Test - A Fisherman's Tale : Liebevolles VR-Märchen in der Tradition von Portal

  • PC
  • PS4
Von Kommentieren

Es war einmal eine hölzerne Fischer-Marionette, die lebte in einem Leuchtturm. Dort widmete sie sich tagein tagaus der gleichen Routine: die Zähne putzen, die Lieblingsmuschel im Regal abstauben und das Fenster öffnen, um die Schiffe zu beobachten. Den Rest des Tages bastelt sie an ihrem Puppenhaus: ein bis ins kleinste Detail liebevoll nachgebildetes Modell des eigenen Leuchtturms. Bis sie eines Tages feststellt, dass sie selbst nur die Puppe in einem Modell in einem Modell in einem Modell ist … A Fisherman's Tale erzählt ein herzallerliebstes Adventure-Märchen in VR.

A Fisherman's Tale ist eine kleine feine, lediglich zwei Stunden dauernde Mischung aus herzigem VR-Märchen und Knobel-Adventure, das ähnlich wie seinerzeit Portal seine Faszination aus einer simplen, aber äußerst smarten Spielidee bezieht: So ist der Leuchtturm, in dem ihr euch befindet, wie eine Matroschka-Puppe in sich verschachtelt. Er steht als Puppenhaus auf dem Tisch eines Leuchtturms, der wiederum als Puppenhaus auf dem Tisch eines Leuchtturms steht, der als Puppenhaus auf dem Tisch eines Leuchtturms steht.

Auf diesem Prinzip der unterschiedlichen Größenverhältnisse und der ineinander verschachtelten Dimensionen beruhen fast alle Rätsel des Spiels. Denn wann immer der Fischer selbst oder irgendein Gegenstand von der aktuellen in eine größere oder kleinere Ausgabe der Leuchtturmwelt übergeht, erscheinen sie dort in Riesen- oder eben Miniaturgröße.

So verlangt etwa zu Beginn euer sprechendes Haustier, eine kleine Krabbe, eine passende Kopfbedeckung von euch, ohne die er sich nicht traut, ins Abenteuer aufzubrechen. Doch natürlich ist die Kapitänsmütze aus dem Kleiderschrank des Fischers ein paar Nummern zu groß für das winzige Krustentier. Holt ihr aber die Miniaturausgabe der Mütze aus dem puppenhausgroßen Modell des Leuchtturms, passt sie ihr wie angegossen.

Dieses in dem zitierten Beispiel noch recht simple Rätselmuster wird in den insgesamt fünf Kapiteln in seinem vollen Variationsspektrum nach und nach durchexerziert und nimmt dabei zusehends an Komplexität und vor allem Originalität zu. Weil zum Beispiel der Schlüssel für das Turmzimmer unerreichbar hinter den Spiegel gefallen ist, müssen wir uns mit einem vorlauten Thunfisch anfreunden, ihn so durch die verschiedenen Modelle des Leuchtturms lotsen, dass er uns in der Größe eines Wales erscheint, und uns dann in seinem Magen wie der biblische Jonas durch das riesenhafte Zimmer transportieren lassen, wo wir auf Zwergengröße geschrumpft den Schlüssel in seinem Spalt erreichen können.

Es kommt auf die Größe an

Wer schon des Öfteren eine VR-Brille auf der Nase hatte, der wird bestätigen können, dass der realistische Eindruck der Größenverhältnisse zu den faszinierendsten Phänomenen des Virtual-Reality-Erlebnisses gehört: Wer an einem riesigen Gebäude emporblickt, spürt regelrecht dessen majestätischen Ausmaße und fühlt sich automatisch zum Winzling degradiert. Alles Kleine, wie die Mäuse-Miniaturwelt von Moss oder auch die Übersichts-Map in Robinson: The Journey, mutet wie ein putzig eingerichtetes Puppenhaus an. Insofern scheint es naheliegend, daraus ein komplettes Spielprinzip zu machen.

Den Entwicklern von Innerspace sind dazu einige smarte Ideen eingefallen, die in den sehr kurzen zwei Stunden immer wieder verblüffen, herausfordern und, wenngleich nicht alle Einfälle in Geniestreichregionen vorstoßen können, durchweg kurzweilig unterhalten. Das Gefrickel etwa, bei dem ein Schiff mit einer Seilwinde aus dem Wasser gezogen werden muss, war mir persönlich zu umständlich. Überhaupt lässt die Steuerung gelegentlich etwas an Präzision vermissen, was aber im Gesamtbild nur wenig ins Gewicht fällt.

Wie allerdings viele VR-Spiele aus dem Indie-Segment kann auch A Fisherman's Tale nicht vollends den Eindruck eines Grundlagenexperiments ablegen, das zwar blendend das Potenzial eines Spieles veranschaulicht, dieses gefühlt aber noch schuldig bleibt. So hübsch, gewitzt und kurzweilig das Märchen vom Fischer sein mag, lässt es einen im Abspann mit dem Gefühl zurück, dass da noch deutlich mehr hätte kommen können.

Aus dem Dunstkreis bislang meist eher mittelmäßiger VR-Adventures wie Déraciné oder Transference sticht A Fisherman's Tale dennoch positiv heraus, weil es eine klare spielerische Vision verfolgt, diese zielgenau auf die VR-Erfahrung ausrichtet und dabei mit seinem Märchencharme das Herz weit öffnet. Wie ein gutes Bilderbuch ist die Geschichte wenig ereignisreich, aber stets von kindlicher Liebe und vor allem einer Logik durchdrungen, die nicht den Gesetzmäßigkeiten der Realität, sondern vielmehr überbordender Fantasie entsprungen ist.

Könnte dichinteressieren

Kommentarezum Artikel