Preview - Vampire: The Masquerade - Bloodlines 2 : Angespielt: Diesem Vampir-Rollenspiel fehlt noch der Biss
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Zwei Jahrzehnte haben Fans der nächtlichen Blutsauger-Saga gewartet, gezweifelt und gehofft. Nun kehrt Vampire: The Masquerade - Bloodlines 2 endlich aus dem Schatten zurück und verspricht all das, was den Vorgänger zum Kultspiel machte: Intrigen zwischen vampirischen Clans, moralische Dilemmata in einer düsteren Metropole und Entscheidungen, die schwerer wiegen als ein Sargdeckel.
Die große Frage ist jedoch: Kann das Spiel im Jahr 2025 wirklich noch an die Legende von damals anknüpfen? Ich bin da ziemlich skeptisch und nachdem ich die ersten zwei Stunden von Bloodlines 2 anspielen durfte, hat sich mein Bauchgefühl nur wenig zum Positiven verschoben.
This Girl is (on) Phyre
Der von euch gesteuerte Blutsauger nennt sich Phyre und kann je nach Präferenz ein Mann oder eine Frau sein. Da in allen Trailern jedoch die weibliche Variante gezeigt wird und ich mich in meinen Durchläufen auch für eine Frau entschieden habe, bezeichne ich Phyre ab jetzt auch als solche. Aus irgendeinem Grund könnt ihr euch vor Beginn des Spiels kein eigenes Aussehen für eure Phyre kreieren und müsst in den ersten Cutscenes mit dem Standardmodell vorliebnehmen.
Erst nach der längeren Eröffnungssequenz respektive dem Tutorial lassen sich jederzeit Gesicht, Frisur und kleinere Details anpassen. Für ein Rollenspiel ist das schon eine äußerst merkwürdige Design-Entscheidung, denn zum einen wollt ihr euren individuellen Charakter im Spiel sehen, und zum anderen bricht das natürlich die Immersion, wenn eure Figur in der nächsten Sequenz auf einmal ein ganz anderes Gesicht hat. Warum man hier keine klassische Charaktererstellung an den Anfang gepackt hat, weiß wohl nur Entwickler The Chinese Room selbst.
Phyre erwacht nach über 100 Jahren Tiefschlaf im Seattle des Jahres 2024. Nicht nur hat sie keine Ahnung, warum genau sie aufgeweckt wurde und von wem, man hat ihr auch noch während ihres Schlummers ein Brandzeichen verpasst, welches regelmäßig für Kopfschmerzen und Visionen sorgt. Und als wäre der unfreiwillige Körperschmuck nicht schon schlimm genug, quasselt auf einmal noch ein anderer Vampir in ihrem Kopf.
Fabien heißt der blinde Passagier und war bis vor Kurzem als Detektiv in der Stadt unterwegs. Fabiens Humor und die Dynamik zwischen ihm und Phyre sind definitiv die Stärke des Spiels, zusammen mit den Dialogen im Allgemeinen. In der Demo hatten die gewählten Optionen zwar noch keinen Einfluss auf irgendwas, aber das wird beim Nachfolger zum legendären Rollenspiel-Riesen Bloodlines ja wohl nicht so bleiben – hoffentlich. Fabiens Erinnerungen scheinen aber gelitten zu haben, denn anfangs hat er keine Ahnung, warum er auf einmal keinen Körper mehr hat, sondern nur noch eine Stimme im Kopf einer Vampir-Ältesten ist. Könnte natürlich irgendwie mit dem Mal zu tun haben …
Während der Demo kämpfen wir uns durch Seattles Nachtleben und hauen vornehmlich Anarcho-Vampiren die spitzen Beißerchen ein. Die haben nämlich ein Problem mit der etablierten Ordnung in der Stadt. Die Vampir-Gesellschaft folgt streng hierarchischen Regeln. Das Sagen in Seattle hat der Prinz (wird übrigens nicht gegendert, obwohl der amtierende “Prinz” eine Frau ist); für die Ordnung sorgt der Sheriff. Wer als Vampir in der Stadt unterkommen will, braucht die Genehmigung des Prinzen und so führt auch Phyres Weg recht schnell in die gehobeneren Kreise. Natürlich immer auf der Suche nach dem Grund ihres Erwachens, ihres Mals und des ungebetenen Besuchers in ihren Gedanken.
Maskenknall
Die wichtigste Regel im Vampirleben (so wichtig, dass sie es sogar in den Titel des Spiels geschafft hat, aber der ist ja auch sehr lang) ist die Maskerade, also das Ansinnen, die Existenz der Vampire vor den gewöhnlichen, sterblichen Menschen beziehungsweise Snacks geheim zu halten. Da versteht man auch keinen Spaß und wer die Maskerade bricht, kriegt es mit dem Sheriff zu tun und wird zur Rechenschaft gezogen, was für gewöhnlich im Verlust des eigenen Kopfes endet.
So eben auch in Bloodlines 2. Seid ihr in der Stadt unterwegs, weist euch eine Anzeige immer darauf hin, wie auffällig ihr euch gerade verhaltet. Auf dem Gehsteig entlangschlendern ist fein, mit einem Satz über ein Auto springen bringt euch skeptische Blicke ein und auf offener Straße Passanten das Blut aus der Halsschlagader zu lutschen, sorgt recht schnell für Panik und einen Polizeieinsatz. Das ist dann ein bisschen wie fünf Sterne in GTA, ohne God Mode.
Die Versuchung ist allerdings recht groß, denn einige eurer Vampirfähigkeiten sind schon ziemlich cool. Wie schon erwähnt könnt ihr sehr hoch (und sogar doppelt) springen, seid extrem schnell, klettert Wände hoch wie nichts und ein Faustschlag eurerseits gleicht dem Auffahren eines Zementlasters auf einen Eiswagen: Erst gibt es einen großen Knall und anschließend muss man das Erdbeereis (in diesem Fall Blut) von den Hauswänden kratzen.
Und das ist nur die Grundausstattung an übernatürlichen Fertigkeiten, die ihr als Vampir mit auf den Weg bekommt. Richtig mächtig wird es erst, wenn man einen Blick in den Fertigkeitsbaum und die Clans wirft. Aber gerade an dieser Stelle hat es sich The Chinese Room ziemlich mit den Vampire-Fans verscherzt.
Familie kann man sich nicht (kostenlos) aussuchen
Clans sind praktisch eure Familie, nur dass ihr mit den Leuten nicht blutsverwandt seid. Hihi, blutsverwandt. Jeder Vampir gehört einem Clan an, der von seinem Erschaffer abhängt, und jeder Clan wiederum hat seine speziellen Eigenheiten und Vorlieben. Zum Release sind erstmal vier Clans für euch am Start, von denen ihr euch einem zu Beginn des Spiels anschließt.
Die Brujah sind die klassischen Schläger, die sich ohne viel Schnickschnack gerne ums Grobe kümmern. Tremere sind Magier, die Blut (und zwar nicht unbedingt ihr eigenes) nutzen, um mächtige Zauber zu wirken. Überhaupt sind Tremere immer auf Reichtum, Macht und Ruhm aus. Der Vampir, der sich das alles erkämpft hat, seid am Ende vielleicht sogar ihr, wenn ihr euch den Tremere anschließt.
Banu Haqim sind die Meuchelmörder unter den Kindern der Nacht. Selbst im Vergleich zu anderen Vampiren sind sie verdammt schnell, leise und äußerst tödlich. Zu guter Letzt haben es noch die Ventrue in die Auswahl geschafft. Ventrue sehen sich selbst als rechtmäßige Herrscher über die anderen Vampirclans und werden auch nicht müde, das jedem zu erzählen. Ihre Fähigkeiten drehen sich oft um Gedankenmanipulation.
Da ihr aber richtig cool (und uralt) seid, ist das Clan-Gerüst für euch nicht allzu starr. Theoretisch könnt ihr mit genug Erfahrung(spunkten) die Skills aller Clans lernen, doch diejenigen, die eurem eigenen Clan am meisten entsprechen, werden immer billiger sein als die anderen.
Billig ist auch ein gutes Stichwort für den bereits angesprochenen Aufschrei der Fans. Direkt zum Release bietet The Chinese Room einen DLC an, mit dem ihr Zugriff auf zwei weitere Clans erhaltet. Zum einen auf die Schattenmagier der Lasombra und zum anderen auf den mit Abstand besten Clan, der die schönsten Mitglieder besitzt und überhaupt über dem ganzen dreckigen restlichen Vampir-Abschaum steht: Toreador (Ihr könnt ja mal raten, welchen Clan ich gewählt habe. Der Text könnte einige subtile Andeutungen enthalten.) Die Toreador haben sich der Schönheit der Dinge und der Kunst verschrieben. Sie verzücken nicht nur ihr Gegenüber mit Worten, sondern sind sogar wortwörtlich “bezaubernd”.
Bis vor Kurzem wollten die Entwickler für den “Shadows & Silk”-DLC noch 21 Euro haben, diese Option ist mittlerweile aber wieder von Steam verschwunden. Jetzt habt ihr nur noch die Möglichkeit, euch einfach für 30 Euro Aufpreis zum Hauptspiel (ca. 60 Euro) die Premium Edition (ca. 90 Euro) vorzubestellen, da ist der DLC gleich mit dabei.
So ein DLC zum Release wirkt schon so, als hätte man einfach einen essenziellen Teil des Contents genommen und bewusst ausgeklammert, um mehr Kohle aus den Spielern pressen zu können. Schließlich sind die zusätzlichen Clans ebenfalls im normalen Entwicklungsprozess entstanden und nichts, woran man sich nach Release gesetzt hätte. Aber wahrscheinlich ließe sich das irgendwie noch rechtfertigen, wenn der Rest des Spiels denn vor Inhalte überquellen und ein wahrlich wunderbares Seattle bieten würde, in dem ihr euren Blutdurst stillen könnt. Spoiler: So ist das leider nicht ganz!
Auffällig blutleer
Bei Bloodlines 2 ist bedauerlicherweise nicht alles Blut, was glänzt. Die Straßen von Seattle sind zwar ziemlich schick und grelle Neonschilder durchbrechen das Dunkel der Nacht, aber hinter dem Schein stehen nur Pappkulissen. Gerade mal eine Handvoll Gebäude sind zumindest in der Demo überhaupt begehbar und alles, was nicht gerade Teil der Handlung ist, lohnt den Besuch auch nicht.
Zudem scheint Seattle ausschließlich von Obdachlosen und knutschenden Pärchen bevölkert zu sein. Davon gibt es aber wiederum so viele, dass es teilweise groteske Züge annimmt. “Normale” Menschen tauchen praktisch nicht auf. Ist aber auch egal, denn Blut ist Blut, aus welchem Leib auch immer es strömt. Nur einige wenige Ausnahmen gibt es.
Wichtige Figuren auf der Straße könnte selbst ein ungeschickter Mitarbeiter des Sägewerks Bad Segeberg an einer Hand abzählen. Einige wenige Passanten scheinen überdurchschnittlich depressiv oder wütend zu sein, was ihrem Blut besondere Eigenschaften verleiht und zum Kauf bestimmter Fähigkeiten notwendig ist. Mehr zu tun, als unschuldige Bürger in dunkle Gassen zu locken und auszunuckeln, gibt es auf den Straßen allerdings (momentan) nicht.
Dabei gefällt mir Seattle bei Nacht in grelles Neonlicht getaucht eigentlich sehr gut! Und die krassen Vampir-Fähigkeiten wie Doppelsprung, Klettern oder Gleiten laden grundsätzlich zum Erkunden ein. Aber es gibt nichts zu erkunden! Ich weiß gar nicht, ob ich eine klassische Open-World oder Semi-Open-World will, in der ich die voneinander abgetrennten Stadtviertel zu 100 Prozent von Federn, Kerzen, Buchseiten oder anderen Sammelobjekten befreien kann, damit ich ein paar neue Klamotten oder eine Trophäe bekomme. Aber als mächtiger, hunderte Jahre alter Vampir-Lord würde ich gerne Verwendung für meine Fähigkeiten finden. Nur Blutsaugen wird irgendwann eintönig.


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