Test

Sniper: Ghost Warrior 2

Schlauch-Sniper

  • X360

Der Vorgänger fiel vor allem durch missratene Action-Einlagen und eine dämliche KI auf. Für Sniper: Ghost Warrior 2 gelobte Entwickler City Interactive Besserung. Ob die Entwickler Wort halten, klärt unser Test.

Langsam weicht der Geiselnehmer zurück. Sein Opfer hat er fest im Griff, eine Waffe auf dessen Kopf gerichtet. Plötzlich durchschneidet ein Schuss die Luft. Der Geiselnehmer sackt in sich zusammen. Mission geglückt. Als Elitescharfschütze Cole Anderson seid ihr der richtige Mann für Missionen, in denen nicht die grobe Kelle, sondern Präzisionsarbeit gefragt ist. Naturgemäß geht ihr deshalb mit Geduld und Umsicht vor. Aufklärung ist ein wesentlicher Bestandteil des Scharfschützenalltags. Die übernimmt in der Regel ein Team-Mitglied, der Spotter. Meistens übertreibt es euer virtueller Babysitter allerdings mit seiner Fürsorge. „Vorrücken, warten, linken Gegner ausschalten, in der Nase popeln, warten, rechten Gegner ausschalten.“ Sonderlich viel Entscheidungsfreiheit lässt euch Sniper: Ghost Warrior 2 nicht. Und das, obwohl euch mit Fernglas sowie Nacht- und Wärmesicht durchaus einige Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Diese setzt man jedoch nur selten ein.

Das schlaucht

In der Regel schickt euch das Spiel durch schlauchartige, mit Skripts geradezu verseuchte Level zu Punkt A, lässt euch dort sämtliche Gegner ausschalten und treibt euch nach demselben Schema zu Punkt B und C. Dort erledigt ihr dann in aller Ruhe eure Ziele. Mitunter steht ihr aber wie in der geschilderten Befreiungsszene unter Zeitdruck. Das liegt auch an den nicht immer nachvollziehbaren Sichtlinien eurer Feinde. Manches Mal, wenn ihr euch in stockfinsterer Nacht durch das dichte Blätterwerk schleicht und euch sicher fühlt, werdet ihr eines Besseren belehrt. Um solche Situationen zu verringern, hält das Spiel ein paar Hilfen parat. Auf dem Radar seht ihr die Anzahl der Gegner sowie ihre Blickrichtung. Schaut ein Feind in eure Richtung und droht euch zu entdecken, weist euch eine Anzeige darauf hin.

Solltet ihr dennoch unvorsichtig gewesen und entdeckt worden sein, kann zweierlei passieren. Erstens: Der Feind stürmt wie von der Tarantel gestochen los und bläst euch das Lebenslicht aus, bevor ihr auch nur daran denken könnt, eure Sekundärwaffe, eine Pistole, zu ziehen. Oder zweitens: Die Gegner verstecken sich. „Was für eine clevere künstliche Intelligenz“, denken wir noch im ersten Moment. „Geht die doch tatsächlich in Deckung, um den großen Gegenangriff zu planen!“ Doch der kommt nicht. Stattdessen scheinen die Kameraden unter Identitätsproblemen zu leiden. In bester Moorhuhn-Manier strecken sie in regelmäßigen Abständen die Köpfe raus und bieten ideale Zielschreiben. Da sagt der Sniper: „Danke.“

Sniper: Ghost Warrior 2 - Short Launch Trailer

Kinderspiel

Neben der mauen KI verringern auf dem leichten sowie dem mittleren Schwierigkeitsgrad die diversen Hilfen den Anspruch an eure Fähigkeiten. Insbesondere eine rote Zielhilfe macht das Snipern zum Kinderspiel. Selbst eigentlich schwierige Schüsse über Hunderte Meter Entfernung sind kein Problem. Als wäre das nicht schon einfach genug, gibt es zusätzlich einen Zeitlupenmodus, der das Geschehen verlangsamt. Der ist zwar auch im höchsten Schwierigkeitsgrad vorhanden, allerdings sind hier die meisten Hilfen abgeschaltet. Wind, Puls, Position und Entfernung haben dementsprechend Einfluss. Wer irgendwann schon einmal einen Shooter gespielt oder jemand anderem dabei über die Schulter gesehen hat, darf gleich im höchsten Schwierigkeitsgrad beginnen.

Absoluten Realismus sollte man aber auch hier nicht erwarten. Beispielsweise erledigten wir in einer Situation zwei Gegner auf einen Streich, obwohl es aus unserer Position unmöglich war, den zweiten Feind tödlich zu treffen. Vielleicht ist er aber auch angesichts des Todes seines Kameraden ohnmächtig zu Boden gegangen. Kills werden übrigens martialisch mit einer Bullet-Cam in Szene gesetzt. Das verstärkt zusätzlich das Machtgefühl, das einen beim Snipern beschleicht. Sicher, das sorgt für einigen Spielspaß. Auf Dauer fehlt es Sniper: Ghost Warrior 2 jedoch an spielerischer Abwechslung. Die misslungenen Action-Einlagen des Vorgängers wurden gestrichen. Lediglich eine Nahkampfattacke oder Schüsse auf explosive Tanks lockern den Sniper-Alltag etwas auf. Da der Realismus ohnehin nicht großgeschrieben wird, hätten einige spielerische Auflockerungen wie in Sniper Elite V2 gutgetan.

Dünnes Ding

Sniper: Ghost Warrior 2 schickt euch als Cole Anderson durch eine dünne Handlung, die euch nach Asien und Südosteuropa führt. Dort sollt ihr einen bösen Waffenhändler ausschalten, der ... gähn ... eine Biowaffe an Terroristen verkaufen will. Rund fünf bis sieben Stunden dauert es, bis die Schurken ihre gerechte Strafe erhalten. Wer danach den Drang verspürt, seine Schießkünste im Mehrspieler unter Beweis zu stellen, dürfte enttäuscht sein. Gerade einmal zwei Karten und ein Modus, Team-Deathmatch, stehen zur Auswahl. Der versprüht in etwa so viel Vitalität wie Omas Kaffeekränzchen, ist dafür aber der feuchte Traum eines jeden Campers. Eine Partie darf man sich so vorstellen, dass minutenlang nichts passiert, bis jemand doch einmal zuckt und sich drei Sniper wie gierige Piranhas auf das Opfer stürzen.

Technisch kommt Sniper: Ghost Warrior 2 ordentlich daher. Die Steuerung funktioniert tadellos. Optisch gefallen vor allem die urlaubshaften Panoramen und schicken Lichteffekte. Insbesondere auf Entfernung merkt man, dass hier die CryEngine 3 werkelt. Zweifel kommen jedoch aus der Nähe auf. Texturenmatsch und lächerliche Animationen gehören zu den traurigen Begleitungsumständen von Cole Andersons Beruf.

Fazit

Schlauchartige Moorhuhnjagd mit dämlicher KI

Ich geb’s zu: Ich bin ein Camper. Zumindest in Solospielen greife ich immer gerne auf Schießprügel zurück, mit denen ich aus sicherer Entfernung meine Gegner ausschalten kann. Ein Sniper Elite V2 etwa hat mir richtig Spaß gemacht. Dementsprechend bin ich mit einer gewissen Vorfreude an den Test zu Sniper: Ghost Warrior 2 gegangen. Die wich jedoch bald der Ernüchterung. Das Spiel nimmt mich an die virtuelle Hand, schickt mich durch schlauchartige Level und lässt mich dank der übermächtigen Zielhilfen menschliche Moorhühner wegballern. Im höchsten Schwierigkeitsgrad steigt der Anspruch zwar, doch auch hier erweist sich die dämliche KI als kontraproduktiv. Nur Hobby-Sniper, die sich im Tarnzeug schlafen legen, sollten einmal Probe spielen.

Überblick

Pro

  • Sniper-Alltag
  • Machtgefühl
  • ordentliche Steuerung

Contra

  • wenig Abwechslung
  • dumme KI
  • zu viele Hilfen
  • Schlauchlevel
  • zu wenig Realismus

Wertung

  • X360
    4.0
    /10
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