Special - Grand Theft Auto V – Gastkommentar : Gewalt, Sucht, Kinder und Lehrer

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Bei unserem kürzlich veröffentlichten Artikel zur Folterszene in Grand Theft Auto V fiel uns ein Kommentar besonders auf. In Absprache mit dem Autor veröffentlichen wir diesen Kommentar an dieser Stelle noch einmal separat, da er nicht nur das Thema GTA V behandelt, sondern auch interessante Einblicke in verwandte und sehr kritische Themenbereiche aus der Sicht eines Lehrers bietet und somit zu erweiterten Diskussionen anregt. Den Gameswelt-Artikel, auf den er sich bezieht, findet ihr unter diesem Link. Dort findet ihr auch den unbearbeiteten Originalkommentar. Alle Änderungen dieser Version dienen der besseren Lesbarkeit und auch dem Verständnis für diejenigen, die den dazugehörigen Gameswelt-Artikel möglicherweise nicht gelesen haben.

Bevor wir den Verfasser dieses Textes zu Wort kommen lassen, ein paar einleitende Informationen zu seiner Person – natürlich mit seinem Einverständnis hier veröffentlicht: Michael ist 28 Jahre alt und seit einem Jahr Lehrer im Bereich der literarischen Fächer, hat allerdings bereits acht Jahre Lehrerfahrung. Derzeit betreut er zwei Mittelstufenklassen. Abschließend noch der Hinweis, dass die hier veröffentlichte Meinung seine persönliche ist und deshalb nicht zwingend die Meinung der Redaktion widerspiegelt.

Michael:

Als ich selber noch zur Schule ging, hat mich mein Hobby – Videospiele spielen – beinahe um das Abitur gebracht. Und es ist nur der strengen Kontrolle meiner Eltern zu verdanken, dass ich es dann auch mangels Alternativen (Stubenarrest) und aufgrund meines wenig auf Ärger gepolten Gemüts geschafft habe. Nach der Schule habe ich mein Studium begonnen und als Erstes meinen Gaming-PC abgeschafft und mir ein MacBook gekauft. Denn damit kann man fast nichts spielen. Dennoch blieb ich ein wenig an Minecraft hängen und habe später etliche Stunden mit Civilization V verbracht. Um es abzukürzen: Ich erkenne eine Videospielesucht, wenn ich sie sehe, denn ich habe selber eine Tendenz dazu, und das mit 28 Jahren. Wenn man den Begriff „Nerd“ folgendermaßen definiert, dann bin ich ein „Nerd“: „Jemand, der einen großen Teil seiner Freizeit damit verbringt, Dinge zu installieren.“ In meiner Freizeit repariere ich alles, was einen Einschaltknopf besitzt. Ich mache das aber aus Spaß und nicht etwa, um Geld zu sparen.

Was Technik angeht, weiß ich tatsächlich viel mehr als meine Schüler. Das ist unter Lehrern eine Seltenheit und macht mich im Lehrerzimmer auch zu einem Exoten. Denn auch die jungen Lehrer sind Technik gegenüber eher skeptisch. Sie haben sie daheim im Wohnzimmer, aber wenn sie mal ein Problem haben, klagen sie nur und wissen nicht weiter. Meistens ist dann am Ende der Hersteller schuld, obwohl ich ganz klar den „DAU“ (den dümmsten anzunehmenden User) diagnostiziere. Wenn also im Lehrerzimmer jemand sagt, er finde, dass die Kinder zu viele Killerspiele spielten, und dann im nächsten Satz hinzufügt, die spielten immer PES, dann weiß ich, dass weder ich noch die Eltern den Kollegen besonders ernst nehmen. Oder andersherum: Die Eltern schätzen meine ehrliche Meinung, da sie wissen, dass ihre Kinder mich bei Technikdingen stets alles fragen können und sie von mir auch gute Antworten bekommen und ich nichts verurteile. Videospiele sind für mich ein Hobby. Ein Hobby, das man wie jedes andere betreiben darf und soll, es darf eben nur niemals in Sucht übergehen. Hobbys sind ein Ausgleich vom Alltag und wichtig, um Lerninhalte tatsächlich zu verarbeiten.

Deswegen liegt mir das Thema Videospiele sehr am Herzen. Auch, weil die Kinder heutzutage wenig intertextuelle Zusammenhänge kennen und ich am Beispiel der Filme und Videospiele auch gerne mal „Goethes Faust“ in Verbindung mit „Batman“ und „Ariadne“ in Verbindung mit etwa „Inception“ bringe. Meine Kollegen nennen das schlecht kopiert, ich nenne das Mittel zum Zweck. Und häufig lesen die Kinder am Ende dann tatsächlich das Original oder machen sich wenigstens kurz schlau darüber.

Um beim Thema zu bleiben: Wenn ich mit den Eltern der Kinder über Videospiele rede, komme ich häufig an die Grenzen des gesunden Menschenverstandes. Ich habe schon alles gehört, und das in erst acht Jahren Lehrtätigkeit. Ich kenne sogar Fälle, da lassen die Eltern das zweijährige Kind vorm Fernseher sitzen, wenn sie sich „SAW II“ anschauen wollen. Ihrem großen Sohn habe das ja schließlich auch nie geschadet. Tja … Doch das hat es, nur kann ich das natürlich nicht so sagen.

Was hat das mit GTA zu tun? Ganz einfach: Die Schüler aus der sechsten Klasse reden alle heimlich darüber, beschäftigen sich per YouTube (etwa Let‘s-Play-Videos) mit dem Spiel oder lesen sogar Artikel darüber. Die Siebtklässler spielen es alle überwiegend, versuchen es aber wenigstens zu verheimlichen. Die Schüler aus der achten spielen es alle oder sparen darauf. Wie kommen sie an die Spiele heran? In subjektiv gefühlten 98 Prozent der Fälle kaufen es ihnen ihre Eltern für gute Schulnoten! Ein Prozent spart selbst und kauft es heimlich über volljährige Freunde (ich werde auch häufig gefragt, lehne aber kategorisch ab). Und die anderen spielen es bei Freunden daheim.

Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass jeden Morgen 40 Millionen Vollidioten aufstehen und Mist verzapfen. Wie soll da ein normaler Mensch sein Kind davor beschützen, Gewaltspiele zu spielen? Überall im Netz sind Gewaltvideos verteilt. Wenn ich es als Erwachsener einschränke, schaut das Kind es in der Schulpause auf dem Smartphone des Mitschülers (bei uns sind Smartphones erlaubt, da wir den Schülern den Umgang mit den Medien zeigen wollen. Sie dürfen das Smartphone sowohl als Taschenrechner nutzen als auch im Fremdsprachenunterricht Sparknotes nachschlagen und Fremdwörter klären). Worauf ich hinauswill: Wir können unsere Kinder nicht davor beschützen, weil der Gesetzgeber schlicht nichts dafür macht! Klar könnte ich alle Eltern bei der Behörde anzeigen, es würde ein kleines Bußgeld geben und danach wäre ich das Arschloch der Nation – nein danke. Die Strafen müssten einfach viel höher sein. Wer einem Kind ein eindeutig ab 18 ausgewiesenes Videospiel kauft, soll 5.000 Euro Strafe zahlen. Dann erledigt sich zumindest der Konsum.

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