News - Tagesschau - Chat mit Medienwissenschaftler : Kompletter Chatlog zum Nachlesen ...

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In den vergangenen Wochen war es fast etwas zu still um die Diskussion von Gewalt in Videospielen geworden. Die ARD-Tagesschau hat sich das Thema jetzt nochmal zur Brust genommen, glücklicherweise in einem etwas anderen Stil als üblich. Im Online-Gespräch zeigte sich der promovierte Literatur- und Medienwissenschaftler Dr. Mathias Mertens als Spieleexperte. Wer den Chat verpasst hat, kann dank unseres kompletten Chatlogs das Gespräch nachverfolgen.

Chatlog

Moderator : Liebe Freunde und Gegner von Ego-Shootern und Ballerspielen, willkommen im tagesschau-Chat . Unser Gast heute ist Dr. Mathias Mertens, Computerspiel-Experte und Medienwissenschaftler an der Uni Hildesheim. Ihre Fragen können Sie wie immer jederzeit stellen, es geht nichts verloren. Mathias Mertens chattet aus Hildesheim, gleich die Frage dorthin, können wir beginnen?

Mathias Mertens : Ja, das können wir

Moderator : Erstmal persönlich:

hanna : Spielen Sie selbst auch Computerspiele? Welche, die auch Gewalt beinhalten?

Mathias Mertens : Ja, ich spiele sehr viele Computerspiele und weil fast jedes Computerspiel Darstellungen von Gewalt beinhaltet spiele ich auch solche. Darstellungen von Gewalt, nicht Gewalt.

Moderator : Ihr persönlicher Lieblings-Ego-Shooter?

Mathias Mertens : Doom2.

fideidefensor : gibt es ein klassisches computer-freak profil?

Mathias Mertens : Vielleicht gab es das mal irgendwann in der Frühzeit Menschen, die sehr technikaffin waren und deshalb einen Computer hatten aber mit der massenhaften Verbreitung von Computern und damit einhergehenden Popularisierung sind Computerspieler heute genauso vielfältig wie jede andere Bevölkerungsgruppe.

Hilli : Ganz einfach: gibt es statistische Belege fuer den Bezug zwischen Ballerspielen und Gewaltbereitschaft?

Mathias Mertens : Ganz einfach: Nein. Es gibt tausende Untersuchungen, die für ein bestimmtes Setting die Möglichkeit eines Zusammenhangs nicht ausschließen können aber das ist jenseits von Beleg.

m0nstersin : Wieso wird dann beides immer wieder in Zusammenhang gebracht und damit publiziert?

Mathias Mertens : Weil es Ausdruck eines Medienwandels ist. In dem Moment, in dem ein neues Medium sich so weit verbreitet hat, dass es als ernstzunehmende Kommunikationsform in Konkurrenz mit anderen, etablierten Kommunikationsformen tritt, entsteht dort ein Verteidigungsimpuls. einfacher gesagt: Dem Fernsehen passt es nicht, dass Leute Computerspiele spielen und nicht Fernsehen, also muss die Kritik, die es selbst früher einstecken musste jetzt an den Konkurrenten ausgeteilt werden.

Keek : Was halten Sie davon das immer wieder neue Wörter direkt mit Beurteilung von den Politikern zu einer Diskusion erfunden werden? Wie in diesem Fall "Killer-Spiele "

Moderator : Zusatzfrage: Muss ich mich jetzt schuldig fühlen, weil ich für den Chat getexte habe: Machen Killerspiele aus Kindern Killer?

Mathias Mertens : Der Begriff "Killerspiele " folgt ganz einfachen polit-journalistischen Mustern etwas muss so griffig benannt werden, dass man ganz viele Anschlussbeiträge zu dem Thema produzieren kann, weil sich alle sofort etwas unter dem Begriff vorstellen können und dann immer denken, sie wüssten Bescheid, wenn darüber berichtet wird. Man - Journalisten - unterschätzt aber oft das Wirkungspotential solcher Begriffe. Killerspiele ist ideologisch, nicht technisch Wenn so etwas in Gesetzesentwürfen auftaucht ist der Entwurf eigentlich schon diskreditiert In Gesetzen zum Nichtraucherschutz werden Zigaretten ja auch nicht als "Sargnägel " oder "Nikotinnuckel " bezeichnet.

Moderator : Die Unterstellung von Mastersin teile ich nicht, ich kenne eine Menge Kollegen, die sich mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen, aber noch mal ein paar Fragen zur Medienproblematik.:

mastersin : Wieso werden Beiträge auf ARD und ZDF nie objektiv gehalten sondern immer fixiert auf einen bestimmten Punkt und dann nur noch subjektiv geschildert wird wie schlecht "Killerspiele " doch sind?

VAZZ : Falls sie die beiden Sendungen von Panorama verfolgt haben - "Spiel ohne Grenzen - wenn Computersucht die Kindheit zerstört " und "Morden und Foltern als Freizeitspaß - Killerspiele im Internet " - könnten sie die beiden Berichte kommentieren? Würden sie sagen, dass das Thema PC - Spiele zu einseitig (negativ) in den Medien behandelt wird?

Arno : Mit welchen Gefühlen sehen Sie Berichte in den Medien, in denen z.B. (wie jüngst geschehen) Final Fantasy 7 als "Killerspiel " bezeichnet wird? Wo ist die Grenze?

Mathias Mertens : Man könnte viel gegen die Sendungen von Panorama und Frontal21 sagen und das tut die Community ja auch sehr ausgiebig und mit sehr vielen, langbewährten Argumenten. Ich würde mal umgekehrt den Vorwurf machen dass die Community nur auf diese Beiträge reagiert und sich selbst das Gefühl gibt es gäbe nur solche Berichte. Das erzeugt auch ein öffentliches Bewusstsein davon dass Computerspiele vielleicht doch so sind, wie sie in diesen Aufregerbeiträgen dargestellt sind Es gibt aber keinen Jubel über gelungene, originelle, andere Berichte und Texte. Da sollte man eher eine Öffentlichkeit für schaffen. Stattdessen verschanzt man sich hinter dem beschränkten Urteil, dass ein gelungener Bericht einer ist der der Stiftung Warentest-Ästhetik der Gamesmagazine folgt. Das finde ich, schlicht gesagt, sehr beschränkt.

Moderator : Aber in Summe: Sie halten die Darstellung in den Medien für problematisch?

Mathias Mertens : Ich halte viele Darstellungen in den Medien für problematisch und zur selben Zeit auch nicht. Man muss sich auch auf die Produktionslogiken einlassen und etwas auch danach bewerten. Wenn man in die Geschichte geht dann wird man feststellen, dass es identische öffentliche Diskussionen über Video in den siebziger Jahren gegeben hat. In den fünfziger Jahren über das Fernsehen. In den zehner Jahren über den Film. Und so weiter, und so fort. Irgendwann, wenn sich alle meinungsführenden Produzenten in Deutschland mit Computerspielen aufgewachsen sind, wird auch diese Diskussion vergessen sein. Und die Computerspielverteidiger von heute werden die schärfsten Kritiker des dann neuen Mediums sein. Das ist, glaube ich, fast ein Naturgesetz, mit dem wir leben müssen.

Moderator : Definitionsfrage:

Running-Duck : Was ist in der landläufigen Meinung überhaupt ein "Killerspiel "? So wie Frau Leyen es in ihrem Entwurf beschrieben aht würden selbst Spiele wie World of Warcraft drunter fallen die eine USK von 12 Jahren bekommen haben.

marwin2901 : Ab wann beeichnet man ein Spiel als "Killerspiel "

Cholostase : Was sind denn eigentlich Killerspiele? Die Definition ist nicht klar.. Oder werden mit "Killerspielen " alle Spiele mit gewalttätigen Inhalt bezeichnet? Dann müssten aber auch Spiele die ein USK von 12 bekommen verboten werden oder?

Mathias Mertens : An diesem Punkt offenbart sich der ideologische Gehalt des Begriffs. Denn man könnte niemals trennscharf definieren, was ein Killerspiel eigentlich ist. Letzten Endes ist ein Killerspiel immer das, was in diesem Moment für bestimmte Leute moralisch nicht einwandfrei ist. Das ist in fünf Jahren aber anders. Und das war vor fünf Jahren auch anders. Die Gefährlichkeit einer solchen Gesetzesinitiative wäre, das hier eine Lizenz für permanente Einzelfallentscheidungen aus moralischen Gründen geschaffen würde. Und das wäre Zensur in ganz klassischer Form: Was den Mächtigen nicht passt, das wird verboten. So lange, bis es ihnen wieder passt. Oder auch nicht.

Moderator : Die ganze Diskussion hat ja einen Hintergrund, daher die Schlagzeilen-Frage:

LyR : Würde ein Verbot helfen Amokläufe zuverhindern?

Mathias Mertens : Ich bin ja fast versucht, zu sagen: Lasst es uns ausprobieren! Nur um dann beim nächsten Amoklauf trotz Killerspiel-Verbot schadenfroh sagen zu können: Hab ichs nicht gesagt! Wenn es nur nicht so schrecklich wäre. Amokläufe könnten dadurch verhindert werden, indem man Menschen verbietet. Denn es die menschliche Natur, die sich in solchen Taten offenbart.

Moderator : Vielleicht kann man es mal von verschiedenen Seiten eingrenzen:

Ezechielpitau : Sicherlich sollten 5jährige nicht Doom spielen. Wie würden Sie sinnvolle Altersgrenzen setzen?

Mathias Mertens : Ich würde alle Eltern ermutigen, sich mit ihren Kindern und dem, was diese interessiert, zu beschäftigen, und dann aus ihrer Erfahrung heraus persönliche Altersgrenzen zu setzen. Und diese Grenzen dann auch mit ihren Kindern zu diskutieren und zu erklären. Denn nur solche direkten Moralsysteme, in die man selbst eingebunden ist und die man nachvollziehen kann, sind auch sinnvoll. Ich finde das System mit der Selbstkontrolle der Wirtschaft und den Altersempfehlungen aber sehr sinnvoll, das sind sehr gute Orientierungen für individuelle Entscheidungen.

Johanna : Aber ist es nicht so, dass sich Jugendliche durch die sogenannten "Killerspiele " isolieren und in eine sehr gewaltätige Welt flüchten können, in der sie mal Herrscher sind, was im Leben normal nicht vorkommt?

Mathias Mertens : Na, gottseidank können sie dann mal Herrscher sein. Das ist doch das Grundprinzip allen Spielens: die Regeln zu meistern und Herr über das Geschehen zu sein. Und dieses Isolationsargument hat für mich auch einen zweitausendfünfhundert Jahre alten Bart. Wie oft haben Leute denn schon gemeinsam ein Buch gelesen? Die sehe ich auch immer nur völlig paralysiert herumsitzen und keinen Kontakt haben. Und im Kino sitzen sie auch alle völlig gleichgeschaltet und starren auf eine Leinwand. Das ist eben so: Man richtet seine Aufmerksamkeit auf etwas. Und je interessanter das ist, desto mehr Aufmerksamkeit erhält es.

Moderator : kommentare von:

Dingsbums : Erst wenn das letzte Killerspiel verboten ist, werden wir erkennen das man seine Kinder immer noch erziehen muss...

andiebar : Ich finde ihre Schreibe einseitig. Kann es sein, dass Sie selbst Comuterspielsüchtig sind und versuchen ihre Leidenschaft zu rechtfertigen?

Gerky : Ist ihnen bekannt, ob die "Killerspiel "-Debatte auch in andern Ländern geführt wird? Wenn nein: wieso geht Deutschland einen "moralischen Alleingang "?

Mathias Mertens : Ich will keine einzelnen Computerspiele verteidigen, ganz viele finde ich furchtbar langweilig und geschmacklos. Aber ich will die pauschale Verurteilung angreifen, die Folgen hat, die schlimm wären. Denn wir würden uns einer Kunstform mit großem Potential berauben, wenn wir das jetzt unterdrücken. Und was die Einseitigkeit angeht: Die sehe ich auf der anderen Seite genauso. Darauf kann man nur so reagieren. Ich habe das vorhin ja auch kritisch angemerkt: Das nur auf dieses Thema abgezielt wird. Man sieht es doch auch hier im Chat dass hier niemanden etwas anderes über Computerspiele interessiert, als ob die dargestellte Gewalt reale Gewalt auslöst. Darüber kann man nur einseitig diskutieren Lieber wären mir aber andere Aspekte.

Haber : Ist die Killerspieldebatte zum großen Teil nicht einfach ein "Kampf der Generationen? "

m0nstersin : Inwiefern schätzen Sie Grand Theft Auto ein, meinen Sie auch das dieses Spiel ein großes Potenzial hat Spielinhalte auf die Realität zu prohezieren? (Wird ja oft in Beiträgen genannt)

Moderator : tschuldigung, die letzte frage war zu schnell unter der maus..

Mathias Mertens : @Haber: Ja, diejenigen, die anderen Medien aufgewachsen sind, können mit der Weltsicht des neuen Mediums nichts anfangen und fürchten Ausgrenzung.

Moderator : so noch mal:

Jottoj : Ich habe mich schon dabei ertappt, nach einem Autorennspiel zu riskant im realen Leben gefahren zu sein. Gibt es wirklich gar keinen Zusammenhang zwischen "Killerspielen " und Gewalt?

Mathias Mertens : @mOnstersin: Grand Theft Auto ist eines der interessantesten Spiele der letzten Jahre...

Moderator : m0nstersin> Inwiefern schätzen Sie Grand Theft Auto ein, meinen Sie auch das dieses Spiel ein großes Potenzial hat Spielinhalte auf die Realität zu prohezieren? (Wird ja oft in Beiträgen genannt)

Mathias Mertens : Nicht, weil sein Grundprinzip originell wäre, das ist so wie tausend andere Spiele auch: Beseitige alle Feinde, überlebe. Sondern wegen seines Zugriffs auf eine Welt, die mit der Welt in unseren Köpfen zusammengeschlossen wird. Wenn ich durch San Andreas oder Vice City fahre, dann fahre ich eigentlich durch die achtziger oder neunziger Jahre, in denen ich aufgewachsen bin und kann meine eigenen medialen Erfahrungen darauf projizieren. Nicht GTA wird auf die Welt projiziert sondern die Medien meiner Kindheit werden auf das Spiel GTA projiziert. Das ist, glaube ich, der Grund für seinen Erfolg.

Moderator : zwei Fragen stellvertretend für viele andere:

coyo : Welche positiven Aspekte haben Computerspiele im Allgemeinen und auch "Gewalt-Spiele " im Speziellen?

Karsten Schick : Lässt sich auch positives über diverse Taktik-Shooter im Internet sagen? Man könnte doch meinen, dass diese, sofern im Team gespielt, die Fähigkeit mit diesem umzugehen um ein vielfaches steigern.

Mathias Mertens : Das Taktikelement stimmt wohl, klingt aber wirklich wie eine blöde Rechtfertigung nach außen. Sie meinen aber, dass der Umgang mit dem Internet geschult wird, und das ist das viel interessantere Argument. In Spielen lernen wir Spielstrukturen, und die Ähnlichkeit dieser Strukturen mit Strukturen im "First Life " ist der wichtigste Effekt von Computerspielen. Wir würden viele Interfacelogiken - zum Beispiel die von diesem Chat - nicht verstehen, wenn wir nicht Spiele gespielt hätten, deren Navigationsanforderungen und Informationsordnungen ähnlich waren. Nicht nur, dass Spiele die Hardwareentwicklung befördert haben, sie haben dann auch die Software möglichkeiten ausprobiert und weitergetrieben.

egospieler : Kann man überhaupt Spiele ohne Gewalt produzieren.

Mathias Mertens : Gewalt ist der plakative Ausdruck für Konflikt. Konflikt ist das Grundmuster für jede künstlerische Betätigung. Insofern wird es wohl schwierig sein, in einem Medium, dass keine sprachliche Auseinandersetzung bietet, sondern nur handlungsorientiert, ohne irgendwelche Gewalt auszukommen.

nikakoi : Gibt es signifikante nationale Unterschiede hinsichtlich des Bedürfnisses nach Spielen, die Gewalt beeinhalten?

Mathias Mertens : Das wird manchmal behauptet und mit Verkaufszahlen belegt: Amerikaner spielen Egoshooter, Deutsche spielen Aufbauspiele, Japaner spielen seltsame Simulationen. Aber das liegt vielleicht weniger in irgendwelchen genetischen Programmen, sondern schlicht und einfach, dass sich Vorlieben immer in Gruppen ausbreiten und deshalb dort auch immer bestätigt werden. Sobald sie dann aber die Grenze dieser Gruppe überschreiten, finden die anderen das auch gut. Wenn es denn gut ist. Wir spielen doch auch Wario Ware Inc. und Katamari Damacy, obwohl das schon sehr seltsam ist.

Thorsten : Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede sind bei der Nutzung von Computerspielen bekannt? Von wem wurden dazu in letzter Zeit Studien veröffentlicht (bestenfalls im Internet)? Weiss man inzwischen schon genauer, welche Spiele Frauen und Mädchen gerne spielen?

Mathias Mertens : Ich kann ihnen keine Studie nennen. Die gibt es aber wohl. Man kann aber sagen, dass die enormen Verkaufszahlen von "Die Sims " oder "Nintendogs " darauf beruhen, dass diese Spiele von Frauen und Mädchen gekauft werden. Wie bei anderen Medien auch bewahrheitet sich, dass man eigentlich für Frauen schreiben, filmen oder programmieren muss, wenn man einen Bestseller haben möchte.

Calvin2k7 : Ich habe mich mit meinen Freunden gefragt, ob dargestellte Gewalt in Computerspielen, aber auch in Filmen und im Fernsehen vielleicht ein Produkt von einer Generation ist, die reale Gewalt, als höchste Form: den Krieg, nicht mehr kennt. Würden Kinder aus Afghanistan, wenn sie die Möglichkeit hätten, solche Filme schauen und solche Spiele spielen?

Mathias Mertens : Das ist ein interessanter Gedanke. Man muss sich ja tatsächlich fragen, warum wir diese Bilder als realistisch ansehen, obwohl wir niemals eine solche Erfahrung real gemacht haben und damit vergleichen könnten. Womit wir es - und die Programmierer - aber vergleichen sind Darstellungen von Gewalt in Medien. Die Gewaltbilder der Computerspiele sind die Gewaltbilder der Vietnamfilme aus den achtzigern und der Fernsehkriegsberichte aus den neunziger Jahren. Das ist unser Erfahrungshintergrund, und darauf verweisen die Bilder. Und realistisch ist es immer nur in Differenz zu der vorherigen, minderwertigeren Darstellung. Insofern würden Kinder aus Afghanistan diese Spiele wohl nur spielen, wenn sie Berichte über den Krieg in Afghanistan gesehen hätten.

Moderator : Kommentar-Nachtrag zum Thema wer spielt was:

cybersnake-killerspieler : thema mädchen... ich habe viel erfahrung in ESL (electronic sport league) und da spielen viele mädchen / junge frauen EGOSHOOTER sogenannte "KillerSpiele "

Jungeradler : Halten sie den zunehmenden "Realismusgrad " in modernen Spielen für problematisch? Könnte dadurch ein Risiko entstehen das Menschen nicht mehr zwischen Realität und Spiel unterscheiden können?

Mathias Mertens : Sie sind nicht realistisch. Sie folgen nur einer bestimmten Vorstellung von Realismus...
Man vergleiche einfach mal die Möglichkeiten eines Spiels mit der Realität und man...
wird feststellen, dass man in der Realität schon daran scheitert, dass man keinen...
Controller in der Hand hat.

Moderator : Kommentar-Nachtrag zum Thema Krieg und Gwaltspiele:

malte G. : Da zu möchte ich gerne etwas sagen. Ich selber bin Bundeswehr Soldat und war vor 3 Monaten das Letzte mal in Afganistan. Ich habe vorher auch schon Ego-Shooter gepielt wie CS 1.6 und BF2, aller dings spiele ich jetzt kein BF2 mehr und gucke weniger Kriks filme. da für mich der anreitz verschwunden ist, da ich die bilder aus dem Richtigen Leben kenne.

Gunther : Ich bin in der Ausbildung zum Kinder -und Jugendlichenpsychotherapeuten (Psychiatrie Uni-Klinik). Meinung bei uns ist es, dass es inzwischen als neuropsychologisch bewiesen gilt, dass auch Killerspiele (neben anderen Quellen) die Hemmschwelle andere schwer zu verletzen, oder gar zu töten, herabsetzt, indem die Empathie (...der Gegner leidet so, wie ich an seiner Stelle leiden würde...) langsam aber sicher desensibilisiert wird. Wie sehen Sie das?

Mathias Mertens : @malte: Genau das meinte ich in Bezug auf die Kinder in Afghanistan. @Gunther: Wenn man Menschen in genau dieselben Bedingungen setzt, die von den Spielen vorgegeben werden, dann glaube ich, dass sie das tun. Und genau so funktioniert jede behavioristische Versuchsanordnung: Zeige Kindern Videos von Kindern, die auf Puppen eindreschen, und dann sperre sie in Räume, in denen nichts anderes möglich ist, als auf Puppen einzudreschen, dann werden sie es auch tun.

Moderator : nachtrag:

malte G. : Ich gebe ihnen in gewisser weise schon recht man "vermisst " die Maus und die Tastatur, aller dings ist BF2 recht realistisch gehalten und weckt in mit persönlich bestimmte erinnerungen

Mathias Mertens : An was erinnert sie Battlefront?

Atlan : das mit den puppen finde ich etwas überzogen: wir sind alle in einer welt voller gewalt eingesperrt. also können wir nichts mehr tun?

Mathias Mertens : @Atlan: Nein, das war ein klassisches Experiment von Banduras. Ich will nur fragen, ob die Spiele nicht eher Ausdruck von bestimmten Bedingungen sind und nicht ihre Ursache.

Moderator : Frage an Dr. Mertens, können wir ein paar Minuten überziehen?

Mathias Mertens : Ja, können wir.

Moderator : Prima. Stimmen Sie shadow zu?

shadow : Nachtrag: Wenn Kinder aus den vielzitierten zerrütteten Verhältnissen kommen und evtl. sogar häusliche Gewalt (oder in der Schule) erlebt haben, ist ihre Motivation für derartige Spiele eine völlig andere und sie schaffen in dieser Parallelwelt etwas, was im normalen Leben nicht möglich ist.

Mathias Mertens : Der Inhalt der Spiele ist völlig egal. Wichtig ist, dass sie Kontrolle und Erfolg erleben, das war ihnen wohl versagt. Insofern kompensieren Spiele auch Enttäuschungen, die sich in einer Wettbewerbsgesellschaft ergeben, in der man oft nicht mehr die Chance erhält, in Wettbewerb zu treten. So wie der Film vor hundert Jahren ein Sinnangebot gegeben hat in einer Welt, die gerade durch die Fabrik völlig zerstückelt wurde.

Steppenwolf3 : Solange Eltern ihren Minderjährigen Kinder Spiele ab 18 kaufen wird sich das nicht ändern, sollte man nicht lieber bei den Eltern im Sinne der Bildung von Medienkompetenz beginnen ?

Ferris : Sind sie der meinung das die Eltern mehr gefordert werden müsten? Das zuviel und zuschnell ab Gesetze und Regelungen abgeschoben wird?

Mathias Mertens : Ja, ich finde es fatal, dass wir alles durch Gesetze regeln wollen und damit immer mehr Verantwortung für unsere Situation auf ominöse, ungreifbare andere schieben wollen. Und Eltern sollten unbedingt Computerspiele spielen. Nicht nur, weil es ihnen vielleicht Spass machen könnte. Sondern auch, weil sie dann einen weiteren Bezug zu ihren Kindern aufbauen können. Man hat doch auch jahrhundertelang vorgelesen und diese Medienerfahrung geteilt. Warum nicht auch Spielen?

Moderator : noch mal ganz konkret:

The Killers : Wie ist es zu bewerten, das bei Spielen wie Counterstrike real existierende Schulen so realistisch wie möglich als Maps umgesetzt werden. Sind Jugendliche, die solche Maps entwickeln, prädestiniert dazu, selber zu Amokläüfern zu werden?

Mathias Mertens : Ich behaupte mal, dass Amokläufer nicht so kreativ sind. Der Nachbau von Schulen zeigt dass die Spiele ganz anders begriffen worden sind: Nämlich als 3D-Umgebungen, in denen man sich bewegt und die man auch gestalten kann. Die Gestaltung greift dann auf eigene Erfahrungen zurück, und das sind für Kinder meistens Schulen. Und - sehr wichtig - das ist eine sehr reizvolle Grenzüberschreitung, die da gemacht wird, indem das hierarchische Modell der Schule mit so sozialdarwinistischen Ideologien wie dem des Shooters gleichgesetzt wird. Es ist fast Kulturkritik, die dadurch betrieben wird.

Moderator : Und noch eine Prognose:

LyR : Wie sieht die Zukunft der "Killerspiele " ihrer Meinung aus?

Mathias Mertens : Man sollte keine Prognosen abgeben. Dann wird man später immer zitiert und alle lachen drüber Wie mit den drei Computern, die die Welt braucht. Das sagte der IBM-Chef in den fünfziger Jahren.

Moderator : Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat bei tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank Herr Mertens, dass Sie sich Zeit für den Chat genommen haben. Und vor allem, dass Sie mit fliegenden Fingern auch noch so schnell geantwortet haben.Vielen Dank an alle User für Ihr Interesse und die vielen interessanten Fragen. Sorry, dass so viele nicht zum Zuge gekommen sind. Das Protokoll des tagesschau-Chats ist wie immer in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de zu finden. tagesschau.de und politik-digital.de wünschenn allen noch einen angenehmen Tag.

Über: Dr. Mathias Mertens
1998 Magister Artium an der Universität Hannover (Deutsche und Englische Literaturwissenschaft)
1999-2000 Fortbildungsprogramm "Buch- und Medienpraxis" der Universität Frankfurt am Main
2000-2003 Tätigkeit als freier Journalist und Autor
2003 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Hannover
2003-2005 Stipendiat am Graduiertenkolleg "Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart", Universität Gießen
Seit 2005 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien und Theater der Universität Hildesheim.

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