29.09.2011 - Tim Hopmann
„Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook“ ist das Buch laut Untertitel. Keine leichte Aufgabe: die Entwicklungen eines sich rasant verändernden Business über 30 Jahre hinweg zu erzählen und dabei stets einen subjektiven Unterton zu behalten. Doch Stöcker gelingt dies. Auch wenn er ab und an wild in der Zeitgeschichte herumspringt und sich manche Aussagen doppeln. Diese kleinen Unkonzentriertheiten sind aber schon die größte Schwäche des Buches.
Stöcker beginnt dort, wo das digitale Zeitalter für die meisten seiner Altersgruppe der heute zwischen 30- und 40-Jährigen begonnen hat: beim Commodore C64. Eine von Stöckers zentralen Thesen lautet, dass es diese Generation ist, die den Werdegang des Internets am Nachhaltigsten geprägt hat, da sie von Anfang an gelernt hat, sich in einer technologischen Welt zu bewegen. Stöcker erzählt von seinen Kindheitstagen, den wundersamen Begegnungen mit dem damals noch fremden Wesen namens Computer und wie einfach es war, Spiele zu hacken und massenhaft weiterzuverbreiten.
Von dort aus geht es mit hohem Tempo weiter. Über die erste Hacker-Kultur und ihre Bedeutung für die weitere Entwicklung des Netzes, die Gründung des World Wide Web, die Ära Napster ... bis hin zu den modernen Grabenkämpfen zwischen Netzbefürwortern und -kritikern. Auch Themen wie die Debatte um die Vorratsdatenspeicherung und die Angst vor „Datenkraken“ werden angeschnitten. Stöcker positioniert sich dabei als klarer Internet-Befürworter, ist aber nicht so naiv, automatisch alle Entwicklungen gutzuheißen. Vor allem der Hunger von Unternehmen wie Facebook und Apple nach immer mehr Macht und Kontrolle über ihre User ist ihm ein Dorn im Auge.
Videospiele kommen in „Nerd Attack“ nur am Rande vor. So wird zum Beispiel auf die Bedeutung von Doom eingegangen, das sich damals online rasend schnell verbreitete und sämtliche Campus-Server zum Erliegen brachte. Auch Spiele aus der C64-Ära werden kurz besprochen, allerdings nur so, wie man es jemandem erklären würde, der mit der Materie wenig bis gar nichts am Hut hat. Jedoch stellt sich Stöcker auch in der „Killerspiel-Debatte“ auf die Seite der Spieler und entkräftet die altbekannten Gerüchte, US-Soldaten würden mit Ego-Shootern zu Tötungsmaschinen erzogen oder bei GTA gehe es darum, möglichst viele Frauen zu vergewaltigen. Erschreckend, dass es offenbar immer noch Menschen gibt, die das für bare Münze nehmen.
Auch wenn ich die Generation C64 knapp verpasst habe, konnte ich mich in vielem, was Stöcker über seiner Jungendzeit schreibt, wiederfinden. Und auch für die weiteren Schilderungen über Internet-Tauschbörsen und das Aufkommen der Remix-Kultur ist es nicht von Nachteil, damals live dabei gewesen zu sein. Aber auch allen anderen dient das Buch als kompakter Streifzug durch die digitale Geschichte – und das aus einer erfrischenden deutschen Perspektive. Manches mag zu knapp abgehandelt werden, vielleicht hat sich Stöcker hier und da übernommen, als er versuchte, alles auf 300 Seiten zu quetschen. Und an manchen Stellen hat ihn die Realität auch bereits überholt - siehe das triumphale Wahlergebnis der Piratenpartei in Berlin, der Stöcker im Buch keine große Zukunft einräumt.
Aber dafür gibt es genug Verweise auf weiterführende Literatur, die sich ausführlicher mit einem bestimmten Aspekt auseinandersetzt. Wer sich für Internet-Kultur interessiert und auch mal ein Buch zur Hand nimmt, das sich nicht primär mit Videospielen befasst, legt sein Geld hier gut an. „Nerd Attack“ ist für etwa 15 Euro im Handel erhältlich.

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Kommentare zu Tims Buchecke – Teil IV - Kolumne
auch für mich als vertreter der generation c64 bzw atari klingt das recht interessant. am wochehende mal schauen ob es zu haben ist, oder ich es bestellen muss.
Sehr schöne Besprechung. Da ich die 64er Ära noch voll mitbekommen habe, klingt das wirklich nach einem superben Lesetipp, vor allem, weil mich diese Frühphase interessiert,8,1