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Special - Homosexualität : Von YouTube-Stars und Spieleredakteuren

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Interview: Markus* (Name der Redaktion bekannt)

Gameswelt: Stell dich bitte kurz vor. Was machst du in der Spiele-Branche?

Markus: Ich bin mit fast 40 Jahren ein alter Hase im Public-Relations-Geschäft und habe sowohl bei klassischen Publishern, Browser-Games-Anbietern, Agenturen als auch Online-Firmen gearbeitet. Aktuell kümmere ich mich um ein internationales Team von PR-Leuten für Online-Spiele.

Gameswelt: Mit dem Coming-out von Hitzlsperger ist das Thema "Homosexualität" in den Medien wieder in den Vordergrund gerückt. Seit wann weißt du, dass du dich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlst?

Markus: Für mich gab es, so lange ich denken kann, nie etwas anderes als andere Jungs beziehungsweise Männer, die ich angehimmelt hatte beziehungsweise bei denen ich mich in den Armen hätte wohlfühlen können – das war schon vor der Pubertät so und hat sich während der Pubertät weiter gefestigt, bis irgendwann dann aus der gefühlsmäßigen Theorie auch Praxis werden durfte. So gesehen bin ich schon seit meiner Geburt schwul – habe aber erst mit 21 mein Outing in Angriff genommen und meinem Gefühl Ausdruck verleihen können.

Gameswelt: Die Spiele-Branche, allen voran Online-Communitys, gilt als relativ intolerant gegenüber Homosexualität. Ähnlich wie beim Fußball sind das Geschlecht sowie die sexuelle Orientierung eher kein Gesprächsthema. Wie hast du die Community erlebt?

Markus: Da ich lange Jahre sehr intensiv in meiner Freizeit Online-Rollenspiele gespielt habe und wie im echten Leben auch aus meiner Einstellung keinen Hehl mache, habe ich mit meiner Homosexualität sogar bewusst kokettiert und gespielt. So habe ich in meiner Gilde gezielt hässliche Frauencharaktere generiert, um so den „geilen Elfendamen“ ein visuell konträres Bild gegenüberzustellen mit meiner Kabuta, einer „wunderschönen“ Zwergenpriesterin mit Nasenring und ausladenden Hüften. Das Ganze war natürlich als reiner Spaß gedacht und hat sich dann zum Running Gag entwickelt – bis mein einstmaliger Twink dann zum Mainchar wurde und ich in Raid-Pausen zur Unterhaltung mit meiner Zwergin in der „Robe der Einsicht“ für alle getanzt habe … bissige Kommentare waren da an der Tagesordnung und wir hatten alle unseren Spaß, da ich es nicht so ernst genommen hatte, wenn man rumgefrotzelt hat! Wenn fremde Mitspieler meinen Char als „schwul“ bezeichnet hatten, habe ich nur geantwortet „Klar, so wie ich!“ und entweder führte das zu einem /leave group oder zu einem „Oh, sorry, so war das nicht gemeint!“ Insofern kann ich da keine negativen Erfahrungswerte zum Besten geben, was aber auch daran liegen mag, dass ich meine Einstellung nicht zu ernst nehme und mich auch über einen Witz unter der Gürtellinie köstlich amüsieren kann. Nach meiner Einschätzung sind es vor allen Dingen jüngere Spieler, die wie im echten Leben auch keinen Umgang zu einer homosexuellen oder lesbischen Person hatten (Freunde, Verwandte, Nachbarn, Sportverein etc.) und aus Unwissenheit „das Fremde“ eben abfällig sehen oder gar fürchten. Ich mache da niemandem einen Vorwurf draus, sondern versuche direkt und offen den offensichtlichen Fragen und Vorurteilen zu begegnen.

Gameswelt: Hast du Probleme beruflicher Natur durch deine sexuelle Orientierung gehabt? Wenn ja: Was ist passiert und wie bist du mit diesen Problemen oder Nachteilen umgegangen?

Markus: Bevor ich selbst mein Outing hatte, gab es schon häufiger die berühmten Fälle von Selbstverrat, wenn im Kollegenkreis oder bei einer Feier das Thema „Frauen“ auf den Tisch kam. So habe ich mir angedichtete Frauengeschichten nicht wirklich dementiert. Ein anderes Mal wussten ein Mitarbeiter einer anderen Firma und ich zufällig durch das Internet voneinander, obwohl wir beide nicht geoutet waren. Wir trafen uns und kamen uns näher, da uns Hobby, Beruf und Neigung eben verbanden. Leider war es nur eine kurze Liaison, da es irgendwie doch nicht gepasst hatte. Kurze Zeit später wurden wir Arbeitskollegen und dieser Umstand führte zu einigen weniger schönen Momenten am Arbeitsplatz, da quasi ein Ex ständig in meiner Nähe war. Aber das können sicherlich auch manche Heterosexuelle unterschreiben, wenn sie eine Beziehung mit einer Kollegin hatten und nach einer Trennung zusammenarbeiten müssen. Ein anderer Moment war, als ich wirklich ganz frisch in der Branche als PRler war. Es gab einen älteren Redakteur, der mit seiner Homosexualität sehr offen umgegangen ist und wohl auf mich stand. Neben beruflichen Gesprächen hat er mir zunächst gut gemeinte Ratschläge gegeben, mich doch zu outen oder wenn ich auf Reisen sei, wo ich hinzugehen hätte und Ähnliches. Anfänglich war das ganz nett, aber als klar wurde, dass er sich mehr erhoffte und mir mit privaten Mails und Anrufen gelinde gesagt zu nahe kam, da wurde es unangenehm, da ich befürchten musste, geoutet zu werden. Durch ein klärendes Gespräch (und die Verkuppelung mit einem guten Freund) konnte ich seine Avancen jedoch abwehren und bin etwaigen Problemen aus dem Weg gegangen. Es entwickelte sich mit der gebotenen Distanz eine jahrelange gute Freundschaft, die ich rückwirkend betrachtet nicht missen möchte.

Gameswelt: Wie siehst du das Thema Homosexualität in Videospielen vertreten? Dort treffen wir in Verbindung mit homosexuellen oder Transgender-Charakteren oft auf alte Stereotype wie Schwäche oder extreme Verweiblichung.

Markus: In meiner Wahrnehmung finde ich nicht, dass man überall nur Trümmertunten, Transen, Lederkerle oder kerlige Lesbierinnen sieht. Natürlich erfüllen homosexuelle Charaktere eine Aufgabe in Spielen. Sei es zu polarisieren, Alternativen zu bieten oder schlichtweg eine Abbildung der Realität darzustellen. Ich begrüße Spiele mit einer größtmöglichen Freiheit, weshalb die homosexuellen Möglichkeiten zum Beispiel in einem Mass Effect oder anderen Rollenspielen eine schöne Sache sind, aber nicht zwingend erlebt beziehungsweise ausgeübt werden müssen. Im alten Fallout gab es in einem Handlungsstrang zum Beispiel die Möglichkeit, sich zu einem Farmer-Sohn ins Bett zu legen beziehungsweise ihn zu heiraten, um an einen begehrten Gegenstand zu gelangen. Ein homophober Rollenspieler hätte dies sicherlich nicht getan, weshalb ich solche Dinge durchaus mag, weil ich das natürlich mit einer Selbstverständlichkeit getan habe und dafür belohnt wurde. Ebenso fand ich den GTA-Handlungsstrang von Gay Tony herzhaft erfrischend, da GTA wohl eher als testosteronstrotzendes Spiel gilt. Gerade diese Diskrepanz zwischen dem Protagonisten und dem Spielprinzip war genial – auch wenn ich persönlich mich nur schwer mit einem näselnden Tony identifizieren konnte … Wie das für einen homophoben Spieler wohl gewesen sein mag? *grins* Aber ich würde nicht sagen, dass wir mehr Homosexuelle in Spielen bräuchten oder weniger. Es ist wie im echten Leben genau richtig, wenn hier oder dort Dinge etwas bunter sind. Aber sie müssen einem nicht mit dem Holzhammer serviert werden, weshalb ich ein reines Gay-Game zu stereotyp empfinden würde und somit nicht gut fände. Was ich definitiv ablehne, sind aber Szenen, in denen Lesben oder Schwule als Objekt für Anfeindungen herhalten sollen, damit ein Feindbild aufgebaut wird – dies passt nicht ins 21. Jahrhundert und widerspricht meinem Naturell!

Gameswelt: Inwiefern, glaubst du, muss und soll sich eine Spiele-Community mit der Sexualität anderer Spieler beschäftigen – auch in Spielen?

Markus: Sexualität hat und wird immer eine Rolle auch in Spielen übernehmen. Spiele unterhalten, Spiele machen Fantasien virtuell erlebbar und somit eben auch sexuelle Einstellungen. Ob es sich nun um Liebe zu Männern, Frauen oder beiden Geschlechtern (wo jetzt geneigte Heteros wieder erhöhten Speichelfluss bekommen beim Gedanken an bisexuelle Frauen), bestimmte Fetische oder andere sexuelle Dinge dreht – es spielt keine Rolle. Jeder Held in einem Spiel stellt ja einen virtuellen Charakter dar, der auch ein „privates“ Leben haben könnte – ob dies jedoch in einem Spiel beleuchtet wird oder gar verfolgt oder nachgespielt werden kann, das hängt vom Produkt und auch dem Spieler ab. Daher finde ich es gut, wenn als eine von vielen Möglichkeiten auch hin und wieder ein homosexueller NPC oder eine lesbische Händlerin mich im Spiel begrüßt oder mein Alter Ego eben auch mit einer virtuellen Regenbogenflagge herumlaufen kann – es aber nicht zwingend muss. Es sollte so wie mit einer Hautfarbe sein, über die sich auch inzwischen keiner mehr Gedanken macht, ob ein Charakter nun Europäer, Asiate, Inuit, Südamerikaner, Afrikaner ist oder ein humanoides Reptil mit 10 Gliedmaßen, denn Hauptsache er/sie/es rockt und gewinnt! Da sollte es dann auch in der Community keine Rolle spielen, ob man nun Männlein oder Weiblein in seinem echten Leben liebt – sondern unser aller Hobby im Mittelpunkt stehen und die damit verbundenen Skills! Ich frage bei meinem Basketball-Team ja auch niemanden nach seinen privaten Vorlieben oder was er mit seiner Frau/Freundin so alles anstellt.

Gameswelt: Hast du über die vergangenen Jahre eine Veränderung der Menschen, was ihre Reaktion in Bezug auf deine Position in Sachen Sexualität und Videospiele angeht, bemerkt?

Markus: Wenn sich neue Freundschaften außerhalb der Videospielbranche bilden und irgendwann der Job besprochen wird, dann merke ich schon eine gewisse Neugierde, wie eben Schwulsein und Spiele so zusammenpassen. Aber in meinem beruflichen Netzwerk haben wir es zumindest im Westen mit zumeist aufgeklärten erwachsenen Menschen zu tun, denen die Sexualität des Gegenübers vollkommen egal zu sein scheint. Jedenfalls hatte ich noch keine Probleme erlebt, sondern bekomme immer häufiger zu hören, dass es einige Spielebranchenmitglieder auf „meiner Seite“ der Sexualität gibt. Im Ausland hingegen ist das schon anders, vor allem im Osten. Ich mache mir schon so meine Gedanken, ob ich zum Beispiel auf die russische Messe KRI oder Igromir fahren sollte, da dort Homosexualität nicht so selbstverständlich gesehen wird wie hier. Allerdings weniger, weil ich plane, dort mit Tutu und Highheels einen Klischeeschwulen darzustellen, sondern mehr, weil ich kein Geld in einem Land lassen möchte, wo Gleichgesinnte diskriminiert werden und ich theoretisch nicht ich selbst sein dürfte – wenn ich es denn wollte. Im Grunde könnte es mir ja egal sein, da ich hier in Deutschland meinen Mann habe und mich hier so geben darf, wie ich bin – aber ich trete sehr wohl für meine Gesinnungskolleginnen und -kollegen ein und verurteile entsprechende Haltungen seitens einer Regierung, einiger Gläubigen oder manch anderer Institutionen und Gruppierungen.

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