Special - Switch 2 : Meinung: 470 Euro? Mit dieser Preispolitik verfolgt Nintendo einen Plan
- NSw2
Alles wird teurer, auch Videospielkonsolen. Dass Nintendo einen derart hohen Preis für die Switch 2 anlegt, könnte jedoch andere Hintergründe haben als reine Inflationsabsicherung. Ein starkes Stück ist es allemal. Aber ich glaube, dass Nintendo damit einen Plan verfolgt.
Ich stehe zu meiner Meinung, wie ich sie nach dem Anspielen in Paris zu Papier gebracht hatte: Switch 2 ist ein schönes, wenn auch konservativ angelegtes Stück Hardware mit viel Potenzial und guter Aussicht auf die Nintendo-typische Lawine genialer Inhouse-Spiele. Spätestens mit dem nächsten Pokémon oder 3D-Mario wird sie sich verkaufen wie geschnitten Brot.
Trotzdem ärgert mich der Verkaufspreis von 470 Euro. So wie es mich schmerzt, Microsofts Versagen mit der Xbox-Konsole miterleben zu müssen, weil es dem Markt im Allgemeinen schadet, wäre auch ein behäbiger Start der Switch 2 in meinen Augen ein schwerer Schlag für alle Videospiel-Fans. Alle Marktteilnehmer müssen sich gegenseitig befruchten, in ihrer Inspiration, in ihren Marktanteilen, in ihren technischen Impulsen.
Nintendo beschneidet sich selbst
Ich gehe nicht davon aus, dass die Switch 2 ein Misserfolg wird. Auch der hohe Preis wird dafür kein Anlass sein. Aber nach mehr als 150 Millionen verkauften Switch-1-Konsolen, wird es schwer, den Kugelblitz ein zweites Mal in einer Flasche zu bändigen. Big N kann wohl kaum damit rechnen, noch einmal 70 Millionen Mario-Kart-Kopien abzusetzen, wenn Schulkinder, Omis und hart arbeitende Familienväter zu Weihnachten 90 Euro dafür abdrücken müssen.
Inflation hin oder her, die Löhne der Durchschnittsbevölkerung wachsen nicht so schnell mit, und in heutigen Zeiten haben andere Dinge Priorität. Frei nach Bertolt Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral … und irgendwann dann auch eine Videospielkonsole.
Das dürfte der Grund sein, warum Nintendo in den ersten Präsentationen vor allem erstmal Core-Gamer ins Visier nimmt. From-Software-Exklusivtitel, Maussteuerung, 4K, 120 Hz und HDR – das alles kommt nicht von ungefähr. Vollblut-Zocker sollen die erste Welle stemmen und den Hype beflügeln.
Da ist es doch ziemlich blöd, wenn sich Core-Gamer momentan ebenfalls grün und blau ärgern, weil sie erfahren haben, dass die Switch 2 in Japan für umgerechnet gerade mal 330 Euro über den Ladentisch geht. Es handelt sich dabei zwar um eine Spezialfassung der Hardware, die ausschließlich im japanischen Nintendo-Online-Store erhältlich sein wird und auch nur japanische Spracheinstellung zulässt, damit exportierende Skalper nichts davon haben. Aber das ändert ja nichts an den Herstellungskosten. Diese Fassung verwendet dieselben Chips und denselben Bildschirm wie die internationale Ausführung.
Heißt im Klartext: entweder Big N subventioniert die Hölle aus dieser Spezialfassung, in der Hoffnung, dass Japaner mindestens drei bis vier Spiele dazukaufen, oder das Handheld lässt sich weit günstiger herstellen als Nintendo im Rest der Welt vermittelt. Ich vermute Letzteres. Viele andere Gamer auch, darum wurden die Live-Feeds der letzten Treehouse-Videos mit „Lower the Price“-Nachrichten zugespammt.
Konkurrenz aus dem eigenen Hause
So oder so, Nintendo legt sich selbst Steine in den Weg. Oder vielleicht auch nicht. Schauen wir mal genau hin: Switch 1 ist nun acht Jahre alt. Das Geschrei nach einem stärkeren Nachfolger war zwar laut und der Markt ist im Groben gesättigt, aber – man glaubt es kaum – der kleine Kasten geht noch immer millionenfach über den Ladentisch. Es werden monatlich mehr Switch verkauft als Xbox-Konsolen, und womöglich ist der hohe Preis der Switch 2 ein weiterer Grund dafür, dass es so bleibt.
Mit dem Wissen um die Abwärtskompatibilität der Switch 2 besteht erst einmal kein Zwang zur Eile. Eltern, die ihren Kindern gerade erst eine Switch besorgt haben, atmen auf. Selbst wenn sie den Nachfolger erst in drei oder vier Jahren für den Nachwuchs kaufen, bleiben ihre Software-Investitionen erhalten. Den meisten Kids ist es derweil egal, wie viele Pixel der Screen hat und wie flüssig ihr Lieblingsgame läuft.
Zumindest so lange, bis sie älter werden, höhere Ansprüche pflegen und bei einem Freund die bessere Version zu Gesicht bekommen. An dieser Stelle kann Nintendo dann die Begehrlichkeiten-Zange gleich von beiden Seiten ansetzen. Ich halte es nämlich nicht mehr für einen Zufall, dass ausgerechnet ein so krasser Megaseller wie das jüngste Pokémon unter technischen Schwächen leidet. Unsaubere Bildrate, unterdurchschnittliche Grafik … all sowas ausgerechnet beim Ultra-Seller Pokémon, auf einer Konsole, deren technische Stärken und Schwächen längst bekannt sind? Geschichten aus dem Paulanergarten.
Mehr verkaufen, indem man weniger verkauft
Es klingt paradox, könnte sich aber als geniale Marktstrategie herausstellen: Mit weniger Switch 2 lassen sich mehr Switch 1 absetzen, die zur Zeit viel mehr Marge in die Kassen spülen. Oder zumindest Begehrlichkeiten wecken. Und es geht gerade erst los.
Nintendo hat abseits von Bundles oder Feiertags-Ausnahmen all die Jahre nie den Preis der Switch 1 gesenkt, obwohl ihre Herstellungskosten seit Ewigkeiten nur noch irgendwo zwischen `ner Packung abgelaufenem Feta-Käse und drei Putzlumpen bei Woolworth liegen dürften. Ich möchte wetten, dass die UVP nach dem Release der Switch 2 um fünfzig bis hundert Euro fällt, damit auch die letzten Zögerer – vor allem Casual Gamer und Familien – noch zuschlagen.
Die Preissenkung wird kommen. Und wenn es nur eine Frage der Ehre ist, um die letzten zehn Millionen Einheiten bis zum Verkaufsrekord der Playstation 2 zu knacken, damit alle hochrangigen Sony-Mitarbeiter wegen des Gesichtsverlustes kollektiv Sepukku begehen müssen. Ihr wisst ja, laut den Klingonen ist Rache ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.
Aber jetzt mal ernsthaft: Jeder, der sich jetzt noch ins das Ökosystem der Switch 1 begibt, wird zum potenziellen Umsteiger, weil die Softwareflut der Switch 1 in den kommenden Jahren versiegen und die technische Qualität der Spiele weiter sinken wird.
Gerade wenn man betrachtet, wie viele Spieler nach fast fünf Jahren Playstation 5 noch immer an ihrer PS4 kleben, wird dieser strategische Gedanke immer plausibler, denn im Gegensatz zur Sony-Fraktion hat Nintendo einen Generations-Sprung in Petto, der auf vielen Ebenen erheblich spürbarer sein wird. 4K, HDR und allgemein bessere Grafik, ein erhöhtes Premium-Gefühl des Handhelds an sich und vieles mehr – all das weckt bei Kindern und Heranwachsenden, die mit steigendem Alter immer tiefer in das Thema Videospiele eintauchen, stärkere Begehrlichkeiten als der eher marginal sichtbare Grafiksprung zwischen PS4 und PS5.
Darum ergibt auch die neue Maussteuerung in meinen Augen noch mehr Sinn als nur eine neue Bedienungsvariante zu sein. Sie ist buchstäblich ein PC-Präservativ für alle Familien, die sich keinen sündhaft teuren PC zum Spielen leisten wollen, aber Kinder haben, bei denen wohlhabende Freunde Begehrlichkeiten wecken. Wenn Nintendo es noch schaffen würde, irgendwie auf Hängen und Würgen Rockstar eine Umsetzung von GTA 6 abzuzwacken, wäre der Coup perfekt.
Da geht noch was
Und der Witz ist, dass die Switch 2 noch Einsparungspotenzial hat. Das wird nicht nur am japanischen Marktpreis sichtbar, sondern auch an dem, was verbaut wurde. Weder Nintendo noch Nvidia wollten Genaueres zur Hardware verraten, außer dass der Chipsatz theoretisch zehn Mal stärker ist als derjenige der Switch 1. Aber sowohl die Leaks der letzten Monate als auch unsere Infos nach den ersten Präsentationen deuten auf klare Indizien, welche die Möglichkeiten einschnüren.
Switch 2 verfügt einerseits über einen Chipsatz, der nur HDMI 2.0 unterstützt, andererseits über Raytracing-Kerne der zweiten Generation. Die Spezifikationen liegen also exakt zwischen Nvidias Turing-Generation (Geforce-20-Serie) und der Ampere-Generation (Geforce-30-Serie).
Mit einem 80-Watt-Netzteil liegt die Maximalbelastung knapp über 50 Watt, während die Anzahl von rund 1500 Shadern (laut Leaks) zwar keiner Fließband-Grafikkarte gleicht, aber einen Leistungsbereich einkesselt. Gestützt von der Tatsache, dass die Ampere-typischen 12 Gigabyte RAM nur einen 128-Bit-Datenbus zulassen, bleibt eigentlich nicht mehr viel.
Meiner Schätzung nach werkelt in der Switch 2 ein abgewandelter und auf geringen Stromverbrauch optimierter Vorläufer der Geforce 3050 Mobile. Grob geschätzt mit einer Leistung von rund 2,5 bis 3 TeraFLOPS.
Damit würde sie sogar über einen moderneren Chipsatz verfügen als die Vanilla-Playstation-5, wäre aber trotzdem schwächer aufgrund einer mobilen CPU als Vorgesetzten, wegen der vorhandenen Rechenkerne, der Taktrate und dem angebundenen Speicher. Der Samsung-RAM im verhältnismäßig großen Acht-Nanometer-Fertigungsprozess würde wie die Faust aufs Auge zu diesen Specs passen.
Ja, ich weiß schon, was ihr sagen wollt: Da liegt eine riesige Menge Spekulation in meinen Zeilen. Gebe ich auch zu. Es geht mir aber nicht um genaue Specs, sondern darum, dass Nintendo garantiert Hardware gewählt hat, die sich noch im Herstellungsprozess schrumpfen lässt. Einerseits um Kosten zu senken, andererseits um den Stromverbrauch zu verringern. Und wenn dann noch ein OLED-Screen eingebaut wird, hätten viele einen Grund, sich eine zweite Switch 2 zuzulegen. Das wäre dann die zweite Welle, in der sie endgültig den Massenmarkt erreicht. Bei Nintendo gibt es keine Zufälle.

Kommentarezum Artikel