Test

Victoria II

Knüppelhart und staubtrocken

  • PC

Als Victoria: An Empire under the Sun vor sieben Jahren erschien, war es einer der auffälligsten Strategietitel des Jahres. Nicht unbedingt einer der besten, doch die angestrebte Komplexität im Spiel der Macher von Europa Universalis und Hearts of Iron wusste schon damals sehr zu beeindrucken. Schade war, dass der Erstling unter zahlreichen störenden Bugs litt und auch nicht besonders zugänglich war. Unübersichtliche Menüs, eine staubtrockene Präsentation und eine unnötig schwierige Benutzerführung schreckten selbst beinharte Genreveteranen ab.

Verbessertes Chaos

Dass es Victoria II nun überhaupt gibt, ist der Unzufriedenheit von Paradox Interactive zu verdanken. Enttäuscht von der eigenen Arbeit, den schlechten Verkaufszahlen und der entsprechenden Presseresonanz wagt man es einige Jahre später, das Thema erneut aufzurollen. Der zweite Teil soll alle Ungereimtheiten des Erstlings ausmerzen und vor allem in der Benutzerführung vereinfacht werden. Es soll im Grunde das Spiel werden, das man schon beim ersten Teil im Sinn hatte.

Echtzeitstrategiespiel geworden, das wie schon der Vorgänger auf den etwas anspruchsvolleren Spieler abzielt. Simple Echtzeitstrategietaktiken, wie Tankrushs oder bequemes Einbunkern mit Atomraketen, funktionieren hier nicht. Letzteres schon deshalb nicht, weil die Handlung zwischen 1835 und 1935 spielt und es sich somit primär um die Kriege des Industriezeitalters dreht. In dieser Epoche ist es möglich, 200 verschiedene Länder zu führen und sich mit allen Mächten unterschiedlichste Schlachten zu liefern. Da der Titel dadurch ungemein komplex und fordernd wird, gibt es Tutorials, die einen leichten Einstieg ins Geschehen verschaffen. Eine tolle Verbesserung zum Vorgänger, in dem man trotz Anleitung und Tipps oftmals relativ hilflos im Chaos versank. 

Sim-Weltkrieg

Lässt man sich auf das Taktieren ein und akzeptiert die steile Lernkurve, enthüllt Victoria 2 eine strategische Tiefe, die Genrefans das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. In erster Linie gilt es, die Bevölkerung zufriedenzustellen, indem man sich ausufernd mit Themen wie Landespolitik, Religion, Steuern und Bürgerwünschen auseinandersetzt. Eine noch wichtigere Komponente ist die militärische, da die Welt des 19. Jahrhunderts ungeheuer instabil ist und Expansion und Invasion Sicherheit und Wohlbefinden der Folgejahre bestimmen. Hat man erst einmal in das schwierige Spielprinzip hineingefunden, erwischt man sich schnell dabei, hier noch mal kurz die Wirtschaft anzukurbeln, da einen Angriff zu versuchen oder es woanders noch einmal auf andere Wiese zu probieren.

Victoria II - Cinematic Launch Trailer

Sieht man die vielen Aufgaben und den strengen Schwierigkeitsgrad als Herausforderung, schleicht sich ein Suchtfaktor ein, der die ohnehin stets langen Auseinandersetzungen zum andauernden Spaß macht. Zusammen mit den vielen Nationen und einer geschickt agierenden KI kann das Spielspaß für Monate bedeuten. Es gibt sogar einen Mehrspielermodus, der Online-Auseinandersetzungen mit bis zu 31 Gegnern und Bündnispartnern erlaubt. Allerdings kann man sich hinsichtlich der Spieltiefe der Solokampagne schon ausmalen, welchen Zeitaufwand das bedeutet. In diesem Fall kann man ausnahmsweise tatsächlich von epischen Mehrspielerpartien sprechen. Dass man somit besser gegen den Computer spielt, stört nicht, da dieser geschickt und recht fair agiert.

Staubtrockene Strategien?

Was die technische Präsentation betrifft, so ist Victoria II - wie die meisten dieser Titel - eher sehr dröge inszenierter Tobak, der mit Leichtigkeit noch besser und übersichtlicher aussehen könnte. Allerdings muss man Paradox Software klar zusprechen, dass sie sich im Vergleich zum Vorgänger stark gebessert haben. Auch die Stabilität des Programms selbst wurde deutlich verbessert, auch wenn es noch immer hin und wieder zu Abstürzen kommen kann.

Ein markantes Problem sind Bürgerkriegsphasen, die ab 1860 verstärkt auftauchen können und zuweilen so passieren, dass es nahezu überall unüberwindbare Bürgerproteste gibt. Das Problem dabei ist, dass die Revoluzzer oftmals Dinge fordern, die hinsichtlich des aktuell gefahrenen politischen Kurses überhaupt nicht möglich sind. Somit findet man sich schnell in einem kaum zu lösenden Dilemma wieder, das lange Zeit Probleme macht. Es ist kein regelmäßiges Problem und nur hin und wieder bemerkbar, allerdings arbeiten Modder aus der Fan-Szene bereits wild daran, es in den Griff zu bekommen. Weitere Patchs, die auch die vereinzelt auftretenden Abstürze reduzieren, werden ebenfalls erwartet.

Fazit

Victoria 2 ist ein Meisterwerk unter den Taktikspielen, richtet sich allerdings ganz klar ausschließlich an erfahrene Strategen.All diejenigen, die Spiele wie StarCraft 2 oder Supreme Commander zu futuristisch, zu kurzweilig und zu simpel finden, wurden hiermit erhört. Victoria 2 ist ein Meisterwerk unter den Taktikspielen, richtet sich allerdings ganz klar ausschließlich an erfahrene Strategen. Die immense Spieltiefe macht die dröge Präsentation locker wieder wett.

Überblick

Pro

  • komplexer Inhalt
  • gute Benutzerführung
  • immens umfangreich

Contra

  • nur für Hardcore-Strategen
  • teils Bug-lastig

Wertung

  • PC
    89
    %
 -