Test - The Berlin Apartment : Test: Bewegende Zeitreise zu dunklen Augenblicken der Geschichte
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Eine titelgebende Berliner Altbauwohnung ist der Schauplatz in dem ungewöhnlichen Spiele-Experiment The Berlin Apartment. Wenngleich das Spiel am ehesten dem Genre der Walking-Simulatoren zuzurechnen ist, wird dabei gar nicht so viel „gewalkt“, denn besagte Wohnung ist gleichzeitig der einzige, überschaubar kleine Schauplatz des lediglich drei Stunden dauernden Kammerspiels. Und dennoch durchlebt ihr dabei knapp 100 Jahre deutsche Geschichte im Schnelldurchlauf.
In der Gegenwart beginnen ein Handwerker und seine kleine Tochter die Renovierung einer Altbauwohnung im Osten Berlins. Dabei stoßen sie auf die Hinterlassenschaften seiner früheren Bewohner und nehmen euch mit auf eine gedankliche Reise zu kurzen Ausschnitten aus deren Leben, die sich jeweils an Wendepunkten historischer Ereignisse zutrugen.
Ihre Geschichten bilden lediglich kurze Momentaufnahmen ganz normaler Personen ab, gewähren Einblicke in ihr Leben und dessen Umstände, und doch atmen diese Augenblicke nichts weniger als den Hauch der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, über dessen Tragweite sich die Protagonisten oftmals noch gar nicht bewusst sind, dem Spieler aber vor dem Hintergrund seines Vorwissens in den meist banal scheinenden Begebenheiten umso eindrücklicher präsent wird.
Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
1989 am Vorabend des Mauerfalls schlüpfen wir in die Rolle eines jungen Studenten, der eine ungewöhnliche Form von Brieffreundschaft mit einer jungen Frau aus dem Westen beginnt, indem sie sich gegenseitig Papierflieger über den Todesstreifen der Berliner Mauer schicken und dabei eine zarte Romanze beginnen.
1945 erleben wir eine Familie in den Trümmern des zerstörten Berlins, die allen Leids zum Trotz ein besinnliches Weihnachtsfest zu feiern versucht und wir als kleine Tochter den Baum mit dem Wenigen schmücken, das uns dazu in den Ruinen noch zur Verfügung steht: glänzendes Essbesteck aus Messern und Gabeln etwa, oder die Orden des gefallenen Vaters, über den wir als naives Kind allmählich zu ahnen beginnen, dass er nicht der Kriegsheld gewesen sein mag, für den wir ihn immer hielten, und die Deutschen gar nicht die Guten waren, wie uns eingebläut wurde.
1933 packen wir als jüdischer Kinobetreiber wehmütig unseren Koffer, um aus Nazi-Deutschland zu fliehen, und 1967, wenige Jahre nach dem Mauerbau, schreiben wir als Schriftstellerin an einem Science-Fiction-Roman und geraten regelmäßig mit unserem Verleger in Konflikt, weil er darauf drängt, dass die Handlung systemkonform sozialistische Ideale zu vertreten habe, statt sie infrage zu stellen.
In seinem Aufbau ähnelt The Berlin Apartment dadurch zufälligerweise, aber eben auch recht eindrücklich dem dieses Jahr auf den Filmfestspielen von Cannes gefeierten Arthouse-Meisterwerk „In die Sonne schauen“, der demnächst auch als deutscher Beitrag für den Oscar ins Rennen geht. Denn auch dort wurden 100 Jahre deutsche Geschichte anhand von Momentaufnahmen an einem einzigen Schauplatz, in seinem Fall einem altmärkischen Bauernhof, verhandelt. Auch Edgar Reitz’ epochale Familien-Chronik „Heimat“ ließe sich entfernt als Referenz und mögliches Vorbild heranziehen oder der gerade erst in den Kinos gelaufene „Amrum“ von Fatih Akin, der zwar nicht über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten spielt, aber ebenfalls Geschichte vermittelt am Beispiel von Personen, die von den Ereignissen dieser Geschichte so weit entfernt sind wie nur möglich.
Allen gemein ist, dass sie historische Ereignisse nicht direkt abbilden, mitunter nicht einmal konkret ansprechen oder benennen, aber die Menschen zeigen, deren Leben immer zwangsweise in irgendeiner Art davon betroffen sind, auch wenn sie nichts damit zu tun haben.
Da wo einst die Mauer die Welt zerteilte wie ein Kamm
So ahnt der junge Student noch nicht, dass die Mauer, auf die er durch sein Ost-Berliner WG-Fenster blickt, in wenigen Tagen nicht mehr existieren wird, während er noch damit hadert, dass er zu feige war, seinen Mitbewohner auf dessen Flucht in den Westen zu begleiten. Stattdessen sorgt er sich um seine vertrockneten Pflanzen, blickt stolz auf den Berliner Fernsehturm als Aushängeschild sozialistischer Baukunst und hält aus Einsamkeit Zwiesprache mit seinem Goldfisch, der spitzbübisch nach Erich Honecker benannt ist.
Erst durch solche, nebensächlich scheinenden Kleinigkeiten schiebt sich dann doch eher unmerklich die historische Dimension des Geschehens zwischen die Zeilen, nicht durch den geschichtsträchtigen Moment selbst, den das Spiel bewusst ausspart, sondern durch die Lebenswirklichkeit seiner stummen Zeitzeugen: Die Peinlichkeit etwa, dass er seinem Date nichts anderes als Soljanka-Dosensuppe aus der Vorratskammer zum Candlelight-Dinner anbieten kann, versinnbildlicht charmant die Warenknappheit in der DDR, und das rebellische Aufbegehren gegen das Regime manifestiert sich nicht durch heldenhaftes Marschieren bei den Montagsdemonstrationen, sondern durch einen harmlosen Streich an einem Grenzposten.
Spielerisch hält sich The Berlin Apartment bewusst zurück. Meist sollt ihr lediglich ein paar Gegenstände in der Wohnung sammeln – die Zutaten fürs Abendessen, den Schmuck für den Weihnachtsbaum, die Habseligkeiten für die Abreise – oder ahmt mit dem Analogstick bestimmte Handbewegungen wie das Falten des Papierfliegers nach, löst aber keine Rätsel im traditionellen Sinne, sondern erledigt Aufgaben, deren eigentlicher Zweck darin besteht, im Vorbeigehen Einblicke in das Leben und die Zeit dieser Menschen an Wendepunkten der Geschichte zu vermitteln.
Wir müssten uns nicht groß bewegen und würden doch auf großer Fahrt die Welt bereisen
Der raffinierte Kniff von Berlin Apartment liegt aber erst in seiner Inszenierung als Kammerspiel. Indem das gesamte Spiel in denselben sprichwörtlichen vier Wänden stattfindet, nehmen wir die Veränderungen, die sie über die Jahre und Jahrzehnte erfährt, stets intensiver und bewusster wahr und lassen dadurch die Wohnung selbst ihre Geschichte erzählen, die von großen Begebenheiten oftmals nur in kleinen Details kündet, für die wir genau hinschauen müssen.
Vor allem auch der Blick aus dem Fenster auf die Straße darunter und die Häuserfassaden gegenüber vermitteln derartig einen nachwirkenden Eindruck über den tiefgreifenden historischen Wandel, den diese Stadt in 100 Jahren vollziehen musste und der sie gewissermaßen selbst zum Inbegriff der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts machte. Wo in der einen Szene das SA-Quartier von Hakenkreuzflaggen gesäumt wird, flanieren in der anderen die Menschen vor dem Café in der Sonne. Wo gerade noch die Kinder auf der Straßenkreuzung spielten, zerteilt plötzlich eine Mauer die ganze Welt in zwei Hälften.
Zweifellos spielt The Berlin Apartment damit bei Weitem nicht in derselben Liga wie die eingangs erwähnten Film-Meisterwerke „In die Sonne schauen“ oder „Heimat“. Dafür fallen seine Dialoge dann doch vereinzelt etwas zu naiv gekünstelt, bemüht authentisch oder aufdringlich mahnend aus, und will das Spiel ohnehin gar nicht mehr sein als eine raffiniert gestrickte, interaktive Kurzgeschichte, aber kein chronistisches Historien-Epos.
Als solche leistet The Berlin Apartment aber einen für 25 Euro zwar happigen, aber eindrücklichen dreistündigen Beitrag zur Geschichtsvermittlung, wie ihn kein anderes Medium als Videospiele darzulegen vermag, und fungiert dadurch künftig auch als bereichernde Begleitung im Schulunterricht, für den das Spiel mit Förderung durch den Bund möglicherweise ohnehin von Anfang an gedacht war.
Und nicht zuletzt hält es einem in Zeiten, die manchmal wieder düster und aussichtslos erscheinen, vor Augen, welch wirklich dunkle Zeiten dieses Land schon erlebt hat – insgesamt aber alles eigentlich immer besser geworden ist. Seien wir froh darüber. Und hoffen das Beste.
Greift zu, wenn...… ihr Interesse an einer erzählerisch raffinierten, unprätentiös menschlichen Geschichtsstunde habt.
Spart es euch, wenn...… ein lediglich dreistündiger Walking-Simulator über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts grundsätzlich nichts für euch ist.



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