Special - Persona 5: The Phantom X : Das Spin-off hat weit größere Probleme als die Gacha-Mechanik
- PC
- Mob
Persona 5 ist zweifellos eines der besten JRPGs, das jemals entwickelt wurde. Doch mittlerweile liegt der erste Auftritt der Phantomdiebe knappe neun Jahre zurück. Das hindert Atlus aber nicht daran, die Marke weiterhin gehörig zu melken und Spin-off um Spin-off auf den Markt zu werfen. Doch jetzt hat es das Studio endgültig übertrieben.
Die Spiele der Persona-Reihe mögen die Spielerinnen und Spieler durch ihre famosen Soundtracks und bis ins letzte Menü durchgestylte Design-Philosophie anlocken, ihre eigentliche Stärke liegt aber in der Story. Wir helfen vermeintlich durch und durch bösen Menschen dabei, ihre dunkle Seite abzulegen und infiltrieren dabei ihr Unterbewusstsein, das sich als eine Art Paralleluniversum manifestiert.
Mich erwischte Persona 5 dereinst kalt, denn hinter dem zunächst unschuldig wirkenden Highschool-Setting in und um Tokio hat es das JRPG faustdick hinter den Ohren. Es konfrontiert euch mit Themen wie Suizid, Missbrauch, Abhängigkeit, Leistungsdruck und so einiges mehr. Auch die beiden Spin-offs Persona 5 Strikers und Persona 5 Tactica schafften es, eine Balance zwischen Style, Gameplay und Story zu finden. Persona 5: The Phantom X macht in den ersten Stunden zwar einen vielversprechenden Eindruck, rutscht aber schnell in die Belanglosigkeit ab.
Grundstimmung: Positiv
Wie viele andere auch stehe ich Gacha-Mechaniken sehr kritisch gegenüber. Nach meinem schonungslosen Selbstversuch mit Infinity Nikki und vielen Gesprächen mit meinem geschätzten Sitznachbar Basti, ein begeisterter Genshin-Impact-Spieler, weiß ich aber: nicht alle Spiele mit derartigen Mechaniken gehören verflucht. Also versuchte ich Persona 5: The Phantom X so unvoreingenommen wie nur möglich anzugehen – und wurde mit einem durchaus starken Einstieg belohnt.
Das Fan-Herz schlug beim Anblick von Joker natürlich erst einmal höher, nichtsahnend, dass es sich hierbei lediglich um geschicktes Foreshadowing auf die Gacha-Mechaniken handelt. Dazu gleich. Doch das schicke Anime-Intro, das quasi einen Remix des Hauptspiel-Einstiegs darstellt, sorgte in Kombination mit der altbekannten und heiß geliebten Musik zunächst regelrecht für Begeisterung.
Zu Beginn wird zwar unendlich viel gelabert, aber schließlich gehört das ja auch zum Persona-Erlebnis dazu. Allerdings merkte ich bald, dass zwar jede Menge geredet, aber nur sehr wenig gesagt wird. Die Dialoge drehen sich regelmäßig im Kreis, bestimmte Gesprächspunkte wiederholen sich ständig und wieder andere wichtige Eckpfeiler der nicht gerade seichten Persona-Lore erklärt das Free-to-Play-Spiel kaum bis gar nicht. Mein Bauchgefühl wurde entsprechend mit jeder Minute schlechter. Denn mit voranschreitender Zeit offenbarten sich immer mehr unschöne Seiten.
Gacha: Nicht das Problem
Ich will an dieser Stelle gar nix beschönigen, das Gacha-System existiert auch in Persona 5: The Phantom X letztlich nur, um euch das Echtgeld aus der Tasche zu ziehen, und birgt massive Risiken, in eine Glücksspielsucht abzurutschen. Solltet ihr Probleme damit haben, lasst am besten die Finger von dem Spiel.
Denn Glücksspielsucht ist ein ernstes Problem, das komplette Existenzen zerstört und so schnell wie möglich behandelt werden sollte. Seid ihr betroffen oder habt Angst abzurutschen, findet ihr bei der BZgA-Telefonberatung zur Glücksspielsucht unter diesem Link Hilfe: https://www.bzga.de/service/infotelefone/gluecksspielsucht/
Im Vergleich zu anderen Gacha-Titeln hebt sich Persona 5: The Phantom X kaum positiv ab. Auch das Free-to-Play-Spin-off setzt auf überladene Menüs und unterschiedliche Ingame-Währungen, um die tatsächlich ausgegebenen Summen zu verschleiern. Doch zu keinem Zeitpunkt drängte sich mir immerhin die Notwendigkeit auf, auch nur einen Cent zu investieren.
Dabei wurde die Mechanik durchaus clever integriert. Zusätzlich zur fixen Truppe der Phantomdiebe gibt es nun die Phantom Idols. Dabei handelt es sich letztlich um Manifestationen von Charakteren aus anderen Metaverse-Dimensionen. Diese unterstützen euch ausschließlich im Kampf, in der realen Welt spielen sie keine Rolle. Besonders seltene und starke Varianten von ihnen erhaltet ihr natürlich durch Gacha-Ziehungen, darunter eben auch Fan-Lieblinge wie Joker aus dem Hauptspiel.
Auch Personas für eure Hauptfigur erhaltet ihr auf diesem Weg und selbst für Waffen zieht es euch immer wieder ins Gacha-Menü. Doch Persona 5: The Phantom X versorgt eifrige Spielerinnen und Spieler auch durch tägliche Login-Boni und abgeschlossene Challenges regelmäßig mit den Währungen. Echtgeldeinsatz wird in erster Linie erst dann nötig, wenn ihr besonders schnell voranschreiten wollt oder ein bestimmtes Phantom Idol im Sinn habt.
In meiner Zeit mit dem Spiel stieß ich aber nie auf Gegner, die mit den gratis zur Verfügung stehenden Mitteln riesige Probleme bereitet hätten. Letztlich reicht es, alle naselang mal neue Figuren zu ziehen und sie im Velvet Room und anderweitig aufzuwerten. Habt ihr bereits Erfahrung mit Titeln wie Genshin Impact oder Honkai Star Rail gesammelt, dürfte euch dieser Umstand bestens bekannt sein.
Kämpfe: abgespeckt und doch gewohnt gut
Durch das Gacha-System bietet Persona 5: The Phantom X in den Kämpfen theoretisch sogar noch mehr Möglichkeiten, da euch haufenweise zusätzliche Figuren und Personas zur Verfügung stehen. Allerdings offeriert diese Tatsache vor allem Fans der Reihe einen Vorteil, da sie Figuren aus ihren liebsten Teilen zu einer Truppe zusammenwürfeln können. Denn die eigentlichen Elementareffekte der Angriffe unterscheiden sich letztlich von Charakter zu Charakter kaum.
Die super-stylischen Menüs gefallen auch 2025 bestens, allerdings merke ich bei einigen Animationen doch deutlich, dass sie einem Spiel von 2016 entstammen. Das schmälert die Güteklasse der Auseinandersetzungen aber keinesfalls.
Es gilt nach wie vor, Schwächen von Feinden gekonnt auszunutzen und sie nacheinander auf die Bretter zu schicken, um verheerende Spezialeffekte auszulösen. Entsprechend steht die Zusammenstellung des eigenen Teams ganz oben auf der Prioritätenliste, doch eine interessante Änderung gibt es dann doch: Ihr seht direkt von Anfang an, welche Resistenzen und Schwächen eure Feinde haben. Die Zeiten des Herumprobierens gehören der Vergangenheit an.
Puristen dürfte das womöglich stören, augenscheinlich passt diese Änderung aber tatsächlich sehr gut zum Mobile-First-Ansatz von The Phantom X, das auf Smartphones und dem PC zur Verfügung steht. Denn das Entwicklungsstudio will euch ja am liebsten täglich für ein paar Minuten vor den Bildschirm locken und dabei ein paar Kröten aus der Tasche ziehen. So müsst ihr in euren kleinen Sessions nicht lange nachdenken, welcher Feind gleich noch welche Taktik benötigte, und haut sie direkt kaputt, wenn ihr die Kämpfe nicht gar automatisch ablaufen lasst.
Interessant ist zudem, dass das traditionelle Kalender-System in den Ruhestand geschickt wurde. Ihr müsst die Paläste nicht mehr bis zu einem Stichtag gesäubert haben. Hier geht ebenfalls ein essenzieller Teil des Hauptspiels verloren, denn ich hatte immer Spaß daran, meine Tage exakt durchzuplanen: Verplempere ich jetzt wirklich meinen Tag mit einer Runde Baseball oder sollte ich lieber meine Personas im Momentos aufleveln?
Story: Es ist kompliziert
Zusammengefasst kann das Gacha-System also problematisch sein, muss aber nicht, und auch die Kämpfe sind kein Dealbreaker für das Spin-off. Doch leider schwächelt Persona 5: The Phantom X in einem der wichtigsten Punkte der Reihe überhaupt: der Geschichte. Die fühlt sich nämlich mehr wie eine Hommage an das Hauptspiel an, ohne dessen Genialität auch nur im Ansatz zu erreichen.
Einmal mehr bekommt ihr es mit einem Coach zu tun, der die Schwächen seiner Untergebenen ausnutzt, bei denen es sich natürlich um junge Mädchen handelt. Das alleine wäre noch zu verkraften, aber die Charakterzeichnung bleibt ebenfalls auf der Strecke.
Ihr schlüpft in die Haut eines Schülers, der sich relativ schnell in der Parallelwelt Metaverse wiederfindet und als Phantomdieb dafür sorgen soll, Menschen von ihren bösartigen Gelüsten zu befreien. Als Begleiterin und Morgana-Ersatz fungiert die Eule Lufel, die euch sämtliche Details verrät und euch anleitet. Doch ihre Ausführungen drehen sich oftmals im Kreis und fühlen sich unnötig gestreckt an. Im Gegenzug wendet das Spiel viel zu wenig Zeit auf, um euch eure Begleiter näherzubringen oder die genauen Grundregeln der komplexen Metaverse-Mechanik näherzubringen.
So fühlt sich Persona 5: The Phantom X mehr nach kopierten Hausaufgaben als einem eigenständigen Werk an. Als Fans des Hauptspiels könnt ihr der Story vielleicht noch etwas abgewinnen, mich enttäuschte sie nach einem eigentlich interessanten Einstieg dann aber doch ziemlich schnell. Sie kommt nicht richtig aus dem Quark, lässt viel Potenzial liegen und wirft euch heftige Elemente wie einen Suizid mehr oder weniger unkommentiert vor, greift den Handlungsstrang anschließend aber nicht mehr auf.
Viel zu schnell fand ich mich hingegen im Alltagstrott meiner Hauptfigur wieder, der Persona-typisch mit einigen Minispielen wie den Proben der Schulband aufwartet. Auch einen Nebenjob im Restaurant durfte ich annehmen und noch vieles mehr. An Content mangelt es The Phantom X definitiv nicht und in der Zukunft soll durch Events und beständig neues Material hinzukommen. Wenn die Qualität der Geschichten aber so la-la bleibt, können sie mir gestohlen bleiben.
Eigentlich macht Persona 5: The Phantom X vor allem eines klar: Die Phantomdiebe gehören allmählich in den Ruhestand geschickt. Zwar sorgt der großartige Soundtrack des Originals mit einigen neu komponierten Stücken in Kombination mit dem fantastischen Stil für wohlige Nostalgie-Wellen, aber eine gewisse Ermüdung lässt sich nicht abstreiten. Letztlich erwartet euch mit dem Spin-off lediglich ein Free-to-Play-Titel, der knallharten Fans zwar einige neue Inhalte bietet, aber unterm Strich in erster Linie Geld generieren soll.

Kommentarezum Artikel