Test - The Lion's Song: Episode 2 – Anthology : Untiefen der Seele

  • PC
Von Kommentieren

Nachdem die erste Episode (The Lion's Song Episode 1 Test) nicht nur von uns, sondern auch auf Steam viele lobende Worte erhalten hat, sind die Erwartungen hoch. Anthology, die zweite Episode, ließ lange auf sich warten und ist im Gegensatz zum Vorgänger nicht kostenlos erhältlich. Überzeugungsarbeit, sie dennoch zu erwerben, ist also nötig und wird in Form eines erwachseneren Gesamteindrucks und von etwas mehr Umfang zumindest zum Teil auch geleistet.

Solltet ihr mit der Serie bisher noch nicht vertraut sein, so legen wir euch ans Herz, die erste Episode kostenlos nachzuholen. Hinsichtlich des erzählerischen Grundtons und des Grafikstils ist sie ein guter Indikator, was euch für den Rest der Serie erwartet. Nicht jedem werden der ruhige Erzählstil und die Dialoge im Plauderton mit Wiener Kaffeehaus-Charme zusagen. Auch die Grundthemen wiederholen sich, wird doch in jeder Episode ein anderer aufstrebender kreativer Kopf begleitet. Selbstzweifel und Selbstfindung scheinen die vorherrschenden Motive zu sein.

Weiterentwicklung und Wiederholung

Nun ist also Maler Franz an der Reihe. Als aufstrebender Künstler stolpert er eher zufällig in die Wiener Kunstszene rund um den berühmten Gustav Klimt. Klimt ist begeistert von Franz, doch der ist deutlich selbstkritischer. Er hat das Gefühl, nicht alle Facetten seiner Modelle einfangen zu können und ihnen daher nicht gerecht zu werden. Wie schon in der vorigen Episode liegt also ein enormer Druck auf unserem Hauptcharakter, denn das nächste Werk muss besser als das vorherige werden.

Während Wilma, die Protagonistin der ersten Folge, sich dafür in eine Berghütte zurückgezogen hatte, ist Franz durchgängig in Wien tätig. Dadurch dürft ihr mal mehr, mal weniger frei zwischen den Schauplätzen wechseln. Zudem ist die Episode deutlich dialoglastiger. Beides führt dazu, dass sie sich offener und umfangreicher anfühlt. Dennoch ist die Spieldauer mit einer Stunde immer noch sehr kurz. Zumindest Achievement-Jäger werden etwas länger beschäftigt sein, da aufgrund mehrerer Entscheidungsmöglichkeiten einige Passagen wiederholt werden müssen, um alle möglichen Ausgänge zu entdecken.

Nicht nur in ihrer Offenheit ist die zweite Episode eine Weiterentwicklung, sie wagt sich auch an ernstere Themen. So offenbart sich, dass Franz noch deutlich mehr seelischen Ballast mit sich herumschleppt als ursprünglich gedacht und auch das Altwerden wird auf seriöse Weise behandelt. Aber aufgrund des Wiener Plaudertons gehen die Ernsthaftigkeit und die Tragweite gewisser Ereignisse teilweise etwas unter. Gleichzeitig hält auch eine Prise trockener Humor in die Folge Einzug, die das Gesamtbild angenehm abrundet.

Artsy-fartsy?

Manchmal versucht The Lion’s Song mehr zu sein, als es tatsächlich ist. Es wagt sich zwar an ernste Themen, doch die letzte Konsequenz fehlt. Obwohl es tiefgründig sein will, streift es viele der Untiefen der menschlichen Seele doch nur oberflächlich. Für echten Tiefgang ist das Spiel letztlich zu durchgetaktet und zu kurz. Auch der kreative Prozess, der wie schon in der vorigen Episode auf spielerische Weise implementiert ist, wirkt diesmal etwas aufgesetzter. Waren die Einflüsse der Umwelt auf Wilmas Komposition noch eine erfrischende Idee, will Franz die Facetten seiner Modelle durch simple, oberflächliche Fragen einfangen.

The Lion's Song - Episode 2: Anthology Launch Trailer
Zu The Lion's Song ist nun die zweite Episode namens Anthology erhältlich.

Visuell sind diese Facetten wieder wundervoll umgesetzt, auch der Pixelart-Stil und die Musikkulisse wissen zu überzeugen. Inhaltlich jedoch klingt es stellenweise zu sehr nach Hobby-Psychologie, die uns da serviert wird. Das ist insofern ironisch, als auch der große Sigmund Freud einen Gastauftritt hat. Den Vorwurf, ein wenig zu gezwungen „künstlerisch“ sein zu wollen, kann das Spiel nicht ganz entkräften.

Das tut der Gesamterfahrung aber keinen Abbruch, sofern ihr euch insbesondere auf die wunderbar eingefangene Wiener Atmosphäre dieser Zeit einlassen könnt. Falls ihr nun auf den Geschmack gekommen seid: Die Episode gibt es zum Einzelpreis von 3,99 Euro, den Season Pass für drei Folgen für 9,99 Euro.

Greift zu, wenn...

… euch bereits die erste Episode zugesagt hat und ihr Lust auf eine unaufgeregte, charmante Zeitreise habt.

Spart es euch, wenn...

… ihr weder dem Altwiener Charme noch dem Pixelart-Stil etwas abgewinnen könnt.

Fazit

Markus Rohringer - Portraitvon Markus Rohringer
Herr Ober, eine Melange, bitte!

Die erste Episode hat mich völlig unvorbereitet getroffen und ich war sofort hellauf begeistert. Klar, selbst Wiener zu sein, hilft dabei, diese Reihe zu mögen, ist aber nicht notwendig, sofern man sich auf die Atmosphäre einlassen kann. Die zweite Episode tritt ein schweres Erbe an. Einerseits erwartete ich denselben erzählerischen Grundton, andererseits aber auch frische Ideen, wenn es erneut darum geht, einen kreativen Prozess spielerisch abzubilden und die Themen Selbstfindung und Selbstzweifel aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Das gelingt der zweiten Episode in weiten Teilen. Ich mag es auch, ein wenig mehr Freiheit zu haben, wenn auch weiterhin in bescheidenem Maße.

Sowohl die ernstere Herangehensweise als auch der eingestreute Humor haben mich positiv überrascht. Was aber den Tiefgang betrifft, so kämpft die Episode mit denselben Problemen wie ihr Protagonist: Nicht immer werden alle Facetten so eingefangen wie gewünscht. Ich glaube, dass etwas mehr Umfang hier helfen würde. Mir ist allerdings auch bewusst, dass ein sehr kleines Team an der Serie arbeitet. Als Gesamtkonzept funktioniert die Folge aber wieder wunderbar. Die authentischen Dialoge harmonieren mit dem Sepia-Pixelstil und der musikalischen Kulisse, woraus sich eine augenzwinkernde Zeitreise ins alte Wien ergibt.

Überblick

Pro

  • schafft es erneut, das alte Wien augenzwinkernd in Szene zu setzen
  • wagt sich an ernste Themen wie Selbstfindung und Selbstzweifel Sepia-Pixelstil und Sound fügen sich wunderbar ins atmosphärische Gesamtbild ein
  • Entwickler versuchen mit etwas mehr Freiheit und einer Prise trockenen Humors neue Wege zu gehen

Contra

  • trotz ernster Themen geht die Dramatik etwas im Wiener Plauderton unter
  • spielerische Darstellung des kreativen Prozesses und die Dialoge erreichen nicht immer den Tiefgang, der offenbar angestrebt ist
  • mit einer Stunde immer noch sehr kurz

Könnte dichinteressieren

Kommentarezum Artikel