Walking Simulator mit Fotografie-Einlagen. Doch je mehr ich spiele, desto klarer wird mir, dass das Adventure auf den zweiten Blick so viel mehr zu sagen hat. Wer genau hinsieht, erlebt vielleicht eine der intensivsten Spielerfahrungen der letzten Jahre.

Wenn mich jemand nach meinen liebsten Story-Spielen fragt, lächle ich meist verschwörerisch und forme fast lautlos einen Namen mit meinen Lippen: “Opus”. Dafür ernte ich oft irritierte Blicke. Wie sollen ein paar kurze, spielerisch sogar noch eher holprige Adventures mit epischen Abenteuern à la Witcher oder Clair Obscur mithalten?

Und ich gebe den Kritikern recht. Die Opus-Reihe ist längst nicht perfekt - auch nicht der neue Teil Prism Peak, obwohl der spielerisch und optisch einen großen Sprung macht. Aber den Abenteuern im Visual-Novel-Stil gelingt etwas, was kaum ein anderes interaktives Werk schafft: Sie werden wahrhaftig zu meiner eigenen Geschichte. Und das so sehr, dass ich am Ende aufgewühlt vor dem Bildschirm sitze und mich frage, ob meine Geschichte und die im Spiel vielleicht dieselbe sind.

Keine Sorge, für diese Erfahrung müsst ihr weder die Vorgänger kennen, noch sonst etwas über Opus wissen. Denn obwohl die Story so tief schürft, ist sie gleichzeitig wahnsinnig zugänglich - selbst dann, wenn ihr sonst nicht einmal viel zockt.

Von der Autobahn ins Wunderland?

Opus: Prism Peak lässt mich in die Rolle von Eugene schlüpfen, einem 40-jährigen, arbeitslosen Fotojournalisten, der gerade seine Kamera verpfändet hat. Nun geht es heim aufs Land, wo sein Großvater beerdigt wird, der eigentlich schon vor Jahren verschwunden ist. Frisch geschieden ist der Gute auch noch, kurz gesagt, es läuft gar nicht gut.

Allerdings passiert auf der Fahrt etwas Merkwürdiges: Dichte Nebelschwaden ziehen plötzlich aus den Nichts auf und mein Wagen bleibt in einem Tunnel liegen. Als ich mich aus der Fahrertür schäle, ist nichts, wie es sein sollte. Kryptische Gemälde überziehen die Betonwände des Tunnels und niemand ist zu sehen, keine Menschen, keine Fahrzeuge. Mein Handy und mein Autoschlüssel sind weg, dafür blockiert jetzt eine Holzstatue mit einer Kamera die Straße.

Unbehaglich schiebe ich mich vorbei und lasse die apokalyptische Szene hinter mir. Vor dem Tunnel eröffnet sich allerdings ein Wald und keine Straße. Ein Wald, in dem ein kleines Mädchen liegt. Als ich sie anspreche und ihr aufhelfe, erhebt sich plötzlich etwas aus der Dunkelheit. Ein Schatten, rasend vor Wut, prescht auf mich zu wie der besessene Eber aus dem Ghibli-Film Prinzessin Mononoke, während Bäume unter ihm wie Streichhölzer abknicken. Geistesgegenwärtig nehme ich das Mädchen Huckepack und laufe um mein Leben.

Ihr merkt schon, Prism Peak ist eine surreale Erfahrung. Das Adventure wird wie eine Fabel in einem fernen Land erzählt, in dem mir unterschiedliche Tiergestalten begegnen. Alles steht für eine Person und einen Abschnitt in Eugenes Leben. Selten wird etwas klar ausgesprochen, aber wenn ich zwischen den Zeilen lese, erfahre ich nach und nach wie Eugenes vielversprechende Träume platzen konnten und ob es vielleicht doch noch Hoffnung gibt.

Wer genau hinschaut, wird belohnt

Nach der halsbrecherischen Flucht finde ich mich in den Dämmerlanden wieder, wo das Mädchen mich bittet, sie auf den Gipfel des Berges zu begleiten. Der ragt weit in der Ferne hoch in die Wolkendecke hinauf. Sie glaubt, dort zu wohnen, kann sich aber nicht einmal an ihren Namen erinnern. Ähnlich wie in The Last of Us werde ich zu ihrem Beschützer und wir begeben uns auf eine turbulente Reise zum Berggipfel, während der Schatten uns weiterhin nachstellt.

Der stilisierte Grafik-Stil erinnert wie die unwirkliche Verfolgungsjagd zu Beginn stark an die Ghibli-Anime-Filme und setzt die Dämmerlande wunderschön in Szene. Egal, ob ich über die überwucherten Fabrikruinen klettere, den Sonnenuntergang aus einem fahrenden Zug betrachte oder zwischen blühenden Kirschbäumen die Überreste eines Straßenfestes untersuche. Die Welt wirkt gleichzeitig malerisch und seltsam wehmütig, weil alles langsam, aber unaufhaltsam zu zerfallen scheint.

Die oben erwähnten Tiere bleiben dabei erstmal verschwommene Gestalten. Der gigantische Ochse, der unter der Fabrik begraben wurde, schimpft und wettert, während die ungeduldige Hündin am Bahnhof mich scheinbar grundlos anzickt. Erkunde ich fleißig und schieße Fotos, lerne ich nach und nach aber mehr über sie - und auch über mich selbst.

Der Schatten jagt nicht nur uns, sondern auch die anderen Bewohner des seltsamen Landes. Retten kann man sie nur, indem man sie fotografiert, um sie vor dem Verblassen zu bewahren. Schieße ich ein Bild von der Hündin, sehe ich sie plötzlich klarer und erforsche ich den Bahnhof, indem ich mit weiteren Objekten interagiere und zusätzliche, optionale Bilder schieße, schalte ich meine Erinnerungen an sie frei.

Mehr als nur Schnappschüsse

Das klappt über Feuerschalen, die sich in jedem Abschnitt finden. Die fungieren gewissermaßen als Questgeber und fordern von mir bestimmte Motive, über die ich dann wichtige Gegenstände wie Zugtickets, Notizen mit Hintergrundinfos oder kosmetische Goodies wie Rucksäcke für das Mädchen freischalte. Ich erfahre stets aber auch ein wenig mehr über die Charaktere, die mir in der Welt begegnen.

Fotografiere ich etwa wie aufgefordert den Verkaufsautomaten am Gleis, darf ich mir anschließend eine Sequenz aus der Vergangenheit ansehen, in der Eugene mit seinem Großvater ein überzuckertes Getränk probiert. Ein Foto von einer weiteren eigenartigen Statue enthüllt wiederum eine Abschiedsszene, in der Eugene seine Freunde im Dorf verlässt, um in die große Stadt zu ziehen.

So ist die Hündin in Wahrheit eine alte Freundin, die Eugene eigentlich längst vergessen hatte. Gemeinsam begreifen wir nun langsam, wie es ihr wirklich ging, als er sie damals verließ und was aus ihr geworden ist. Das fühlt sich so intensiv an, weil ich nicht nur sie besser kennenlerne, sondern eben auch Eugene, dessen Leben sich nach und nach zu einem schlüssigen Gesamtbild entwickelt. Außerdem darf ich das Gelernte in meinem Notizbuch selbst zusammenfassen und letztlich meine eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen.

Verstehen, nicht nur sehen

Prism Peak bringt nämlich verschiedene Währungen mit, die geschmeidig ineinandergreifen. Untersuche ich die Umgebung, erhalte ich Samen, die ich dann wiederum im Feuer verbrenne, um optionales Zubehör für meine Kamera freizuschalten - etwa Filter (ja, die gab es auch schon vor Instagram) oder Putz-Sets für das Objektiv. Beide machen nicht nur die Bilder schicker, sondern enthüllen unter anderem auch versteckte Details. Beim Verbrennen entsteht zudem Asche, die ich wiederum als Tinte für mein Notizbuch nutze.

Dort halte ich nicht nur das fest, was ich über die Figuren gelernt habe und ordne es selbst ein. Ich sammle auch Fotos von Wandbildern und anderen Eindrücken aus der Welt, die mir mehr über ihre Geschichte verraten.

Hier findet die eigentliche Progression von Prism Peak statt: Denn wie viel ich lerne, hängt davon ab, wie gründlich ich erkunde und welche Bilder ich schieße, während ich der recht linearen Story folge. Hin und wieder treffe ich direkte Entscheidungen - etwa, ob ich das kränkliche Mädchen zwischendurch zurücklasse oder überall hin mitnehme.

Das Ende wird passenderweise aber letztlich davon bestimmt, wie genau ich hinschaue und ob ich mein Gegenüber wirklich erkenne. Dafür reicht es nicht, ihre wahre Identität zu bestimmen. Ich muss auch ihre Motivation und ihre Gefühle begreifen. Das Notizbuch zeigt mir meinen Stand in Prozent an - wie hoch dieser Wert ausfällt, entscheidet am Ende, ob Eugene sich seiner Vergangenheit stellen kann oder nicht.

Scheitern gehört zum Leben dazu

Hier kommt Prism Peak hin und wieder dann doch ins Straucheln, weil es eigentlich auf sprachliche Präzision ankommt. Zumindest in der deutschen Übersetzung fallen viele Formulierungen aber ähnlich oder schwammig aus, sodass es nicht immer leicht fällt, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ob die Fischdame nun geflohen ist, weil sie nicht mehr einsam sein wollte oder Angst vor dem Alleinsein hatte, macht durchaus einen Unterschied, lässt sich zum Teil aber nicht eindeutig aus den Dialogen und Hinweisen ableiten.

Hinzu kommt, dass man selbst bei gründlichem Erkunden leicht viel verpasst, weil viele Hinweise sehr vage ausfallen oder man ein Gebiet aus Versehen vorzeitig verlässt. Das ist aber nicht schlimm: Nach einem (vielleicht bittersüßen) Ende, kann man die Story erneut erleben. Wie in einem New Game Plus erhalte ich dafür aber neue Ausrüstung, die mir dabei hilft, diesmal mehr zu sehen und andere Entscheidungen zu treffen.

Das passt wiederum wunderbar zur Botschaft von Opus: Prism Peak. Das Leben kann niemals perfekt sein und nicht alles lässt sich reparieren. Aber es ist trotzdem wichtig, es zu versuchen.

Greift zu, wenn...

… ihr gerne grafisch schöne, emotional aufwühlende Adventures mögt und euch auch nicht davor scheut, ein paar Tränchen zu verdrücken.

Spart es euch, wenn...

… ihr eine spielerische Herausforderung sucht und vor allem entspannte Abendunterhaltung wollt.

Fazit

Elena Schulz - Portraitvon Elena Schulz
Eine Reise mit und zu mir selbst

Opus: Prism Peak ist eines dieser Spiele, die mehr sind, als die Summe ihrer Teile. Ja, auf dem Papier laufe ich nur herum, schieße Fotos, quatsche mit Tieren und leite aus all dem ab, wie Eugenes Leben vorher aussah. Aber auf einer zweiten Ebene passiert dabei auch sehr viel mit mir als Spielerin. Ich grüble über eine alte Schulfreundin nach, zu der ich den Kontakt verloren habe oder frage mich unwillkürlich, wie ein Verflossener das Ende unserer Beziehung wirklich empfunden hat.

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Deshalb ist Prism Peak für mich vor allem eine Einladung, sich zu erinnern und sich zu fragen, ob man die Welt und die Menschen um sich herum wirklich sieht und versteht oder nur nebeneinanderher lebt. Und genau deshalb funktioniert Opus für mich gerade als Spiel so gut. Denn ich bin mittendrin, statt nur über all das belehrt zu werden. Ich erlebe, fühle, zerstöre, repariere und erinnere mich dabei gleichzeitig mit Eugene daran, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Überblick

Pro

  • malerische Anime-Grafik im Ghibli-Stil
  • spaßige Fotografie-Mechanik mit vielen (optionalen) Features
  • sympathische und wirklich greifbare Charaktere
  • rührende, lebensnahe Geschichte, die von meinen Entscheidungen beeinflusst wird

Contra

  • Konsequenzen manchmal unvorhersehbar oder schwer nachvollziehbar
  • Hinweise teils sehr gut versteckt, ungenau oder widersprüchlich

Awards

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