Special - Gewaltkommentar : Wieso es ohne Gewalt nicht geht

  • Multi
Von Kommentieren

Phrasenschweine

„Früher war alles besser.“ Ein Satz, der auch mit Gewalt zu tun hat!

Wieso das? Neuere psychologische Studien drücken es so aus: Weil die Zukunft ungewiss ist und wir mit unserer Jugend (Nachkriegsgeneration!) meistens ein Gefühl der Unbeschwertheit verbinden, glorifizieren wir die Vergangenheit.

Vielleicht wehrt sich meine Generation Eltern deswegen so sehr gegen zu viel Gewalt in den Medien und vielleicht werden Amokläufer deswegen auch immer bis ins kleinste Detail durchanalysiert und vielleicht wird die Mehrheit der normalen Menschen für mediale Vorlieben deshalb stigmatisiert. Einige meinen, dass es heute mehr Gewalt gebe als früher. Ich behaupte, dass sich lediglich unsere Wahrnehmung verändert hat.

In den vergangenen 100 Jahren sind so viele furchtbare Dinge passiert, dass schlicht und einfach gar kein Bedarf für ein Übermaß an medialer Gewaltdarstellung da war. Die Menschen wollten so etwas gar nicht sehen, zu frisch waren die Erinnerungen an das Dritte Reich, Vietnam und den Prager Frühling. Wieso sonst waren Heimatfilme wohl lange Zeit so beliebt? Darüber hinaus hatten damals auch viel weniger Menschen Kameras, die das Ganze hätten aufzeichnen können. Es gibt, so traurig das klingt, kaum zitierfähige Beweise für den Akt der Vernichtung im Dritten Reich. Es existieren nur eine Handvoll Fotos, die bei Ausgrabungen in den KZs gefunden wurden. Allesamt Bilder, die von Steven Spielberg und anderen tatsächlich zitiert worden sind.

An dieser Stelle eine Anmerkung: Ich beobachte in letzter Zeit, und das ist ein rein subjektiver Eindruck, dass einige Kinder ganz falsche Vorstellungen vom Holocaust haben. Manche Eltern verharmlosen ihn und beschweren sich, wenn das Thema so behandelt wird, dass die Kinder und jungen Erwachsenen mit einer Gänsehaut heimkommen. Hier ist die Schule dann plötzlich zu gewalttätig. Dass die Kleinen aber gewaltverherrlichende Medien konsumieren, die vollkommen unreflektiert bleiben, steht gar nicht zur Debatte. Schließlich entscheiden Eltern oft selbst, was gut für ihre Kinder ist und was nicht.

Einige stellen den Holocaust sogar offen infrage und nehmen generell eine extrem israelfeindliche Haltung ein. Manchmal zitieren Eltern und Kinder TV-Nachrichtensendungen, in denen von der Ungerechtigkeit im Gaza-Streifen gesprochen wird. Manche Zitate könnten auch Phrasen von extremen Salafisten sein, die leider in unserer Region recht aktiv sind. Ja, das ist ungerecht! Aber der Holocaust hat existiert und nur weil niemand da ist, der die Gewalt aufzeichnet, heißt das nicht, dass sie nicht existiert! Damals gab es leider kaum Kameras geschweige denn Smartphones oder Haufenweise Journalisten und Blogger.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass es uns heute extrem viel besser geht als damals. Wir sind über jeden Mist informiert, können das gesammelte Wissen der Welt jederzeit nachschlagen. Oder um einen Kollegen zu zitieren: „Philosophie ist etwas für Menschen, die mit einem Glas Champagner auf ihrem Chesterfield-Sofa sitzen und keine Sorgen mehr haben.“

Wir führen hier also eine Diskussion auf einem sehr hohem Niveau. Auch wenn es leider noch nicht für den Champagner reicht.

Unsere heutige westeuropäische Lebenswelt darf als relativ sicher angesehen werden. Wir können zu jeder Tageszeit auf die Straße und auch mal unreflektierte Aussagen treffen, ohne dass wir lebensbedrohliche Sanktionen zu befürchten haben. Gewalt kennen die meisten (zum Glück) doch nur aus den Medien, also weder aus erster noch aus zweiter Hand! Vielleicht sind die Filme gerade deswegen heute brutaler. Action-Filme sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Gerne komme ich hier noch mal auf James Bond zurück. Gegen wen oder was hat er damals und heute gekämpft und mit welchen Mitteln? Es wurde immer das thematisiert, vor dem die Menschen aktuell Angst hatten, und früher waren die Bond-Teile wesentlich weniger gewalthaltig. Und wenn wir uns die Entwicklung der Bond-Girls anschauen, finden wir sogar einen Kommentar zur Emanzipation. Vom Bond-Girl zur Wissenschaftlerin ...

Könnte dichinteressieren

Kommentarezum Artikel