Test - Control : Action-Feuerwerk zwischen Max Payne und David Lynch

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Remedy is back: Der finnische Entwickler lässt sich immer ordentlich Zeit, bevor er sein neuestes Actionwerk präsentiert. Nachdem Kulthits wie Max Payne oder Alan Wake einem streng linearen Weg folgten, gewährt euch Control mehr Freiheiten und regt zum Erkunden von Geheimnissen an.

Die Geschichte fängt bereits mysteriös an: Ihr spielt Jesse Faden und seid eigentlich nur zu Besuch im FBC, dem Federal Bureau of Control. Doch das Gebäude scheint wie ausgestorben, bis ihr auf Hausmeister Ahti stoßt. Er bezeichnet euch seltsamerweise als seine Assistentin und zeigt euch den Weg zum nächstbesten Fahrstuhl, woraufhin ihr im Büro von Direktor Trench landet. Der wiederum liegt tot am Boden: erschossen, vermutlich durch seine eigene Hand.

Weil das noch nicht verwirrend genug ist, trefft ihr anschließend auf Dr. Emily Pope, die euch gar als die neue Direktorin des FBC bezeichnet. Passend dazu hängt nun überall euer eigenes Konterfei anstatt jenem von Trench auf den Gemälden in den Gängen des FBC-Komplex. Demnach sei es ab sofort eure Aufgabe, das Gebäude vom tödlichen sogenannten „Zischen“ zu säubern und die noch lebenden Mitarbeiter aufzuspüren.

Kurz: Control fackelt nicht lange, euch mit allerlei mysteriösen Fragen zu bombardieren. Doch ohne zu viel zu verraten: Ihr werdet am Ende nicht nur Antworten erhalten. Ganz im Gegenteil schlägt Remedy mit seinem neuesten Action-Adventure einen gewagten Weg à la David Lynch ein. Der Kultregisseur ist bekannt für seine skurrilen Werke wie Mulholland Drive oder Lost Highway, deren Handlungsabläufe bewusst jeder Logik widersprechen und dadurch immer wirrer scheinen.

Seine Filme leben von ihrer unnachahmlichen Atmosphäre, die den Zuschauer unweigerlich in ihren Bann zieht. Und Remedy schafft ansatzweise einen ähnlichen Trick, allein weil die Kulisse von Control in der Tat sehr interessant gestaltet ist. Leider verliert die Geschichte gegen Ende an Wirkung: In den letzten Kapiteln passiert derart viel, dass die eigene Aufmerksamkeit die Zusammenhänge nicht mehr herstellen kann. Gleichzeitig sind die Ereignisse nicht bizarr genug, um eine ähnliche Faszination wie in den erwähnten Lynch-Filmen zu erzeugen.

Action ohne Kompromisse

Ähnliches gilt für die Kämpfe, die euch in Control erwarten. Ein Großteil der FBC-Mitarbeiter ist vom Zischen befallen, sind im gesamten Gebäude verteilt und attackieren euch beim ersten Blickkontakt. Viele von ihnen sind schwer bewaffnet, von einfachen Handfeuerwaffen, über Raketenwerfern bis hin zu übernatürlichen Fähigkeiten.

Natürlich stehen euch ebenfalls zahlreiche Werkzeuge zur Verfügung. Ihr erhaltet gleich zu Beginn eine Schusswaffe, die ihr im Laufe des Spieles mit verschiedenen Griffen ausstatten und dadurch modifizieren könnt. Je nach Griff verhält sich das gute Stück beispielsweise wie eine Pistole, ein Maschinengewehr oder eine Schrotflinte. Interessant hierbei ist die Nachlademechanik: Sobald euer Magazin leer ist, müsst ihr einfach nur mit dem Ballern pausieren und warten, bis es sich automatisch füllt – das ständige Einsammeln von Munition wie in vergleichbaren Spielen entfällt also.

Auf der anderen Seite verzichtet das Spiel auf die heutzutage übliche Regenerationsmechanik. Erleidet ihr Schaden, dann könnt ihr euch nicht einfach in eine Ecke verziehen und darauf hoffen, dass sich eure Lebensenergie automatisch wieder auflädt. Stattdessen müsst ihr Gegner abschießen und die abfallenden blauen Energiekugeln einsammeln, um euch zu heilen.

Mit zunehmenden Spielverlauf erhaltet ihr nach und nach unterscheidliche übernatürliche Fähigkeiten. Durch sie könnt ihr etwa schwere Gegenstände wie Tische, Steine und dergleichen schweben lassen und sie auf eure Gegner schleudern. Andere Kräfte lassen euch blitzartig durch die Gegend springen oder sogar die Gedanken eurer Gegner kontrollieren.

Alles zusammengenommen hinterlassen die Kämpfe einen starken und regelrecht energiegeladenen Eindruck. Ständig kracht, zischt und rummst es, was Remedy obendrein mit den passenden Grafik- und Soundeffekten unterstreicht. Das Beste ist jedoch die fabelhafte Steuerung, dank der ihr sämtliche Fähigkeiten blitzschnell abruft und auch größere Feindegruppen unter Kontrolle bringt - womit das Spiel seinem Namen vollends gerecht wird.

Doch genau wie im Falle der Story übertreiben es die finnischen Entwickler, je weiter sich das Spiel dem Ende nähert. Es ist dieselbe Krankheit, die bereits Alan Wake befallen hatte: Die finalen Kämpfe der Hauptstory haben nichts mit den clever platzierten Gegnern oder originellen Bossen davor zu tun. Stattdessen wirft euch Remedy eine größere Zischerwelle nach der anderen vor die Füße. Zumindest gibt es im Gegensatz zu Alan Wake viele unterschiedliche Standardgegner, weshalb das Ergebnis nicht ganz so zäh ist. Trotzdem waren wir während des Showdowns eher genervt statt motiviert.

Tolle Spielweltarchitektur

Die meiste Zeit haltet ihr euch in den verwinkelten Büros und Fluren des FBC auf, unternehmt jedoch darüber hinaus den einen oder anderen Abstecher in die übernatürliche Astralebene oder das Oceanview Motel, das eine Art Traumzwischenwelt darstellt.

Die verschachtelten Stockwerke des Gebäudes sorgen für eine angenehme Mischung aus linearer Hauptstory und nicht-linearen Nebenmissionen sowie Geheimnissen, die ihr entdecken könnt. Hier hebt sich Control deutlich von allen anderen Remedy-Spielen ab und driftet leicht in Richtung Metroidvania-Prinzip. Es lohnt sich jedenfalls, alte Bereiche mit neuen Fähigkeiten oder Schlüsselkarten abermals zu erforschen. Zudem bietet das Spiel auch nach dem Ende der Geschichte ein paar sehr interessante Zusatzaufträge. Eine jederzeit zuschaltbare Karte hilft ungemein, in dem Labyrinth aus Gängen und Stockwerken den Überblick zu behalten. Dennoch kam es regelmäßig vor, dass wir die Orientierung verloren und erst nach einigem kopflosen Umherirren am richtigen Zielort ankamen.

Besonders positiv sticht der Abwechslungsreichtum heraus: Obwohl ihr alle Naselang große sterile Hallen und Räume mit unzähligen von Schreibtischen durchstreift und sich der eine oder andere Bereich immer mal wiederholt, wirkt jedes Gebiet einmalig. Deshalb werdet ihr euch im Laufe des Spieles erstaunlich gut zurecht zurechtfinden und euch rasch an bereits besuchte Orte erinnern.

Ein echter Hingucker

Dafür lassen sowohl die Grafik als auch der Sound nichts anbrennen und gehören, zumindest auf PC, zum Besten, was die heutige Spielelandschaft zu bieten hat. Wer gar eine moderne GeForce-RTX-Grafikkarte sein Eigen nennt, der wird von feschen Raytracing-Effekten verwöhnt. Dadurch spiegelt sich beispielsweise die Umgebung viel plastischer auf den blank gewienerten Gängen, als es je zuvor in einem anderen Spiel mit Echtzeit-3D-Grafik zu sehen war. Konsolenspieler müssen hierbei selbstverständlich Abstriche machen. Auf PS4 und Xbox One macht die Grafik zwar immer noch einen ordentlichen Eindruck, wirkt aber bisweilen etwas steril und kann nicht ganz in die aktuelle Spitzenklasse aufschließen.

Control - gamescom 2019 Launch Trailer
Anlässlich der nahenden Veröffentlichung zeigt Remedy hier den Launch-Trailer zu Control.

Vor allem aber die Effekte während der Kämpfe sorgen für einen optisch hervorragenden Gesamteindruck. Der Ton wiederum lebt von stimmigen Effekten und einer dezenten, stets passenden Musikbegleitung. Poets of the Fall steuerten ein paar gute Songs bei, so wie wir es seit Max Payne 2 von Remedy gewöhnt sind.

Lediglich die deutsche Synchronisation fällt etwas ab. Zwar gehen die Sprecher insgesamt in Ordnung, ziehen aber gegenüber der englischen Version klar den Kürzeren: Zum einen sitzt nicht jede Betonung passgenau, zum anderen sind die deutschen Stimmen bisweilen alles andere als lippensynchron. Letztlich handelt es sich hierbei aber um eine Kleinigkeit, die jedoch gerade aufgrund der vielen Stärken des Spiels unangenehm auffällt.

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