Special - Flitzis Kolumne : Killing in the Game of ...

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    Ich bin weiblich, Mitte 20, und zocke seit 50 Stunden Fallout 4 auf einem 90-Zoll-Bildschirm, der alles viel realer wirken lässt. Ich bin bei Level 32, habe 1.000 Kreaturen, 200 Tiere und 800 Menschen getötet. Ich bin erschrocken über meine eigene Statistik und frage mich: Bin ich eigentlich aggressiver oder gewaltbereiter, wenn ich den sogenannten Raider-Abschaum mit einer Kronkorkenmine in Tausende von Teilen zerfetze? Es regt sich leider nichts in mir. Keine Emotion.

    (Anm. d. Red.: Wie immer bei Gastbeiträgen gilt: Die Meinung des Autors muss nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.)

    Nur meine Ungeduld voranzukommen macht sich bemerkbar, damit ich endlich erfahre, wie mein Protagonist, für den ich bereits intensive Sympathien hege, seinen entführten Sohn Shaun wiederfinden kann. Ich schlage mich durch das dreckige Ödland. Ob ich dabei Menschen oder menschenähnliche Kreaturen zur Strecke bringe, interessiert mich ehrlich gesagt nicht. Ich fühle mich wie in einem interaktiven Kinofilm und habe nicht das Bedürfnis, meinen ersten Amoklauf zu planen.

    Gewalthaltige Videospiele sind selbst im 21. Jahrhundert noch verpönt und gelten als abschreckend. Sofort denken wir an Ego-Shooter wie Counter-Strike oder Call of Duty, die nach wie vor im Sprachgebrauch des Laien als “Killerspiele“ bezeichnet werden. Dabei ist dieser Begriff ein Vorurteil gegenüber gewalthaltigen Games. Das Wort „Killer“ ist völlig aus dem Kontext herausgerissen und lenkt den Fokus nicht dahin, wo er meiner Meinung nach hingehört – nämlich auf die Story, wie in einem guten, na ja, oder auch trashigen Blockbuster.

    Shooter und Unterhaltungsspiele sind Selbstläufer und intuitiv: Aha, Steuerkreuz ist “Laufen“, L2 “Zielen“ und R2 “Schießen“. Bauen wir doch noch eine schöne Geschichte drum herum: Oh, ein Virus wurde über einen Geldschein übertragen. Fast alle Menschen sterben. Wir müssen überleben und die Welt retten. So das Szenario in Shootern wie Tom Clancy’s The Division.

    Aha, Steuerkreuz ist “Laufen“ und dabei sammle ich Münzen ein. A ist “Springen“. Mehr brauche ich nicht. Bauen wir doch noch eine schöne Geschichte drum herum: Oh, die Prinzessin wurde zum 100. Mal entführt. Reisen wir durch bunte Welten und retten sie, so wie in Super Mario.

    Moorhuhn-Killer

    Es geht gar nicht um die Gewalt, die uns scheinbar konfliktunfähig macht. Das sagt zumindest das Klischee. Es geht nicht nur um das Töten, das wir angeblich auf spielerische Art erlernen! Wer diese Thesen aufstellt, erinnert sich nicht mehr daran, wie er damals zum Killer wurde, als er Moorhühner aus der Luft geschossen hat. Es geht um den Spannungs- und Unterhaltungsgrad! Ich möchte versinken wie in einem guten Action-Film, wie in „James Bond“. Das Problem: Ich finde die meisten Szenen aus “Spectre“ total langweilig:

    “Hey, wir sind in einem Zug, der Killer ist auch gleich da. Ja, gleich müsste er kommen. Ach, da ist er ja! Eine obligatorische Kampfszene folgt und warum liegt in der Kabine eigentlich Stroh?! Schlafen wir doch miteinander!“ Häää?! Sorry, ich greife als Frau und Spielejournalistin gezwungenermaßen zu Action-Titeln und Shootern, aber irgendwie finde ich keine Freude daran. Das ist mir entweder zu einfach – Waffen, Fraktionen, Kriegsgebiete oder die, die eins werden, Bumm Bumm – oder zu surreal und lächerlich.

    Wenn 1.000 Gliedmaßen umherfliegen, die ich gerade im Rollenspiel Fallout 4 abgeschossen habe, und das Blut förmlich herausspritzt, wirkt das für mich übertrieben dargestellt und total realitätsfern. Automatisch rückt mein Fokus auf die tiefgründige Story, den Baumodus in meiner Siedlung sowie die liebevolle Beziehung zu meinem Begleiter. Oder ich befasse mich mit einer super kitschigen Story à la “Ich weiß was du letzten Sommer getan hast“ wie in dem Horror-Adventure Until Dawn mit Hayden Panettiere in der Hauptrolle und denke: “Okay, noch mehr Klischee geht nicht, das ist einfach nicht gruselig, sondern nur vorhersehbar.“

    Männer und Frauen

    Männer sehen das meiner Erfahrung nach anders: Sie mögen die Action, die stumpfe virtuelle Gewalt. Sie wollen, dass ihr taktisches Verständnis herausgefordert wird, und stehen nicht auf bunte Bonbons mit Regenbogenhintergrund wie in Candy Crush. Sie mögen das typische „300“-Szenario: “Hauen wir uns doch alle die Köppe ein!“ Warum, weiß aber keiner.

    Macht das Männer oder gar Frauen aggressiver? Beeinflussen gewalthaltige Spiele meine Streitkultur? Mein Konfliktlösungspotenzial im Alltag? Ich denke nicht, denn ein Brettspiel namens “Mensch ärgere dich nicht“ sehe ich auch nicht als potenzielles Terrorspiel, das in mir die Lust zum Töten auslöst. Es macht mich aber aggressiv, wenn ich verliere, obwohl ich mich doch nicht ärgern soll.

    Erziehungsauftrag

    Hier müssen wir einen Schnitt machen, denn die USK-18-Titel werden nicht nur von Erwachsenen gespielt, sondern auch von Kindern. Ich unterrichte in ganz NRW Kinder von der 1. bis zur 8. Klasse und frage sie regelmäßig, was sie spielen. Die Mädels sagen: Animal Crossing auf dem 3DS. Nintendo gilt ja ohnehin als Kult-Publisher für Kinderspiele und Videospielliebhaber der ersten Stunde. Doch die kleinen, minderjährigen Jungs antworten ständig Call of Duty und GTA.

    Eltern haben einen Erziehungsauftrag zu erfüllen. Sie legen ihre Verantwortung ab, wenn sie ihre Kinder einfach vor die Glotze setzen und sich nicht mit ihnen beschäftigen. Während der intensivsten Entwicklungsphase können Kinder mangels Erfahrungen die gesehenen Bilder nicht alleine verarbeiten. Welche Mutter oder welcher Vater lässt so etwas zu?

    1. Der Unwissende, der einfach kauft und nicht weiß, was.

    2. Die Beschäftigten, die mit ihrer Arbeit mehr Zeit verbringen als mit ihrem Kind.

    3. Die Schmerzfreien, denen es egal ist, ob ihr Kind Barbie: Die Rettung der Welpen oder Doom (das erste gewalthaltige 3-D-Spiel aus dem Jahr 1992) spielt.

    Nachdem nun klar ist, dass USK-18-Spiele nicht in Kinderhände gehören – und wenn, dann nur unter Aufsicht eines Erziehungsberechtigten – und dass Männer zum größten Teil auf Bumm, Bämm, Kopf ab stehen und Frauen eher auf bunt und fröhlich, mache ich weiter mit der Suche nach Shaun und zerlege Kreatur 1.001.

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    Über die Autorin

    Phylicia Whitney aka Flitzi ist die Frau, die viel Gedöns um Games, Digital und Social Media im Fernsehen macht. Dabei erledigt sie alles selbst, sie ist nämlich schon groß. Privat findet man sie etwa bei einem netten Klogang oder einem rohen Steak auf Facebook, Instagram oder YouTube.

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