Test - Sniper Elite 4 : Geduld ist eine Tugend

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Von Magnethelmen und schlecht gewählten Rücksetzpunkten

Oft genügt die Anwesenheit einer Überzahl wachsamer Soldaten für einen Schreckmoment samt tickenden Zahnrädern im Oberstübchen. Wie, zur Hölle, komme ich da jetzt unbemerkt vorbei? Äh, unbemerkt ist eine Vokabel, die in den allermeisten Fällen zu optimistisch verwendet wird. Ihr kommt so gut wie nirgends unbemerkt vorbei, es sei denn, ihr schafft es, Soldaten in eure Nähe zu locken und sie mit dem Messer zu töten. Selbst die Verwendung von schalldämmender Fantasiemunition birgt die Gefahr einer herumliegenden Leiche mit anschließendem Alarm, wenn sie entdeckt wird.

Erschwerend kommt hinzu, dass die automatischen Speicher- und Rücksetzpunkte manchmal so ungeschickt gewählt sind, dass man geneigt ist, einen Neustart des Levels vorzuziehen. Etwa wenn Nahkämpfe mit dem Maschinengewehr unausweichlich werden, weil der Rücksetzpunkt zehn Meter vor der wartenden Meute gelegt wurde. Wer mitten im Gefecht mit dem Maschinengewehr zum Nachladen gezwungen wird, kann im Grunde gleich seine eigenen Sargnägel in den Lauf schieben, weil es viel zu lange dauert – völlig egal, welches Modell einer MP man gerade in der Hand hält.

Angesichts der Schussgenauigkeit (auch bei Nacht!) und der Widerspenstigkeit der Gegner ist jede Exposition vor einer Gruppe unbedingt zu vermeiden. Die Jungs schießen so gut, dass man meint, man hätte einen Magnethelm aufgesetzt. Zum Glück bleibt die Option manuell angelegter Speicherpunkte, auf die ihr in sicheren Ruhepausen unbedingt zurückgreifen solltet, denn manche Missionen nehmen gut und gerne drei Stunden in Anspruch, sofern ihr alle Nebenaufgaben lösen und alle Collectibles einsammeln wollt. Ein Neustart wirkt da wie mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Multiplayer: Willkommen in der Schießbude

Trotz aller Kritikpunkte sei versichert, dass die Einzelspielerkampagne von Sniper Elite 4 sehr viel Spaß bereitet und ungemein spannend ausfällt. Angesichts der schier unendlichen Möglichkeiten, an eine Situation heranzugehen, ist man stets gewillt, eine neue Taktik zu versuchen oder schlicht mal von der anderen Seite der Landkarte anzurücken. Ein Erfahrungspunktesystem samt einfachem Skilltree und ein breites Arsenal an auffindbaren Waffen hält auf Dauer bei Laune.

Hier muss ein Panzer gesprengt werden, da sollte der Funker das Zeitliche segnen, bevor er Verstärkung ruft, und an anderer Stelle bringt ihr eine Brücke mit einer geschickt platzierten Sprengladung zum Einsturz. Die Herausforderung, möglichst unentdeckt zu bleiben, zehrt zwar an den Nerven und kitzelt den Geduldsfaden, würzt das Spielgeschehen aber deutlich schärfer als das übliche wilde Geballer eines dahergelaufenen Weltkriegs-Shooters.

Im Mehrspieler-Koop-Modus bleibt davon allerdings wenig übrig. Geht ihr eine Mission gemeinsam mit einem Freund an, werden alle Aufgabenstellungen durch die Bevorzugung der Spieler viel zu leicht. Vorbei ist es dann mit der Deckung, dem Schleichen und Legen von Fallen. Auf sie mit Gebrüll und ohne Rücksicht auf Verluste, denn die künstliche Intelligenz der Gegner ist bei zwei Scharfschützen völlig überfordert. Einfache Rückendeckung und abwechselndes Vorrücken verwandeln eine Zwei-Stunden-Mission in ein Bleifest von rund dreißig Minuten. Hat zwar auch einen gewissen Spaßfaktor, schrammt aber klar am Konzept von Sniper Elite 4 vorbei.

Der Versusmodus ergibt erheblich mehr Sinn, wenn man zu mehreren antreten möchte. Hier soll man im Team Funktürme im King-of-the-Hill-Stil besetzen, was bei entsprechender Spielerzahl ungemein spannend ausfällt, denn hüpfende und im Zickzack rennende menschliche Spieler sind auch für die besten Scharfschützen ziemlich sicher zu treffende Ziele.

Abschließend sollte auf keinen Fall unerwähnt bleiben, dass die Darstellung gelungener Treffer ziemlich derbe ist und ähnlich wie im jüngsten Mortal Kombat mit einer Art Röntgenaufnahme quittiert wird, in der Knochen und Organe platzen. Das Spiel ist also nichts für zimperliche Naturen.

Greift zu, wenn...

… ihr Geduld und Selbstbeherrschung in spannenden Sniper-Szenarien ausspielen wollt.

Spart es euch, wenn...

… ihr lieber nach Herzenslust durch die Gegend ballert und häufige Neustarts eure Nerven strapazieren.

Fazit

Denis  Brown - Portraitvon Denis Brown
Halt die Luft an, Adlerauge!

Rebellion hat bei Sniper Elite 4 einiges dazugelernt. Die Spielstufen sind offener, Lösungsmöglichkeiten vielfältiger und Gegner schlauer als zuvor. Ohne vorbestimmten Lösungsweg bleibt die Motivation hoch, eine Mission mehrmals anzugehen. Prima! Mir gefällt zudem die Umgebung sehr, da das virtuelle Italien erheblich mehr grafische Vielfalt parat hält als das eher triste Afrika aus Teil 3. Einige Umgebungen sehen sogar ungemein beeindruckend aus, sei es der Wald im dritten oder das verschlafene Dörfchen beim Kloster im fünften Level.

Obwohl der Schwierigkeitsgrad an manchen Stellen ins Unmenschliche abdriftet, die KI grundsätzlich zu gewieft agiert und Frustmomente wegen schlecht platzierter Rücksetzpunkte unvermeidbar sind, blieb mein Wille, den Faschos das Lichtlein auszublasen, ungebrochen. Sniper Elite zehrt manchmal stark an den Nerven und kann sogar körperlichen Stress hervorrufen, aber das zeigt nur, wie stark das Spielprinzip zu fesseln weiß. Wer wild herumballern will, ist bei diesem Spiel an der falschen Adresse.

Der Spaß an Sniper Elite 4 steht und fällt allerdings mit der Spannungskurve, und die kommt in der Kampagne nur dann zum Tragen, wenn man alleine loszieht. Solo konnte ich mir nie erlauben, zu oft bemerkt zu werden, weil mich sonst eine Überzahl an Nazis über den Haufen geschossen hätte. Das war in meinen Koop-Runden ganz anders. Wir stürmten zu zweit ungebremst durch die Pampa, als hätten wir Ganzkörperkondome aus Kevlarstoff geschneidert. So vorbildlich die Implementierung eines Koop-Modus auch sein mag, ich hätte mir im Verbund eine weit größere Herausforderung und eventuell ein gewisses Handicap gewünscht, das uns bremst.

Überblick

Pro

  • offen angelegte Szenarien
  • lang andauernde Missionen
  • viele Lösungswege
  • abwechslungsreiche Aufgaben
  • Geduld wird belohnt
  • zum Teil schicke Grafik
  • brauchbare Gegner-KI

Contra

  • manchmal schlecht angelegte Rücksetzpunkte
  • durchwachsenes Voice Acting
  • zum Teil unglaubwürdige Spielregeln
  • schlecht gewählte Levelreihenfolge
  • manchmal sehr frustrierend, weil schwer

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