Test - Fallout 4: Far Harbor : Im atomaren Nebel versteckter Spielspaß

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Ödlandveteranen, die bereits mehr als hundert Stunden durch die Postapokalypse von Fallout 4 gestapft sind, haben sich vielleicht an Ghulen und mutierten Riesenskorpionen sattgesehen. Trotzdem sollten sie eine neue Fusionszelle in ihre Power-Rüstung schrauben und sich auf die Reise machen: Im “Inselparadies” Far Harbor warten nämlich jede Menge spaßige Abenteuer. Mit diesem DLC werden nostalgische Erinnerungen geweckt, da sich der Umfang vor anderen großen Bethesda-Add-ons nicht zu verstecken braucht.

Solltet ihr das großartige Hauptspiel verpasst haben, können wir euch unseren Fallout-4-Test nur wärmstens ans Herz legen. Denn die überragende Spielwelt rund um das ruinierte Boston unterhält auf jedem Meter Fußmarsch. Ständig erkundet man die Umgebung und lüftet diverse Geheimnisse.

Auf zu neuen Abenteuern

Mit Far Harbor geht die Reise endlich weiter. Zwar hat uns Entwickler Bethesda schon mit zwei weiteren DLCs, Automatron und Wasteland Workshop, versorgt, doch der neueste ist der größte. Statt euch aber mit neuen Landmarken und Aufgaben auf der alten Karte zu beschäftigen, schippert ihr per Boot in die nördlichen Regionen des Ödlands. Dort schwimmt eine komplette Stadt auf dem Wasser.

Aber der Reihe nach. Nach Monaten der Fallout-Abstinenz könnt ihr euren alten Spielstand laden und ins Ödland zurückkehren. Schaltet ihr das Radio ein, könnt ihr einen Funkspruch der Sekretärin von Detektiv Nick Valentine abhören. Die schickt euch zu einem einsamen Pärchen, das seine Tochter vermisst. An dieser Stelle fühlt man sich an die Hauptmission aus Fallout 4 erinnert und denkt sich: „Nicht schon wieder ein Kind suchen!” Der Beginn suggeriert Routine. Dennoch steckt ihr die Zündschlüssel für den alten Hafenkutter des besorgten Vaters ein und macht euch auf zu neuen Ufern.

Star des Spiels: Die Insel

Die Geschichte rund um das vermisste Mädchen reißt Bethesda-typisch keine Bäume aus, weiß aber in den zehn Stunden gut zu unterhalten. Ein neues Dialogsystem wäre schön gewesen, da man sich immer noch über die teilweise kryptischen Dialogoptionen ärgert. Wie dem auch sei, ihr solltet öfter “Sarkasmus” als Antwort wählen. Die schnoddrige Antwort eures Spielcharakters danach ist es auf alle Fälle wert. Die Figuren bieten deutlich mehr Tiefe und Konflikte können nun vermehrt mit einer charismatischen Konversation entschärft werden. Daher solltet ihr unbedingt bei Levelaufstiegen die entsprechenden Attribute steigern.

Nick Valentine erweist sich in der neuen Küstenstadt als sehr nützlich, da mit ihm im Schlepptau noch mehr Gesprächsoptionen angeboten werden. Zudem überzeugt das neue Gebiet mit seiner gruselig angehauchten Insel. Alles wird vom radioaktiven Nebel verschlungen. Das sieht nicht nur gut aus, sondern bildet auch einen tollen Kontrast zu Fallout 4. Teilweise sind Gegner erst spät zu erkennen und bringen selbst Level-50-Veteranen, die das Hauptspiel als zu leicht empfinden, gehörig ins Schwitzen. Besonders fies sind die neuen “Angler”, die sich als leuchtende Blume tarnen und euch mit einem großen Satz attackieren.

Fallout 4 - Far Harbor DLC Launch Trailer
Mit Far Harbor erscheint morgen ein weiterer DLC zu Fallout 4; hier gibt es vorab den Launch-Trailer.

Wenn drei sich streiten

Der größte Reiz der Erweiterung geht allerdings von den drei Fraktionen aus. Die fanatischen “Kinder des Atoms” und die Synth-Androiden sind bereits aus Fallout 4 bekannt. Die Widersachergruppen werden in Far Harbor um eine dritte Kraft, “Bewohner der Insel”, erweitert. Der Clou dabei: Schwarzweißmalerei funktioniert bei keinem der verfeindeten Lager – keiner ist richtig gut oder böse. Der Verlauf der Geschichte wird von eurer Entscheidung, welcher Fraktion ihr euch schlussendlich anschließt, maßgeblich beeinflusst. Helft ihr Fraktion X, ist Y auf euch sauer. Das komplette Auslöschen einer Gruppierung ist ebenso möglich wie den friedlichen Weg zu gehen.

Die Spielwelt ist in der Erweiterung konsistenter. Eure Taten haben Konsequenzen zur Folge, die nun deutlicher zu sehen sind: Solltet ihr stets hilfsbereit sein, kann sich bei Konflikten ein NPC daran erinnern und euch später zur Seite stehen. Allerdings geizt auch das Add-on nicht mit Standardmissionen, die euch zum Wanderknecht degradieren. Da muss eine olle Maid aus den Fängen von Ghulen befreit, hier ein Päckchen von A nach B transportiert oder dort eine neue Siedlung ausgebaut werden. Natürlich gibt es mit diesem DLC neue Ausrüstung und Waffen. Allen voran ist die Harpune mit ihrem immensen Schaden von Vorteil, die ihr sogleich nach eurer Ankunft auf Far Harbor bei einem Händler erstehen könnt.

Was hat denn Portal hier verloren?

Im Laufe der Kampagne müsst ihr einige Rätselmissionen lösen. Hierfür steckt euch das Spiel in einen Simulator, der mit dem Baumodus gesteuert wird. Da sollen Blöcke an die richtige Stelle platziert und Lichtstrahlen korrekt abgelenkt werden. Die unpräzise Steuerung dämpft zusätzlich die Stimmung der ohnehin schon deplatzierten Puzzle-Aufgaben. Diese Design-Entscheidung der Entwickler ist unverständlich, da die Rätsel keinen Spaß machen und eines unbesiegbaren Retters des Ödlands unwürdig sind. Vielleicht wollte sich einer der Entwickler nur mal kreativ austoben. Es sei ihm gegönnt, da der Rest des DLCs auf ganzer Linie überzeugt.

Fazit

Marcus Rätzke - Portraitvon Marcus Rätzke
Neues Futter für Fallout-Veteranen

Die Erweiterung Far Harbor erfindet das Fallout-Rad nicht neu, bietet aber einige Ergänzungen. Ich als Rollenspieler habe mich vor allem darüber gefreut, dass der Shooter-Part zurückgefahren wurde und ich vermehrt sinnvoll Konflikte mit meinen Charismafähigkeiten lösen konnte. Das ging im Hauptspiel viel zu selten. Solltet ihr wie ich bereits 120 Stunden mit Fallout 4 verbracht haben, könnte euch die Einöde schnell langweilen. Doch die Bootsfahrt in den Norden möchte ich nicht missen. Einige Charaktere sind mir richtig ans Herz gewachsen und die von mir sarkastisch geführten Dialoge brachten mich des Öfteren zum Schmunzeln.

Wir stellten eingangs die Frage, ob die nachträgliche Preiserhöhung für den Season-Pass gerechtfertigt sei. Für satte 50 Euro erwartet man eigentlich einen Vollpreistitel, doch einen solchen Umfang erreichen die bisherigen DLCs zusammengenommen nicht. Far Harbor bietet auch einzeln nicht ausreichend Umfang, um den Preis von 25 Euro zu rechtfertigen.

Überblick

Pro

  • stimmungsvolles Inselgebiet
  • Gruppenkonflikt zwischen den Fraktionen
  • tolle Dialoge, die zudem sehr gut vertont wurden
  • spannende Story-Missionen
  • konsistente Spielwelt
  • friedliche Konfliktlösung möglich
  • neue Ausrüstungsgegenstände und Waffen

Contra

  • unnötige und langatmige Rätselmissionen
  • zu teuer für den etwas geringen Umfang
  • Dialogsystem nach wie vor zu kryptisch
  • langweilige Standardquests

Wertung

  • PC
    8.0
    /10

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