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Test - Mewgenics : Katzen? Kot? Taktik? Das neue Roguelike des verrückten Genies hinter Binding of Isaac im Test

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Edmund McMillen ist ein Ausnahmeentwickler. Jedes seiner Spiele entlarvt sich mit jeder Zeile Code, jedem Design und jedem Witz unter der Gürtellinie als aus seiner Feder stammend. Er geht keine Kompromisse ein, steckt nicht zurück und bleibt bei alledem gnadenlos selbstkritisch. Sonst wären seine größten Werke wie Super Meat Boy und The Binding of Isaac keine solchen Meisterstücke. Nach einer wahren Odyssee in der Entwicklung erscheint nun endlich Mewgenics und könnte tatsächlich sein Opus Magnum werden.

Mehrere Dutzend Stunden versenkte ich die letzten Wochen in Mewgenics und habe dabei gefühlt nicht einmal ein Viertel der gebotenen Inhalte gesehen. Die Zufallsgenerierung setzt euch selbst beim 30. Run im gleichen Gebiet neue Gegner, Items, Synergien und Möglichkeiten vor, die euer Verständnis davon, wie ihr bestimmte Situationen löst, auf den Kopf stellen können. Damit ihr aber auch nur im Ansatz versteht, wo die Genialität des Spiels liegt, lasst mich zunächst die Eckdaten erläutern.

Taktik oder Zufall?

Letztlich zieht ihr in Mewgenics einfach mit einer Truppe von vier Fellnasen los und erlebt ein Abenteuer. Jeder Run lässt euch in bester Roguelike-Manier regelmäßig an Weggabelungen entscheiden, welche Route ihr einschlagt. Zufallsereignis oder Shop, sicheres Item oder doch lieber der beschwerliche harte Pfad samt garstigerer Gegner, die dafür aber deutlich besseren Loot droppen? Entscheidungen bringen echte Konsequenzen mit sich und nicht immer ist auf Anhieb ersichtlich, was euch erwartet.

So ergibt sich selbst bei bester Vorbereitung ein gewisses Risiko, wenn die RNG-Götter nicht auf eurer Seite sind. So geschehen in einem meiner Runs: Über ein Zufallsevent löste sich für die aktuelle Stage der Tag des Jüngsten Gerichts aus. Der sorgt dafür, dass nach dem Ende einer jeden Runde in den Kämpfen ein zufälliges Quadrat auf dem Schlachtfeld geläutert wird – anders ausgedrückt: die Einheit dort stirbt.

Nun kriegen vermutlich alle knallharten Taktikfans nervöse Zuckungen, denn unverschuldet die Lieblingskatze zu verlieren, ist wahrlich keine rosige Aussicht. Doch wir Roguelike-Connoisseure leben genau für diese Art von Nervenkitzel - auch wenn sich an der einen oder anderen Stelle eine gewisse Frustgefahr keinesfalls ausschließen lässt.

Die Kämpfe selbst laufen weitestgehend rundentaktiktypisch ab. Sämtliche Einheiten verfügen über Bewegungs- und Angriffsreichweiten, die von ihren Klassen und Statuswerten definiert werden. Zauber und aktive Skills kosten Mana, die Ressource füllt sich nach jeder abgeschlossenen Runde um einen statusbasierten Wert auf.

Vor einer jeden Runde dürft ihr euren Kätzchen Halsbänder anlegen, die ihre Klasse bestimmen. Starke Nahkämpfer, robuste Tanks, feige Fernkämpfer, nützliche Heiler oder gruselige Nekromanten stellen nur einen Teil dar und zeigen auf, wie vielfältig die Möglichkeiten bei der Party-Erstellung ausfallen.

Angriffe von hinten verursachen mehr Schaden und Elementareffekte setzen Gegner (oder euch) in Brand, vereisen sie oder verringern Statuswerte empfindlich. Je nach aktueller Umgebung existieren große Wasserpfützen, die natürlich mit Elektrizität Hand in Hand gehen. Bringt die passive Fähigkeit einer Muschi besonders viel Schaden gegen vergiftete Feinde auf den Tisch, lohnt es sich, die anderen Vierbeiner ebenfalls mit toxischen Skills zu versorgen, sofern möglich.

Ausrüstung ist die halbe Miete

Auf die zufällig ausgewürfelten Klassenskills nehmt ihr freilich keinen Einfluss, dafür sorgen haufenweise Items und Waffen für jede Menge Anpassbarkeit. Nicht selten müsst ihr den Einsatz aber genau abwägen, denn sie bringen nicht zwangsläufig nur Vorteile mit sich. Besondere Brillen mögen Fernkampfattacken verstärken, dafür reduzieren sie die Effektivität im Nahkampf aber empfindlich. Ein Stachelhalsband verletzt eure Mieze im schlimmsten Fall selbst, gleichzeitig hat sie aber auch den Dornen-Effekt, der Angreifern Schmerzen bereitet.

Immer wieder zeigen sich auch Rückbezüge auf andere Spiele von McMillen oder Werke aus Kunst und Kultur. Der Holy Mantle verleiht euch ähnlich zu The Binding of Isaac jede Runde eines Kampfes Unverwundbarkeit gegen den ersten Treffer. Und warum eine Eishockey-Maske eine Chance von 25 Prozent auf Wiederauferstehung mit sich bringt, dürften alle Splatter-Fans sofort kapieren.

Besonders in den Bosskämpfen erweist sich eure Ausrüstung im Zusammenspiel mit den Skills der Katzen als entscheidend. Ob ihr gegen eine riesige Spinne antretet, euch eine Bomben werfende Ratte nach dem Leben trachtet oder einem Kopfgeldjägerkater mit einem Revolver vor die Flinte springt, Abwechslung und Herausforderung schreibt Mewgenics gleichermaßen groß.

Allerdings sei hier noch einmal deutlich gesagt: Besonders, wenn ihr mit Rundentaktik bisher nichts am Hut hattet, kann euch das Spiel bisweilen ordentlich den Hintern versohlen. Besagte Spinne trieb mich regelrecht zur Weißglut, denn sie spinnt eure Einheiten kurzerhand ein, wodurch der Standard-Angriff zur Befreiung nötig wird und ihr nur noch aktive Skills zum Verursachen von Schaden nutzen könnt. Dazu spawnt sie regelmäßig kleinere Einheiten, was den Kampf zu einer Gedulds- und Glückssache macht.

Doch im fünften Anlauf entschied ich mich mit der Macht des Totenbeschwörers einfach, den Spieß umzudrehen: Ich fing an, Runde für Runde neue Einheiten herbeizurufen und das Feld regelrecht zu fluten. Dank diverser passiver Skills verursachten sie Blutungsschaden und hielten mehr aus, was den Kampf deutlich erleichterte und – ich will nicht lügen – ein Gefühl von Intelligenz in mir aufkeimen ließ.

Zucht mit Köpfchen

Nun ist es ja so, dass neue Kätzchen nicht einfach aus der Luft entstehen, etwas Liebe braucht es dafür schon auch. Oder zumindest Triebe. Hier kommt das zweite Standbein von Mewgenics zum Tragen: die Zucht.

Nach euren Abenteuern kehrt ihr immer in euer bescheidenes Haus zurück, je nach Erfolg der Mission mit oder ohne Samtpfoten – Permadeath ist tatsächlich Teil des Spiels. Selbst wenn eine Katze erfolgreich heimkehrt, steht sie euch übrigens nicht für das nächste Abenteuer zur Verfügung, denn sie geht dann in Rente und fungiert fortan nur noch als Zuchtexemplar – oder zur Verteidigung eures Heims, denn das wird unregelmäßig attackiert.

Abgesehen von überlebenden Katzen bringt ihr auch sämtliche Items nach einer erfolgreichen Runde mit nach Hause und dürft sie in eurem sehr begrenzten Vorrat für die nächsten Runs lagern. Futter und Geld gibt es ebenfalls, jede Katze benötigt pro abgeschlossenem Tag schließlich etwas zu essen.

Letztlich läuft die Zucht ohne großes Zutun eurerseits ab: Befinden sich zwei oder mehr Katzen im gleichen Raum und ihr beendet den aktuellen Tag, besteht die Chance auf ein Schäferstündchen, auf das direkt die Geburt des neuen Kätzchens folgt. Es muss sich noch nicht einmal zwangsläufig um Männchen und Weibchen handeln, auch gleichgeschlechtliche Beziehungen erlaubt Mewgenics.

Doch Vorsicht, manche Samtpfoten vertragen sich nicht und gehen lieber aufeinander los, was bisweilen in Verstümmelungen endet. Ein gebrochenes Bein resultiert in geringeren Bewegungsradien, eine Gehirnerschütterung verringert die Mana-Regeneration. Solche Zankhähne gilt es also möglichst flott zu trennen.

Abgesehen von Verstümmelungen können eure Kätzchen tatsächlich über allerhand mögliche Behinderungen verfügen. Autismus steigert bestimmte Skills immens, lässt aber alles andere hinten runterfallen und ein verstümmeltes Bein bringt weniger Beweglichkeit mit sich, dafür bewegen sich die Miezen schneller durch Wasser. Wie auch ihre Fähigkeiten besteht das Potenzial, diese zu vererben, achtet also stets darauf, welche Katze ihr zur Paarung freigebt und welche ihr doch lieber opfert.

Kätzchen opfern, Boni bekommen

Neben euch und eurem stetig wachsenden Katzenharem gibt es noch ein paar weitere dubiose Gestalten in der Welt von Mewgenics. In ihren Shops erwerbt ihr beispielsweise neue Einrichtungsgegenstände für eure Behausung, die die Attraktivität und das Wohlbefinden eurer Kätzchen steigern, was natürlich für deutlich erfolgreichere Schäferstündchen sorgt. Oder ihr kauft Nahrung und Items für den nächsten Run.

Doch damit nicht genug, die seltsamen Gesellen nehmen euch auch überflüssige Katzen ab. Schmeißt sie einfach in den Gulli und wählt aus, wer sie erhalten soll. Manch einer will bloß verstümmelte Exemplare, ein anderer steht auf Leichen und es gibt sogar jemanden, der frisch geborene Kätzchen sammelt.

Ihr schafft durch die Opfer aber nicht einfach mehr Platz in eurem Haus, es winken auch Belohnungen. Beispielsweise erhöht sich der Platz in eurem Item-Lager oder ihr bekommt zusätzliche Räume für euer zu Beginn noch sehr kleines Eigenheim. Ein Leichenfledderer rettet sogar Items, Geld und Futter im Falle eines verhauten Runs.

Audiovisuell fesselnd

Grafisch orientiert sich Mewgenics klar an den Flash-Ursprüngen von Edmund McMillen, was aber keinesfalls negativ zu bewerten ist. Denn die Cartoon-Optik mit ihren süßen Kätzchen verschleiert auf den ersten Blick gekonnt, auf welch blutige und fäkaliengetränkte Irrfahrt ihr euch hier eigentlich einlasst. Die Modelle und Figuren verfügen über jede Menge charmante und verstörende Details, es wirkt fast so, als hätte Tim Burton einen Cartoon gezeichnet – McMillen in Reinform eben.

Das wahre Highlight auf Präsentationsseite stellt jedoch die Musik dar. Schon in den normalen Abschnitten gehen die irgendwo zwischen Jazz, Country und Funk angesiedelten Instrumentals ins Ohr, doch sobald in den Bosskämpfen auch noch der Gesang einstimmt, kriegt ihr die Stücke aus der Feder von Ridiculon gar nicht mehr aus dem Ohr. Das amerikanische Duo arbeitete in der Vergangenheit bereits für McMillen an The Binding of Isaac: Rebirth, Super Meat Boy, The Legend of Bum-Bo, The End is Nigh und vielen mehr.

Doch mit Mewgenics schufen sie nicht weniger als ihr bisheriges Glanzstück, passend zum Herzensprojekt des Entwicklers. Ich summe seit Wochen „Where's that smell coming from" vor mich hin und besinge den „King of Rats". Für mich kann es dieses Jahr fast keinen besseren Videospiel-Soundtrack geben.

Greift zu, wenn...

… ihr auch nur im Geringsten etwas mit schrägem Humor, Roguelikes oder Rundentaktik anfangen könnt.

Spart es euch, wenn...

… eure Pläne immer genau so aufgehen müssen, wie ihr es euch vorstellt.

Fazit

Dennis Hilla - Portraitvon Dennis Hilla
Ein Frontalangriff auf eure Freizeit, der für mich schon jetzt ein heißer GOTY-Kandidat ist

Mit Mewgenics und mir war es wirklich ein Münzwurf. Ich liebe Edmund McMillen und Roguelikes, kann im Gegenzug mit Katzen und Rundentaktik aber nur bedingt etwas anfangen. Nach Dutzenden Stunden mit der fertigen Version habe ich nicht mal im Ansatz alles gesehen und es juckt mich in den Fingern weiterzumachen. Das verrückte Genie hat es mal wieder getan und den Beweis geliefert, dass 14 Jahre Entwicklungszeit nicht zwangsläufig zu einer Vollkatastrophe führen müssen.

In den Kämpfen treten immer wieder absurdeste Situationen auf, die den schmalen Grat zwischen Frust und Freude perfekt treffen. Wenn eine Katze von mir unter Blutrausch leidet und deshalb nach jedem Kill durchdreht und neue Züge gewährt bekommt, klingt das erstmal toll. Attackiert sie aber das eigene Team und killt einen Kumpanen nach dem anderen, ist das weniger toll. Murkst sie mit ihren dadurch abermals gewonnenen Zügen aber auch gleich noch den Boss mit ab, ist das wieder ziemlich toll.

>> Spiele, die dich fertigmachen: Die 10 besten Roguelikes <<

Bei der Muschizucht selbst investiere ich nur das Nötigste an Zeit, aber hier lässt sich wundervoll min-maxen. Wer die richtigen Katzen in die Kiste hüpfen lässt, beherrscht das Spiel. Dazu verwöhnt Mewgenics Augen und Ohren mit großartiger Cartoon-Optik und Soundtrack mit Ohrwurm-Garantie. Ganz ehrlich, andere Titel werden es dieses Jahr irrsinnig schwer haben, dieses Spiel von meinem GOTY-Thron zu stoßen. Wenn ich dann noch von Edmund höre, welche Zukunftspläne er hat, wird mir aber Angst und Bange um meine Zeit ...

Überblick

Pro

  • suchterzeugender Gameplay-Loop aus Kampf und Zucht
  • nahezu unendliche Synergie-Möglichkeiten
  • jede Menge taktische Tiefe
  • überrascht auch nach mehreren dutzend Stunden
  • charmante Cartoon-Optik
  • fantastischer Soundtrack

Contra

  • genre-typisch Frustpotenzial vorhanden
  • nach einem versauten Run deutlich schwerer
  • bisweilen etwas unübersichtlich

Awards

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  • Design
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  • Sound
    • PC

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