Test - Uncharted: The Lost Legacy : Schlusskapitel für das Flaggschiff einer Generation

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Ursprünglich sollte The Lost Legacy nur ein DLC werden, ein Nachtisch für alle, die nach dem endgültigen Ende des Fünf-Sterne-Drake-Menüs noch Nachschlag wollen. Doch weil ein Uncharted nunmal keine kleinen Brötchen backt, wurde daraus letztlich ein vollwertiges Standalone-Spiel mit neuer Story, neuem Schauplatz und neuen … Heldinnen.

Rise of the Tomb Raiders

Wieder einmal muss ein antiker Gegenstand in majestätischen Tempeln und modrigen Höhlen voller Fallen und furioser Apparaturen gefunden werden, stets im Wettlauf mit einem Bösewicht und seiner übermächtigen Armee. Diesmal ist es der Stoßzahn von Ganesha, ein mystisches Artefakt in der Sagenwelt Indiens, das mit seiner prunkvollen Architektur, exotischen Orten und romantischen Wildheit des Dschungels als neuer Schauplatz dient.

Wie in den vorigen Uncharted-Spielen ist die Geschichte jedoch weniger tragend als vielmehr Auslöser für großes Abenteuer und zugleich Bühne für die Dynamik zwischen den Charakteren. Da Nathan Drake nach dem Ende seiner Reise in Uncharted 4: A Thief's End nicht mehr als Held zur Verfügung stand, ging Naughty Dog in der Konzeptionsphase lange Zeit in sich, um zu überlegen, wer am geeignetsten sei, um die übergroßen Fußstapfen auszufüllen. Der Schritt, den man schließlich dort hinein machte, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich scheinen: Im Mittelpunkt steht dieses Mal ein reines Frauen-Duo wider Willen.

Spielbar ist hingegen die ganze Zeit über nur eine von beiden: Die Diebin Chloe Frazer aus Uncharted 2: Among Thieves, eine „lukrative Archäologin“, wie auf ihrer Visitenkarte zu lesen sein könnte. Gebildet, gewitzt, voller Forscherdrang, aber weniger an Ruhm und Ehre, sondern ausschließlich an den finanziellen Begleiterscheinungen ihrer Abenteuer interessiert. Ihr zur Seite: Nadine Ross, die Söldnerin aus Teil 4, die dort noch als Widersacherin auftrat. Dass sie für dieses Mal die Seiten wechselt, ist ebenfalls ihren rein monetären Beweggründen geschuldet, den Krieg für denjenigen zu führen, der das meiste Geld dafür locker macht.

Uncharted: The Lost Legacy bezieht einen nicht geringen Teil seiner Faszination aus der Reibungsfläche dieses moralisch gespaltenen Gespanns, das sich zwar auf die Suche nach antiken Schätzen begibt, dabei zuvorderst aber das eigene Herz wiederfindet, das am rechten Fleck vorübergehend abhanden gekommen war

Wenngleich dies Bewältigen der eigenen bisweilen unrühmlichen Vergangenheit und das vorsichtige Annähern zweier nur widerwillig in einer Zweckgemeinschaft verbundener Leidensgenossen von Naughty Dog einmal mehr in ihrer unnachahmlichen Weise als Nährboden für eine Abenteuergeschichte dient, die letztlich vor allem eine persönliche Reise ist, kann der verbale Schlagabtausch zwischen den beiden jedoch nicht ganz mit der Lässigkeit eines Nathan Drake mithalten, seiner Berg-und-Tal-Männerfreundschaft zu Sully und den irrwitzigen Situationen, in die er durch sie am laufenden Band gerät.

WTF-Momente am laufenden Band

Apropos „am laufenden Band“: Was Uncharted: The Lost Legacy mit seinen Vorgängern eint, ist der ständige Zustand des Staunens, in den es seine Spieler versetzt. Vor allem im Mittelteil des Spiels fällt es schwer, die runtergeklappte Kinnlade auch nur für einen Moment wieder an ihren Platz zurückzuschieben. Zu schön und fast schon übertrieben protzig zeigt Naughty Dog hier, was grafisch heutzutage möglich ist.

Da funkeln versunkene Städte aus Gold in all ihrer verschwenderischen Pracht, majestätische Elefantenstatuen thronen mitten im Tosen eines Wasserfalls, dass der Koloss von Rhodos vor Neid erblassen würde, und immer wieder hält man inne, um einfach mal für ein paar Minuten den Blick schweifen zu lassen über die atemberaubende Weite und Schönheit der Landschaft. Dazwischen liefert Naughty Dog nicht weniger als eine Werkschau dessen, was Gesichtsanimationen heute zu leisten imstande sind, wie der gekonnte Einsatz von Licht und Schatten eine einfache Szene zu einem Erlebnis machen kann und auf welch beeindruckende Weise ein geschultes Händchen für Inszenierung eine Achterbahnfahrt andauernder Atemlosigkeit anzustoßen weiß.

Das erste Open-World-Uncharted?

Herzstück des Spiels ist zweifelsohne der vierte der insgesamt neun Level, den Sony als den mit Abstand größten der gesamten Serie bewirbt. Hier geht Uncharted in der Tat erstmals in eine Richtung, die man mit „Open World“ überschreiben könnte: in der Größe und Machart vergleichbar mit dem Madagaskar-Level aus Teil 4, den man mit dem Jeep bereiste, nur diesmal deutlich offener und freier in der Erkundung.

Sogar Nebenaufgaben gibt es: lauter kleine Rätsel, die in der Welt verstreut sind und sich unbedingt lohnen, nicht nur, weil sie äußerst hübsch gestaltet sind, sondern auch, weil am Ende dieser „Questreihe“ ein wertvoller Gegenstand als Belohnung winkt, mit dem sich Sammelobjekte lokalisieren lassen. Sobald sich eines in der Nähe befindet, erschallt ein Signalton. Was zunächst nach einem ziemlich belanglosen Zugeständnis an faule Collectible-Junkies klingen mag, entwickelte selbst bei jemandem wie mir, der sonst auf derlei Sammelobjekte pfeift, seine Sogwirkung, weil es das Sammeln von einer sinnlosen Beschäftigungstherapie zu einem Anlass aufwertet, die Umgebung und ihre Geheimnisse zu erkunden. Ich gestehe: Ich habe sie alle gefunden und hatte viel Spaß dabei, weil sie teilweise schlau versteckt sind und die Suche danach an Orte führt, die man sonst vermutlich übersehen hätte.

Zudem verlängert es die Spielzeit, die bei mir, inklusive aller Nebenaufgaben und Collectibles, gute neun Stunden betrug. Wer sich lediglich auf die Geschichte konzentriert, dürfte es in etwa sieben schaffen können. Die vom Entwickler angegeben zwölf Stunden sind wohl etwas optimistisch für jene gerechnet, die das Drumherum bis ins kleinste Details auskosten.

Wer jetzt schon den Finger zur Beschwerde heben will, dem sei in Erinnerung gerufen, dass er bei Naughty Dog stets ordentlich was für sein Geld geboten bekommt. Grafisch wie inhaltlich ist The Lost Legacy wieder ein Brett geworden, das im Umfang nicht an die Vorgänger heranreichen mag, aber weitaus praller als jedes DLC-Paket gefüllt ist. Der Preis mit 40 Euro irgendwo in der Mitte zwischen Vollpreis und durchschnittlichem Season-Pass geht daher voll in Ordnung.

Noch einmal mit Gefühl

The Lost Legacy ist nach dem Ende der Drake-Saga nochmal ein Uncharted durch und durch mit allem, was die Serie zum Flaggschiff einer ganzen Generation und darüber hinaus gemacht hat. Die Mischung aus brachial inszenierter Action und besinnlich persönlichen Momenten, die beinahe schon an einen Walking-Simulator erinnern, aus Klettern, Schleichen und Rätseln, hat Naughty Dog nach wie vor unnachahmlich drauf. Stichwort Rätseln: Die waren stellenweise erstaunlich originell und ebenso erstaunlich knackig, und neben dem Open-World-Abschnitt für mich die größte Überraschung des Spiels.

Denn so sehr Naughty Dog hier nochmal alle Register zieht, prachtvolle Tempel des Todes aus dem Boden stampft und wieder einstürzen lässt, während man selbst noch darin ist, so bekannt kommt einem das meiste zugleich vor. Die Savanne mit ihren Flüssen, Wasserfällen und Felsen, die Katakomben mit ihren Schaltern und Zahnrädern, die Klippen mit ihren Klettergriffen und Schluchten, in die man aus vorgeskripteter Bestimmung ein paar Meter stürzt, bevor man sich mit der Fingerkuppe halten kann, die Verfolgungsjagden mal gegen einen Panzer, mal gegen Motorräder, der Bösewicht, der immer dann auftaucht, wenn man sich gerade am Ziel wähnte: Uncharted: The Lost Legacy ist wie das Greatest-Hits-Album der Lieblingsband, die sich kürzlich aufgelöst hat und zum Abschluss mit ihrer Best-of-Sammlung nochmal all die schönen Erinnerungen in kondensierter Form wachruft. Selbst eine Hommage an die legendäre Giraffenszene aus The Last of Us ist enthalten.

The Lost Legacy ist ein sicherlich nicht zwingend notwendiges und dennoch gelungenes Schlusskapitel für ein bahnbrechendes Buch, das sich hiermit endgültig schließt. Sein Einband ist schon sichtlich etwas abgewetzt, die Blätter sind mit der Zeit vergilbt. Mach's gut, es war schön mit dir. Doch nun wird es höchste Zeit für neue Abenteuer.

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