Test - The Uncertain: Episode 1 – The Last Quiet Day : Philosophiestunde mit Robotern

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Das russische Studio ComonGames zeigt mit The Uncertain eine philosophisch interessante Utopie, die klarstellt: Alles, was zum Weltfrieden notwendig ist, ist das Fehlen der Menschheit. Stattdessen bevölkern rein logisch agierende Roboter den Erdball und Leben in Harmonie. Unsereiner hat sich in einem Krieg ausgerottet. Der Protagonist RT-217 NP hegt ein reges Interesse an Relikten der Menschheit. Durch ihn lernen wir unseren Planeten völlig neu kennen. Wir haben uns die erste Episode des vielversprechenden Adventures aus den Augen der Nachwelt angesehen.

Die Zeit der Menschheit auf der Erde ist begrenzt. Nicht die Welt wird eines Tages untergehen, sondern wir. Das ist die grundlegende Prämisse des Episodenspiels The Uncertain. Unsere Nachfolger sind Roboter, die rein logisch und befreit von Emotionen und moralischen Doktrinen vorgehen. Krieg ergibt in ihren Augen schlichtweg keinen Sinn. Folglich erlebt ihr das Point-&-Click-lastige Adventure auf Basis der Unity Engine aus den Augen eines Androiden. Jeder Roboter führt anhand seiner Fähigkeiten dedizierte Aufgaben durch.

Der Protagonist, RT-217 NP, kurz RT genannt, ist ein geschickter Ingenieur, der aus alten Artefakten, die unsere Spezies zurückgelassen hat, Neues zusammenbaut oder sie repariert und an andere Maschinen verkauft. Folglich entwickelt er ein ausgeprägtes Interesse an der ausgestorbenen Menschheit. Doch so friedvoll, wie alles wirkt, ist es selbst in der Welt der Logik nicht. Wie der Episodentitel The Last Quiet Day bereits andeutet, befindet sich die Welt der Maschinen im Umbruch. Als ein Transporter neben seinem Haus abstürzt, macht PT eine unglaubliche Entdeckung. Eine Geschichte um Verheimlichung, Manipulation und natürliche Neugier beginnt.

Anspruch und Abstriche

Schon nach den ersten Spielminuten stellt sich schnell folgende Gewissheit ein: The Uncertain möchte eine schwere, nicht ganz leicht zu verdauende Handlung aufbauen. Überbleibsel aus unserer Zeit, wiederhergestellte E-Mails und Briefe werfen ein trauriges Bild auf die emotionsgeladene Menschheit. Es dauert nicht lange, bis ihr selbst die Welt durch die optischen Sensoren eines Roboters seht und Zeilen von Familienstreitigkeiten mit einem Unverständnis lest, wie es wohl nur ein Vulkanier nachvollziehen könnte. Die drückende Klavieruntermalung verdeutlicht nur allzu sehr, dass der Frieden auf dem Planeten einen äußerst hohen Preis hatte.

Es fühlt sich spannend an, alltägliche Dinge ohne Assoziationen zu betrachten. PT versteht beispielsweise nicht, warum menschliche Kunst nicht immer danach strebt, fotorealistisch zu sein. Anders herum kann er den Zweck einer verwitterten Schaukel nicht nachvollziehen und ordnet das Gerüst folglich der Kategorie „Kunstobjekt“ zu. Die melancholische Stimmung hüllt The Uncertain in eine vermutlich gewollte Trägheit.

Was allerdings nicht im Sinne des Spielers ist, ist die Trägheit der Steuerung. Ihr bewegt euch mit den WASD-Tasten fort. Durch Drücken von Shift beschleunigt PT nur unwesentlich. Ein natürliches Bewegungsgefühl entsteht in den einzelnen Abschnitten leider nicht. Auch die Grafik ist nicht ganz frisch und stellenweise wirken die Animationen nicht besonders rund.

Gelungen ist dagegen das Interaktionssystem, das mit der Maus bedient wird und ganz nach alter Schule, aber auch nach Telltale Games riecht. Fahrt ihr mit dem Cursor über ein Objekt, erscheint ein Kreis, in dem maximal vier Aktionen wie Ansehen, Nutzen/Nehmen oder Sprechen angezeigt werden.

The Uncertain - Episode #1: The Last Quiet Day Launch Trailer
Zur Veröffentlichung der ersten Episode von The Uncertain gibt es hier den passenden Launch-Trailer für euch.

Das Gameplay fühlt sich um einige Nuancen komplexer an als bei Telltale, doch Momente wie jener, in dem man ein Radio drehen muss, um es wieder in Gang zu bringen, wirken wie ein kristallklares Déjà-vu zur ersten Staffel von The Walking Dead. Gespräche wollen ebenso ähnlich mit vier Antworten fortgeführt werden. Im Gegensatz zu den Telltale-Spielen habe ich in The Uncertain jedoch den Eindruck, dass meine Entscheidung das Gespräch tatsächlich beeinflusst.

Das größte Unterscheidungsmerkmal sind die Rätsel. Während das Spiel von ComonGames euch ein klein wenig Hirnschmalz abverlangt, fallen die Telltale-ähnlichen Rätsel viel zu oft so simpel aus, dass man sie auch zufällig lösen könnte. Mal müsst ihr an einem Schaltkasten Strom umleiten und dafür eine kleine Rechenaufgabe lösen, mal passende Muster zu einem Quadrat zusammensetzen, während die Zeit abläuft, die Auswahl groß ist und ständig durchgemischt wird.

Fazit

Mathias Windhager - Portraitvon Mathias Windhager
Ich will mehr!

Der Umfang des ersten Kapitels fällt großzügig aus und ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Was mir an dem Adventure aber besonders gefällt, sind seine entschleunigte Erzählweise, die melancholische Atmosphäre und die philosophischen Ansätze, die auch aktuelle Entwicklungen wie Gentechnik mit purer Logik bloßstellen. Ich würde fast so weit gehen zu sagen, dass die träge Steuerung ins Konzept des Spiels passt, würde sie nicht so sehr auffallen. The Uncertain lehrt latent Scham vor der eigenen Spezies, ohne groß die Moralkeule zu schwingen. Hoffentlich können die beiden geplanten Fortsetzungen mit diesem spannenden Anfang mithalten.

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