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Test - Still Wakes the Deep : Test: Auf dem Meer hört dich niemand schreien

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Starkstrom, schweres Gerät, überall rutschiges Öl und unter einem tobt die eiskalte See - nicht umsonst gehören Ölbohrplattformen ja ganz offiziell zu den gefährlichsten Arbeitsplätzen auf der ganzen Welt. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass diese Statistik noch nicht mal Angriffe von Tiefsee-Tentakelmonstern einbezieht. Genau damit muss die Besatzung der Ölförderanlage Beira D vor der schottischen Küste in Still Wakes the Deep aber wohl oder übel klarkommen.

Still Wakes the Deep ist ein narratives First-Person-Horrorspiel, was man landläufig wahrscheinlich auch als Walking-Simulator bezeichnen würde. Während Hauptcharakter Caz sich über die angegriffene Plattform schleppt, stolpert er andauernd über grässlich entstellte Kollegen oder kommt gerade noch mit seinem Leben davon. Obwohl es spielerisch keine große Herausforderung bietet, hat Still Wakes the Deep einen ganz eigenen Charm, der einen immer wieder davon abhält, das Gamepad aus der Hand zu legen.

Die Schotten haben zu tief gegraben!

In den 1970er Jahren liegt die Förderplattform Beira D vor der schottischen Küste und pumpt fleißig das schwarze Gold aus dem Boden der Nordsee. Protagonist Caz ist Elektriker auf der Ölbohrinsel und wartet eigentlich nur darauf, dass sein Arbeitsvertrag endlich ausläuft und er nach Hause zu seiner geliebten Suze zurückkehren kann.

Doch vorher wartet noch sein schlimmster Arbeitstag überhaupt auf ihn. Als aus dem Bohrloch nämlich kein Öl mehr, sondern eine merkwürdige Flüssigkeit schießt, die Menschen zu ekligen Fleischbällen mutieren lässt, rückt die Heimat in weite Ferne. Stattdessen geht es nur noch darum, am Leben zu bleiben, die Plattform am Versinken zu hindern und möglichst schnell von dort zu verschwinden.

Abgeschnitten von der Außenwelt und extrem ekliger Body Horror? Wer jetzt an John Carpenters Kultfilm The Thing (in Deutschland als “Das Ding aus einer anderen Welt”) denkt, der liegt nicht weit daneben. Der Science-Fiction-Horror-Streifen von 1982 ist nur eine der vielen Inspirationen, an denen sich Entwickler The Chinese Room (Amnesia: A Machine for Pigs) orientiert hat.

Gerade was das Visuelle anbelangt, kommt einem auch sehr schnell Stranger Things in den Sinn, mit seinen von hinten beleuchteten, aufgespannten Membranen. Das Design und vor allem die schleimige Fortbewegung der “Monster” erinnert schwer an den Indie-Hit Carrion in 3D. Schonmal keine schlechten Vorbilder.

Stille Wasser sind (narra-)tief

Anders als bei dem Tentakel-Monster-Ausbruchs-Simulator Carrion braucht ihr allerdings keine größeren Rätsel zu erwarten oder Angst haben nicht zu wissen, wo ihr als Nächstes hin müsst. Sollte euch einmal heißer Dampf aus einem geborstenen Heizungsrohr den Weg versperren, dann befindet sich das dazugehörige Ventil für gewöhnlich nur wenige Schritte daneben, und wenn eine Tür so gar nicht aufgehen will, dann folgt ihr einfach dem dicken, auffälligen Kabel an der Wand zum entsprechenden Schalter.

Und obwohl ihr alle paar Meter über eine Karte der gesamten Bohrinsel stolpert, wäre die eigentlich gar nicht nötig. Ihr könnt euch nämlich gar nicht verlaufen. Es gibt immer nur einen Weg und für gewöhnlich ist der auch nicht sonderlich versteckt. Jede Kante, an die ihr euch hängen könnt, und praktisch alle Abzweigungen und Absprungsstellen sind auffällig knallgelb markiert. Zum Erkunden und Ausprobieren lädt das zwar nicht gerade ein, aber wir sind ja auch nicht wegen der schönen Aussicht hier, sondern versuchen, lebendig aus der Nummer herauszukommen.

Wem das aber zu viel Händchenhalten ist, den kann ich beruhigen. Die Entwickler haben bereits angekündigt, nach dem Release einen Patch zu veröffentlichen, der auf Wunsch die Anzahl an gelb markierten Kanten und Wegen reduziert. Dadurch verändert sich das Spielgeschehen zwar nicht grundlegend, aber vielleicht verlängert sich durch das Herumsuchen noch ein wenig die Spielzeit von derzeit gerade mal ungefähr sieben Stunden.

Still Wakes the Deep ist kein Jumpscare-Fest, sondern ein narratives Horror-Erlebnis. Einzig einige kurze Schleich-und-Versteck-Passagen gegen die mutierten Crewmitglieder und kurze Wegrenn- bzw. Wegschwimm-Momente fordern euch heraus. Und wenn euch selbst das noch zu sehr stresst, dann stellt ihr einfach von “Normal” auf den Story-Modus um. Spätestens jetzt müsst ihr euch schon ordentlich „anstrengen“, um überhaupt mal ins virtuelle Gras zu beißen.

Das alles kommt aber auch nicht wirklich überraschend, wenn man einen Blick auf das bisherige Portfolio von Entwickler The Chinese Room wirft. Dear Esther und Everybody’s Gone to the Rapture sind ja die Walking-Simulatoren par excellence, und Amnesia: A Machine for Pigs hat ebenfalls den Fokus auf die atmosphärische Erfahrung statt auf Schleichen und Rätsel.

Bheir an cuan a chuid fhèin a-mach

Obwohl die Story mitreißt und die “Rätsel” zumindest nicht stören, wird mir Still Wakes the Deep aber für etwas ganz anderes im Gedächtnis bleiben. Als im Intro die ersten Sätze gesprochen wurden, war ich mir nicht sicher, ob ich nicht aus Versehen die falsche Sprachausgabe ausgewählt hatte, aber tatsächlich handelte es sich um Englisch in einem richtig dicken, schottischen Dialekt.

Denkt man kurz mal darüber nach, ergibt das ja auch total Sinn. Die Beira D ist eine Ölbohrplattform unter schottischer Flagge, wird von einer schottischen Firma betrieben und liegt in der Nordsee, direkt vor der schottischen Küste. Dennoch ist der schottische Dialekt für unsereins so ungewohnt und weit von der Aussprache nach British English aus dem Schulunterricht entfernt, dass ich über die Untertitel mehr als froh war. Aber nach anfänglicher Verwirrung hatte ich mich nicht nur daran gewöhnt, sondern empfand die Charaktere auch als viel nahbarer und realer. Da wünscht man sich fast häufiger permanent fluchende, schottische Seeleute in Videospielen.

So richtig überrascht war ich aber, als ich einen Blick auf die Achievements geworfen habe. Neben den ganz gewöhnlich Textsprachen lässt sich Still Wakes the Deep auch komplett mit gälischen Texten spielen. Gälisch ist eigentlich die Gründungssprache Schottlands und wird heutzutage eigentlich kaum noch gesprochen.

Umso imposanter ist es also, wenn man mit dem Erfolg “Bheir an cuan a chuid fhèin a-mach” (zu Deutsch: “Das Meer wird sich holen, was ihm gehört“) protzen kann, für den man das komplette Spiel auf Gälisch abschließen muss. Dadurch werden nämlich nicht nur alle Texte und Anzeigen übersetzt, sondern auch alle UI-Elemente. Ob die Option “Fosgal” bei einer Tür also Öffnen, Klopfen, Lauschen, Eintreten, Beschriften oder Anzünden bedeutet, müsst ihr selber herausfinden. Zumindest, wenn ihr des Gälischen nicht zufälligerweise mächtig seid.

Still Wakes The Deep - Launch Trailer

Zum Summer Game Fest wurde auch der Launch-Trailer zum in Kürze erscheinenden Still Wakes The Deep gezeigt.

Greift zu, wenn...

euch in Videospielen sonst nicht genug geflucht wird.

Spart es euch, wenn...

Fleischberge mit einer ungesunden Anzahl an Augen euch Albträume bereiten.

Fazit

Sebastian Ruppert - Portraitvon Sebastian Ruppert
Charmantes Horror-Kleinod mit hohem Ekel-Faktor

Egal ob Raumschiff, U-Boot, arktische Forschungsstation oder eben Ölbohrinsel - kleine, abgeschlossene Areale, die erstmal keine Hoffnung auf Flucht lassen, sind einfach immer ein willkommener Hintergrund für Horror-Szenarien. Ich habe keine Ahnung, ob es auf solchen Plattformen tatsächlich so zugeht und aussieht, aber The Chinese Room weiß es mir auf jeden Fall gut zu verkaufen - egal, ob ich zu Beginn auf dem Oberdeck den Arbeitern zusehe oder später auf den schmalen Wegen unter der Plattform um mein Leben kämpfe.

Bereits in den ersten Minuten spürt man die Einsamkeit, die es mit sich bringt, monatelang von Freunden und Familie getrennt zu sein, und gleichzeitig aber auch die Anspannung der Crew. Dabei bleiben für die Streitigkeiten und Freundschaften zwischen der Besatzung ja nur ein paar Minuten, bis es zur großen Katastrophe kommt. Vor allem die Kerngruppe rund um Protagonist Caz ist mir dennoch immer mehr ans Herz gewachsen, was ihr Schicksal am Ende noch schwerer zu ertragen macht.

>>Wie im Meer, so im All: Die 10 besten Space-Horror-Spiele aller Zeiten<<

Wer den kleinen Horror für zwischendurch sucht und seine Nerven nicht gerade mit Jumpscares foltern will, dem sei Still Wakes the Deep wärmstens empfohlen. Es verbindet psychologischen und übernatürlichen Horror mit grausamen Splatter-Elementen und schafft so eine ganz eigene Form der Bedrohung. Die wird den Spieler vielleicht nicht laut nach der eigenen Mama schreien lassen, aber zumindest für ordentliche Beklemmungen und schweißnasse Hemden sorgen. Ölbohrplattformen sind eben berechtigterweise als äußerst gefährlich verschrien und keine ist gefährlicher als die Beira D.

Überblick

Pro

  • sehr nahbare Charaktere
  • visuell stellenweise äußerst beeindruckend
  • gut erzählte Geschichte
  • unverbrauchtes Setting

Contra

  • unnötig komplizierte Steuerung

Awards

  • Design
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  • Story
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