Test - Fünf Wochen mit der Switch 2 : Unser endgültiges Test-Urteil
- NSw2
Vielleicht ist es euch aufgefallen: Als wir vor über einem Monat unseren ersten Artikel zur frisch veröffentlichten Hardware der Switch 2 verfassten, sparten wir uns ein Fazit. Wir beließen es bei den reinen Fakten. Mit Absicht, denn wir wollten den ersten Hype abkühlen lassen und herausfinden, wie sich die neue Nintendo-Konsole im Alltag schlägt. In den vergangenen fünf Wochen hatten wir genügend Zeit, ein paar unauffälligere Stärken und Schwächen auszuloten.
Nintendo-Hardware lässt sich direkt nach dem Release nur schwer nüchtern analysieren. Ob man Nintendo mag oder der Mario-Mannschaft die Pest an den Hals wünscht, spielt dabei keine Rolle. Neutralität ist beinahe unmöglich, weil Big Ns Vermarktung stets auf Emotionen setzt.
Ein über Jahrzehnte perfektioniertes Rezept: viel Nostalgie durch 40 Jahre Spielegeschichte, ein großer Batzen Familienfreundlichkeit gepaart mit einem kindlich anmutenden, aber doch eiskalt kalkulierten Niedlichkeits-Charme, der den reißenden, kapitalistisch motivierten Wolf in einen so watteweichen Schafspelz packt, dass selbst kritische Eltern selten zweimal darüber nachdenken, ob Nintendo für ihre Kinder unbedenklich ist.
Diese selbstgeschaffene Blase im Videospielgeschäft ist so einzigartig und fokussiert, dass kein Konkurrent auch nur annähernd in dieselbe Kerbe schlägt, auch wenn Sony gerne mal versucht, dieselben Gräben abzuklappern (siehe Astrobot) und Microsoft inzwischen mit einem eigenen Handheld am Horizont winkt.
Der Preis bleibt ein Faktor
Nintendos Wohlfühl-Kokon hat in den letzten Monaten allerdings einige Kratzer abbekommen. Man spürt, dass die einstigen Spielspaß-über-alles-Eudaimonisten inzwischen von Geschäftsleuten geführt werden, die wissen, wie man aus der silbernen Unbedenklichkeitsbescheinigung Goldnuggets herausschmilzt.
Switch 1 ist das beste Beispiel dafür. Schon bei der Einführung 2017 technisch veraltet, inzwischen über 150 Millionen Mal abgesetzt, aber noch immer für den gleichen Preis erhältlich wie am ersten Tag, sofern man gelegentliche Bundles aus der Rechnung nimmt. Inflation hin oder her, die kleine Kiste ist eine Gelddruckmaschine, deren Marge inzwischen heftig sein dürfte.
Ein idealer Nährboden für den Einführungspreis der Switch 2, der nicht nur Fans mit den Zähnen knirschen ließ. Eiskalt berechnet und auf den „ahnungslosen“ Massenmarkt ausgerichtet. Der Nachfolger kann in den Augen von Ottonormalverbrauchern nur 460 Euro kosten, wenn er doch so viel besser ist als sein Vorgänger, der noch immer mit 330 zu Buche schlägt.
Marketing-technisch nachvollziehbar, und doch etwas bizarr, wenn im Regal nebenan eine Playstation 5 (ohne Laufwerk) zum gleichen Preis steht. Und genau an diesem Punkt möchten wir unser Review der Switch 2 fortführen.
Faktisch ist nämlich durchaus was dran, auch wenn wir den hohen Preis der Switch 2 weder rechtfertigen wollen noch können. Die neue Hardware stellt im Vergleich mit Switch 1 definitiv ein Premium-Produkt dar. Sie fühlt sich nicht nur haptisch besser an, sie wurde auch für den alltäglichen Gebrauch robuster gestaltet. Dennoch gibt es einige Aspekte, die Nintendo unbedingt überdenken, beziehungsweise verbessern sollte, sonst wird der Preis womöglich noch zur Achillesferse.
Grafik auf den zweiten Blick
Fangen wir mit dem Elefanten im Raum an: der Leistung. Zuallererst sollte gesagt sein, dass der Preisvergleich mit der Playstation 5 hinkt. Die Funktionalität der Switch 2 setzt einen eigenen Bildschirm, einen Akku und ein modulares Controller-System voraus. Diese Dinge vergessen Pfennigfuchser gerne in der Rechnung.
Zum anderen stemmt die kleine Switch 2 Unglaubliches. Sie bietet euch am Fernseher eine Leistung in Wurfweite einer Playstation 4 Pro bei einem Stromhunger von gerade mal 19 Watt. Hämmert euch das mal bitte ins Gehirn: Cyberpunk 2077 mit dem Verbrauch einer LED-Lampe. Das ist weniger als ein Zehntel von dem, was die Playstation 5 verbrät, während das Endergebnis weit besser aussieht als ein Zehntel der PS5-Grafik.
Klar, Nvidias DLSS ist der große Heilsbringer, der es durch ermogeltes Hochrechnen möglich macht, aber wen juckt das? Grafikfetischisten finden in der kleinen Maschine sowieso nicht den heiligen Gral. Für den braucht es eine PC-Grafikkarte zum Preis eines Monatsgehalts samt 500 Watt Zufuhr, während die Zahlen beweisen, dass viele Gamer selbst fünf Jahre nach der Einführung der aktuellen Konsolengeneration noch immer mit ihrer Vanilla-PS4 zufrieden sind.
Solche Fakten rücken das ökologische Preis-Leistungs-Verhältnis der Switch 2 jenseits von Gut und Böse in phänomenale Regionen. Abseits der Herstellung ist ihr CO2-Fußabdruck im Alltag so gering, dass die Grünen glatt damit werben könnten.
Und je länger wir mit ihr spielen, desto mehr erstaunt sie uns. In unserer Vorschau zu Donkey Kong Bananza erwähnten wir mit keinem Wort die Grafikqualität des Spiels, obwohl allein die zerstörbare Umwelt des Affen-Abenteuers mit ihren Partikeln und den dynamischen Modellen buchstäblich Welten bewegt. Warum? Weil Grafik im positiven Sinne keine Rolle spielt. Weil sie ein derart hohes Niveau hält, dass man sich keine Gedanken um Polygone und Shader macht. Auch auf einem 4K-Fernseher mit HDR gibt sie sich universell.
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Zugegeben, Grafik-Nerds wie wir hätten sicher geschwärmt, wenn uns DK Bananza durch technische Wunder vom Hocker gehauen hätte, aber das sind doch nur Kaufargumente für Technikfreaks. Für Ottonormalverbraucher bleibt das Niveau mangels erzwungener Kompromisse unsichtbar.
Dass Cyberpunk 2077, Hogwarts Legacy und andere Dritthersteller-Games nur in 30 FPS laufen und dass sie im Handheld-Modus weitere Einschnitte hinnehmen müssen, interessiert nur Core-Gamer, die vermutlich längst eine PS5 besitzen und somit eine Ausweichmöglichkeit haben. Andererseits behaupten manche Entwickler wie etwa Eoin O’Grady von Black Shamrock, Switch 2 könne nach wenigen Anpassungen locker Umsetzungen von Spielen verkraften, die auf Xbox Series S in 60 FPS laufen. Also eine Xbox, optional für unterwegs, schon jetzt und für 460 Euro? Krass!
Zyniker mögen schimpfen so viel sie wollen, aber nüchtern betrachtet macht Nintendo alles richtig, wenn es um die angepeilte Zielgruppe geht. Bleibt zu hoffen, dass der Switch 2 nicht schon nach drei Jahren die Puste ausgeht, wenn die nächste Konsolengeneration vorlegt.
Besser als gedacht: Handhabung und Akku
Lasst uns noch tiefer in den Alltag mit der Konsole eintauchen, denn auch hier machen sich Dinge bezahlt, die man womöglich gar nicht beachtet. Thema Dock: Weil wir immer wieder Kratzer auf dem Bildschirm befürchteten, klebten wir 2017 Möbelgleiter-Pads auf die Innenseite des Switch-1-Docks. Das ist bei Switch 2 gar nicht mehr nötig, weil die Aussparung größer und das Material weniger scharfkantig angelegt wurde. Magnetisch gehaltene Joycons tragen dem zu, denn das Herausfahren der kleinen Joypads aus den Schienen der Switch 1 war immer wieder eine derart wackelige Angelegenheit, dass sich Kratzer und Beulchen am Hauptgerät nur schwer vermeiden ließen.
Warum die Kabel-Öffnung des Switch-2-Docks ein Abknicken der Kabel erzwingt, will uns trotzdem nicht einleuchten. Hätte die Aussparung des Deckels nicht ein paar Zentimeter höher angelegt werden können, also auf Höhe der Anschlüsse?
Weg vom TV, rein in die U-Bahn. Etwas, von dem man unterwegs nie genug haben kann, ist Akkulaufzeit, wobei Nintendo in den Specs etwas konservativer warb als nötig. Mindestens zwei Stunden versprach uns Big N bei fordernden Titeln, bis zu sechs bei weniger anspruchsvollen. Rund zwei Stunden und zwanzig Minuten kamen bei uns in Dauerspiel-Sitzungen mit AAA-Games wie Hogwarts Legacy und Mario Kart World heraus.
Kann man mit leben – tun Steamdeck-Besitzer schließlich auch, und die kommen sogar mit schwächerer Hardware klar. Ansonsten hilft eine Powerbank. Mehr als ein Mal freuten wir uns über den USB-C-Anschluss an der Oberseite, der den Anschluss einer Stromreserve zum Kinderspiel machte.
Allgemein beweist die Switch 2, wie viel Nintendos Hardware-Designer von der Ur-Switch und deren OLED-Modell gelernt haben. Der ausklappbare Stand ist schmal, stabil, effizient und doch genial, weil er etliche Aufstellungswinkel erlaubt. Ja, selbst Kleinigkeiten wie etwa die Form der Tasten (Netzschalter, Lautstärke) halten den schmalen Grat zwischen Komfort, Ertastbarkeit und Funktionalität. Sie sind mühelos blind bedienbar.
Die Schattenseiten: mehrfache Joycon-Probleme
Unterschiede in der Handhabung bleiben anderweitig marginal. Selbst im Handheld-Modus. Trotz des Unterschieds in Größe und Gewicht bleibt die kleine Daddelmaschine reisetauglich. Die Joycons dürften jedoch gerne etwas dicker und griffiger sein, um großen Händen in der Tiefe mehr zum Anfassen zu geben. Sie sind zwar länger, weil das gesamte Gerät gewachsen ist, aber man hat auch mehr zu tragen.
Gerade bei Spielen wie Soul Calibur 2 (siehe die neue Gamecube-Emulation) gerät man doch etwas in die Bredouille, wenn man schnelle Kampfkombos ausführen möchte. Steam Deck und Co. zeigen, wie’s geht.
Zumal das schmale Profil der Joycons an anderer Stelle ebenfalls suboptimal auffällt: Wie wir bereits im Test zu Cyberpunk 2077 oder in unserer Peripherie-Übersicht anmerkten, ermüdet der neu Maus-Modus der Joycons binnen rund einer Stunde, weil sie nicht ergonomisch genug sind. Das Betätigen der Face-Buttons im Maus-Modus suboptimal zu nennen, wäre noch geschmeichelt.
Abhilfe gibt es in Form von mausförmigen Plastikadaptern, in die man die Joycons hineinsteckt. Eine sehr gute und kostengünstige Lösung, die wir jedem Switch-2-Gamer ans Herz legen, der die Mausfunktion auf Dauer nutzen möchte. Aber es ist bezeichnend, dass Nintendo dieses Ergonomie-Problem nicht selbst erkannte.
Erstaunlich: Bisher ließen alle Dritthersteller-Games, die die Mausfunktion nutzen, den Anschluss von PC-Peripherie zu – also handelsübliche Mäuse und Tastaturen. Nur Nintendo selbst nicht. Hoffentlich findet hier ein Umdenken statt, denn es wäre fantastisch, Metroid Prime 4 mit einer ordentlichen Maus/Tastatur-Kombo genießen zu dürfen.
Bildschirm und Konnektivität
Kommen wir zum letzten Sorgenkind, nämlich dem verbauten Bildschirm und einigen Anschlussquerelen. Ja, wir bestätigen: Der verbaute Screen schmiert etwas stärker als das Standard-Modell der ersten Switch, wenn auch keineswegs so stark, wie manche Doom-and-Gloom-Prediger einem weismachen wollen. Uns fiel es nur bei einem Spiel richtig auf, nämlich bei Fast Fusion. Bei diesem superschnellen futuristischen Gleiterrennen kämpft die Switch 2 sowieso schon gegen ein etwas übertriebenes Upscaling durch DLSS. Das leichte Schlieren der LCD-Pixel kommt dem nicht gerade entgegen. Bei Mario Kart juckte es uns derweil überhaupt nicht.
Klar hätten wir lieber ein OLED-Modell gehabt. Das hätte unterwegs nämlich echtes HDR liefern können, statt nur Tonemapping auf knapp über 400 Nits, wodurch keine echten Spitzlichter herausstechen. HDR im mobilen Modus ist eine Mogelpackung. Ein OLED hätte sich allerdings auf den Preis ausgewirkt - wenn überhaupt machbar, denn es gibt bisher keine preiswerten OLED-Screens in 8-Zoll, die HDR, 120 Hz und VRR unterstützen. Mal abwarten, was die nächsten Jahre bringen.
HDR am TV funktioniert problemlos, aber auch hier gab es schon Beschwerden – zurecht. Wie der Screen-Profi Vincent Theoh in seinem Youtube-Kanal HDTVtest darlegte, wählte Nintendo viel zu feine Abstufungen für die HDR-Kalibrierung und verwirrt Kunden zusätzlich mit dem zweiten Abstimm-Bildschirm, der lediglich die Paperwhite-Leuchtkraft zuweist, ohne dies explizit zu erwähnen.
In der Zwischenzeit sollte sich Nintendo über ein ganz anderes Problem sorgen machen, das heimische Bildschirme betrifft. Switch 2 hat nämlich ein gewaltiges Handshake-Problem mit dem HDMI-Anschluss.
Schon witzig: Als wir bei Nintendo in Frankfurt zu Besuch waren, um eine Vorschau auf Donkey Kong Bananza zu bekommen, erzählte uns ein Nintendo-Mitarbeiter, das von uns verwendete Video-Capture-Gerät würde Probleme machen und sich immer wieder vom HDR entkoppeln. Die Pointe an der Sache ist, dass das Problem nicht bei unserem Gerät lag, sondern bei der Switch 2.
Woher wir das wissen? Angefangen damit, dass unser Capture-Gerät problemlos mit jeder anderen Konsole und dem PC funktioniert, während andere Geräte genauso mit der Switch 2 hadern. Unser Denon Heimkino-Receiver erhält regelmäßig kein verwertbares Signal beim Versuch, das Bild zu unserem TV durchzuschleifen. Klappt lustigerweise aber immer dann, wenn wir zusätzlich unsere PC-interne Video-Capture-Karte aktivieren, die mit dem Receiver verbunden ist.
Mehrere Content-Creators berichten auf Youtube von denselben Problemen mit einigen HDMI-Switches und LG-Fernsehern. Damit dürfte eindeutig sein, dass es nicht der HDMI-Anschluss an sich ist, der Probleme bereitet, sondern der Geräte-Handshake, der TVs und Receivern ein ankommendes Signal ankündigt. Hoffentlich lässt er sich per Software-Update beheben.
Am 5. Juni erscheint die Switch 2. Und hat einiges an Spiele-Futter im Gepäck.


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