Test - Immortal Unchained : Wie gut funktioniert Dark Souls als Shooter?

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Der schmale Grat zwischen Lust und Frust

Jedoch: Bei einem nahezu perfekten Spiel abzuschreiben, kann im besten Falle nur in einer Kopie enden und beim Versuch, dem Original möglichst nahe zu kommen. So sehr das Bemühen der Entwickler zu erkennen ist, das Erfolgskonzept von Dark Souls zu adaptieren und ihm dennoch den eigenen Stempel aufzudrücken, so sehr haben sie sich damit in einigen Punkten übernommen. Die Perfektion und Präzision, die Dark Souls auszeichnete und dort auch nötig war, um den Spieler trotz des hohen Schwierigkeitsgrades und der bewussten Gemeinheiten im Spieldesign nicht zu frustrieren, sondern ihn im Gegenteil dazu anzustacheln nicht aufzugeben, lässt Immortal Unchained an allen Ecken und Enden vermissen.

Vor allem beim Verhalten der Gegner: Immer wieder sind sie aufmerksamer als sie sein sollten, weswegen man regelmäßig plötzlich aus allen möglichen Richtungen gleichzeitig von Feinden unter Beschuss genommen wird, die eigentlich noch zu weit weg sind. Auf diese Weise gerät man häufig in ein Kreuzfeuer von vorne, hinten, oben, unten, was bisweilen fürchterlich nervt. Gerade bei freigeschalteten Abkürzungen bringt dies Probleme mit sich, wenn man es zusätzlich zu den Gegnern, die vor einem lauern, auch mit denen zu tun bekommt, an denen man eigentlich schon vorbei ist.

Die übertriebene Hellhörigkeit der Gegner führt außerdem dazu, dass sie regelmäßig in riesigen Heerscharen aus allen Ecken des Levels angestürmt kommen, obwohl sie eigentlich noch gar nicht „dran sind“. Auf diese Weise werden bestimmte Stellen lächerlich schwer, weil man es mit sehr viel mehr Gegnern zu tun bekommt als vom Level-Designer beabsichtigt, gleichzeitig aber hat es den Nebeneffekt, dass man dadurch bereits das halbe Gebiet leerfegt, ohne sich je vom Fleck bewegt zu haben.

In ihrem Bemühen, den Spieler immer wieder mit neuen und höheren Hürden zu konfrontieren, schießen mir die Entwickler ohnehin regelmäßig übers Ziel hinaus: Unzählige kaum wahrnehmbare Schlingpflanzen am Boden, in denen man sich ständig verfängt und dann für mehrere Sekunden bewegungsunfähig ist – das ist keine spielerische Herausforderung, die die Aufmerksamkeit für die Spielwelt schärft, sondern vor allem Schikane. Den Höhepunkt in dieser Hinsicht stellt ein Gegnertyp dar, der sich teleportiert, meist in den Rücken des Spielers, wo er dann zielgenau mit einem Snipergewehr zuschlägt, noch bevor man realisiert hat, wo zum Geier er nun überhaupt ist. Die Treppe, auf der man ungefähr zehn davon hintereinander besiegen muss, ist der Gipfel der Triezerei.

Auch die Bosse sind meist eher unoriginelle menschliche Gegner mit den gleichen vorhersehbaren Bewegungsmustern aus Ausholen und Zuschlagen wie in den Masse-statt-Klasse-Bossen von Dark Souls 2 und zudem meist den normalen Gegnern recht ähnlich, denen man eh zuhauf in den Levels begegnet. Erst in späteren Levels begegnet man einfallsreicheren Bossen wie einem garstigen Baum oder einer Cyber-Bienenkönigin, die aber weniger durch ihre Raffinesse, sondern vor allem durch ein paar fiese One-Kill-Moves und Unmengen an nervigen Helferkreaturen zur Bedrohung werden, was ein sicheres Zeichen von lahmem Spieldesign mit der Brechstange ist.

Ich gebe zu: Es liegt nicht allein an Immortal Unchained, es liegt auch ein stückweit an mir. Ich hatte zu Anfang mehrere selbst verschuldete Frustrationshöhepunkte, die mich mit dem Spiel langsamer warm werden ließen als nötig. Generell tue ich mich auffallend schwer mit ihm, fühle mich stellenweise wieder so unbeholfen wie damals beim allerersten Mal mit Dark Souls, als ich ohne Vorkenntnisse und Verständnis für diese Art von Spiel hilflos hineinstolperte. Möglicherweise wird jemand, der schneller „reinkommt“, deutlich mehr Wertschätzung entwickeln.

Denn in den Momenten, in denen es Immortal Unchained gelingt, in greifbare Nähe zu seinem großen Vorbild Dark Souls zu rücken, strahlen dessen Qualitäten funkelnd durch die rissige Fassade: beim verschachtelten Leveldesign, das zum Erkunden einlädt, bei den anspruchsvollen Kämpfen, die für jeden Gegner zunächst eine eigene Vorgehensweise einfordern, bis man ihrer Herr wird, bei dem Gefühl der Unsicherheit, ob man noch schnell hinter der nächsten Biegung nach dem Obelisken Ausschau halten oder lieber umkehren soll, weil der Gesundheitsbalken oder der Munitionsvorrat schon auf dem Zahnfleisch geht.

Immortal Unchained - Launch Trailer
Der Soulslike-Shooter Immortal Unchained mit Sci-Fi-Setting ist ab sofort für PC, PS4 und Xbox One erhältlich.

Letzteres bildet nämlich auch eine ganz smarte Spielmechanik: Munition muss nicht wie in einem Shooter von Gegnern aufgelesen werden, sondern wird (wie die Zaubersprüche und Flakons in Dark Souls) an den Obelisken automatisch aufgefüllt. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass der mitgeführte Vorrat begrenzt und darum Haushalten oberstes Gebot ist. Der Spieler wird dadurch gezwungen, nicht einfach nur eine Salve nach der anderen in die Gegner zu pumpen, sondern gezielt ihre empfindlichen Stellen zu treffen, um Kugeln zu sparen. Wer das nicht beachtet, kann besonders in Bosskämpfen schnell mal mit runtergelassenen Hosen, sprich: wehrlos dastehen.

Es gäbe noch viel zu sagen über Immortal Unchained: über seine technischen Macken wie Texturen, die teilweise erst nach etlichen Sekunden nachgeladen werden, oder störende Tonaussetzer nach den Ladepausen (zumindest in der von uns getesteten PS4-Version). Über die fehlende Raffinesse beim Pacing und das ausufernde und mitunter sonderbare Backtracking, das den Spieler etwa dazu zwingt, einen erfolgreich abgeschlossenen Level nochmal komplett in umgekehrter Richtung zurück zu laufen. Aber belassen wir es dabei.

Lords-of-the-Fallen-Fans dürfen zugreifen

Souls-like geht eigentlich immer. Mit diesem Satz leitete dieser Test ein, und so gesehen kann ein Entwickler, der von den Besten kopiert, nicht völlig falsch liegen. Dark-Souls-Fans, die nach dem lustlosen Remaster nach neuem Futter darben und gewillt sind, das eine oder andere Auge zuzudrücken, können Immortal Unchained eine Chance geben. Wer aber schon zweitklassige Nachahmer wie Lords of the Fallen und The Surge nicht mochte, wird auch für Immortal Unchained wenig Sympathien aufbringen können.

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