Special - Kolumne: Fallout 4 : Keine falsche Nostalgie!

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Nach über 100 Stunden im Ödland von Boston kenne ich die Gegend mittlerweile wie meine Hosentasche (niemand trägt mehr Westen). Meine Red-Rocket-Station habe ich im Laufe der Zeit zu einem gemütlichen Zuhause umgewandelt, mit vielen Lampen, einem Picknickbereich, einem Gästehaus und einem Gemüsegarten. Nebenbei ziehe ich als gefürchteter Revolverheld (meine Spezialisierungen sind Pistolen und kritischer Schaden) durch die Welt. Fallout 4 ist beileibe kein perfektes Spiel, vor allem das Interface ist auch nach einer Spielzeit im dreistelligen Bereich ein unintuitives Ärgernis. Aber bei der tollen Immersion, die mir Fallout 4 bietet, kann ich über so manches Manko hinwegsehen.

Andernorts hadert man mehr mit dem postapokalyptischen Rollenspiel von Bethesda. Ein sehr lesenswerter Artikel bei den Kollegen von Kotaku beklagt sich darüber, dass Fallout zugunsten von Massentauglichkeit viele Elemente geopfert habe, die die Serie einst auszeichneten. Die Reihe sei quasi zu einem Shooter verkommen, der mit echtem Rollenspiel nichts mehr zu tun habe. Auch in den Kommentaren von Metacritic, Amazon und Steam liest man oft von enttäuschten Fallout-Veteranen.

Es stimmt: In den früheren Fallout-Teilen aus dem Hause Interplay konnte man noch richtig böse sein und das Skill-System war ein anderes. Das führte dazu, dass bei bestimmten Charakter-Builds das Abenteuer einen komplett anderen Verlauf nahm oder sehr, sehr schwer wurde. Fallout 4 hingegen lässt euch jederzeit alle Wege offen.

Dein Spiel, deine Story

Ich möchte dem zwei Dinge entgegenhalten. Zum einen würde heute kaum noch jemand ein Fallout-Spiel im Stile der Old-School-Vorväter spielen wollen und zum anderen bedeutet die Möglichkeit, im Spiel alles machen zu können, nicht, dass man es auch machen muss. In Fallout 4 gibt es kein Levelcap. Wer sich anfangs etwa aufs Schleichen spezialisiert, kann – nachdem in den dazu nötigen Perks alles ausgereizt wurde – durchaus später auf einen Rambo-Typen umschulen, der mit dem Fat Man Mininukes verteilt, als wären es Karnevalskamellen. Aber ich kann auch einfach darauf verzichten und bei meinem Spielstil bleiben.

Nur weil das Spiel nicht von mir verlangt, gleich zu Beginn eine Entscheidung zu treffen, die mich über 100 oder mehr Stunden begleiten wird, macht es das doch nicht zu einem minderwertigen Rollenspiel. Vielleicht stelle ich ja nach 10 Stunden fest, dass mir eine andere Ausrichtung mehr liegt. Soll ich dann noch mal von vorne beginnen? Klar, einige Spieler werden so lange leveln, bis sie ein „Jack of all Trades“ sind und keine Schwäche, keine Einschränkungen mehr haben. Aber in den letzten Jahren ist es in vielen Videospielen immer beliebter geworden, sich freiwillig bestimmte Regeln aufzuerlegen und die dann zu befolgen.

Über das „self imposed challenges“ genannte Phänomen habe ich vor einiger Zeit ein eigenes Video gemacht. Manch einer spielte zum Beispiel Skyrim als pazifistischer Vegetarier oder als orthodoxer Krieger, der jegliche Magie ablehnt und daher weder verzauberte Waffen führen noch Heiltränke konsumieren darf. Das funktioniert in anderer Form auch in Fallout 4. Wer mag, spielt einen Kannibalen, der von Strahlung geheilt wird und sich quasi nur noch dadurch von einem wilden Ghoul unterscheidet, dass er eine Waffe tragen kann. Oder er verkörpert einen alkoholkranken, drogenabhängigen Kleptomanen, der nur noch lootet, um seine Sucht zu stillen.

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