Special - Geiz ist kacke! : Warum Dumping-Preise Videospielen schaden

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    Videospieler in der Menopause: Wie lüsterne Hausfrauen vor ihrem Kleiderschrank lungern sie vor ihrer Steam-Bibliothek herum. Aus „Ich habe nichts anzuziehen“ wird in der heutigen Überflussgesellschaft „Ich habe nichts zu spielen“. Vom Angebot erschlagen und überrollt von der Masse bleibt vieles auf der Strecke – gute Spiele, Euphorie und Freude über Neueinkäufe. Aber Hauptsache, wir bekommen Toptitel zu Cent-Preisen hinterhergeschleudert wie das harte, trockene Brot vom Vormonat.

    (Anm. d. Red.: Auch wenn Olaf des Öfteren für Gameswelt freiberuflich auch Standardartikel, zum Beispiel Previews, schreibt, gilt für seine Kolumne das, worauf wir immer bei normalen Gastbeiträgen hinweisen: Die Meinung des Autors muss nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.)

    "Geiz ist geil" - Die Elektronikmarktkette Saturn warb beinahe zehn Jahre lang mit diesem Slogan. So prägnant, dass sich die Bedeutung irgendwie in unser Stammhirn hineinfraß. Neuanschaffungen müssen gut sein, aber vor allem billig. Denn Geiz ist geil. Wir alle nagen am Hungertuch und haben eigentlich nichts außer unseren Klamotten am Leib. Wir müssen sparen. Denn Geiz ist geil. Ein Spiel, an dem unzählige Entwickler über drei Jahre gearbeitet haben und das Millionen Dollar an Kosten verschlungen hat, gibt es für einen Euro im Steam-Sale. Der Mauszeiger klickt und schon landet es in der digitalen Bibliothek. Voll gut! Denn Geiz ist geil – auch wenn es um Videospiele geht.

    Früher war der Kauf eines neuen Spiels eine Herzensangelegenheit. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich stunden-, oft tagelang Magazine nach Informationen durchforstet habe. Beim Gang in den hiesigen Videospielladen oder dem Anruf beim Versandhandel klopfte mein Herz bis zum Hals. Das Öffnen der Verpackung erinnerte an einen fast religiösen Akt. Das Gefühl, die Disketten oder die CD in den Fingern zu halten, die Handbücher durchzublättern und den Geruch eines neuen Spiels einzusaugen - all das ist irgendwie nur verklärte Nostalgie.

    Heute blicke ich in den Schrank und sehe dutzende teils noch eingeschweißte Spiele. Der Klick in die Steam-Bibliothek offenbart noch Schlimmeres. Ein The Elder Scrolls V: Skyrim wartet dort. Das habe ich im Steam Holiday Sale 2013 für 3,74 Euro geschossen. Habe mir selbst vorgemacht, dass ich es „unterwegs“ gerne zocken würde. Dann verrotten dort noch unzählige Indie-Spiele, die ja so brillant sein sollen und es wahrscheinlich auch sind. Aber gespielt habe ich sie leider nie. Der „Pile of Shame“ stapelt sich mittlerweile höher als der Kölner Dom. Ich warte nur darauf, dass mich die Lawine erschlägt.

    Der Motzreflex

    Wir Spieler – und da nehme ich mich gar nicht aus – entwickelten über die letzten Jahre eine merkwürdige „Umsonstmentalität“. An Weihnachten wurde das PSN durch einen Hackerangriff lahmgelegt. Für viele jüngere Spieler war das Fest damit gelaufen. Doch im Zuge der allgemeinen Entrüstung sieht sich Sony dazu gezwungen, seine User mit Rabatten und Gratistagen für PSN+ zu besänftigen. Sony, Microsoft und Nintendo kuschen vorm Kunden aus Angst, ihn langfristig zu verlieren. Die Konsequenz daraus: Sobald ein Problem aufkommt, tritt die Community schneller einen Shitstorm los, als man „DDoS“ brüllen kann.

    Gleichzeitig steigt aber auch die Anzahl der Abo- und Umsonstangebote. PSN+ liefert uns monatlich mindestens ein großes Gratisspiel für die aktuelle Konsolengeneration, etwa inFAMOUS: First Light im Januar und Thief oder Transistor im Februar 2015. Xbox Live Games with Gold zieht aktuell mit Spielen wie Brothers: A Tale of Two Sons und Sniper V2 nach. Der Markt wird überflutet von Gratisspielen. Aber intensiviert das wirklich die Wertschätzung für ein Produkt oder ist es lediglich eine schöne Dreingabe?

    Der Kaufreflex

    Der König der Trödler ist aber zweifellos Valves Online-Verkaufsplattform Steam. Was hier vier- oder fünfmal im Jahr bei den sogenannten SALES abgeht, erinnert mich an einen ramschigen Ein-Euro-Shop. Rabatte von 50, 60 oder gar 70 Prozent sind keine Seltenheit. Gut für den Käufer, schlecht für die Industrie. Erhält ein Spiel beispielsweise zum Start nicht absolute Höchstwertungen, lese ich in den Kommentaren nur allzu oft: „Kaufe ich mir, sobald es irgendwo im Angebot ist.“ Bedeutet im Klartext: Kleinere Spiele oder Nischentitel werden schneller von der breiten Masse übergangen. Warum jetzt 40 Euro ausgeben, wenn ich dafür in drei Monaten nur noch die Hälfte oder weniger bezahlen muss?

    Videospiele mutieren bei diesen SALES zur Quengelware an der Kasse. Die Fragen „Brauche ich das Spiel überhaupt?“ oder noch schlimmer „Will ich es eigentlich?“ sind weggewischt. Es zählt nur noch der Preis. Die Qualität und natürlich auch die eigenen Vorlieben zählen nicht mehr. Hauptsache, billig. Hauptsache, schnell und einfach gekauft. Guillaume Rambourg von GOG.com brachte die Sache vor einigen Jahren auf den Punkt: Die Branche zieht sich dumme Kunden heran, die zu viel Geld ungeplant für ihre Spiele ausgeben.

    Ramschpreise von wenigen Euro stehen in keinem Verhältnis zu der Arbeit, die einst in das Videospiel gesteckt wurden, noch passen sie zu den vielen Stunden, die wir womöglich damit verbringen. Skyrim für 3,74 Euro ist ein Witz. Ebenso BioShock Infinite für 7,94 Euro oder Dishonored für 3,74 Euro. Die Bereitschaft, einen fairen Preis für ein Produkt zu bezahlen, zeugt stets auch von einer gewissen Wertschätzung für das Produkt selbst, aber auch für dessen Macher.

    Derart niedrige Preise zerstören die emotionale Bindung, die Spieler eigentlich zu ihren Spielen haben sollten. Stattdessen verkommen Skyrim, Dishonored und Konsorten zu Ramschware: schnell austauschbar und nahezu wertlos. Es ist kaum verwunderlich, dass 37 Prozent aller registrierten Steam-User Spiele in ihrer Bibliothek noch nie angerührt haben. Natürlich nicht! Bei Spontankäufen geht es um den kurzen Kick und nicht um die Befriedigung, sich mit einem Spiel auseinanderzusetzen.

    Wenig überraschend beenden die meisten Zocker gekaufte Spiele auch nicht. Der geringe Preis mag ein Faktor von vielen sein, etwa schwachem Storytelling, monotonen Missionen et cetera. Aber die mangelnde emotionale Bindung zu einem viel zu günstig gekauften Spiel ist auf keinen Fall zu unterschätzen. Dumping-Preise schaden der Industrie. Geiz ist vielleicht geil, wenn es um eine seelenlose Waschmaschine geht, aber garantiert nicht bei virtuellem Kulturgut wie BioShock, Skyrim und Dishonored!

    Zum Schluss die Frage an euch dort draußen: Schaut mal in euren Spieleschrank oder in die Steam-Bibliothek. Wie viele Spontankäufe findet ihr dort, die einzig und allein aufgrund des Preises und der Lust am Kaufen dort gelandet sind? Was habt ihr noch nie angerührt?

    Olaf ist freier Autor, leidenschaftlicher Zocker und gleichzeitig Baumeister des Pile of Shame. Weil er bislang noch nicht den Schatz im Silbersee gefunden hat, spielt er ziemlich viel und schreibt auch gerne darüber. Wer davon etwas mitbekommen möchte, der kann Olaf auf Twitter folgen!