Test - Dispatch - Test : Besser als Marvel! Das ist das Superhelden-Spiel, von dem ihr noch nicht wisst, dass ihr es braucht
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Zweieinhalb Stunden dauern die ersten beiden soeben erschienenen Folgen des Episoden-Adventures Dispatch bis jetzt zwar nur, aber selten zuvor habe ich jede einzelne Sekunde davon in einem Spiel so sehr genossen. Dieser unfassbar geile Zeichentrick-Look! Dieses unverschämt coole Superhelden-Szenario! Dieser bewundernswert innovative Versuch, das Genre der interaktiven Filme nach Telltale-Art endlich mal spielerisch bei der Wurzel zu packen! Ich kann es kaum erwarten, bis die Geschichte nächste Woche weiter geht.
Denn Dispatch erscheint nach dem Vorbild klassischer TV-Serien im Wochenrhythmus in jeweils zwei Folgen. Diese Woche sind Episode 1 und 2 gestartet. Nächsten Mittwoch erscheinen dann Nummer 3 und 4 - und so weiter. Insgesamt werden es acht sein. In drei Wochen also wird die Staffel schon vollständig sein.
Im Gegensatz zu den Spielen von Telltale (The Walking Dead) und Don’t Nod (Life is Strange) steckt hinter dieser Veröffentlichungsweise nämlich kein produktionstechnischer Grund, der die Spieler unnötig lange zwingt darauf zu warten, bis die nächste Episode fertiggestellt ist. Vielmehr verfolgen die Entwickler von AdHoc Studio damit dramaturgische Bestrebungen: Denn nur auf diese Weise können die Cliffhanger am Ende einer jeden Episode ihre volle Wirkung entfalten, während man, wie ich jetzt, gebannt die ganze Woche der nächsten entgegenfiebert, weil man wissen möchte, wie es weitergeht.
Auch wenn es euch widerstrebt, die Katze im Sack zu kaufen bzw. ein unfertiges Spiel, solltet ihr dennoch in Erwägung ziehen, jetzt schon zuzugreifen, um euch dieser eigensinnigen Form von Nervenkitzel zu unterziehen. Selbst wenn ich nur die ersten beiden der insgesamt acht Episoden gespielt habe und daher noch kein fundiertes, abschließendes Urteil ziehen kann, lehne ich mich jetzt schon so weit aus dem Fenster, um zu behaupten: Es lohnt sich! Dispatch ist ein grandioses Erlebnis für alle Fans von narrativen Spielen.
Die Superhelden AG
Ihr schlüpft in die Rolle von Robert Robertson, dessen betont einfallsloser Name schon unmissverständlich andeutet, dass es sich bei ihm um einen eigentlich total langweiligen Normalo handelt in einer Welt, in der Superhelden und -schurken zum Alltag gehören. Dennoch ist er in seinem Stahlanzug à la Iron Man der größte Superheld von allen – und doch der einzige ohne echte Superkräfte.
Zumindest bis er von einem Superbösewicht besiegt wird und ihm keine andere Wahl bleibt, als sich aus dem Helden-“Business“ zurückzuziehen. Desillusioniert tritt er einen ganz gewöhnlichen Bürojob an – und zwar in einer Agentur für Superhelden. Hier nimmt er wie in einer Polizei-Einsatzzentrale die Notrufe von Bürgern in Bedrängnis an und entsendet die angestellten Superhelden zur Rettung („dispatch“ bedeutet „entsenden“). Doch natürlich dauert es nicht lange, bis eine Bedrohung auf der Bildfläche erscheint, die ihn sein Cape wieder vom Nagel abhängen lässt …
Wie ein richtig gut gemachter Anime
Die Art und Weise, wie Dispatch diese Geschichte schildert, fällt schlicht atemberaubend aus. Das ganze Spiel wirkt wie ein fantastisch animierter, beeindruckend aufwändig produzierter Zeichentrickfilm. Ganz offensichtlich ließen sich die Entwickler inspirieren von klassischen Anime-Meisterwerken à la Akira und den Superhelden-TV-Serien der 90er wie Batman: The Animated Series.
Und das sieht so unfassbar geil aus, dass mir buchstäblich die Spucke weg blieb und ich einen Großteil der Spielzeit mit weit aufgerissenem Mund staunend kaum glauben konnte, was sich da abspielt. Schon nach wenigen Minuten habe ich die Quicktime-Events, die es natürlich auch in so einem Spiel gibt, in den Optionen ausgeschaltet, einfach nur weil ich von nichts und niemandem davon abgelenkt werden wollte, diese fantastisch animierten Zwischensequenzen gebührend und in Ruhe in mich aufzusaugen.
Hier spricht die Polizei! Gehen sie nicht weiter! Es gibt was zu sehen
Dispatch wurde von ehemaligen Telltale-Mitarbeitern entwickelt, die ganz offensichtlich nicht zufrieden waren, wie sich die Dinge dort bis zur Insolvenz entwickelt hatten. The Walking Dead, The Wolf among Us, Tales from the Borderlands, Game of Thrones oder die beiden Batman-Staffeln, das waren alles zweifellos gute interaktive Geschichten. Doch technisch, spielerisch und auch erzählerisch traten sie zu lange auf der Stelle, was maßgeblich dazu führte, dass sich nach dem anfänglichen Hype um die wandelnden Toten irgendwann nur noch die hartgesottensten Fans für die Spiele des Entwicklerstudios interessierte.
Dispatch wird dieses Schicksal hoffentlich nicht ereilen. Es ist nichts weniger als die lange überfällige Frischzellenkur, der zur wünschen ist, viele Desinteressierte ans Genre zurückzuführen. Zwar dürften sich die genretypischen Entscheidungen nach wie vor nicht annähernd so weitschweifig aufs Geschehen auswirken, wie das etwa bei den interaktiven Horror-Filmen von Supermassive Games (Until Dawn, Dark Pictures) der Fall ist, doch sind sie im Falle von Dispatch endlich mal eingebettet in so etwas Unverschämtes wie Gameplay.
Als Dispatcher – so nennt man in den USA die Operator von Notfall-Hotlines – verwaltet ihr nämlich eure Superhelden-Truppe wie in der Wirtschaftssimulation This is the Police oder auch den vor ca. 15 Jahren mal kurzzeitig extrem populären Browserspielen Mafia Wars und seinen unzähligen Nachahmern.
Auf dem Stadtplan von Los Angeles ploppen eingehende Notfälle auf. Anfangs handelt es sich dabei noch um Bagatellen wie einen Jungen, dessen Luftballon im Baum festhängt. Aber schon bald seht ihr euch mit Raubüberfällen auf Tankstellen oder einem Einbruch ins Museum konfrontiert.
Dann geht es darum, den passenden Superhelden aus eurem Team zur jeweiligen Mission zu schicken: Gegen die Bande von Bankräubern sollte es der kräftige und robuste Muscle-Man sein. Für die aufgebrachten Demonstranten stellt die charismatische und redegewandte Teufelin die bessere Wahl dar. Und um die Verletzten eines Autounfalls ins Krankenhaus zu bringen, sollte euer Teammitglied so schnell unterwegs sein wie The Flash.
Entsendet ihr mehrere Superhelden auf eine gemeinsame Mission, erhöht sich eure Erfolgswahrscheinlichkeit. Doch da sie sich nach getaner Arbeit für eine Weile ausruhen müssen, stehen sie euch dann womöglich nicht zur Verfügung, wenn ihr sie dringend braucht. Mit absolvierten Missionen verbessern eure Helden zudem ihre Fähigkeiten und lernen neue Superkräfte hinzu. Dispatch umweht also auch ein Hauch von Rollenspiel.
The Office als Superhelden-Komödie
Im Zentrum der spielerischen Erfahrung steht aber nichtsdestotrotz die Geschichte, deren verschmitzt andersartige Superhelden-Thematik lediglich den Rahmen bildet, um Schubladen aufzumachen, in die solcherlei Szenarien üblicherweise gar nicht erst passen wollen. Zwischen den Zeilen ist Dispatch nämlich wie The Office eine süffisante Satire auf den alltäglichen Büro-Wahnsinn, in dem so unterschiedliche Sturköpfe auf engem Raum aufeinander treffen, dass sie fast zwangsweise in Konflikt geraten. Tatsächlich sind eure Teamkameraden nicht mal echte Superhelden, sondern ehemalige Schurken, die wie das Suicide Squad nur widerwillig zu ihrer neuen Berufung von euch „umgeschult“ werden.
Überhaupt bilden die zahlreichen Charaktere das eigentliche Herzstück des Spiels als liebevolle, aber frech gegen den Strich gebürstete Hommage an typische Superhelden-Klischees: der selbstverliebte Feuer-Man, der Menschen ohne Superkräfte mit arroganter Herablassung straft, aber sich dadurch regelmäßig selbst zum Opfer der Schadenfreude macht. Oder das launische Invisigirl, das bockig wie ein Teenager auftritt, sich unsichtbar machen kann und diese Fähigkeit mit Vorliebe dafür verwendet, heimlich in Situationen anwesend zu sein, in denen sie ganz und gar nichts verloren hat. Oder die menschliche Fledermaus, die nicht merkt, dass sie ihren Kollegen mit ihrem ständigen Geräuschpegel tierisch auf den Sack geht. Der Cartoon-Humor erweist sich dabei in einer Weise als treffsicher, wie es in Videospielen allenfalls Tales from the Borderlands gelang.
Die Entwickler versammelten dafür sogar ein hochkarätiges Sprecher-Ensemble, das von niemand Geringerem als Aaron Paul (Breaking Bad) in der Hauptrolle angeführt wird. Laura Bailey als Invisigal kennt man wiederum bereits als Abby in The Last of Us 2 oder Mary-Jane in Spider-Man 2, und Erin Yvette in der Rolle der verführerischen Vorgesetzten sprach auch schon das Schneewitchen in The Wolf among Us sowie zuletzt Scylla in Hades 2.
Gleichzeitig ist Dispatch aber auch die persönliche Geschichte über die Sinnsuche eines gefallenen Helden, dessen Leben eine tragische Wendung vom gefeierten Star in die Bedeutungslosigkeit genommen hat und der in seiner Gleichgültigkeit des „nichts mehr zu verlieren“ nach einem neuen Lebensinhalt sucht. Und zwischen all dem Menschelnden traut sich Dispatch auch noch, eine Liebesgeschichte zu erzählen, die sogar mal auffallend sexy sein darf, ohne dabei in überkommene Klischees zu fallen.
Am 29.10. erscheint die nächste Episode für PC, PS5 und Xbox. Ich kann’s kaum erwarten.
Greift zu, wenn...… ihr eine gewitzte Superhelden-Geschichte in fantastisch inszeniertem Zeichentrick-Look erleben wollt.
Spart es euch, wenn...… ihr um narrative Spiele nach Telltale-Art grundsätzlich einen Bogen macht.



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