Test - Lost Records: Bloom & Rage : In der ersten Episode passierte noch wenig. In der zweiten auch nicht mehr
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Am Ende meines Tests zur ersten Episode von Lost Records: Bloom & Rage war ich noch recht ratlos, welche Geschichte uns die Life-is-Strange-Macher Don’t Nod damit überhaupt erzählen wollen: gefühlvolles Coming-of-Age-Melodram? Mystery-Thriller? 90er-Jahre-Nostalgie-Flash? Oder einfach nur einen riesen Haufen Langeweile? Episode 1: Bloom tendierte zu Letzterem. Auf Episode 2: Rage liegen demnach nun alle Hoffnungen, dass die Entwicklungen, die in der ersten Hälfte noch sehr zaghaft angestoßen wurden, in der zweiten umso unnachgiebiger ins Rollen geraten.
Oder auch: dass überhaupt endlich mal irgendwas passiert. Denn Episode 1: Bloom wirkte noch wie ein überlanger Prolog, der sich ausgiebig Zeit nahm, in die Gefühlswelten seiner Protagonistinnen einzuführen. Lost Records erzählt die Geschichte von vier Außenseiterinnen, die in einem Sommer des Jahres 1995 zueinander finden und in ihrer Freundschaft erstmals in ihrem Leben die Erfahrung machen, nicht allein mit ihren Ängsten und Sorgen zu sein, im Zusammenhalt die Stärke gewinnen, sich gegen Mobbing und Ausgrenzung zur Wehr zu setzen.
Entwickler Don’t Nod (Life is Strange) schickt den Spieler dazu auf einen Nostalgie-Trip, der geradezu berauschend wirkt auf jemanden, der wie die Protagonistinnen in den 90er Jahren groß geworden ist, und zeichnet dafür Charaktere, wie sie als beispiellos für die gesamte Videospiel-Geschichte gelten dürfen: authentische Teenager, die mit Speckröllchen am Bauch und knallrot entzündeten Pickeln auf der Wange damit hadern, gängigen Schönheitsidealen nicht zu entsprechen und sich danach sehnen, auch einfach mal so selbstsicher aufzutreten wie die vermeintlich coolen Jungs und Mädels ihres Alters. Dass es so etwas zuvor noch nie in einem Videospiel zu sehen gab, wirkt fast schon beschämend.
Das für Don’t Nod typische übersinnliche Handlungselement in Form eines mysteriösen Lochs im Wald, das wie ein verfluchter Wunschbrunnen die Sehnsüchte der Mädchen wahrzumachen verspricht, deutete sich in Episode 1 lediglich an, um nun für Episode 2 ein dramatisches Finale zu verheißen.
Denn dass am Ende dieses schicksalsträchtigen Sommers ‘95 irgendetwas Furchtbares geschehen sein muss, legte bereits die zweite Handlungsebene des Spiels nahe: 30 Jahre nach den tragischen Ereignissen werden die Freundinnen in Form eines mysteriösen Päckchens wieder davon eingeholt, weshalb sie sich zum ersten Mal seit jenem verhängnisvollen Erlebnis wiedertreffen, um sich ihrem düsteren Geheimnis zu stellen.
Passiert da noch was?
In gewisser Weise wirkt Lost Records dadurch, als hätten die Autoren willkürlich Seiten aus den beiden Stephen-King-Romanen Stand by me und Es gerissen, die Passagen mit dem Horror-Clown gestrichen und den Rest zu einer gemeinsamen Geschichte zusammengefügt: ein Coming-of-Age-Drama über einen Sommer, der das Leben seiner Protagonisten für immer verändern wird, ihnen aber auch ein Trauma auflastet, das sie im Erwachsenenalter wieder einholt.
Episode 1 endete mit der Enthüllung eines tragischen Geheimnisses einer der Freundinnen und setzte damit den melancholischen Grundton für die nun erschienene finale Episode. Doch meine Hoffnung, damit sei endlich der Kipppunkt erreicht, der die dramatischen Ereignisse losbricht und ins Rollen bringt, die das Spiel ausgiebig (und leider auch höchst langatmig) die ganze Zeit über sorgsam aufbaute, laufen weitestgehend ins Leere.
Denn abermals passiert lange Zeit schlicht nichts. Erst ganz am Ende zurren sich die mühevoll geknüpften Handlungsfäden zusammen, spannen sich dabei aber nicht zu einem fesselnden Knoten, sondern zerfallen sofort wieder lose, noch bevor sich daraus ein kunstvolles Muster weben kann. Als ich dachte, jetzt geht’s endlich richtig los, lief auch schon der Abspann über den Bildschirm. Mit gerade mal drei bis vier Stunden Spieldauer fällt die zweite Episode im Übrigen deutlich kürzer aus als die erste.
Nun bin ich grundsätzlich ein großer Freund davon, wenn Geschichten authentische Personen und ebensolche Erlebnisse über das aufgebauschte Abenteuer nach ausgetretenem Schema der Heldenreise stellen. In einigen der besten Filme der Filmgeschichte passiert schließlich im Grunde nichts. Der deutsche Stummfilm-Klassiker Menschen am Sonntag etwa gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen, gerade auch weil er nicht mehr zu erzählen als das, was er in seinem Titel bereits betont unspektakulär und nüchtern beschreibt: den ereignislosen Müßiggang einer Gruppe von ganz normalen Leuten an einem gelangweilten Sonntagnachmittag am Wannsee.
Doch genau solcherlei Leichtigkeit und Beiläufigkeit lässt Lost Records vermissen. Im Gegenteil drückt das Spiel seinem Spieler stets überdeutlich wuchtig auf die Nase, wie er sich gerade bitteschön zu fühlen hat. Da wird allenthalben nicht nur der dramaturgische Holzhammer, sondern gleich die Dampfwalze geschwungen: Trauer wird beim gemeinsamen Sternschnuppen-Schauen in ständigen Bekundungen des gegenseitigen Mitgefühls verhandelt und freundschaftliche Verbundenheit drückt sich im Tanz zwischen Glühwürmchen aus.
Lost Records behauptet ständig Authentizität und große Gefühle in kleinen Freuden, findet dafür aber nur Bilder des puren Kitsch. In seinem Vorgehen ähnelt es plumpen Horrorfilmen, bei denen der Zuschauer stets durchschaut, dass er sich jetzt zu gruseln hat, was genau deshalb nicht mehr gelingen mag. Man meint, den Entwicklern derart verbissen beim Druck auf die Tränendrüse zuschauen zu können, dass man fast selbst schon Muskelkater davon bekommt.
Zwischen Sinnsuche und Unsinnfinden
Dabei kann man ihnen eigentlich gar nicht hoch genug anrechnen, welch wichtige Themen sie mit ihrem Spiel ansprechen möchten und nicht scheuen, damit aufregendes Neuland im Feld der Videospiele zu betreten: Nichts weniger als die persönliche Sinnsuche im Angesicht schwerer Erkrankungen steht da etwa zur Diskussion, sowie die ausweglos scheinende Verzweiflung der Hinterbliebenen, einen solch schweren Schicksalsschlag zu verarbeiten. Mit entsprechend feinsinnigen Autoren hätte aus Lost Records ein Meisterwerk der interaktiven Erzählung werden können.
Aber statt die damit verbunden Fragen eben nur anzusprechen und ihre Beantwortung dem Spieler zu überlassen, diskutieren sie ihre Themen schwülstig und sentimental bis in jede Einzelheit durch, bis sie sich schnell nur noch im Kreis drehen. Trauerarbeit erfordert eben mehr, als einfach nur traurig zu sein. Und begangene Fehler zu bereuen, bedeutet mehr, als sich ständig nur dafür zu entschuldigen. Tatsächlich gibt es vermutlich kaum einen Dialog im Spiel, in dem sich nicht mindestens irgendjemand für irgendetwas entschuldigt.
Bezeichnend dafür scheint auch die Sprecherin von Heldin Swann mit ihrer Stimme irgendwann nur noch den immer gleichen klagenden Tonfall zu finden, der zwar Zerbrechlichkeit und Mitgefühl andeuten will, aber nur Rührseligkeit ausdrückt. Wenn dann die Freundinnen lang und breit eine große Dummheit durchdiskutieren, die sie am Ende der letzten Episode begangen haben, nur um kurz darauf die nächste zu begehen, hat man auch irgendwann kein Mitleid mehr mit ihnen. Zumal die „bösen“ Charaktere wie immer bei Don’t Nod ärgerlich eindimensional und platt ausfallen, sodass dramatisch gedachte Szenen mitunter geradezu peinlich wirken.
Nur selten gelingen den Entwicklern Szenen der beiläufigen Gesten, deren Erzählkunst sie einst im ersten Life is Strange noch meisterlich beherrschten: etwa wenn sich die tiefe Verbundenheit zweier Freundinnen dadurch Ausdruck verleiht, indem sie sich gegenseitig die Haare schneiden. Oder die selbstverliebte Vorstadtzicke mit einem verzweifelten Blick nur für einen kurzen Moment durchblicken lässt, dass ihr Everybody’s-Darling-Image lediglich Fassade ist, weil auch ihr Leben weit entfernt ist von der Perfektion, die sie allen nur vorspielt. Die meiste Zeit aber gucken nur alle bedröppelt aus der Wäsche und baden sich gegenseitig in Selbstmitleid.
Greift zu, wenn...… ihr euch mit den Problemen von vermeintlichen Außenseitern identifizieren könnt und dabei egal ist, wenn sonst nichts passiert.
Spart es euch, wenn...… ihr von einer Geschichte auch eine Handlung erwartet und große Gefühle in großen Gesten unter Kitschverdacht stehen.


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