Test - Anthem : Test-Tagebuch, Teil 1: Licht und Schatten

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Die Demo habe ich noch gut im Kopf. Nicht, weil sie erst kürzlich lief, sondern weil sich der Shared-World-Shooter von Bioware technisch und inhaltlich unausgegoren zeigte. Lange Ladezeiten, Spielabstürze und viele Unklarheiten um den eigentlichen Spielverlauf trieben mir Sorgenfalten auf die Stirn. Nach dem ersten Wochenende im Javelin-Kampfanzug kamen einige neue hinzu ...

Besitzer eines Premier-Abos bei EA Origin können bereits seit dem 15. Februar die Vollversion von Anthem auf dem PC spielen. Meine Eindrücke aus dem Testlauf waren noch sehr frisch. Andeutungen des Potenzials gab es durchaus, doch wirklich packen konnte mich Biowares Pendant zu Destiny und Co. bisher nicht. Vor allem die Ladezeiten und plötzlichen Abstürze aufgrund von Serverproblemen nervten ziemlich. Aber okay, es war eine Demo und die ist schließlich dafür da, solche Probleme zu erkennen und für den endgültigen Release abzustellen. Darauf hoffte ich genau wie viele andere Early-Access-Spieler. Hat es etwas geholfen?

Die erste Mission dient als Tutorial und ist bereits aus der Demo bekannt. Als frischgebackener Freelancer mache ich mich mit den Grundlagen meines Javelin-Kampfanzugs vertraut. Die wichtigsten Funktionen sind schnell verstanden, funktioniert doch fast alles wie im Gros der Third-Person-Shooter. Den Unterschied machen die Waffensysteme und die Fähigkeit aus, jederzeit fliegen zu können. Komplex gestaltet sich das aber nicht, vielmehr setzt Anthem auf eingängige Kontrollen ohne irgendwelchen Ballast.

Nach der Einführung im Rückblick geht es in die Gegenwart. Zentraler Anlaufpunkt in Anthem ist Fort Tarsis, eine große Stadt inmitten der Wildnis des Planeten Bastion. Der sollte eigentlich paradiesisch werden, doch seine Erschaffer ließen ihn unvollendet zurück. Seitdem wuchert das Leben unkontrolliert vor sich hin – statt eines Garten Eden gibt es zahlreiche Bedrohungen außerhalb der Mauern des Forts. Als Freelancer ist es meine Aufgabe, die Stadt und ihre Einwohner zu beschützen. Entsprechend schnell geht es wieder rein in den Javelin und raus in die feindselige Natur.

Story, wo bist du?

Anthems Kampagne läuft anders als die der Konkurrenten ab. Destiny und The Division nutzen die Story primär, um mir die wichtigsten Spielelemente vorzustellen und mich damit Stück für Stück auf das Endgame vorzubereiten. Bei Anthem hingegen habe ich auch nach einigen Stunden Spielzeit keinen Ahnung, in welche Richtung es geht. Haupt- und Nebenaufgaben scheinen willkürlich aufzutauchen und sind nur durch unterschiedliche Einträge im Questlog voneinander zu unterscheiden.

Auch das Annehmen der Missionen läuft identisch ab: Ich laufe durch Fort Tarsis und rede mit verschiedenen Leuten, die mir jedes Mal ein Ohr abkauen. Weil ich nicht weiß, ob ihre Infos wichtig oder egal sind, höre ich mir alles an – nur um danach festzustellen, dass es belangloser Smalltalk war. Mit Zwischensequenzen geht Anthem bisher ebenfalls sparsam um: Meist sehe ich meinem Gegenüber ins Gesicht, während er teils unpassend mit den Armen fuchtelt oder sich plötzlich wegdreht. Weil die deutschen Sprecher ihre Arbeit professionell erledigen, fällt das Gezappel umso negativer auf.

Abseits der Questgeber findet sich im Fort aber auch ein Laden für kosmetische Items, der neue Kostüme und Farben zur Personalisierung meines Anzug anbietet. Während diese auch gegen Echtgeld zu kaufenden Extras keinerlei spielerischen Nutzen mit sich bringen, nimmt die Schmiede schon eine deutlich größere Rolle ein. Hier statte ich meinen Anzug nämlich mit Schuss- und Spezialwaffen sowie anderen Upgrades aus.

Dabei kommen erstmals die RPG-Elemente zum Tragen: Sturm- und Scharfschützengewehre, Pistolen sowie Schrotflinten verursachen normalen Schaden, Spezialangriffe hingegen bringen unterschiedliche Effekte ins Spiel: Mein erster Javelin, der Allrounder Ranger, kann eine Granate und eine Abschussvorrichtung nutzen. Während der Sprengsatz Feinde einfriert, in Brand setzt oder einfach mit einer Explosion erledigt, wähle ich bei der Vorrichtung zwischen zielsuchendem Geschoss, giftigen Pfeilen oder einem konzentrierten Laserstrahl. Doch vor dem Nutzen kommt das Finden, womit wir beim Loot-System wären.

Überraschungsangriff

Hier holte sich Bioware starke Inspiration von Bungies Destiny. Im Spiel ballert ihr reihenweise Gegner über den Haufen, darunter tierische wie menschliche Gegner. Letztere gehören zur Fraktion des Dominion, das seine ganz eigenen dunklen Pläne mit dem Planeten und seinen schöpferischen Kräften verfolgt. Letzten Endes ist jedoch egal, wer oder was mir vor die Flinte kommt – geschossen wird einfach immer. Dabei gilt: Je größer und stärker der Gegner, umso besser ist meine Chance auf hochwertigen Loot. Zusätzlich ist das System an die drei Schwierigkeitsgrade gekoppelt, zwischen denen ihr vor jedem Ausflug nach Bastion wählen könnt.

Die Action ist das Herzstück und die Stärke von Anthem. Im Gegensatz zu den Konsolenversionen (diese erreichen uns im Laufe der Woche) läuft der Shared-World-Shooter auf dem PC konstant mit 60 Bildern pro Sekunde. Das verschafft dieser Version ein dickes Plus an Dynamik und ein spürbar besseres Gunplay. Schießen, ausweichen, wegfliegen, schweben, Rakete abfeuern – alles geht sehr flott und geschmeidig vonstatten. Dazu sieht die Spielwelt teilweise phantastisch aus: Gleißendes Licht, satte Kontraste sowie organisch wirkende Flüsse, Felsen, Wiesen und Höhlen machen wirklich etwas her.

Anthem - Tips & Tricks: Basics of Javelin Combat Trailer
In einem Video erklären EA und BioWare hier die Grundlagen des Javelin-Kampfes in Anthem.

Doch schon im nächsten Moment leidet der gute Eindruck. Mehrmals erlebe ich, dass um mich herum Landschaftsstrukturen, Gebäude und Gegner aus dem Nichts ins Bild kommen. Regelmäßig fehlen Texturen oder werden nur langsam geladen, sodass die eigentlich schöne Welt leider erst vor mir entsteht. Auch innerhalb von Fort Tarsis poppen ständig, NPCs, Wände und mehr plötzlich auf.

Spiel lädt - bitte warten

Leider haben es die üppigen Ladezeiten und abrupten Verbindungsabbrüche aus der Demo ins Spiel geschafft. Beim Start einer Mission und Betreten einiger Bereiche, bei der Rückkehr ins Fort und auch beim Besuch der Schmiede muss ich warten – und zwar lange! In der Regel dauert es über eine Minute, bis ich wieder spielen darf. Selbst die Installation auf einer SSD-Festplatte änderte daran nichts.

Häufig ging es gar nicht weiter, sodass ich das Spiel neu starten musste. Dazu kommen mehrfache Abstürze mitten in einer Mission oder beim Aufenthalt in Fort Tarsis. Zwar speichert Anthem aufgrund der ständigen Onlineanbindung regelmäßig, dennoch sind diese heftigen Verbindungsprobleme der größte Spielspaßkiller und aktuell ein Armutszeugnis für Bioware und Electronic Arts.

Läuft alles reibunglos, macht Anthem auch allein viel Laune. Die unkomplizierte Action und die saubere Steuerung lassen mich schon bald richtig unter den Feinden aufräumen. Doch erst im Team zeigt sich die wahre Stärke des RPG-Shooter-Hybriden. Dafür sind insbesondere die vier verschiedenen Javelin-Klassen mit ihrer jeweiligen Ausrichtung verantwortlich.

Der Ranger bietet eine solide Mischung aus Angriff und Verteidigung. Der Colossus fungiert als Tank, der richtig austeilen kann. Als Storm schwebe ich über dem Schlachtfeld und setze Elementarangriffe wie Eis und Feuer ein. Dagegen ist der Interceptor ein schneller und fähiger Kämpfer auf kurze Distanz. Bisher konnten wir nur Ranger und Colossus spielen, da die Freischaltung eines neuen Javelins an bestimmte Level gebunden ist.

Im nächsten Eintrag beschäftigen wir uns unter anderem mit den verschiedenen Javelins, nehmen das Crafting-System unter die Lupe und schauen uns die offene Spielwelt genauer an.

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