Special - Nintendo – Genie oder Wahnsinn? : Warum der DSi LL niemanden verarschen will

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Huch! Da hat nun wirklich keiner mit gerechnet. Ohne große Vorwarnung bringt Nintendo nur wenige Monate nach dem Nintendo DSi plötzlich einen weiteren Handheld auf den Markt. Bereits in drei Wochen erscheint der DSi LL in Japan. Während Spielefans verwirrt und empört reagieren, unterstellt Kommentatorin Viola Tensil hingegen Nintendo höchstens Genialität.

In allen spielerelevanten Foren und Kommentarbereichen ist seit gestern der Teufel los: Von "Frechheit" bis "Verarschung" reichen die Vorwürfe, mit denen die User auf die Nachricht reagieren, dass Nintendo eine XL-Variante des DSi veröffentlichen will. Man wolle die Kunden melken, man hintergehe die Leute, die sich gerade den DSi gekauft haben, man verwirre die Unschlüssigen.

Doch warum die ganze Aufregung? Nun, in der Spielebranche wird es - auch weil Sony es mit der PSP nicht gerade gelungen vormacht - zurzeit als Schwäche angesehen, zu schnell hintereinander neue Modelle auf den Markt zu bringen. Das sieht schnell nach Nachbesserung aus. Und nach Geldgier.


In diesem Fall glaube ich aber, dass Nintendo eine ganz andere Intention hat. Denn der DSi LL spricht ein völlig anderes Publikum als alle bisherigen mobilen Konsolen an: ein älteres nämlich. Ein großes Display, eher ein "Knochen" in der Hand (was "Handfestes") und dezente Farben - hier ist ganz klar keiner in der Zielgruppe, der unter 20 Jahre alt ist. Der DSi hingegen ist klein, in stylisch wirkender Optik gehalten, passt in jede Hosentasche - ein Produkt für junge Leute.

Ein Gerät wie den DSi LL (der in Europa im Frühjahr als "DSi XL" erhältlich sein wird) genau jetzt auf den Markt zu bringen, ist aus der Sicht von Nintendo nur konsequent. Denn was Core-Gamer oft gar nicht mitbekommen: Nintendo bemerkt seit einiger Zeit eine steigende Gruppe von Spielern ab 45 Jahren aufwärts - gerade beim DS mit seinen Gehirnjogging-Titeln. Meine eigene Schwiegermutter ist über 60 und hat einen DS, spielt damit Puzzlespiele und die 42 Brettspielklassiker.

Gleichzeitig zwei fast identische Geräte am Markt zu haben, die aber zwei völlig unterschiedliche Zielgruppen bedienen, ist eben in der Spieleindustrie etwas noch nie Dagewesenes - und das stiftet Verwirrung. Da müssen sich passionierte Spieler erst einmal dran gewöhnen. Vielleicht hilft ein Analogbeispiel aus der Autoindustrie: Wenn Ford eine Familienkutsche produziert, schreien ja auch nicht alle Mustang-Fans empört auf.

Fragen kann man höchstens, warum Nintendo nicht beide Handheld-Modelle gleichzeitig auf den Plan gebracht hat, aber dafür kann es eine Menge plausibler und unplausibler Gründe geben. Können vielleicht nicht beide gleichzeitig produziert werden (Stichwort Fabrikauslastung)? Sind es Marketing-Gründe? Wäre vielleicht bei einem gleichzeitigen Start ein Gerät im Trubel um das andere untergegangen? Oder sind gar Budget-Gründe ausschlaggebend, denn vielleicht musste der DSi erst genug Erfolg beweisen, um den nächsten Handheld zu finanzieren (Stellt euch vor, der DSi wäre gefloppt)?

Ist es klug, ist es dumm - wahrscheinlich wird keiner von uns das zur Gänze einschätzen können. Und wenn doch, verdient er einen Platz direkt neben Saturo Iwata.

Insgesamt halte ich den DSi LL für einen brillanten Schachzug von Nintendo, die sich wieder einmal wie selbstverständlich mit einem Fingerschnippen eine neue Zielgruppe erobern. Die Japaner haben einen Trend beobachtet und zum exakt richtigen Zeitpunkt reagiert - ohne dabei mit dem familientauglichen Image zu brechen, sondern es vielmehr noch zu stärken. Nintendo ist ganz klar am Markt positioniert und denkt in die richtige Richung weiter.

Vielleicht sollten auch wir Spieler öfter über den eigenen Tellerrand hinausschauen - und erkennen, dass Spiele eben schon lange nicht mehr nur die junge Generation ansprechen.

 

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