Test - Far: Lone Sails : Eine wundervoll melancholische Reise

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Zweimal hintereinander habe ich dieses Spiel durchgespielt. Nicht, um sicherzugehen, dass ich nichts für diesen Test verpasst oder übersehen habe. Ich wollte einfach nur wissen, ob Far: Lone Sails auch beim zweiten Mal diese Wärme ausstrahlt, die mich beim ersten Durchgang so fesselte.

Die Antwort: Ja, das preisgekrönte Indiespiel Far: Lone Sails, das letztes Jahr für den PC erschien, wickelt Spieler, die künstlerische Aspekte zu schätzen wissen, auch nach dem zweiten, womöglich sogar nach dem dritten und vierten Spieldurchgang in eine Decke der Warmherzigkeit. Das ist erstaunlich, da auf dem Bildschirm genau das Gegenteil gezeigt wird. Kaltes Grau in Grau bestimmt die Grafik über weite Teile einer seltsamen Reise in einem großen, groben Gefährt.

Vor der Umsetzung für Xbox One und PS4 hatte ich keine Erfahrung mit Don Schmockers Projekt, für das er im Jahr 2015 den Grundstein legte. Ich war also völlig unvoreingenommen, als ich zu spielen begann. Und ich muss zugeben, dass ich abseits der stilvollen Visualisierung zunächst keine großen Sympathien für den Titel hegte. Zu einfach gestrickt war mir der Spielablauf, zu simpel die kleinen Puzzles, die der kleinen Frau, die ich steuerte, auferlegt wurden. Doch so wie die kleine Dame im roten Kleid mit jedem gefahrenen Kilometer ihres seltsamen Gefährts an Erfahrung gewann, lernte ich mit jeder Minute das Gesamtbild mehr zu schätzen.

Melancholie in Grau

Moment mal, ist das überhaupt eine Frau? Eigentlich ist das angesichts der winzigen, detailarmen Darstellung der Spielfigur gar nicht zu erkennen, aber ich gehe mal davon aus, weil ihr rotes Gewand ein wenig flattert und sie bei Spielstart an einem Grab steht, an dessen Gedenkstein das Bild eines Mannes lehnt. Könnte womöglich ihr verstorbener Gatte sein. Ob das so hinkommt, ist ungewiss und genauso ungreifbar wie der Rest der Handlung. Wann, wo, wie und warum? Keine Ahnung. Alles, was ich weiß, ist, dass sie ihre Heimat nach der Beerdigung verlässt. Sie steigt in ein gigantisches, drei Stockwerke hohes Vehikel und fährt einfach los, immer nach rechts, der Küste entgegen.

Es ist eine melancholische Reise, begleitet von zart arrangierter Musik, die beim Start zwar einen Funken Hoffnung und Zuversicht verströmt, insgesamt aber ein eher bedrückendes Bild zeichnet. Die monochrom graue Umgebung tut ihr Übriges. Ist die Farblosigkeit ein Ausdruck ihrer Trauer? Vielleicht schon, aber nicht ausschließlich, denn in den Minuten, in denen spielerisch nichts Weltbewegendes passiert, bleibt genug Zeit, die Landschaft zu betrachten. Auf der gesamten Reise trifft die Hauptfigur auf kein einziges lebendes Wesen, keinen Menschen, kein Tier. Im Hintergrund stapeln sich derweil aufgelaufene Öltanker, ragen Schornsteine zerfallener Fabriken wie warnende Zeigefinger in die Luft. Hier lebt schon seit Jahren nichts mehr.

Ist sie womöglich das letzte Lebewesen auf Erden? Wie und warum wurde alles, was auch nur entfernt nach Zivilisation aussieht, ausgelöscht? Was genau meinten die Betreiber der Fabriken, als sie „We build our future“ auf ihre Werbeplakate schrieben? Fragen, auf die es nach wie vor keine Antworten gibt. Selbst das Ende des Spiels lässt vieles offen. Aber nicht alles ist trüb. Hin und wieder kämpft sich ein Klecks Farbe durch das Grau. Wohltuende, seltene Ausnahmen, die darauf hoffen lassen, dass nicht alles zu spät ist. Es sind die Facetten der Reise, die meine Stimmung reflektiert, Bruchteile von Gedanken, innere Einkehr mit meditativen Zügen, lediglich unterbrochen durch gelegentliche Zwischenstopps und die Bedienung des Fahrzeugs.

Puzzles in der Einsamkeit

Was mich zum eigentlichen Spielablauf bringt. Ein Großteil dessen besteht aus der Instandhaltung und Steuerung des Fahrzeugs, das entfernt an eine Kreuzung aus Lokomotive und Segelschiff erinnert. Im hinteren Abteil lade ich Treibstoff ein – Kisten undefinierbaren Inhalts, Ölfässer, Fässer mit hochexplosivem Inhalt, aber auch Alltagsutensilien wie Glocken oder Stühle. Der Motor der „Segellok“ frisst offenbar alles, will aber auch ständig überwacht werden, damit er nicht überhitzt.

Ein gigantischer roter Knopf bringt ihn in Gang, während ein anderer angestauten Dampf entlässt. Sofern zur richtigen Zeit entladen, garantiert der angestaute Dampf sogar einen ordentlichen Schub für das anderweitig eher gemächlich nach rechts rollende Gefährt. Treibstoff liegt alle paar Kilometer in der Gegend herum, aber sofern der Wind in die richtige Richtung weht, fährt das Fahrzeug dank der riesigen Segel, die sich nach Belieben einfahren und ausfalten lassen, auch eine Weile lang ohne Motor.

Nun ja, das gilt für das Fahren, aber nicht für den Gesamtbetrieb. Abgesehen vom mittigen Fahrstuhl wollen alle von vornherein vorhandenen und später installierten Geräte vom Motor gespeist werden. Darunter zum Beispiel ein Sauger, der Utensilien vom Weg aufsammelt, eine Wasserpumpe zum Löschen von Bränden oder ein Schweißgerät, mit dem die Spielfigur defekte Teile repariert.

Far: Lone Sails - Launch Trailer
Far: Lone Sails ist ein Fahrzeug-Adventure, in dem ihr mit einem Dampfgefährt einen ausgetrockneten Ozean bereist.

Solche Wehwehchen treten ständig auf, entweder durch Umwelteinflüsse wie etwa extremen Hagel oder durch Ungeschick, etwa wenn ich eine Absperrung erreiche und mit Vollgas dagegendonnere. Ein Knopf am Controller, der die Ansicht rauszoomt, soll Unfälle dieser Art verhindern, aber manchmal bin ich zu sehr in der Stimmung des Spiels gefangen, um darauf zu achten.

Hindernisse dieser Art kommen alle naselang vor. Hier steht eine Hebebrücke auf falscher Höhe, da ist eine riesige Schiffsschraube im Weg und anderswo muss ich erst die Tore einer Fabrik in Bewegung bringen, damit ich sie passieren kann. In dem Fall steige ich mit der Spielfigur aus dem Fahrzeug aus und suche nach Maschinen oder Mechaniken, deren Funktionsweise auf den ersten Blick durchschaut werden kann.

Je weiter das Spiel voranschreitet, desto komplexer werden die kleinen Rätsel, die auch mal mithilfe der Spannhaken des Fahrzeugs oder dem Feuerlöscher gelöst werden. Echte Kopfnüsse sind aber nicht dabei, was schade ist, denn das würde die Spielzeit deutlich verlängern. Mehr als ein bis zwei Minuten hielt mich keines der Hindernisse vom Weiterreisen ab.

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