Test - Yakuza Kiwami : Das Gangsterepos im neuen Gewand

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Westliche Yakuza-Fans kommen derzeit kaum zum Durchatmen. Erst im Januar erschien mit Yakuza 0 ein absolutes Highlight der Reihe und Yakuza 6 steht bereits für März 2018 in den Startlöchern. Dazwischen könnte Yakuza Kiwami beinahe etwas untergehen, wäre es nicht als Remake des ersten Teils gemeinsam mit dem Prequel Yakuza 0 für Neulinge der perfekte Einstieg in die Serie. Für alteingesessene Fans bietet Kiwami nicht nur eine technische Frischzellenkur, sondern erläutert mit Referenzen zu Yakuza 0 und erweiterten Zwischensequenzen auch die Beweggründe gewisser Charaktere um einiges besser.

Mit dem originalen Yakuza für die PlayStation 2 wollte Sega 2006 auch im Westen groß durchstarten. Eine komplette englische Synchronisation sollte den Weg ebnen und das Gangsterepos etablieren. Doch der Erfolg blieb aus und die weiteren Veröffentlichungen fanden ihren Weg nach Europa und Amerika nur mit extremer Verspätung.

Die hohen Bewertungen von Yakuza 5 und 0 haben die Reihe aber zurück auf die Landkarte vieler westlicher Spieler gebracht und so manche erst erkennen lassen, was sie all die Zeit verpasst haben. Da trifft es sich gut, dass Fans des Prequels nun mit Kiwami den perfekten Anknüpfungspunkt finden, um die Geschichte weiterzuerleben. Dem nicht genug ist mit Kiwami 2 bereits ein Remake des zweiten Teils angekündigt, wenn auch vorerst nur für den japanischen Markt.

Des Drachen neue Kleider

Im Gegensatz zu den neueren Ablegern der Serie konzentriert sich Kiwami auf einen einzigen spielbaren Charakter. Kazuma Kiryu, der Drache von Dojima, ist Mitglied einer Yakuza-Familie, dem japanischen Äquivalent zur Mafia. Wenn es auch etwas widersprüchlich scheint, so ist er eigentlich ein guter Kerl mit Prinzipien. Das hält ihn dennoch nicht davon ab, in den Rängen der Yakuza steil emporzusteigen. Die Kariere nimmt jedoch ein abruptes Ende, als er für einen Mord an dem Gangsterboss des Dojima-Clans seinen Kopf hinhält. Ein Mord, der eigentlich von seinem besten Freund Akira Nishikiyama begangen wurde.

Aufgrund besonders guter Führung kommt es zu einer milden Haftstrafe von zehn Jahren, doch dies ist Zeit genug, dass sich vieles geändert hat – allem voran sein alter Jugendfreund. Yakuza Kiwami bleibt der Handlung des Originals treu, bietet jedoch zusätzliche Rückblicke und knüpft somit nicht nur besser an Yakuza 0 an, sondern gibt damit auch einigen Charakteren mehr Tiefe, als dies in der Erstveröffentlichung der Fall war. Insbesondere mit den Hintergründen, die das Prequel geliefert hat, führt das zu mehr Nachvollziehbarkeit und einem intensiveren Erlebnis.

Grafisch wurde das Spiel komplett überarbeitet, es ist ungefähr auf dem Niveau von Yakuza 0 einzuordnen. Der Titel wurde in Japan gleichzeitig für PS3 und PS4 veröffentlicht, visuelle Wunderdinge dürft ihr also nicht erwarten. Dennoch hat Kamurocho, der fiktive Stadtteil von Tokio, mit all seinen Neonlichtern einen ganz eigenen Charme. Alle Dialoge wurden mit den japanischen Originalsprechern neu aufgenommen und die unterschiedlichen Kampfstile aus Yakuza 0 wurden ebenso eingebaut wie viele der bekannten Minispiele und Ablenkungen, die an jeder Ecke auf euch warten.

Zwischen intensivem Drama und Open World

Die Mischung aus alten und neuen Spielinhalten führt zu einem Ergebnis, das nicht immer völlig rund wirkt. Da beispielsweise das Level- und Bossdesign vom Original übernommen wurden und die Räume zu eng sind oder der Boss zu monoton agiert, kommen die neuen Kampfstile und ihre taktischen Finessen oftmals gar nicht sonderlich zur Geltung. Speziell im Vergleich mit Yakuza 0 spürt man deutlich, wie sehr sich die Reihe in der Zwischenzeit weiterentwickelt hat.

Ähnliches gilt für die Nebenmissionen, die ihr durch Begegnungen auf der Straße startet. Während Yakuza 0 dabei teilweise Handlungsstränge bietet, die sich vor der Hauptstory nicht verstecken müssen, läuft bei Kiwami doch vieles nach dem gleichen Schema ab und endet darin, dass ihr einem Betrüger oder Schuft eine ordentliche Abreibung verpasst. Natürlich war der Kampf schon immer ein Hauptbestandteil von Yakuza, aber spätere Teile haben es deutlich besser geschafft, auch Lösungswege abseits davon zu bieten.

Die Geschichte lässt sich in 20 bis 30 Stunden durchspielen, mit den Nebenbeschäftigungen könnt ihr aber auch locker 50 bis 60 Stunden erreichen. Vermutlich scheiden sich die Geister, ob dies als Plus- oder Minuspunkt zu sehen ist. Im Vergleich zu anderen Yakuza-Spielen, wo ihr gleich bis zu fünf verschiedene Protagonisten steuert, ist Kiwami verhältnismäßig kompakt. Der Fokus auf einen Charakter führt zu einer größeren Identifikation mit Kiryu und wirkt auf Neulinge vermutlich weniger abschreckend als der gigantische Umfang anderer Serienteile. Andererseits bleibt die Story dadurch vor allem eine persönliche und erreicht nicht ganz die epische Größe mit all ihren Verstrickungen zwischen den Protagonisten, wie wir es sonst kennen.

Majima an jeder Ecke

Im Laufe der Zeit haben sich in der Reihe vielerlei Nebenbeschäftigungen etabliert und die meisten davon sind auch in Kiwami vertreten. Diese Minispiele wie Bowling, Karaoke, Darts, Poker, Roulette oder das sogenannte Pocket Racing (eine Art Carrera-Bahn) bieten nicht nur Abwechslung, sondern wirken auch sehr vollwertig. Oftmals könnt ihr darin im Rang aufsteigen und ordentliche Belohnungen abstauben. Auch die sogenannten Cabarets mit ihren Hostessen, deren Gunst ihr durch geschickte Gespräche, teure Geschenke und Dates außerhalb der Clubs gewinnt, sind wieder mit von der Partie, wenn auch diesmal nur auf zwei Hostessen beschränkt.

Dieser sexualisierte Aspekt von Yakuza trifft sicherlich nicht jedermanns Geschmack, findet jedoch seinen absurden und überzeichneten Höhepunkt im Kartenspiel MesuKing: Battle Bug Beauties, in dem leicht bekleidete Damen als Insekten „verkleidet“ in einer erweiterten Form von Stein-Schere- Papier gegeneinander kämpfen. Wenn dann selbst unser Protagonist infrage stellt, ob dieses Spiel für Kinder geeignet sei, fällt es uns als Europäern schwer, die Grenzen zwischen Parodie und Fanservice noch zu erkennen.

Völlig überdreht ist auch Fanliebling Goro Majima, der in Yakuza 0 endlich ein spielbarer Charakter war. Spieler des Prequels werden vom Charakterwandel aber etwas geschockt sein, denn aus dem ruhigen, sympathischen Kerl ist ein verrückter Hund geworden. Mit dem Majima-Everywhere-System nimmt er eine deutlich wichtigere Rolle als im Original ein und lauert euch an den unterschiedlichsten Stellen auf. Sein Ziel ist es, Kiryu wieder zu seiner ursprünglichen Stärke zurückzuführen, die er im Gefängnis verloren hat. Anders als die anderen drei Kampfstile, die mit Erfahrungspunkten verbessert werden, können Fähigkeiten des Stils des Drachen von Dojima nur durch Begegnungen mit Majima erlernt werden.

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