Special - Moms Against Gaming – Kommentar : Videospiele sind uncool?

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Vielleicht lehne ich mich mit den folgenden Behauptungen etwas weit aus dem Fenster, aber wir müssen der schmerzhaften Wahrheit endlich mal ins Auge blicken: Die Videospiele, die wir doch so sehr lieben, machen uns dumm. Und sie machen uns nicht nur dumm, sondern die Männer unter uns sogar impotent. Wer nicht sofort den Controller aus der Hand legt, der kann sich auch schon mal auf eine Zukunft hinter schwedischen Gardinen vorbereiten. Aber lasst den Kopf nicht hängen, noch könnt ihr diesem grausamen Schicksal entrinnen.

Ich habe im Internet von einer Vereinigung erfahren, die mir gezeigt hat, wie gefährlich Videospiele gerade für heranwachsende junge Männer sind. Hinter dem Twitter-Account von Moms Against Gaming steht eine große Gruppe von Müttern und Vätern aus den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada. In enger Zusammenarbeit mit Universitäten wie Stanford oder Harvard sind die Moms Against Gaming auf einem Aufklärungsfeldzug. „Videospiele sind die Todesursache Nummer 1!“, prangt es da über den Tabellen und Statistiken und es wird auch klar aufgezeigt, dass ein großer Zusammenhang zwischen brutalen Videospielen und Gewaltverbrechen besteht.

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Und warum sollte man ihnen auch nicht glauben? Immerhin sind es Mütter - und Mütter lügen ja bekanntlich nicht. Ich folge den Moms Against Gaming bereits seit mehreren Wochen auf Twitter und meine ersten Reaktionen auf ihre Tweets waren nachvollziehbarerweise Wut, Enttäuschung und sogar Angst. Die Angst davor, dass andere Menschen sich von dieser Vereinigung blenden lassen und ihr blind glauben. Immerhin reden wir hier hauptsächlich von Nordamerikanern und mehr möchte ich dazu auch gar nicht sagen, denn nachher heißt es noch, ich würde Vorurteile gegenüber unseren Nachbarn aus Übersee haben.

Zum Glück hat sich mittlerweile herausgestellt, dass der Twitter-Account @MomsAgainstGam ein reiner Troll-Account ist - ihr könnt euch meine Erleichterung gar nicht vorstellen. Es stecken also keine besorgten Eltern hinter dem Account und es gab auch nie eine Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern. Aber was genau bringt es den Erfindern des Hashtags #BanViolentVideoGames, gegen unser liebstes Hobby zu hetzen? Machen sie es des puren Spaßes wegen oder aus der Lust daran, andere Menschen wütend zu machen? Nein, es ist vielmehr genau das Offensichtliche, was aber trotzdem keiner von uns wahrnimmt. Denn so sehr wir uns als Spieler auch bemühen, unseren Freunden, Verwandten und Kollegen zu vermitteln, wie lehrreich, entwicklungsfördernd oder Menschen zusammenbringend Spiele auch sein können, so scheitern wir doch schlussendlich an uns selbst.

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Die Reaktionen sprechen für sich

So schockierend die Tweets der Moms Against Gaming auch sein mögen, der wahre Skandal sind unsere Reaktionen darauf, die Reaktionen von uns Spielern. Und genau deshalb ist das Ganze überhaupt so interessant. Während ich beschloss, die Beleidigungen und Vorwürfe gegen mein liebstes Hobby unkommentiert zu lassen und das bittere Gefühl beim Lesen dieser lieber hinunterzuschlucken, gehen jeden Tag mehrere mittelstarke bis große Shitstorms in Richtung Moms Against Gaming. Manch Nutzer der Microblogging-Plattform Twitter wünscht den Verfassern der Tweets mitunter Krebs und Aids an den Hals oder würde jene am liebsten gleich selbst umbringen.

Das ist leider ganz und gar nicht lustig und erschwert uns eher den Kampf dafür, dass Videospiele(r) in der Gesellschaft akzeptiert und positiv wahrgenommen werden. Würde ich zum Beispiel einen Twitter-Account betreiben, der behauptet, dass die Bilder von Picasso unsere Kinder verderben, dann würde ich als letzte Reaktion erwarten, dass ein begeisterter Picasso-Liebhaber mich mit einem Pinsel massakrieren möchte. Ich glaube sogar, dass es absolut keinen Menschen auf der Welt interessieren würde. Aber ausgerechnet das Thema Videospiele wirkt in der Gesellschaft immer noch so polarisierend und bringt solche Emotionen zustande.

Aus Alt mach Neu

„Das Internet vergisst nichts!“, heißt es ja immer so schön, aber anscheinend hat es vergessen, dass es eine ähnliche Gruppierung vor mehr als zehn Jahren schon einmal geschafft hat, die Spieler an der Nase herumzuführen. Die Mothers Against Videogame Addiction and Violence, kurz MAVAV, waren das Abschlussprojekt des Design-Studenten David Yoo, mit dem er es schaffte, von 2002 bis 2006 die Spielergemeinde aufs Korn zu nehmen. Wie bei den Moms Against Gaming veröffentlichte er gefälschte Grafiken und hohle Behauptungen und erhielt darauf die gleichen Reaktionen wie die Moms heute.

Die Hauptaussage beider Accounts ist die gleiche. Videospiele machen süchtig und führen zu gewalttätigem Verhalten. Auch wenn wir jetzt darüber lachen können, weil wir wissen, dass ja alles ein Scherz ist, bleibt das bittere Wissen darüber, wie wir auf diese Scherze reagiert haben. Und zwar mit einem stereotypischen Verhalten aus Gewaltandrohung, Aggressivität und Ignoranz. So hat die Spielergemeinde genau dem Ruf entsprochen, den sie seit Jahren versucht loszuwerden.

Das Gegenteil ist der Fall

Auch wenn ich es schade finde, dass wir Spieler bei unserem Hobby nicht immer in der Lage sind Humor zu beweisen, freue ich mich sehr über die Entwicklung der letzten Jahre und die Akzeptanz, die wir mittlerweile in der Gesellschaft erreicht haben. Es ist natürlich nicht immer alles gut und Videospiele sind für manchen leider wirklich zur Sucht geworden, aber man darf auch nicht vergessen, dass Spiele maßgeblich zu unserer Entwicklung beitragen und sie in manchen Fällen sogar unterstützen können. Vom Fangenspielen auf dem Schulhof über Brettspiele mit der Familie bis hin zum gemeinsamen FIFA-Match mit Freunden - wir wissen mittlerweile, dass wir ganz schön verspielt sind, und das ist auch gut so.

Noch haben wir einen langen Weg vor uns, von allen Medien ernst genommen zu werden. Aber ich finde, dass wir auf einem guten Weg sind. Und wenn ihr das nächste Mal etwas im Internet lest, was euch fürchterlich aufregt, dann wartet einfach etwas ab, bevor ihr einen hasserfüllten Kommentar abschickt. Vielleicht ist das Ganze nämlich wieder nur ein Scherz. Schließlich ist das Leben doch einfach zu schön, um sich immer nur aufzuregen.