Special - Wolfenstein: Youngblood : Das Hakenkreuz-Hickhack

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Wolfenstein: Youngblood und Wolfenstein: Cyberpilot erscheinen ungekürzt in Deutschland! Das war erst nicht zu glauben. Doch tatsächlich erhielten die internationalen Versionen nach Prüfung durch die USK eine Freigabe ab 18 Jahren. Beide Shooter dürfen hierzulande ohne Einschränkungen verkauft werden. Ist damit alles geklärt? Ganz und gar nicht ...

Schon immer stand der Kampf gegen die Nazis im Mittelpunkt der Wolfenstein-Reihe. Anfangs steuerte man noch einen namenlosen US-Soldaten, seit Beginn der Neunziger tritt Sergeant William Joseph Blazkowicz, genannt B.J., der selbsternannten Herrenrasse in den Hintern. Auch in den Nachfolgern bleiben das Dritte Reich, Hakenkreuze und Hitler feste Bestandteile – allerdings nicht in Deutschland.

Dafür gibt es zwei Gründe: das deutsche Gesetz und die Vergangenheit von Wolfenstein selbst. Konkret geht es um den Fall eines Anhängers der nationalistischen Szene, der Wolfenstein 3D über ein Netzwerk verfügbar gemacht hatte. In diesem Zusammenhang entschied das Oberlandesgericht Frankfurt am Main 1998 in einem Verfahren, dass Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen in einem Computerspiel nicht gezeigt werden dürfen. Es sei unter anderem möglich, dass Kinder, die mit dem Spiel in Kontakt kommen, ideologisch beeinflusst werden oder Sympathie für die gegnerische Fraktion der Nazis entwickeln.

Das Oberlandesgericht bezog sich in seiner Entscheidung auf den § 86a des Strafgesetzbuches. Dieser verbietet die Verwendung, Verbreitung, Herstellung sowie Ein- und Ausfuhr von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, zu denen der Nationalsozialismus gehört. Entsprechende Vergehen können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe belegt werden.

Dieses Urteil hatte eine außerordentlich abschreckende Wirkung, insbesondere auf die Wolfenstein-Reihe. Bis 2009 landeten fast alle Serienteile auf dem Index. In besagtem Jahr erschien mit Wolfenstein für die Xbox 360, Playstation 3 und den PC erstmals eine geschnittene Fassung offiziell in Deutschland. Jedoch wurde diese bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung wieder aus dem Handel genommen – der Grund war ein übersehenes Hakenkreuz im Spiel. Auch andere Hersteller verzichten beim Deutschland-Release ihrer Titel vollständig auf einschlägige Symbole und Bezeichnungen, beispielsweise South Park: Der Stab der Wahrheit oder Call of Duty: WWII.

Seit 2014 erschienen drei weitere Wolfenstein-Spiele in eigens für Deutschland entwickelten Versionen. Darin wurden unter anderem sämtliche Hakenkreuze gegen eine unverfängliche Art von Kreuz ersetzt, aus Hitler wurde der „Heiler“ und die Nazis hießen „das Regime“. Doch mit dem neuen Koop-Shooter Wolfenstein: Youngblood und dem VR-Spiel Wolfenstein: Cyberpilot ist plötzlich alles anders, denn diesmal erhalten wir neben der deutschen auch die internationale Version des Spiels – ungeschnitten und frei verkäuflich.

Plötzlicher Sinneswandel?

Der Grund dafür ist die Entscheidung der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle), die internationalen Versionen mit einer Alterskennzeichnung zu versehen und ihnen somit den offiziellen Weg in den deutschen Handel freizumachen. Das wird durch die Anwendung der sogenannten Sozialadäquanzklausel des § 86a Abs. 3 des Strafgesetzbuches möglich, die seit August 2018 bei Videospielen zum Einsatz kommen darf.

Danach ist die Verwendung von Kennzeichen zulässig, „wenn das Propagandamittel oder die Handlung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient“.

Für Filme ist die Anwendung dieser Klausel schon lange üblich: Die Indiana-Jones-Reihe, Schindlers Liste, Inglorious Basterds, Der Untergang und viele weitere machen regen Gebrauch von Symbolik und Jargon des Nationalsozialismus, erfüllen aber mindestens eines der oben genannten Kriterien und kommen somit ohne Kürzungen aus. Das liegt daran, dass Filme in Deutschland als Kulturgut eingestuft werden. Videospielen blieb dieser Status lange Zeit verwehrt, doch dank der Ausweitung der Klausel können nun auch sie auf eine ähnliche Weise behandelt werden, wie es bei Filmen durch die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) erfolgt.

Wolfenstein: Youngblood - Launch Trailer
Zum Launch von Wolfenstein: Youngblood hat Bethesda einen neuen Trailer zum Koop-Shooter im Gepäck.

Die Gründe für das USK-Logo

Auf Nachfrage erhielten wir von der USK eine Zusammenfassung der Begründung zur Kennzeichnung der internationalen Versionen mit „keine Jugendfreigabe“. Zentral sind dabei der Einsatz und die Wahrnehmung des Nationalsozialismus innerhalb des fiktiven Settings der Spiele. Die verfassungsfeindlichen Kennzeichen werden zusammen mit anderen künstlerischen Gestaltungselementen eingesetzt, um das erwähnte fiktionale Setting stimmig und atmosphärisch zu machen.

Dabei wird eine Einteilung in Gut und Böse vorgenommen, die immer klar erkennbar ist: Der Spieler hat den eindeutigen Auftrag, gegen die Nazis zu kämpfen. Eine Bewerbung oder Legitimation der Ideologie und Handlungen des NS-Regimes findet zu keinem Zeitpunkt statt, denn es wird ausschließlich verurteilt und bekämpft.

Die überraschende Entscheidung stellt zweifellos einen großen Erfolg für das Medium dar. Sie bedeutet jedoch nicht, dass künftig alle Spiele mit verfassungsfeindlichen Kennzeichen automatisch eine Freigabe erhalten und in den deutschen Handel kommen. Stattdessen trifft die USK solche Entscheidungen immer im Einzelfall. Somit wird bei jedem Spiel erneut abgewogen, ob eine Verletzung des Gesetzes vorliegt oder die Sozialadäquanzklausel ihre Anwendung finden kann. Ein Strategiespiel etwa, in dem ihr aufseiten der Nazis den Zweiten Weltkrieg gewinnen könnt, wird es daher auch in Zukunft mit Sicherheit nicht in dieser Form in Deutschland geben.

Weil die Prüfung eines Videospiels erst auf Grundlage des finalen Produktes erfolgt, wurde vorsichtshalber von Anfang an neben der internationalen auch eine deutsche Version von Wolfenstein: Youngblood entwickelt. Wären lediglich die ungeschnittenen Versionen bei der USK eingereicht und abgelehnt worden, hätten die Titel nicht in Deutschland veröffentlicht werden dürfen. Zwar schützt die USK-Freigabe vor einer Indizierung, da die Behörde bereits vor der Vergabe einer Alterskennzeichnung eine mögliche Jugendgefährdung oder strafrechtliche Relevanz ausschließen muss. Dennoch ist eine deutliche Zurückhaltung zu spüren, wenn es um ein Wolfenstein mit Hakenkreuzen geht.

So bieten Media Markt und Saturn ausschließlich die deutsche Version beider Spiele an. Genauso verzichten GameStop sowie Microsoft darauf, die internationale Version anzubieten. Viele Streamer und YouTuber nutzen für Let's Plays und Videos ebenfalls ausschließlich die deutsche Version, um jedwede Diskussion zu vermeiden. Bei Amazon wiederum lassen sich beide Versionen kaufen, ebenso kann im PlayStation Store, Nintendo Store und auch bei Steam zwischen den Downloads gewählt werden.

Große Unsicherheit

Der Umgang mit einem Videospiel, das in Deutschland offiziell Hakenkreuze und ähnliche Inhalte zeigt, ist für alle Beteiligten neu. Rein gesetzlich stellt der Verkauf der internationalen Version dank USK-Freigabe kein Problem dar. Allerdings dürfte die Angst vor einem möglichen Imageschaden für einige Händler der Grund sein, auf die Uncut-Fassung zu verzichten. Im Gegensatz dazu hat der Verbraucher und Spieler nichts zu befürchten. Sie oder er entscheidet völlig frei und ohne Risiko, welche Version von Wolfenstein: Youngblood oder Wolfenstein: Cyberpilot es sein soll. Selbst ein Verleih oder Weiterverkauf an Erwachsene wäre uneingeschränkt möglich.

Trotz der aktuellen Freigabe bleibt die Lage jedoch sehr unsicher. Daher werden vermutlich auch andere Hersteller, genau wie Bethesda, künftig zweigleisig fahren und neben der ungeschnittenen auch eine gekürzte deutsche Version produzieren lassen. Denn eine Prüfung im Einzelfall birgt weiterhin die Gefahr, dass die Freigabe verweigert wird. Sein Spiel nicht in Deutschland veröffentlichen zu dürfen, würde bedeuten, auf den größten Markt für Video- und Computerspiele in ganz Europa zu verzichten. Das kann kein Hersteller wirtschaftlich verantworten.

Lese-Tipp: Wolfenstein & Co.: wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten

Dennoch markiert das Erscheinen der internationalen Version von Wolfenstein: Youngblood und Wolfenstein: Cyberpilot einen wichtigen Meilenstein für Videospiele insgesamt, weil sie sich damit zumindest offiziell dem Medium Film und seiner Stellung als Kulturgut annähern. Ob das zu einem Dauerzustand wird, muss die Zukunft zeigen. Und mit ihr das nächste Spiel, bei dem verfassungsfeindliche Kennzeichen eine Rolle spielen – ganz gleich, wie groß oder klein diese sein mag.

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Quellen:

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