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Test - The Darkest Files : Test: Dieses Spiel ist nicht nur wichtig, sondern auch richtig gut

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Dass es Spaß machen kann, Anwalt zu spielen, beweisen seit jeher die Spiele der Ace-Attorney-Serie. Mit The Darkest Files widmet sich Paintbucket Games nun aber der Aufarbeitung des Unrechts aus dem Nationalsozialismus in den jungen Jahren der Bundesrepublik. Herausgekommen ist ein vielschichtiges Gesellschafts- und Charakterporträt, das mit atmosphärischer Dichte und narrativer Brillanz überzeugt.

Vor gut fünf Jahren veröffentlichte Paintbucket Games Through The Darkest of Times. Kernidee damals: eine Widerstandsgruppe während der zwölf Jahre des Nationalsozialismus verwalten, dazu einige Interactive-Novel-Passagen. So mutig und ästhetisch stilsicher der Titel war: Ganz perfekt fiel er nicht aus, insbesondere die sich schnell wiederholenden Mechaniken der Aktions- und Gruppen-Planung fielen negativ auf.

Gleichzeitig gelang es dem Titel, das richtige Maß an gesellschaftlicher Einsicht und Empathie zu finden. Ein Problem, das sich Produkte mit ganz klarem Feindbild wie etwa The Saboteur gar nicht erst machen – an dem andere aber scheitern. Das 2022 erschienene Gerda: A Flame in Winter etwa bemühte sich, auch noch dem letzten SS-Schurken eine tragische Familiengeschichte nachzusagen. Der Grat zwischen aufrichtiger historischer Nuancierung und „Krieg ist halt schon schlimm“-Banalitäten verlief schmal – und der Vorgänger traf ihn.

Akten statt Sabotage-Akte

Gemischte Voraussetzungen also für den Nachfolger The Darkest Files. Erst einmal klingt es ja deutlich weniger spannend, in einer Staatsanwaltschaft zu arbeiten, als aktiven Widerstand zu organisieren. Aktenberge durchkämmen? Verhöre durchführen? Vor Gericht Beweisketten liefern? Das ist ein deutlicher Umschwung vom Vorgänger, und er tut dem Spiel verdammt gut, denn das Team um Jörg Friedrich und Sebastian St. Schulz besinnt sich damit auf ihre Stärke: gute, komplexe Geschichten mit klarem moralischem Kompass zu erzählen und uns die Hintergründe erkennen lassen.

Wir spielen Esther Katz, die frisch im Team des hessischen Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer einsteigt und in mehreren Kapiteln umfangreiche Fälle bearbeitet. Bauer selbst ist eine echte historische Person: Der Weggefährte Willy Brandts war an zahlreichen wegweisenden gerichtlichen Aufarbeitungen der Nachkriegszeit beteiligt, unter anderem die Auschwitzprozesse gehen maßgeblich auf seine unermüdliche Arbeit zurück.

Damit machte sich Bauer dereinst nicht viele Freunde, die westdeutsche Gesellschaft wollte den Zeigefinger nicht auf sich gerichtet sehen. Zur Erinnerung: Der erste Bundespräsident Theodor Heuss hatte 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Konrad Adenauers Kanzleramtschef Hans Globke war Mitverfasser und juristischer Kommentator der Nürnberger Rassegesetze. Die FDP wetterte in ihren Bundestagskampagnen gegen die Entnazifizierung der Siegermächte und forderte einen Schlussstrich.

Öffentliche Demonstrationen vor Verhandlungen und Drohbriefe an Bauers Team prägen den Alltag. Auch unsere Familie fragt, ob wir nicht lieber einen klassischen Anwaltsjob nehmen sollten, die Nachbarn reden und so. Diesen gesamten Zeitkolorit bringt The Darkest Files fast durchgängig mit einer selten gesehenen Souveränität herüber, nur vereinzelt wirken manche Dialogpfade wie Pflichtübungen.

Der Alltag in der Staatsanwaltschaft

Wir bewegen Esther wie in einem First-Person-Adventure durch das Bürogebäude und durch die diversen Szenerien in den Verhören (dazu gleich mehr). Ersteres hätte es in dieser Form nicht gebraucht – oder zumindest alternativ wären Shortcuts möglich gewesen. Nachdem wir einmal durch die Büroräume geflitzt sind, ist der spielerische Mehrwert marginal, fürs nächste Gespräch jetzt aktiv in den Konferenzraum oder zum Büro eines Kollegen zu hetzen. Idee: Der betagte Fußballmanager Anstoss 3 bot die Möglichkeit, sowohl über ein klassisches Menü allen Tätigkeiten nachzugehen, als auch wahlweise die womöglich atmosphärischen Laufwege in Kauf zu nehmen.

In jedem Fall sichten wir also Akten, leeren das Postfach, sprechen mit unserer Assistenz, telefonieren – und führen jede Menge Gespräche. Oft richtet sich eine Angehörige oder ein Angehöriger eines Opfers an uns: Hier wurde jemand nach damaligem Recht wegen Hochverrat oder vermeintlicher Plünderung unter besonderer Ausnutzung der Kriegslage verurteilt, aber die Sachlage stellte sich eigentlich ganz anders dar.

Die Verhöre mit den Zeuginnen und Zeugen nutzen dann die reduzierte Ästhetik voll aus – in den kahlen Erinnerungsräumen stechen etwa Flammen oder rote Flaggen noch einmal besonders hervor. Was aber wirklich höchste Anerkennung verdient: Auch wenn wir in den Erinnerungen nicht viel mehr machen als von Punkt zu Punkt zu laufen und relevante Personen und Gegenstände anzuklicken für Aussagen unserer Gesprächspartner, ist die Inszenierung dicht und enorm immersiv.

Die englische Sprachausgabe schlägt hier selbst manche AAA-Produktion. Die Stimmen haben fast durchgehend einen deutschen Akzent, aber der fällt weit subtiler aus als die typischen Probleme-mit-dem-Th-Artikulanten in Film und Fernsehen. Ob Auswahl der Besetzung oder Dialogregie: Die Audio-Untermalung von The Darkest Files verdient höchstes Lob und hebt die Verhöre oder auch persönlichen Rückblenden in die atmosphärische Königsklasse. Die Geschichten selbst lehnen sich an echte historische Vorfälle an und erfordern einiges an Aufmerksamkeit.

Einspruch!

Aus den Verhören und Unterlagen sammeln wir schließlich möglichst überzeugende Beweisketten oder versuchen, Widersprüche in den Zeugenaussagen aufzuklären. Wer hat hier wirklich geschossen, wer war vielleicht gar nicht zugegen? Referenzen aus Aussagen oder Unterlagen wie Personalakten, Lebensläufen, ursprünglichen Verurteilungen werden durchforstet und während der Verhöre und später im Gerichtsprozess als Beweis vorgebracht.

Hier kommt die einzige wirkliche Detail-Schwäche von The Darkest Files zum Tragen: Nicht immer erschien es uns vollkommen plausibel, warum bestimmte Dokumente als Beweis vor Gericht akzeptiert wurden oder eben nicht. Ein lapidares „Ich sehe den Zusammenhang nicht“ des Richters hilft auch wenig, analog zum ewigen „Das klappt so nicht“ in Adventure-Spielen.

Immerhin erlaubt das Spiel, üppigere Hinweise einzublenden oder die Spezifizität der erforderten Dokumente zu senken, sodass kein konkreter Abschnitt vorgetragen werden muss. Und schließlich kann eine eher mäßige Benotung – und schlimmer: eine unzureichende Verurteilung der wahren Straftäter – auch wirklich motivieren, es beim nächsten Mal besser zu machen. Zusätzlich zu unserer professionellen Entwicklung als Staatsanwältin gibt es im Spielverlauf auch eine persönliche Note, die sich nach und nach entfaltet. Auch hier gilt: Geschichte und Gespräche tragen The Darkest Files.

Fünf Jahre nach Through The Darkest of Times hat es Paintbucket Games geschafft: Der Nachfolger im Geiste macht quasi alles besser. Akten durchstöbern, die grauen Zellen kombinieren lassen und in Verhören dem Unrecht auf den Grund gehen – das hat selten so motiviert!

Greift zu, wenn...

… ihr gerne Schlussfolgerungen trefft und auch schon immer mal wissen wolltet, wieso die Verurteilung vieler Nazi-Verbrecher so schleppend lief.

Spart es euch, wenn...

… ihr Puzzles und wenig aufmunternden Themen nichts abgewinnen könnt.

Fazit

Christian Burtchen - Portraitvon Christian Burtchen
Die Staatsanwaltschaft gegen das Vergessen: Paintbucket Games überzeugt

Bei der Ankündigung von The Darkest Files war ich einigermaßen skeptisch. Ist das nicht ein zwar wichtiges, aber dennoch zu sehr in der Nische gelegenes Thema? Through the Darkest of Times hatte ich zudem gemocht – insbesondere die erzählerischen Passagen -, fand die Mechanik im freien Spiel aber etwas zu offensichtlich systemisch und brettspielartig.

Wie sehr freut es mich also, dass das fertige Produkt die Augenbrauen nicht nur senken lässt, sondern tatsächlich deutlich sagt: Nicht nur ist die Aufarbeitung und Aufbereitung dieser Thematik wichtig, sie lässt sich auch spielerisch richtig gut umsetzen. Paintbucket Games haben die Atmosphäre der Adenauer-Zeit eingefangen und geben mir nie das Gefühl, versehentlich ein „Lernspiel“ abzuarbeiten.

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Das Ablaufen der Tatorte in den Verhören gehört mit seiner reduzierten Inszenierung zu einem der intensivsten Erlebnisse, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, wozu auch die streckenweise wirklich hervorragende Vertonung ihren Beitrag leistet. Tatsächlich ging ich nach den Enden der Sessions noch einmal selbst auf Recherche-Reise über Fritz Bauer und die besprochenen Fälle.

Jede auch nur halbwegs historisch interessierte Person sollte Esther Katz‘ Recherchen und Anklagen ihre Zeit zuwenden – es lohnt sich!

Überblick

Pro

  • gut geschriebene, komplexe Geschichte
  • fabulöse englische Sprachausgabe
  • frei einstellbare Schwierigkeitsgrade und Hilfe-Systeme
  • umfangreiche Recherche-Optionen
  • atmosphärisch dichte, beklemmende Rückblenden
  • gelungene Ästhetik

Contra

  • keine deutsche Sprachausgabe
  • eher überflüssiges Rumlaufen im Büro-Alltag
  • teilweise unklare Beweis-Logik

Awards

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