Test - Pathfinder: Kingmaker : Noch so verbuggt und doch so genial

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Wo es mehr Emanzipation von der Vorlage gebraucht hätte

Ein sehr schönes Element sind eingestreute Textpassagen, in denen ihr ähnlich wie bei Büchern der Marke „Choose Your Own Adventure“ eure Aktionen aus einer Reihe von Optionen auswählt – oftmals verbunden mit Würfeltests, etwa auf Naturkunde, wenn es darum geht, ob ihr Spuren im Wald ausfindig machen könnt. Hier entfaltet sich der Pen-&-Paper-Charme ganz besonders, weil eben vieles in eurem Kopf stattfindet.

Etwas mehr Eigenständigkeit hätte beim Ausrüstungssystem gutgetan. Zugegeben, es ist schwierig, dieses entkoppelt vom restlichen Regelwerk anzufassen, aber ein Bastardschwert +2 zu finden, ist, obwohl es eine deutliche Verbesserung darstellen kann, nicht sonderlich sexy. Der Nervenkitzel beim Looten hält sich daher in Grenzen. Hinzu kommt, dass einige Waffen- und Rüstungsgattungen schlichtweg unnötig sind, weil sie schwächer als andere sind. So ist etwa eine Halbplattenrüstung in allen Belangen schlechter als eine volle Plattenrüstung, selbst beim Gewicht und dem Bewegungsmalus. Das sind Relikte aus dem Regelwerk, weil die Halbplatte dafür billiger ist, was in der PC-Umsetzung aber irrelevant ist.

Wenig Überarbeitung benötigt hingegen das Klassensystem. 14 verschiedene Klassen mit jeweils 3 unterschiedlichen Archetypen bieten so viel Auswahl, dass Neulinge bereits bei der Charaktererstellung mehrere Stunden verbringen können. Für Tüftler ist Pathfinder: Kingmaker ein Paradies, doch die Komplexität wird mit fehlender Zugänglichkeit teuer erkauft. Trotz zahlreicher Tooltips werden Spieler, die das zugrundeliegende Regelwerk nicht kennen, bei der Charakterentwicklung ständig Unsicherheit verspüren, zumal es keine Zurücksetzungsmöglichkeit gibt. So ist etwa völlig unklar, wie einzelne Talente aufeinander aufbauen, was eine langfristige Planung kaum möglich macht, wenn ihr nicht außerhalb des Spiels die Regeln der Vorlage büffelt.

Ein Königreich für einen Hirsch

In Sachen Quests und Handlung wird viel Fantasystangenware präsentiert. Zwar hebt sich die politische Komponente, die durch die Konflikte zwischen den Baronien und Reichen entsteht, positiv ab, doch allein die Prämisse der Haupthandlung ist so hanebüchen, dass sie nur in einem Pen & Paper durchgehen kann. Weil ein Gebiet namens Raublande von einem Banditenfürsten namens Hirschkönig annektiert wurde, beauftragt der Adel eines benachbarten Landes eine Gruppe zwielichtiger Abenteurer, diesen loszuwerden. Der Preis: die Herrschaft über just jene Raublande.

Weshalb eine sechsköpfige Gruppe mehr Erfolg als ein simpler militärischer Einsatz haben soll, bleibt ebenso wenig geklärt wie die Frage, warum ausgerechnet ihr der Anführer und somit zukünftige Herrscher werden sollt. Abgesehen von eurem Kontrahenten erhebt sonst niemand Einspruch, und das obwohl der Rest der Truppe offenbar leer ausgeht. Den Umstand, dass dabei einfach mal so eine ganze Baronie verschenkt wird, hinterfragen wir an dieser Stelle schon gar nicht mehr.

Insgesamt können wir jedoch Entwarnung geben. Die Dialoge sind durchaus interessant geschrieben und den Entwicklern ist es erstaunlich gut gelungen, euren Begleitern Tiefe zu verleihen, woran die gelungene englische Sprachausgabe einen nicht geringen Anteil hat.

Macht Platz, ich bin der Landvogt

Das Beste haben wir uns für den Schluss aufgehoben. Obwohl ihr nach Besiegen des Hirschkönigs nur zum Baron und nicht gleich zum König gekürt werdet, wird die Verwaltung eures Einflussgebiets dennoch salopp Königreichmodus genannt. Hier könnt ihr eure Gefolgschaft zu Beratern ernennen, die ihr für Ereignisse und Projekte auf Reisen schicken müsst. Je nach Gesinnung lösen sie die Probleme auf ihre eigene Art. Darüber hinaus könnt ihr nach und nach weitere Gebiete annektieren und in diesen Siedlungen gründen, wo sich nach und nach Gebäude errichten lassen.

All dies trägt dazu bei, in unterschiedlichen Kategorien wie Loyalität, Wirtschaft oder Militär Punkte zu sammeln und eure Bevölkerung zufrieden zu halten. Gibt es nämlich Missstände, wird das Volk schnell unruhig und euch die Aufgabe als Herrscher erschwert. Im schlimmsten Fall droht der Zerfall eures Reiches und somit der Spielverlust.

Der Königreichmodus erreicht zwar nicht den Tiefgang eines Strategiespiels, fügt aber eine interessante Ebene hinzu, die ihr beim Bestreiten eurer Abenteuer nicht außer Acht lassen solltet, auch wenn es möglich ist, diesen Teil des Spiels zu automatisieren. Ein nettes Detail ist, dass euch eure Untertanen regelmäßig grüßen und das Machtgefälle in Dialogen gut ausgearbeitet ist. Es wird nicht so getan, als wärt ihr ein einfacher Abenteurer.

Das Reisesystem hingegen ist ein Relikt, das gerne moderner hätte ausfallen dürfen. Ständig müsst ihr rasten, wenn eure Charaktere müde sind, doch dafür braucht ihr Rationen. Die bekommt ihr beim Jagen oder ihr kauft sie. Pathfinder: Kingmaker verwendet allerdings ein Gewichtssystem, bei dem nicht nur überladene Charaktere einen Malus erhalten, sondern auch die Reisegeschwindigkeit der Gruppe verlangsamt wird, wenn sie in Summe zu viel bei sich trägt.

Die Ironie an der Geschichte: Ausgerechnet die Rationen haben unglaublich viel Gewicht. Wenn ihr euch also ausreichend für das Rasten eindecken wollt, müsst ihr umso öfter rasten, weil ihr mehr Gewicht mit euch herumschleppt. Darüber hinaus gibt es übertrieben lange Ladezeiten, die ebenso zu unnötigen Längen führen. Das macht sich vor allem beim Königreichmodus bemerkbar, denn jeder Wechsel dahin will gut überlegt sein. Unerklärliche Framerate-Einbrüche vervollständigen das Bild der technischen Schwächen.

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