Test - WarioWare Gold : Verrückt, schäbig, absolut genial!

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Rubbeln, schütteln und blasen: Auch in WarioWare Gold geht es wieder darum, nach allen Regeln der Kunst Finger in Nasen zu versenken, alte Männer unter den Armen zu kitzeln und schnell noch in die letzte freie Toilettenkabine zu stürmen. Im Sekundentakt blättert die Mikrospielsammlung durch ein Album des Wahnsinns.

Wario kennen die meisten als Widersacher Marios, der gelegentlich mit seinen eigenen Jump-’n’-Runs versorgt wird. Doch der stinkende, geldgierige Fiesling brilliert seit vielen Jahren vor allem dann, wenn er am wenigsten mit Mario zu tun hat: Die WarioWare-Reihe, die es inzwischen seit 15 Jahren gibt, ist keine Minispielsammlung, nein, die Titel haben den Begriff der Mikrospiele geprägt. Ihr habt wenige Sekunden Zeit, die Aufgabe zu erfassen und zu bewältigen. Thematisch wird selbst das zusammengeworfen, was sich sonst wie zwei gleich gepolte Magneten abstoßen würde.

Dabei sind die meisten Aufgaben denkbar simpel: Mal müsst ihr im richtigen Moment den A-Knopf drücken, um mit dem Finger in der Nase zu bohren, ein andermal wild auf die Tasten hauen, um einer hübschen Dame dabei zu helfen, ihre Rotzglocke hochzuziehen. WarioWare vermischt bewusst Stile, mixt Alltagssituationen mit Humor und paart Ästhetik mit Albernheit. Auch WarioWare Gold ist wieder ein perfektes Ventil für Nintendo, sich selbst und seine bekanntesten Marken auf den Arm zu nehmen. Immer im Mittelpunkt: natürlich Wario!

Drück mich, berühr mich, hauch mir ins Mikro!

In WarioWare Gold gibt es erneut eine rudimentäre Story, die sich allerdings in einer halben Stunde durchspielen lässt. Die Knoblauchnase veranstaltet ein großes Mikrospielturnier, während der Störenfried seine eigene Medizin zu schlucken bekommt.

Sowohl die Story als auch die übrigen Modi teilen sich in die Knöpfe-Liga, die Touch-Liga und die Gyro-Liga auf, die in der Ultra-Liga zusammengeführt werden. Sprich: Hier werden die Minispiele nach ihrer Steuerungsart getrennt. Spiele, die das Mikrofon nutzen, kommen erst später hinzu. Die Story kann gewohnt in die Tonne gekloppt werden, aber trotzdem führt sie eine schockierende Neuheit ein: Vollständige. Deutsche. Vertonung. Ein Spiel von Nintendo, in dem die Charaktere komplett synchronisiert werden, das hat Seltenheitswert.

Es hat schon etwas Befremdliches, Wario unsere Landessprache sprechen zu hören. Und dann auch noch mit einer anderen Stimme als der von Charles Martinet. Abgedroschene Einzeiler, die den Zuhörer erschaudern lassen, von Sprechern, die höchstens mal für die übelsten Tele-5-Filme gebucht werden. Aber, hey, was könnte besser zu WarioWare passen? Ein Mangel an Schäbigkeit wäre gegenüber dem Rest des Spiels nur inkonsequent. Vom bemühten Bayerisch bis zur Alienstimme ist alles dabei. Damit hat Nintendo den bewusst erstklassig zweitklassigen Stil des Spiels perfektioniert. Wario wäre stolz!

Ob im Rahmen der Story oder in den anderen Modi: Ihr spielt eine zufällige Auswahl aus 300 Mikrospielen, wovon die meisten aus älteren Teilen bekannt sind. Trotzdem oder gerade deshalb ist WarioWare Gold so umfangreich wie kein anderer Serienvertreter. WarioWare: Touched! für den Nintendo DS konnte damals beispielsweise nur 180 Mikrospiele vorweisen. Gold verdoppelt die Zahl der Aufgaben also fast. Auch wenn das zunächst nach viel klingt werden, werden Kenner lediglich ab und an etwas Neues erkennen. In einem der Spiele etwa muss ein Joy-Con schnell in die Switch geschoben werden. Letztlich bleibt doch der Beigeschmack, das meiste schon zu kennen. In der Nase gebohrt oder Katzenpfoten angestupst haben wir eben schon vor 14 Jahren.

Extras über Extras

Neben der Story gibt es wieder altbekannte Modi, in denen ihr nach bestimmten Regeln so viele Mikrospiele wie möglich absolvieren müsst. Mal in enormer Geschwindigkeit, mal mit nur einem Leben, mal werden die Aufgaben abwechselnd auf dem oberen und dem unteren Bildschirm dargestellt. Das ist so unglaublich motivierend wie eh und je.

Besonders spannend sind aber jene Modi, in denen Nintendo experimentierfreudig ist. „Lautloser Gamer“ versetzt uns in eine bekannte Situation. Wir wollen nachts im Bett noch zocken, obwohl wir schlafen sollten. Auf dem oberen Bildschirm wird das Zimmer angezeigt, unten findet das eigentliche Spielgeschehen hab. Der Clou: Während ihr das hektische Spielgeschehen unten meistert, müsst ihr auch den zweiten Bildschirm im Auge behalten, da eure notorische Mutter immer wieder prüft, ob ihr schlaft. Schnell die Schultertasten gedrückt und ihr tut so, als würdet ihr ruhen. Seid ihr übervorsichtig, schlaft ihr tatsächlich ein. In einem anderen Modus setzt Wario alles daran, euch zu stören. Er dreht den Bildschirm um, verdeckt ihn oder kehrt die Farben um.

Währenddessen werden fleißig Münzen gesammelt, mit denen sich ein gewohnt üppiger Fundus an Extras freischalten lässt. Mini(!)spiele, Einblicke in Nintendos allererste Erfindungen, Musikstücke, Videosequenzen, Wecker, die sich erst abschalten, wenn ihr drei Mikrospiele schafft – für Langzeitmotivation ist auf jeden Fall gesorgt. Unter all diesen Spielereien fehlen uns allerdings ein paar Bezüge auf die selbst für WarioWare experimentelleren Teile. Immerhin handelt es sich um eine Art Best-of. Die eine oder andere Spielerei mit der Kamera oder eigene Spielkreationen hätten Gold sicher nicht geschadet.

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