Test - Forza Motorsport 7 : Sabber auf der 4K-Motorhaube

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Drei Rennspiele mit hohem Anspruch buhlen in diesem Herbst um die Gunst der Käufer. Jedes hat ein ganz eigenes Profil, mit dem es potenzielle Kunden zum Kauf überreden möchte. Forza Motorsport 7 aus dem Hause Turn 10 setzt vor allem auf die Liebe zum Gefährt. Jedes einzelne Auto wird verehrt wie eine kleine Gottheit.

Vollblutsimulation oder doch nur „Simcade“? Arbeit oder Spaß? Massentauglich oder Geekware? Im Reich der anspruchsvollen Rennspiele verschwimmen diese Grenzen ein ums andere Mal. Forza Motorsport 7 ist mit Sicherheit keine bierernste Simulation wie Assetto Corsa oder RaceRoom Experience. Aber wer gewillt ist, ein wenig in den Optionen des Spiels herumzufummeln, kann das neueste Werk von Turn 10 in ein sehr ähnliches Spielerlebnis verwandeln. Flexibilität ist das A und O der Serie. Für jeden soll etwas dabei sein.

Mit seiner selbstauferlegten Rolle als eierlegende Wollmilchsau geht ein Handicap einher, das nur allzu nachvollziehbar ist: Wer es allen rechtmachen will, kann niemanden hundertprozentig zufriedenstellen. Darum werden Freunde knallharter Simulationen nie vollends mit Forza glücklich sein. Selbst wenn man in den Optionen wühlt und das Handling der Karren sowie die Physikberechnungen auf „Simulation“ stellt, klafft noch immer eine Lücke zu dem, was ein Assetto Corsa an Steuerungsfeinheiten auffährt. Diese Lücke ist nicht groß, aber auch nicht zu leugnen.

Puristen und Bildschirm-Rennfahrer mit Profilneurose mögen da noch so sehr schimpfen, am Ende ist das kein Beinbruch. Schon gar nicht im Sinne der meisten Kunden, denn knüppelharte Rennspiele sprechen nur eine sehr kleine Zielgruppe an. Eine frustresistente Kundschaft, die bereitwillig Stunden in das Meistern eines Wagens investiert, damit er auf einfachsten Strecken auf Kurs bleibt, Kunden, für die ein 400-Euro-Lenkrad eine selbstverständliche Anschaffung darstellt. Eben Leute, die Joypad-User nicht nur belächeln, sondern nicht für voll nehmen.

Ein Rennspiel für alle Autofans

Solche Leute findet man auch auf den Multiplayer-Servern von Forza 7, aber es ist keineswegs die Mehrheit, denn dieses Spiel möchte es allen rechtmachen. Blutige Anfänger, Joypad-Akrobaten, Lenkradprofis, Durchschnittskonsoleros, Autoliebhaber, Karachopiloten - völlig egal, wer sich ans Steuer setzt, er oder sie soll Spaß haben, Autos in all ihrem Glanz bewundern und Benzingeruch wittern. Die einzige Voraussetzung dafür ist der Besitz einer Xbox One (egal welche Ausführung) oder eines Windows-10-PCs. Crossplay zwischen beiden Plattformen ist ebenfalls möglich – hurra! Klappt übrigens hervorragend!

Um möglichst viele Auto-Enthusiasten zu erreichen, legt Turn 10 allerhand handfeste Superlativen in die Waagschale. Forza Motorsport 7 bringt von Anfang an sagenhafte 700 Fahrzeuge mit, deren 3-D-Modelle ihresgleichen suchen. Kein anderes Rennspiel legt so viel Wert auf die detailgetreue und technisch makellose Präsentation der Renngeschosse.

Forza-Vista nennt sich der Modus, in dem zügelloses Gaffen nicht nur erlaubt, sondern gewollt ist. Die Boxengasse jeder beliebigen Rennstrecke verwandelt sich auf Knopfdruck in eine Automobil-Modenschau. Drumherumlaufen, Türen öffnen, den Motor inspizieren, einsteigen - alles ist erlaubt. Ein Qualitätsstandard, den Konkurrenten wie Project Cars 2 oder Gran Turismo Sport bei Weitem nicht erreichen, und das auch noch in gestochen scharfer 4K-Auflösung, sofern die verwendete Hardware es hergibt.

Zum ersten Mal in der Forza-Serie hat diese Philosophie weitreichende Konsequenzen, denn um in der neuen Karriere weiterzukommen, sollt ihr nicht nur Rennen in diversen Fähigkeitsklassen absolvieren, sondern auch Autos sammeln. Je mehr ihr in der Garage habt, desto höher euer Fuhrparklevel und umso weitreichender euer Zugriff auf weitere Fahrzeuge. Entgegen früheren Ablegern sortiert das Spiel alle erhältlichen Flitzer nicht mehr nach Schnelligkeit, sondern nach Seltenheit. Arbeitet ihr euch also in den sechs Grunddisziplinen der Karriere nach oben, so dürft ihr stetig ausgefallenere Fahrzeuge ausprobieren. Das Fahrzeugaffinitätslevel, das in früheren Forza-Ablegern zum Verbleib in einem Auto motivierte, entfällt.

Bei einer so großen Auswahl im Fuhrpark ist eine Tour durch die Karriere ungemein abwechslungsreich. Miniflitzer, die Golfcaddys ähneln, Kleinwagen, handelsübliche Familienkutschen, Supersportwagen, Concept-Cars, Oldies, Open-Wheel-Raketen wie in der Formel 1, Nascar-Flitzer, Geländewagen und – ganz neu im Repertoire – Lkw wie etwa Schwerlastsattelzüge warten auf eine Probefahrt.

Da ist alles dabei, was das Herz begehren könnte. Außer Karts, die bleiben leider genauso außen vor wie Vertreter der Marke Toyota. Kein Supra, kein Celica, nix. Schade, aber verschmerzbar. Als Ausgleich gehört Porsche nun zum Standardfuhrpark, ebenso wie die üblichen Verdächtigen: Mercedes, VW, Nissan, Honda, Audi, Lamborghini, Ferrari und so weiter und so Ford. Sollte Vielfalt alleine nicht genügen, um euer Blut in Wallung zu bringen, so helfen eigens zuteilbare Handicaps nach. Diese sogenannten Mods belohnen euch monetär für das Abschalten der Ideallinie, den Verzicht auf die Stabilitätskontrolle und Ähnliches.

Da bleibt euch die Spucke weg

Solltet ihr im letzten halben Jahr nicht unter einem Stein gelebt und nicht jegliche Gaming-News ignoriert haben, so dürfte euch Microsofts Prahlerei rund um die native 4K-Grafik geläufig sein, die dank der im November erhältlichen Xbox One X garantiert wird. Da diese noch nicht vorliegt, müssen wir uns mit der PC-Fassung zufriedengeben, um einen ersten Eindruck zu erhaschen. Ergebnis: ausgeleierte Kinnlade.

Rasiermesserscharfe Asphalttexturen, knackige, wenn auch farblich nicht ultrarealistische Gestaltung der Hintergründe, umwerfend detaillierte Cockpits, bei denen lose Kabel mit dem Motor vibrieren, Scheibenwischer, die sich bei jeder Unebenheit minimal bewegen, und vieles mehr heben den Detailgrad in ungeahnte Sphären. Forza Motorsport 7 ist ohne Übertreibung das mit Abstand schönste Rennspiel, das derzeit zu haben ist, was zu einem Teil auf das Konto der grandios ausgereizten HDR-Unterstützung geht. Kein YouTube-Video kann euch die Faszination eines HDR-Sonnenuntergangs vermitteln. Das muss man mit eigenen Augen an einem kompatiblen Fernseher gehen haben.

Klar, man kann über Stil immer streiten. Hier und da wirken die Kurse ein wenig zu clean, könnten etwas mehr Schmutz und Abnutzungsspuren vertragen. Die hohe Anzahl an Pappschachtelbäumen, die nicht zuletzt den wiedereingeführten Maple-Valley-Kurs schmücken, ist leider auch nicht übermäßig modern. Doch steril wirkt hier rein gar nichts. Tribünen versinken im Blitzlichtgewitter, TV-Helikopter drehen ihre Kreise und Vögel zieren den Himmel, während die neuen, dynamischen Skyboxen Sonne und Wolken wandern lassen, ja, gar Farbtöne je nach Tageszeit anpassen. HDR-Kontraste sind an dieser Stelle weit eindrucksvoller als jede noch so hohe Auflösung.

Ein optisches Fest, das möglichst vielen Spielern zugänglich sein soll. Turn 10 optimierte Forza Motorsport 7 bis zum letzten Backenzahn, ohne der Grafik Kompromisse abzufordern. Auf dem PC genügt eine Geforce 1070 mitsamt einem hochgetakteten i5-Prozessor, um native 4K-Auflösung bei zweifacher MSAA-Kantenglättung zu genießen. Bei Verwendung einer Geforce 1060 reicht es leider nicht ganz dafür aus. Die Bildrate bleibt dann zwar überwiegend konstant auf 60 fps, aber wenn sie einbricht, dann gewaltig. Insbesondere bei Regenwetter und vermehrt auftretenden Lichtkegeln (sprich bei besonders dunklen Nachtfahren) macht der stetige Bildratenwechsel mit einer GF 1060 keinen Spaß mehr. Nicht zuletzt, wenn alle 24 Wagen eines Rennens auf einmal den Bildschirm füllen, fühlt man die optische Handbremse.

Kein Grund zum Verzagen. Forza 7 offeriert sehr umfangreiche Grafikoptionen, die allesamt dynamisch arbeiten. Heißt im Klartext: Droht die Bildrate aufgrund gewaltiger Datenmengen oder ausladenden Echtzeitberechnungen einzubrechen, so schraubt die Engine automatisch an der Darstellungsqualität - zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wollt ihr mit einer Mittelklassegrafikkarte ins Rennen gehen, so empfiehlt es sich, einige Detaileinstellungen von vornherein herunterzusetzen, damit die Engine nicht ständig an den Qualitätsstufen einzelner Kriterien herumdoktern muss. Eine Verringerung der Auflösung auf 1440p oder Full HD wirkt bereits Wunder.

Besitzer einer „normalen“ Xbox One haben hier natürlich das Nachsehen. Turn 10s neuestes Werk sieht zwar nicht schlechter aus als Forza 6, aber auch nicht besser. Im Vergleich mit der hochgeschraubten Grafik der PC-Fassung, die auch auf der Xbox One X ohne Abstriche übernommen werden wird, fallen einige Hintergrundtexturen sichtbar gröber aus. Außerdem entdeckt man viel schneller Teile der dynamischen Grafikeinsparungen, da sie eher in den bewusst sichtbaren Bereich rücken, etwa wenn plötzlich die Spiegelung eines Wagens im nassen Asphalt verschwindet oder Gebüsch in den näheren Level-of-Detail-Bereich rückt und sich somit aus dem Nichts manifestiert.

Spielerisch bleibt der alte Standard zum Glück erhalten. Egal auf welcher Xbox-One-Variante ihr spielt, die Bildrate bleibt stets bei bombenfesten 60 fps ohne geringste Aussetzer. Auch rutscht die Auflösung nie unter die versprochenen nativen 1080p. Die Designer und Programmierer bei Turn 10 verstehen ihr Handwerk. Klingt nach Lobhudelei, ist aber Fakt. Nur schade, dass die Soundabteilung die hohe Qualität des Vorgängers nicht halten kann. Viele Wagen klingen noch immer sehr gut und röhren ordentlich. Aber bei einigen Open-Wheel-Fahrzeugen wurde ein echter Bock geschossen. Sie klingen überhaupt nicht realistisch und dröhnen nicht im Geringsten. Beim Anfahren erinnern sie sogar an einen aufgebohrten Rasierapparat.

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