Special - Sexismus in Spielen : Lasst den Pubertätskram!

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Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Der Grund dafür ist Scarlet Blade, ein Online-Rollenspiel, in dem die Protagonistinnen entweder wenig oder gar keine Kleidung tragen und größere Brüste als Köpfe haben. Geht es eigentlich noch billiger?

Natürlich ist dieses Zur-Schau-Stellen der Frauen nicht neu. Tecmo befriedigt mit der Beat-'em-up-Serie Dead or Alive schon seit Jahren mehr oder weniger erfolgreich die Urinstinkte des Mannes. Zumindest scheint dies das vorgegebene Ziel des Entwicklers zu sein. Immerhin gibt es mittlerweile unzählige Teile auf allen möglichen Konsolen. Trauriger Höhepunkt der eigentlich spaßigen Keilerei ist das Po-Gepöbel im Ableger Dead or Alive Xtreme 2. Oder wer denkt bei diesen Prügelspielen ernsthaft als Erstes an: "Ah ja, DoA! Das ist ja das mit dem zackigen Kampfsystem!"? Eben. Ganz zu schweigen von Custer's Revenge für das Atari 2600, wo der Spieler als Cowboy unter Pfeilregen eine Indianerin begattet.

Kommen wir zurück zu Scarlet Blade. Nach dem ersten schlechten Eindruck wollte ich wissen, ob das Spiel vielleicht mehr zu bieten hat als nackte Haut. Soll ja vorkommen. Also schnell die offizielle deutsche Web-Präsenz angesteuert. Begrüßt werde ich von zwei Damen in anzüglichen Posen. Ich frage mich, ob das, was da zu sehen ist, tatsächlich noch unter "Ausschnitt" fällt und klicke mich zu den sogenannten Features durch. Da werden nicht die "gnadenlosen PVP-Schlachten", die "mechanische Metzelei" oder die "atemberaubende Welt" als Erstes genannt, sondern die "feurigen Femmes fatales". Randnotiz: Mehr Alliterationen, bitte!

Ein Klick zeigt dir (fast) alles ...

Gut, die Handlung kann man sich getrost schenken, ich klicke weiter zu den Klassen. Sex, äh, sechs an der Zahl. Allesamt weiblich, allesamt den feuchten Träumen eines Teenagers entsprungen. Die Profile der einzelnen Frauen verraten wichtige Informationen wie Spezialisierungen, Basisklon-DNA (?) und Körbchengröße. Moment, KÖRBCHENGRÖSSE? Wieso, zum Geier, sollte es mich interessieren, wie voluminös die Brüste der einzelnen Protagonistinnen sind? Was bringt mir das? Nehmen die Verteidigungswerte etwa proportional zum Brustumfang zu? Die unten angezeigten Bilderstrecken locken mit dem Satz: "Ein Klick zeigt dir (fast) alles ..." Ich merke, wie mein linkes Augenlid anfängt nervös zu zucken.

Ernsthaft, Leute. Das ist einfach zu viel für mich. Und kommt mir nicht mit "Stock im Hintern" oder "prüder Einstellung". Das ist einfach nur billig und eklig. Ich habe darauf keine Lust. Davon bekomme ich Kopfschmerzen. Von dem Gedanken, dass jemand tatsächlich auf so eine Masche anspringt, wird mir schlecht. Wir Spieler sind doch besser als so was. Sind wir doch, oder? Wir erfreuen uns doch alle an hochwertigen Spielerfahrungen. Wir sind es doch, die wollen, dass Spiele als Kunst und Kulturgut gesehen werden. So wird das allerdings nichts.

Endlich erwachsen werden

Es spricht ja nichts gegen die weiblichen Reize, aber bitte in Maßen und vernünftig. Ich will keine Sidekicks, die ausschließlich deswegen eine Rolle im Spiel haben, weil sie die erotischen Fantasien des Spielers anregen. Überzeugende, starke Heldinnen müssen her. Quantic Dreams geht mit Beyond: Two Souls den richtigen Weg. Ellen Page wird sicherlich tolle Arbeit leisten. Lara Croft macht im aktuellen Tomb-Raider-Reboot ebenfalls eine gute Figur, nicht nur optisch. Aber was passiert in der Conan-O'Brien-Show, als der gleichnamige Talkshow-Moderator den "clueless gamer" mimt und ihr aktuelles Abenteuer beurteilt? In der Szene im Intro, als Lara nach einem dramatischen Sprung vom Schiff fällt, merkt Conan an, dass Kollege Roth sie absichtlich nicht gefangen hat, um in ihr Dekolletee zu schauen. Alle lachen. Wahnsinnig witzig.

Es herrscht also doch ein Problem auf beiden Seiten. Die einen sprechen in ihren Spielen die Höhlenmenschinstinkte des Spielers an und die anderen finden es geil. So geil, dass sie sogar mit Drohungen um sich werfen, wenn eine Frau sich dem Phänomen der weiblichen Charaktere in Spielen widmet. Das ist doch Wahnsinn. Anita Sarkeesian ist eigentlich nur eine Medienkritikerin, die auf Kickstarter ein Projekt initiierte, um die Rollenverteilung in Spielen zu beleuchten. Doch statt Lob bekam sie massiven Gegenwind von Zockern, die um ihr liebstes Hobby fürchteten. Anitas Mail-Konten wurden gehackt, sie wurde aufs übelste beleidigt und zur Zielscheibe eines brutalen Flash-Spiels. Da frage ich mich schon, mit was für Primaten ich meinen Lieblingszeitvertreib teilen muss.

Der vor Kurzem erschienene erste Teil der Feminist-Frequency-Reihe Tropes vs. Women sei euch wärmstens ans Herz gelegt. In der ersten Episode bespricht Anita sachlich die typische Rolle der hilflosen gekidnappten Dame. Ein Handlungskniff, der seit jeher Verwendung in virtuellen Abenteuern aller Art findet - von Super Mario Bros. bis Double Dragon. Im Endeffekt profitieren wir doch alle davon, wenn Spiele aus ihrem pubertären Teenager-Status herauswachsen. Uns geht dadurch nichts verloren, wir werden es nicht vermissen. Im Gegenteil: Außenstehende belächeln uns dadurch irgendwann nicht mehr, sondern nehmen uns ernst. Ich habe meine Lehren schon vor einiger Zeit gezogen: Spiele, die so dermaßen platt, ungeschickt und dumm versuchen, meine Gunst durch pixelige Fleischbeschau zu gewinnen, kommen mir nicht mehr ins Laufwerk.