Test - Tides of Tomorrow : Test: So ein Spiel habt ihr noch nie gespielt!
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Als Tides of Tomorrow vor über einem Jahr angekündigt wurde, machte es mich mit seinem ungewöhnlich klingenden Spielkonzept sofort neugierig, wenngleich ich nicht im Mindesten verstand, was genau darunter zu verstehen war. Als „narratives, asynchrones Multiplayer-Adventure, das man mit und gegen andere Spieler und Influencer spielt“ beschrieben es die Entwickler und stifteten damit mehr Verwirrung als Klarheit. Jetzt habe ich es durchgespielt und kann euch endlich sagen, was damit gemeint ist. Und das ist ganz und gar fantastisch, innovativ und einzigartig!
Tides of Tomorrow spielt in einer postapokalyptischen Welt, die ähnlich wie im Film Waterworld nach dem Klimakollaps vollständig unter Wasser steht – aber in einer grellbunten Optik wie in Borderlands. Die letzten Menschen haben sich aus dem allgegenwärtigen Plastikmüll schwimmende Inseln aus Schrott gebaut und kämpfen ums Überleben, weil Mikroplastik ihre Körper vergiftet und allmählich von Innen heraus zerstört.
Die Apokalypse wird bunt
Ihr spielt einen sogenannten Tidewalker: mysteriöse Auserwählte unbekannter Herkunft, die über hellseherische Fähigkeiten verfügen und denen es einer Prophezeiung zufolge bestimmt ist, ein Heilmittel gegen die Plastikseuche zu finden.
Und so brecht ihr auf eure Pilgerreise auf, besucht auf eurem Boot die verschiedenen Inseln mit ihren unterschiedlichen Fraktionen, gewinnt Freunde und Verbündete und schmiedet Allianzen, um die Welt zu retten.
Auch wenn die Spielwelt von Tides of Tomorrow riesig wirkt und viele Freiheiten gewährt, ist der Ablauf hindurch verhältnismäßig linear strukturiert. Wie in einem Spiel von Telltale oder Dontnod führt ihr Dialoge und trefft darin ständig Entscheidungen, die den Verlauf der Handlung und das Schicksal der Welt beeinflussen. Außerdem schleicht ihr euch regelmäßig in Stealth-Passagen durch Geheimverstecke und Labore, fahrt ab und zu auch mal Bootsrennen, löst kleinere Rätsel und müsst vor allem stets auf euren Vorrat an Geld und Medizinflaschen achten, denn auch als Auserwählter seid ihr nicht vor der Gefahr durch die Plastikseuche gefeit.
Je nachdem wie ihr euch in bestimmten Situationen und Gesprächen verhaltet, entwickelt sich die Persönlichkeit eures Charakter wie in einem Rollenspiel in unterschiedliche Richtungen: verhaltet ihr euch hilfsbereit, egoistisch, mitfühlend oder naturverbunden? Dies macht euch schlussendlich bei den verschiedenen Fraktionen und ihren meist eher zwielichtigen Anführern gewogen oder verhasst: den rücksichtslosen Plünderern, den religiös fanatischen Propheten und den verzweifelt ums Überleben kämpfenden Recyclern.
Und am Ende hängt natürlich nicht nur das Schicksal der gesamten Menschheit von euren Taten ab, sondern auch das ganze Ökosystem der Erde am seidenen Faden, denn unverkennbar ist Tides of Tomorrow ein Spiel, das nachdrücklich, aber nicht aufdringlich auch eine ökologische Botschaft vermittelt.
Ein Singleplayer-Game, das man zusammen spielt. Hä?!
All das in einem Spiel von ordentlichen 12 Stunden Länge hätte vermutlich schon ausgereicht, um an dieser Stelle ein positives Fazit zu ziehen. Tides of Tomorrow hat mir vom ersten Augenblick einen Riesenspaß gemacht, es ist nie um originelle Ideen und ständige Abwechslung verlegen, sieht trotz seines sehr minimalistisch kantigen Grafikstils herrlich schrill aus, entwirft eine Spielwelt voller sagenhafter Details und bemerkenswerter Lebendigkeit und reißt mit seiner Geschichte vom ersten Moment an mit.
Doch den eigentlichen Kern des Spiels, das wirklich Besondere, habe ich noch gar nicht erwähnt. Tides of Tomorrow stammt vom französischen Entwicklerstudio DigixArt, das mit ihrem Spiel Road 96 (Test) bereits eine höchst ungewöhnliche Variation interaktiver Story-Games vorlegte. Darin habt ihr die Abenteuer eines Roadtrips wie in einem Roguelike in mehreren „Runs“ erlebt, während sich die Geschichte der Spielwelt mit jedem Durchgang stets forterzählt und sogar gemäß eurer Entscheidungen verändert. Diese Idee haben die Entwickler mit ihrem neuen Spiel nun massiv ausgebaut und neu gedacht.
Denn in Tides of Tomorrow formt ihr mit euren Entscheidungen nicht nur eure eigene Story und Spielwelt, sondern vor allem auch die von anderen Spielern, die nach euch kommen. Und entsprechend findet ihr in eurem eigenen Spieldurchgang eine Welt vor, wie sie euch andere Spieler hinterlassen haben.
Was heißt das? Nun, in Tides of Tomorrow spielt ihr nicht den einen Auserwählten, der die Welt rettet, sondern lediglich einen in einer ganzen Reihe von Helden, die vor euch kamen und nach euch folgen werden. Also Spieler, die das Spiel schon durchgespielt haben und nach euch spielen werden.
In jedem Durchgang „folgt“ ihr einem bestimmten Spieler – einem Freund, einer bekannten Persönlichkeit oder einer zufälligen Person. Abhängig von deren Entscheidungen, findet ihr eine teilweise stark veränderte Spielwelt vor: Hat sich der Spieler vor euch hilfsbereit und freundlich verhalten, empfangen euch die Händler auf dem Marktplatz mit offenen Armen und herzlichen Worten. Hat er stattdessen Chaos gestiftet oder vielleicht den Hauptmann der Banditen bestohlen, patrouillieren schwer bewaffnete Wachen und die Bürger begegnen euch mit Misstrauen.
Das Gefühl beim Spielen ist entfernt vergleichbar, als würde man den x-ten Run in einem Rogue-like oder einem interaktiven Story-Spiel spielen, hat aber die anderen Durchgänge nicht gespielt und weiß entsprechend nicht, was darin passiert ist. Jeder einzelne NPC aber schon.
Andauernd wird man daher auf das Verhalten des Vorgängers angesprochen oder kriegt zwischen den Zeilen mit, wie sich dieser geschlagen hat. „Dein Freund hat uns sehr geholfen“, erwähnen sie etwa, „deswegen helfen wir dir auch.“ Oder: „Er hat mir den letzten Heiltrank gestohlen, deswegen habe ich jetzt keinen mehr für dich.“ Oder auch: „Dein Vorgänger war eine totale Lusche. Du hast also jetzt einiges wieder gutzumachen.“
Wie die geisterhaften Erscheinungen anderer Spieler in Dark Souls könnt ihr allerorts Visionen eurer Vorgänger beschwören, um zu sehen, was diese gemacht, gesagt und erlebt haben, erhaltet dadurch womöglich einen Hinweis, was ihr tun müsst oder wie ihr es besser machen könnt als jene, oder erhaltet einen Eindruck davon, welche völlig andere Geschichte sie erlebt haben. Man könnte es auch so beschreiben: Während ihr z.B. in Telltale-Spielen erst am Ende in Form einer Statistik seht, wie sich andere Spieler an eurer Stelle verhalten haben, seid ihr in Tides of Tomorrow stets live dabei und könnt eure eigene Entscheidung daran ausrichten.
Gleichzeitig schwingt dadurch beim Spielen stets das Bewusstsein darüber im Hinterkopf mit, selbst quasi ständig unter Beobachtung zu stehen, weil irgendein anderer Spieler einem nachfolgen wird. Denn alles, was man tut, kann dieser wiederum in Visionen sehen und wirkt sich in irgendeiner Form auf seinen Spieldurchgang aus.
Wenn ihr etwa die Große Maschine der Mystiker sabotiert, wird sie bei eurem Follower nicht für ihren Budenzauber einsatzbereit sein und er muss einen anderen Weg finden, ihr Vertrauen zu gewinnen. Wenn ihr eure Gefährten aus Gefangenschaft befreit, können sie eurem Nachfolger andernorts unterstützen (und werden womöglich wieder gefangen genommen). Wenn ihr euch mit dem Bösewicht verbündet, wird er nachfolgenden Spielern zunächst freundlich gesinnt begegnen, aber die Bevölkerung unterdrücken. Wenn ihr eine Brücke zerstört, ist sie vorerst nicht mehr passierbar – es sei denn, ihr repariert sie für nachkommende Mitspieler wieder.
Eine Lektion in Hilfsbereitschaft und Mitgefühl
Ihr könnt aber auch Ressourcen für andere Spieler hinterlassen, um ihnen auf ihren Abenteuern zu helfen. Warum ihr das tun solltet? Nun, auch das gehört zu der besonderen Magie von Tides of Tomorrow: Es ist gleichsam eine Lektion in Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Teamwork, deren Wert womöglich über das reine Zweckdenken von Videospiel-Logik hinausgeht. Tides of Tomorrow ist zwischen den Zeilen ein zutiefst philosophisches Spiel.
Tides of Tomorrow schafft es dadurch auf gewisse Weise, zum ersten wahrhaft glaubhaften MMO zu werden, wenngleich (oder eben gerade weil) es gar kein MMO ist. Die Spieler begegnen einander zwar nie persönlich in der Spielwelt, sondern nehmen sich nur durch ihr Wirken, ihr Vorher und Nachher wahr. Doch während jeder NPC in einem MMO exakt dieselbe Quest an jeden einzelnen Spieler verteilt und jeder dieselbe Heldentat vollbringt, ohne dass sich die Welt dessen bewusst wäre, weiß Tides of Tomorrow, wenn jemand die Quest vor mir schon gelöst hat, erlebe ich dann etwas anderes, das darauf aufbaut, und schaffe einen neuen Zustand, auf den jemand anderes irgendwann reagieren muss.
„Klingt trotzdem ziemlich seltsam“, sagst du jetzt vielleicht. „Ich weiß ja nicht, so richtig verstehe ich es immer noch nicht.“ Absolut, ich konnte mir das auch nur schwer vorstellen, selbst nachdem mir die Entwickler persönlich eine Stunde lang auf der Gamescom ihr Spiel erklärt hatten. Und ich will jetzt auch gar nicht so viel mehr erklären und zerreden, sondern es bei der Ahnung belassen, die dich erwartet, denn viel wichtiger ist ja: „Funktioniert das auch alles so, dass es Spaß macht?“ Genau das war die Frage, die ich mir seit der Ankündigung gestellt habe, und meine Antwort darauf könnte nicht eindeutiger ausfallen: wahnsinnig gut!
Tides of Tomorrow erschafft etwas vollkommen Neues, das es so noch nie in einem Videospiel gegeben hat. Und dem sollte man unbedingt eine Chance geben.
Greift zu, wenn...… ihr ein innovatives Story-Spiel erleben wollt, in dem eure Entscheidungen nicht nur eure Geschichte, sondern auch die anderer Spieler beeinflusst.
Spart es euch, wenn...… ihr euch grundsätzlich nicht für experimentelle Spielkonzepte begeistern könnt.






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