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Test - Herdling : Test: Das tierisch emotionale Leben eines Rinderhirten

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Begleitquests zählen neben Wasser-Leveln, Auto-Scrollern und fliegenden Feinden wohl zu den drei nervigsten Erfindungen in Videospielen überhaupt. Es ist also erstmal schwer zu begreifen, warum sich die Schweizer Entwickler von Okomotive dazu entschieden haben, daraus ein ganzes Spiel zu stricken. Und dann geht es auch noch darum, eine Horde störrischer Rindviecher durch unwegsames Gelände zu geleiten. Ob das gut geht? Ja! Richtig gut sogar!

Mit Far: Lone Sails und Far: Changing Tides hat Okomotive bereits gezeigt, dass es atmosphärische Erlebnisse wie kaum ein anderes Indie-Team inszenieren kann. Die beiden bisherigen Titel des Studios setzten sich mit harten Themen wie Einsamkeit, Vergänglichkeit und Verlust auseinander und folgten dabei einem sehr ähnlichen Spielablauf. 

Eure Figur knattert mit einem Boot (Changing Tides) oder Dampf-Zug-Auto-Ding (Lone Sails) in 2D von links nach rechts über den Bildschirm. Ihr kümmert euch währenddessen um Brennstoff für den Motor, löst kleinere Rätsel am Wegesrand, um das Vorankommen zu gewährleisten und nehmt Reparaturen am Gefährt vor. 

Doch Fahrzeuge oder Schienen gibt es in Herdling keine mehr, die Welt ist auf einmal dreidimensional und überhaupt hat es auf den ersten Blick wenig mit der Far-Reihe zu tun. Herdling ist ein komplett anderes Spiel – und dennoch lässt sich die Okomotive-Handschrift klar erkennen.

Meine gefiederten Freunde

In Herdling macht ihr euch auf den Weg, eine Herde Calicorns von der großen Stadt in die Berge zu treiben. Die Calicorns erinnern ein wenig an Yaks, haben aber Federn und laufen teilweise sogar auf zwei Beinen. Vor allem die beeindruckenden Hörner in den abenteuerlichsten Formen geben den Calicorns einen fantastischen Anstrich.

Einmal mehr setzt Okomotive auf wortloses Storytelling. Die Welt von Herdling spricht durch faszinierende Landschaften, Lichtstimmungen und Musikstücke. Der Wechsel von schroffen Gebirgsketten zu sanften Tälern oder nebligen Schluchten schafft nicht nur optische Abwechslung, sondern erzählt subtil von einer Reise voller Prüfungen und Ruhepausen. Der Soundtrack unterstreicht diese Stimmung gekonnt melancholisch, aber auch hoffnungsvoll.

Wo eure Herde anfangs noch aus nur einem Calicorn besteht, könnt ihr unterwegs immer mehr Tiere einsammeln. Allerdings müsst ihr sie dafür meistens entweder retten oder überhaupt erstmal finden. Klingt jedoch schlimmer, als es ist. Die meisten Calicorns laufen euch fast schon vor die Füße, was aber nicht heißt, dass ihr euch eurer Sache zu sicher sein solltet.

Denn auf der Reise lauern jede Menge Gefahren. Seid ihr unvorsichtig, verliert so ein Calicorn in eurer Herde schnell mal den Halt und stürzt in den Abgrund, bricht ins Eis ein, spießt sich an scharfem Metallschrott auf oder segnet anderweitig das Zeitliche. Das klingt nicht nur brutal, sondern versetzt euch auch jedes Mal einen kleinen Stich ins Herz, wenn ihr ein blutendes Geschöpf pflegen müsst.  

Ihr seid alle Individuen! Ich nicht!

Habt ihr ein Calicorn in die Herde aufgenommen, gebt ihr diesem zunächst einen Namen und fangt dann an, eine enge Beziehung zu ihm aufzubauen. Jedes Wesen hat individuelle Eigenschaften, kann mit Ornamenten geschmückt werden und zeigt im Verhalten kleine Eigenheiten. Am Lagerfeuer oder beim Ausruhen entstehen stille Momente, die die emotionale Bindung noch verstärken. Fast hat man das Gefühl, echte Tiere zu begleiten.

Schnell ertappt ihr euch dabei, einige Favoriten innerhalb der Herde zu haben und euch Sorgen zu machen, wenn einer von ihnen zurückbleibt. So musste ich Fred zum Beispiel permanent von Gestrüpp befreien und Barbara blieb für Streicheleinheiten immer in meiner Nähe. Wilma wollte vor dem Schlafen erst noch eine Runde mit dem Ball spielen und Fips lief als Leit-Calicorn stets furchtlos an der Spitze, was aber auch bedeutete, dass er der erste war, der einbrechen, stürzen oder gefressen werden konnte. Und wehe, jemand macht sich jetzt über meine Namen lustig!

Ob das alles so stimmt und von den Entwicklern geplant wurde oder ich mir das nur einbilde, sei mal dahingestellt. Aber während der kurzen Reise von vier bis fünf Stunden hatte ich das Gefühl, meine Herdentiere und ihren Charakter richtig gut kennenzulernen. Herdling ist typisch für Okomotive eine stille, aber intensive Reise durch eine faszinierende Welt mit ungewöhnlicher Begleitung. Hier sind es die Calicorns, in den Far-Spielen werden die Fa(h)rzeuge mit der Zeit zu einem eigenständigen Charakter und Reisebegleiter, mit dem man mitfiebert und dessen Verlust einen selbst zerstört zurücklassen kann.

Kontrollverlust als zentrale Spielmechanik

Ein scheinbares Manko bei Herdling ist die Steuerung eurer Herde. Wollt ihr eure Calicorns nach rechts bewegen, dann lauft ihr selbst nach links und scheucht sie von euch fort. Wohin ihr die Herde führt, ist abhängig von eurem Standpunkt im Verhältnis zur Mitte der Herde. Per Knopfdruck könnt ihr die Tiere außerdem verlangsamen oder zu einer Stampede antreiben.

Allerdings ist es möglich, dass ihr und das Spiel euch nicht immer einig darüber seid, wo genau die Mitte liegt. Bei einem oder zwei Calicorns ist das noch überschaubar, aber bei einem Dutzend Tieren, die eventuell auch noch verteilt stehen, kann es kompliziert werden. Und auf einmal biegt eure Herde in die vollkommen falsche Richtung ab, in der potenziell der Tod lauert ...

Aber von diesen Extremfällen mal abgesehen (die nicht allzu oft vorkommen) ist die Steuerung gerade so unangenehm, dass es spielerisch Sinn ergibt. Natürlich laufen die Tiere nicht immer exakt dahin, wo ihr sie haben wollt – eben so, als hätten sie ihren eigenen Willen. Bis zum Schluss stand ich immer wieder vor Herausforderungen, die ich im Vorfeld für unmöglich hielt: zu wenig Platz, zu steile Kurven oder zu viele Hindernisse, die Raubvögel auf meine Herde aufmerksam machten – aber am Ende hat es doch immer geklappt, mit einer Menge Schweiß und zwei sehr ruhigen Daumen.

All das ist es aber wert, wenn ihr dann wieder auf freien Feldern unterwegs seid, eure Herde in vollem Galopp vorantreibt, die Kamera ein wenig heraus zoomt, um euch eine bessere Aussicht auf die wunderschöne Welt zu geben, und langsam die Musik einsetzt. Die Welt in Herdling wirkt riesig und ihr darin ziemlich verloren. Doch wer mit seiner Herde unterwegs ist, der kann vielleicht allein, aber sicher niemals einsam sein.

Greift zu, wenn...

ihr auf stille, atmosphärische Abenteuer mit ungewöhnlichen Begleitern steht und euch gerne auf eine emotionale Reise durch wunderschöne Landschaften einlasst.

Spart es euch, wenn...

ihr schnelle Action, präzise Steuerung oder klassische Rätsel erwartet. Herdling ist eher ein meditatives Erlebnis als ein hektisches Spiel.

Fazit

Sebastian Ruppert - Portraitvon Sebastian Ruppert
Still, intensiv und unvergesslich: Okomotive trifft wieder mitten ins Herz

Mit Herdling schafft es Okomotive erneut, stille, aber intensive Spielerfahrungen zu kreieren. Was auf den ersten Blick nach einem simplen Begleitsystem klingt, entpuppt sich als überraschend fesselndes Herdenmanagement voller kleiner Herausforderungen und emotionaler Momente. Die Calicorns wirken lebendig, ihre Eigenheiten und Interaktionen erzeugen eine fast schon zärtliche Bindung, die jeden Verlust spürbar macht.

Die Steuerung verlangt Geduld und Präzision, doch gerade der leichte Kontrollverlust macht den Reiz aus: Man muss stets auf die Dynamik der Herde reagieren und improvisieren, was die Reise spannend hält. Kombiniert mit der wunderschönen, atmosphärischen Welt, dem melancholisch-hoffnungsvollen Soundtrack und der typischen Okomotive-Handschrift entsteht eine wundervolle Spielerfahrung, die das Herz zum Schmelzen bringt.

>>Ohne Calicorns, aber genauso mitreißend: 10 der emotionalsten musikalischen Momente in Videospielen<<

Kurz gesagt: Herdling ist ein ungewöhnliches, eigenwilliges Abenteuer, das zeigt, dass selbst eine Horde widerspenstiger Fantasietiere eine unvergessliche Geschichte erzählen kann. Wer sich auf die stille Intensität und die kleinen emotionalen Momente einlässt, wird eine der charmantesten Indie-Erfahrungen der letzten Jahre erleben.

Überblick

Pro

  • faszinierende, atmosphärische Welt samt beeindruckender Lichtstimmungen
  • wortloses, emotionales Storytelling
  • individuelle, liebenswerte Calicorns mit Persönlichkeit
  • Okomotive-typische, stille Intensität
  • herausfordernde Herdenmechanik sorgt für befriedigende Erfolgserlebnisse

Contra

  • Steuerung der Herde kann unpräzise und frustrierend sein
  • kurze Spielzeit (ca. 4-5 Stunden)
  • wenige actionlastige oder klassische Spielmechaniken
  • für manche zu langsames Spieltempo

Awards

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