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Special - The Witcher IV : Meinung: Es heißt Witch-Er und nicht Witch-Sie!

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Es hätte alles so schön sein können. Entwickler CD Projekt Red verkündet bei den Game Awards 2024 einen Nachfolger zu The Witcher 3, einem der beliebtesten Games aller Zeiten. Jubelstürme brechen aus, Spieler platzen fast vor lauter Vorfreude, Fans diskutieren über die mögliche Story, erste Pläne für Cosplays werden geschmiedet. Aber dann passiert etwas, was in letzter Zeit immer häufiger vorkommt: Das Internet tut, was das Internet nun mal so tut, nämlich sich empören. Und zwar heftig!

Auslöser des ganzen Aufruhrs ist CD Projekt Reds Entscheidung, den bisherigen Protagonisten Geralt nach 17 Jahren und drei Spielen in den Ruhestand zu schicken und stattdessen seiner Ziehtochter Ciri das Silberschwert in die Hand zu drücken. Die ist als spielbarer Charakter nicht ganz neu, weil man in Witcher 3 schon kurz in ihre Haut schlüpfen durfte. Aber einem dauerhaften Auftritt als weißhaarige junge Dame verwehrt sich eine kleine, aber lautstarke Gruppe an Spielern vehement. Wieso muss es jetzt eine Frau sein?!

Solche Diskussionen sind nicht neu, haben in den letzten Jahren jedoch erschreckende Ausmaße angenommen. Auch Intergalactic: The Heretic Prophet, welches ebenfalls auf den Game Awards angekündigt wurde, muss sich gerade einem harten Gegenwind stellen. So sah sich Entwickler Naughty Dog sogar dazu gezwungen, die Kommentare unter dem Trailer auf ihrem Kanal zu deaktivieren. Aber wo genau liegt das Problem?

Ich will keine Frauen spielen!

Liest man sich die Kommentare unter dem Trailer zu Witcher 4 durch, scheint es so, als dürften Frauen in Videospielen traditionell nur zwei Aufgaben erfüllen: Jungfrau in Nöten oder Objekt zur Erfüllung männlicher Fantasien. Etwaige Überschneidungen sind nicht ausgeschlossen. Voll übertrieben? Starke, unabhängige Protagonistinnen gibt es doch total viele? Echt? Denken wir mal an die größten und bekanntesten Heldinnen der Videospiel-Geschichte.

Bei starken weiblichen Heldinnen fällt mir persönlich zuerst Samus Aran ein. Die knallharte Kopfgeldjägerin tritt seit 1986 in Alien-Ärsche und zeigt Metroid-Mamas, wo bei ihrem Blaster die Raketen rauskommen. Fast ein Dutzend Spiele gibt es mittlerweile mit ihr als Hauptfigur, von Gastauftritten wie in der Super Smash Bros.-Reihe abgesehen. Doch ganz so heldenhaft ist Samus’ Rolle irgendwie doch nicht.

Super Smash Bros. Ultimate (2018)

Denn in den 2D-Metroids und auch in der Prime-Reihe gibt es ein kleines Zuckerl für die Spieler. Je schneller man die Geschichte abschließt beziehungsweise je mehr Items man einsammelt, desto mehr Teile ihres Anzugs legt Samus nach dem Abspann ab. Bei Speedrunnern und Sammelwütigen trägt sie nur noch Unterwäsche. Interessanterweise haben Spieler 1986 so überhaupt erst herausgefunden, dass es sich bei Samus um eine Frau handelt, auch wenn bei der groben Pixeloptik noch sehr viel der Fantasie überlassen blieb.

Eine halbnackte Frau als “Belohnung” für eine gute Leistung in einem Spiel? Klingt schon weit weniger heldenhaft und irgendwie nach Objektifizierung. Und das ist leider auch kein Relikt aus einer fernen Vergangenheit. Selbst in Super Smash Bros. for Wii U (2014) war die leicht bekleidete Version von Samus noch spielbar. Erst mit dem aktuellen Super Smash Bros. Ultimate hat man sich davon verabschiedet. Hier darf Samus stattdessen ihren knallengen Spandex-Anzug aka Zero-Suit tragen. Immerhin!

Wen haben wir sonst noch? Lara Croft? Die zierte in den 90ern als “Anschauungsmaterial” so manche Zimmerdecke über dem Bett pubertierender Jugendlicher oder spätpubertierender junger Männer, und das trotz dreieckiger Brüste. Inzwischen hat die Archäologin diverse Umgestaltungen und Reboots hinter sich und kommt der anatomisch korrekten Darstellung einer realen Frau wesentlich näher. Dafür gab es bei der letzten und aktuellen Inkarnation von Lara Croft in Tomb Raider (2014) aber auch einen riesigen Aufschrei einiger Spieler, weil das nicht mehr “ihre“ Lara sei. Sie hatten sich wohl den dreieckigen Vorbau zurückgewünscht ...

Shadow of the Tomb Raider (2018)

Die Prinzessinnen Peach und Zelda haben es hingegen weit gebracht, denn beide bekamen erst vor Kurzem eigene große Spiele mit Showtime respektive Echoes of Wisdom spendiert. Irgendwie witzig, dass es bei Zelda dafür 38 Jahre gebraucht hat. Es ist schließlich seit Anbeginn der Serie die Legende von Zelda und nicht die Legende von Link. Das dürften aber vorerst Ausnahmen bleiben, entsprechen die beiden blaublütigen Damen ansonsten doch dem Klischee der klassischen Jungfrau in Nöten.

Videospiele haben also einiges aufzuholen, wenn es um die Darstellung von Frauen geht. Es gab zwar schon immer starke Heldinnen in Videospielen, doch wurden sie oftmals auf ihr Äußeres reduziert – egal, wie kantig es war – oder mussten als Preis für besondere Leistungen herhalten. Wenn eine Protagonistin heutzutage nicht mindestens einem dieser beiden Muster entspricht, meldet sich im Netz gleich der krakeelende Chor der Männer – in der großen Sorge, wie auch immer geartete Fantasien nicht mehr ausleben zu können.

Es stimmt, dass sich in der Popkultur gerade einiges ändert, aber im Hinblick auf den bisherigen Umgang von Videospielen mit Frauen wird das auch einfach mal Zeit! Können wir uns bitte endgültig darauf einigen, dass Frauen als Protagonisten nicht gleich Teufelswerk sind, nur weil es sich dabei um Frauen handelt? Oder Games unspielbar werden, nur weil der Held eine Heldin ist?

Nein, ich meinte hässliche Frauen!

Bei Intergalactic liegt der Fall etwas anders. Die Kopfgeldjägerin Jordan A. Mun, gespielt von Schauspielerin Tati Gabrielle, ist vielen nämlich nicht hübsch genug. Vor allem ihre Glatze und Hautfarbe kommen, milde formuliert, weniger gut an. Einige Witzbolde wünschen sich sogar Masken als DLC, damit sie das “hässliche Gesicht” nicht sehen müssen.

Intergalactic: The Heretic Prophet (tba)

Über Schönheit zu diskutieren, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Was als hübsch oder schön empfunden wird, fällt hochgradig subjektiv aus und liegt nicht umsonst im sprichwörtlichen Auge des Betrachters. Insofern sind verschiedene Meinungen natürlich absolut legitim. Allerdings ist es inzwischen beängstigend, wie manche meinen, ihre Sicht der Dinge kundtun zu müssen.

Auch CD Projekt Red musste sich für das neue Design von Ciri viel anhören. Angeblich hätten sie die neue Hexerin im Trailer besonders hässlich gemacht, um einer “woken Agenda“ zu folgen. Wer den Begriff “woke” bisher noch nicht gehört hat, dem spreche ich hiermit meine absolute Bewunderung aus. Dieser stammt aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1930er-Jahre und bedeutet (laut Duden) “in hohem Maß politisch wach und engagiert gegen (insbesondere rassistische, sexistische, soziale) Diskriminierung” zu sein.

Als Selbstbezeichnung findet “woke” heutzutage kaum mehr Anwendung. Mittlerweile nutzen fast ausschließlich politisch konservative oder rechte Gruppierungen den Begriff als Schimpfwort, um Bemühungen gegen Rassismus, Transphobie, Sexismus oder Homophobie als Bedrohung für ihre Lebensweise zu brandmarken und damit für sich politisch zu instrumentalisieren. Da stellt sich wiederum die Frage, wie schützenswert eine Lebensweise ist, die Hass und Ungleichheit propagiert.

Die kommentierenden Menschen befürchten wohl, dass Videospiele in Zukunft nicht mehr nur auf weiße, heterosexuelle Muskelmänner oder bildhübsche Bikini-Babes setzen, sondern verstärkt Schwarze, nicht binäre und/oder queere Charaktere zulassen, die in ihren Augen nicht perfekt sind – vom offensichtlichen Rassismus ganz zu schweigen.

Stellar Blade (2024)

Wie emotional aufgeladen das Thema ist, durfte Kollege Dennis im vergangenen Jahr am eigenen Leib erfahren. In seinem Test zum Souls-like Stellar Blade (Test) lobte er das “wilde Ballett aus Angriffen, Ausweichmanövern, Paraden und Spezialmoves, das euch mit jedem Kampf mehr in seinen Bann zieht” und adelte den Titel sogar als “Action-Perle”. An sich war er also äußerst angetan vom Spiel, hatte aber auch Kritik zu üben. Vor allem die fragwürdigen Kameraeinstellungen, deren einzige Motivation es oftmals ist, Hauptcharakter Eve auch mal unter den Rock gucken zu können, und das übertriebene Gewackel von bestimmten Körperteilen sorgten bei ihm für kräftiges Stirnrunzeln.

Selten hat eine (absolut legitime und gut begründete) Meinung in den Kommentaren so viel harschen Gegenwind erfahren, wie dieser Absatz über die Objektifizierung von Eve und ihrer gefährlich minderjährig aussehenden Begleiterin Lily. Da fordern Leute “Busen und Backen forever”, freuen sich über “endlich mal ein Game mit einer weiblichen Frau” oder behaupten, dass das bei “japanischen Spielen” nun mal so sei.

Mal abgesehen davon, dass Entwickler Shift Up aus Korea stammt, sind genau solche Aussagen der Grund, warum es wichtig ist, diese billigen, plumpen Anbiederungsversuche beim lüsternen männlichen Publikum als Kritik in einen Test einfließen zu lassen. Wenn die “sexy Protagonistin die Kirsche auf der Torte” ist, ein Redakteur persönlich angegriffen wird oder ein kompletter Test als “Schmutz” abgetan wird, weil einem ein paar Sätze nicht passen, dann kann ich nur hoffen, dass diese Knalltüten nicht repräsentativ für die Mehrzahl der Spielerschaft sind.

F*cking pronouns!

Dabei geht das Thema “Wokeness” auch mir ziemlich oft auf die Nerven. Zum Beispiel, wenn Firmen sich zwar gegen Diskriminierung aussprechen, es aber nur bei solchen Lippenbekenntnissen bleibt, und das Engagement nicht über das Einfärben des eigenen Logos in Regenbogenfarben während des Pride-Months Juni hinausgeht. Das ist sogenanntes “Woke-Washing”.

The Witcher IV (tba)

Am allermeisten aber, wenn ich im Jahr 2025 in den Kommentaren ernsthaft mit Leuten diskutieren muss, ob es richtig sein kann, über die Hälfte der Menschheit nur als Sexobjekt, minderwertig oder nicht repräsentationswürdig anzusehen. Muss deswegen jedes Spiel unbedingt eine lesbische, Schwarze Trans-Frau mit Glatze als Protagonistin haben? Sicherlich nicht! Das fordert aber auch niemand. Ist ein Spiel automatisch schlecht, nur weil das so ist? Auf gar keinen Fall!

Und dennoch hat YouTuber Asmongold (Link zum Video) wahrscheinlich Recht, wenn er mit Bezug auf Intergalactic sagt: “Das Spiel wird floppen, weil der Charakter “hässlich” ist.” Eine ähnliche Situation durften wir schon letztes Jahr miterleben. Sonys Versuch, mit Concord einen neuen Stern am Hero-Shooter-Himmel zu etablieren, ging ziemlich in die Hose. Nach nur zwei Wochen wurden aufgrund fehlender Spielerzahlen die Server wieder vom Netz genommen. Hier lest ihr meinen Test zu Concord.

Hauptgrund in den Augen der Spielerschaft war auch hier die ihrer Meinung nach übertriebene “Wokeness”. Man hätte bei Concord auch bemängeln können, dass fast alle Charakterkonzepte und Fähigkeiten aus anderen Titeln zusammengeklaut waren und das Design stellenweise nach Sperrmüll-Party aussah. Oder man könnte ansprechen, dass die Entwickler offensichtlich lieber ein Spiel mit mehr Story gemacht hätten, statt eines plumpen Arena-Shooters. Und es hat sicherlich auch nicht geholfen, dass Sony für ein Spiel 40 Euro haben wollte, in dessen Genre es von Free-to-play-Titeln nur so wimmelt.

Concord (2024)

Aber davon findet sich in vielen Kritiken und vor allem den Kommentaren relativ wenig. Stattdessen wird sich über blauen Lippenstift und angezeigte Pronomen beschwert. Der Feldzug der „Anti-Woker“, der schon mit dem allerersten Trailer begann, dürfte also einen ordentlichen Teil zum Scheitern von Concord beigetragen haben. Hoffen wir mal, dass Intergalactic zumindest eine faire Chance erhält und nicht von vornherein wegen Glatze und “falscher” Hautfarbe abgekanzelt wird.

Dabei gäbe es nach dem Trailer zu Witcher 4 statt Geschlecht oder Aussehen auch eine ganze Menge absolut valider Gründe, die Entscheidung für Ciri als Hauptfigur zu kritisieren. Viele Fans hatten sich nach dem Abgang von Geralt zum Beispiel eine neue Geschichte mit unverbrauchtem Charakter gewünscht. Da ist Ciri natürlich eine äußerst enttäuschende Wahl. Gerade, weil sie bereits die zentrale Figur in der Handlung von Witcher 3 war.

>>Die sind doch noch gut! - 10 Playstation-Klassiker für die PS5<<

Auch Lore-technisch wirft die Wahl von Ciri Fragen auf. Wie passen die drei Enden von Teil 3 zu der anstehenden Handlung? Wie hat Ciri die Kräuterprobe bestanden, die für gewöhnlich 8 von 10 Monsterjäger-Azubis das Leben kostet? Zumindest laut der Romanvorlage soll eine Frau den Prozess noch nie überstanden haben, weswegen Witcher traditionell männlich sind. Scheint so, als wolle CD Projekt Red in der Witcher-Welt ein wenig Staub aufwirbeln. Es wird also äußerst spannend sein zu erfahren, wie Ciris Weg hin zum ersten weiblichen Witcher (Witcherin? Witch?) aussah. All das kann, darf und sollte man diskutieren. Aber wenn Witcher 4 kein gutes Spiel werden sollte, liegt es definitiv nicht daran, dass der Hauptcharakter eine “hässliche” Frau ist.

Am Ende kann ich aber alle, denen Witcher 4 zu “woke” erscheint, beruhigen. Ich bin mir sicher, dass es keine Woche dauern wird, bis der erste PC-Nackt-Patch für Ciri herauskommt. Das macht man in Videospielen mit starken, weiblichen Heldinnen nämlich traditionell so. Dann darf zur Belohnung auch wieder gesabbert und objektifiziert werden. Das Internet tut nun mal leider, was das Internet eben so tut.

The Witcher IV - Cinematic Reveal Trailer

CD Projekt RED hat The Witcher IV per langem Cinematic-Trailer offiziell auf den Game Awards angekündigt.

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