Special - Danke, lieber Spiegel - Kommentar : Videospiele im Fokus

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Danke, lieber Spiegel.

Das Leben als Videospiele-Spieler ist ambivalent. Auf der einen Seite erfreut man sich an jeder technischen Errungenschaft, lobt und preist jeden, der positiv das eigene Weltbild vertritt, und wirft mit Steinen nach Kritikern. Auf der anderen Seite ist man in seinem eigenen Mikrokosmos sehr zufrieden, man hat einen Überblick über die eigene "Szene". Fremdeinwirkung sowie Artikel oder Reportagen großer Magazine könnten aber verhasste "Neulinge" und "Anfänger" an den Gruppenrand spülen. Es ist ein wenig wie bei angesagten Bands: Man kannte sie früher natürlich schon und "jetzt sind sie bereits Mainstream und nicht mehr so true".

Sonstiges aus der Welt der Spiele Bild 1Euer aktuelles Titelthema ist "Spielen macht klug". Der Spiegel, eines der wichtigsten Printmagazine Deutschlands, spricht über Videospiele. Und das mit anscheinend positivem Kontext. Kann das sein? Auf dem Cover befinden sich Angry Birds und Candy Crush – zwei Titel, die bei Spielern eher ein bemitleidenswertes "Das-spielt-meine-Mutter"-Lächeln als große Freude hervorrufen. Die Schriftart ist von GTA entliehen – sei es für die Auflage oder weil ihr den Font tatsächlich schön findet. Doch auch da gibt es negative Stimmen: "GTA-Schriftart, weil sie direkt mit Gewaltspielen assoziiert wird!", tönt es im Netz. Selbst eine Unterzeile wie "Warum Computerspiele besser sind als ihr Ruf" zieht euer Titelthema nicht aus dem Social-Media-Gaming-Schmutz.

Eines der großen Probleme der Spielermentalität: Oftmals werden Sachen verteufelt, bevor überhaupt ein Auge darauf geworfen wird. Klar, der geschlagene Hund versucht, Leid zu vermeiden – zu Unrecht wurden Spiele und Spieler oftmals zum Staatsfeind Nummer eins deklariert. Aber bei jeder möglichen Kritik zu bellen oder zu beißen ist eben auch nicht förderlich.

Jeder Spieler geht mit unterschiedlichen Vorstellungen seines Wunschartikels an den Text. "Erwähnen sie The Last of Us und dessen Bedeutung für narrative Empathie in Videospielen?" oder "Wie häufig wird erwähnt, dass man in Grand Theft Auto V virtuelle Menschen über den Haufen fahren kann, ohne auf dessen sozialkritischen und stellenweise US-feindlichen Unterton aufmerksam zu machen?". Gemessen an der potenziellen Zielgruppe eures Magazins habt ihr sehr gute Aufklärungsarbeit geleistet. Meine Szene muss verstehen, dass der Artikel nicht für sie geschrieben wurde, sondern für ihre Eltern, für Großeltern – als Diskussionsgrundlage.

Gut gefallen mir auch die offenen Fragen, die sich ein Großteil der Spieler selbst oft stellt – selbst wenn im Artikel keine Antwort gesucht wird. Inwieweit wird ein gewaltbereiter Mensch durch gewaltverherrlichende Spiele zum Mörder? Verleiten Spiele junge Menschen dazu, gewaltbereit zu werden? Das Henne-Ei-Prinzip: Was war zuerst da? Dazu der E-Sport-Aspekt mit abgeschaltetem Blut bei Team-Spielen oder der Aspekt der sozialen Anerkennung von Spielen. Wieso kann ein Junge jeden Tag auf dem Bolzplatz Fußball spielen, aber nach vier Stunden teambasiertem Videospiel am Tag redet man von einer Sucht? Wenn euer Artikel und seine Fragestellungen nur eine Person dazu bringen, die eigenen Vorurteile gegenüber Videospielen zu hinterfragen, dann habt ihr eure Arveit bereits sehr gut gemacht.

In Deutschland haben Videospiele generell einen schwereren Stand: Ähnlich wie Comics gelten sie hier als "Kinderkram", ihnen wird jede gesellschaftsfähige Substanz von vornherein abgesprochen. Für mich als Comic- und Videospiel-Fan ein großes Problem. Auch das thematisiert ihr gut. Selbstverständlich kommen auch ungeliebte Themen zur Sprache: Free 2 Play beispielsweise. Hier hätte ich mir durchaus einen kritischeren Blick hinter den Vorhang der "Bei-uns-ist-alles-kostenlos"-Good-Guy-Firmen gewünscht.

Der wichtigste Satz des Textes fällt bereits in der Mitte: "Computerspiele sind Teil unserer Kultur, nicht besser oder schlechter als Filme und Bücher." Ich rede des Öfteren mit Schülern beziehungsweise an Schulen über Medienkompetenz und Videospiele. Mit diesem Satz habt ihr eine der wichtigsten Kernaussagen meiner Vorträge und Diskussionsrunden genannt: Müll gibt es in jeder Kunst- und Kulturform. Wichtig ist der Filter, der Kompass. Ähnliches schrieb ich in meinem Kommentar "Liebe Eltern, kauft kein Call of Duty" vor einigen Wochen.

Also, lieber Spiegel: Vielen Dank für die Titelseite und den Versuch, Videospiele aus dem Schmuddeleckchen zu holen. Der Artikel ist ein guter Anfang.

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